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Um das Atomkraftwerk Fukushima gibt es auch zehn Jahre nach der Katastrophe große Sperrgebiete. Die kleine Siedlung Okuma ist inzwischen eine Geisterstadt. Philip FONG/AFP
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Um das Atomkraftwerk Fukushima gibt es auch zehn Jahre nach der Katastrophe große Sperrgebiete. Die kleine Siedlung Okuma ist inzwischen eine Geisterstadt. Philip FONG/AFP

Japan

Japanologin: „Fukushima war eine Zäsur“

  • Steffen Herrmann
    VonSteffen Herrmann
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Zehn Jahre nach der Dreifachkatastrophe von Fukushima spricht die Japanologin Barbara Holthus über Protestkultur und die Olympischen Spiele von Tokio.

Frau Holthus, vor zehn Jahren löste ein schweres Erdbeben in Japan einen Tsunami aus, dann kam es in mehreren Reaktoren des Atomkraftwerks Fukushima Daiichi zu einer Kernschmelze. Wie hat das Land diese Dreifachkatastrophe verkraftet?

Man muss unterscheiden zwischen Menschen, die betroffen waren oder es noch sind, und dem Rest des Landes. Die Wahrnehmung dieser beiden Gruppen ist sehr unterschiedlich und auch, wie die Erinnerung an die Katastrophe vor zehn Jahren gelebt wird. Die Menschen aus den betroffenen Gebieten sind sich der Probleme, die weiterhin existieren, sehr bewusst. Für andere ist die Sache weitestgehend gegessen.

Welche Probleme beschäftigen die Menschen bis heute?

Es leben immer noch rund 800 Menschen in Notunterkünften. Eine kleine Gruppe zwar, aber nach all der Zeit wirklich erschreckend. Außerdem gibt es immer noch Sperrzonen, Regionen, die nicht zu betreten sind, in die die Menschen nie wieder zurückkehren können. Und das Atomkraftwerk selbst ist noch nicht unter Kontrolle – es wird auch noch mindestens drei Jahrzehnte ein Problem darstellen. Der frühere Premierminister Shinzo Abe hat 2013 gesagt, man habe alles unter Kontrolle. Das war damals eine Lüge und ist es immer noch.

Wie wird darüber diskutiert?

Die Regierung arbeitet daran, das aus dem täglichen Diskurs herauszuhalten. Dabei hilft auch NHK, das japanische staatliche Massenmedium, das eher als Sprachrohr der Regierung fungiert und nicht als kritischer Berichterstatter.

Es wird also kaum über die Folgen der Katastrophe gesprochen?

Im öffentlichen und wissenschaftlichen Diskurs spricht man schon von einem Japan vor dem 11. März 2011 und dem „Japan danach“. Die Dreifachkatastrophe war eine Zäsur. Nach dem 11. März haben wir eine große Zahl von Demonstrationen im Land gesehen. Das war überraschend, weil es zuvor mehrere Jahrzehnte so gut wie keine großen Demonstrationen gegeben hatte. Aber plötzlich kochte es auf. Zehntausende demonstrierten vor der Residenz des japanischen Ministerpräsidenten.

Es war die Rede von der Wiedergeburt sozialer Bewegungen in Japan.

Ja. Zwar ging die Zahl der Protestierenden schon ein Jahr später, 2012, wieder stark zurück, aber auch zehn Jahre danach treffen sich die Leute freitagabends immer noch vor der Residenz des Premierministers. Allerdings ist es nur noch ein kleines Grüppchen, das keine Aufmerksamkeit in der japanischen Öffentlichkeit bekommt.

Also hat sich die Lage normalisiert?

Das kann man so oder so interpretieren. Die große Zahl der Menschen ist zwar von der Straße verschwunden, aber geblieben ist die Bereitschaft, auf die Straße zu gehen – auch für andere Themen. Am vergangenen Samstag war zum Beispiel wieder eine Demonstration gegen Olympia. Die Anti-Olympia-Bewegung richtet sich unter anderem gegen die Idee der sogenannten Recovery-Olympics: also dass das Problem Fukushima überwunden ist. Das ist natürlich eine absolute Augenwischerei, aber so wurden die Spiele beworben. Nach der Verlegung der Spiele um ein Jahr in den Sommer 2021 geht es inzwischen auch um die Überwindung der Corona-Pandemie. Ebenfalls eine Augenwischerei.

Die Olympischen Spiele als Neustart?

Ja, Japan will sich neu erfinden, sich als „Cool Japan“ der Welt gegenüber präsentieren, und da passt das „Problem Fukushima“ nicht hinein.

Kann man eine Linie ziehen von den Protesten nach Fukushima zu den Demonstrationen gegen die Olympischen Spiele?

Na ja, gegen Olympia demonstrieren meist ältere Menschen, die sich in ihrem Leben oft lange sozial engagiert haben. Es ist eine bunte Gruppe. Viele sind schon seit den Studentenprotesten in den 1960er Jahren aktiv, ihre Netzwerke waren lange aber verdeckt. Der Protest gegen die Spiele hat sie sichtbar gemacht. Diese Menschen haben viele Kritikpunkte zu Olympia: Korruption oder die Vertreibung von Obdachlosen, wo Spielstätten gebaut wurden. Die Kritik am Umgang mit der Dreifachkatastrophe von Fukushima ist auch ein wichtiger Teil der Proteste gegen Olympia. Und es ist wirklich eine kleine Gruppe: Am vergangenen Samstag waren es nur rund 70 Menschen – und das, obwohl angeblich 80 Prozent der Bevölkerung nicht mehr hinter den Olympischen Spielen stehen.

Warum gehen so wenige auf die Straße?

Das hat gesellschaftliche Gründe. Politische Bildung existiert in Japan praktisch nicht. Obwohl das Wahlalter heruntergesetzt wurde, gehen junge Menschen kaum zu Wahlen und sind desinteressiert und desillusioniert. Das japanische Schulsystem animiert auch nicht zum kritischen Denken. Es wird gegessen, was einem vorgesetzt wird. Außerdem stehen vor allem junge Menschen unter einem großen wirtschaftlichen Druck. Hinzu kommt, dass offene Konflikte in der japanischen Gesellschaft tendenziell vermieden werden.

Hat Fukushima daran etwas geändert?

Ich begleite seit zehn Jahren eine landesweit aktive soziale Bewegung, die sich um das Wohl der Kinder kümmert. Die Gruppe hat sich kurz nach der Katastrophe von Fukushima gebildet, weil sie ihre Kinder vor Radioaktivität schützen wollte. Die Mitglieder, vor allem Mütter, haben sich zuerst über Radioaktivität informiert und dann begonnen, Petitionen bei ihren Stadtteilrathäusern abzugeben, haben versucht, Beziehungen mit Lokalpolitikern aufzubauen, um sie auf ihre Seite zu ziehen. Es ging bei der Gruppe hier in Tokio zum Beispiel darum zu erfahren, woher das japanische Schulessen kommt. Das war sehr interessant: Auf der einen Seite standen die Mütter, auf der anderen die Lokalpolitiker, alles Männer.

Ein Akt der Selbstermächtigung?

Ja, das Vertrauen in die Regierung hat sehr, sehr stark nachgelassen. Nicht bei allen, aber doch bei einigen. Das staatliche Fernsehen Japans hat erst zwei Monate nach der Katastrophe berichtet, dass es Kernschmelzen gab. Die Menschen in Deutschland wussten es schon drei Tage nach dem Ereignis. Darüber waren diese Frauen sehr sauer. Das war der Zeitpunkt, an dem sich viele Frauen erstmalig einen Twitter-Account angelegt und sich bei Facebook angemeldet haben. Die Gruppe hat sich eine Homepage erstellt. Es war der Zeitpunkt, an dem sie gesagt haben: Wir vertrauen der Regierung nicht mehr; wir vertrauen nur noch dem, was wir über die sozialen Medien erfahren – schnell und zuverlässig.

Also war der 3. März 2011 auch eine Zäsur im Medienverhalten.

Der Medienkonsum hat sich in der Tat sehr stark verändert. Eine ganze Generation, die 2011 noch wenig mit sozialen Medien zu tun hatte, hat sehr schnell umgesattelt. Und das ist bis heute geblieben.

Sind diese Frauen noch aktiv?

Ihnen war recht schnell klar, dass sie die Folgen von Fukushima noch Jahrzehnte beschäftigen werden. Deshalb sind sie auch nicht auf extremen Konfrontationskurs mit ihren Lokalpolitikern gegangen. Und sie wussten natürlich, dass viele andere Eltern den Kurs der Regierung unterstützen. Deren Kritik war: Ihr seid laut, ihr stört. Und das will man nicht, in Japan will man nicht auffallen.

Aber aus Sorge um die Kinder haben sie Konflikte in Kauf genommen?

Das war sehr beeindruckend, ja. Die Angst um die Gesundheit ihrer Kinder hat Menschen mobilisiert, die bis dahin nie etwas mit sozialen Bewegungen zu tun hatten. Und solche kleine Gruppen gab es nach Fukushima in ganz Japan. Dieses Netzwerk existiert bis heute.

Den Ausstieg aus der Kernenergie konnten diese Gruppen aber nicht bewirken. Obwohl die Mehrheit der Bevölkerung Atomkraftwerke ablehnt.

Tepco, der inzwischen verstaatlichte Betreiber von Fukushima, will sogar ein neues Kernkraftwerk bauen. Aber noch schlimmer ist, dass man die vergangenen zehn Jahre hat verstreichen lassen: Es wird ein neues, größeres Erdbeben in Japan geben – das ist nur eine Frage der Zeit. Aber noch immer gibt es keine Evakuierungspläne für den Großraum Tokio mit seinen 30 Millionen Einwohnern, in anderen Regionen fehlen Katastrophenbeauftragte. Da hat die Regierung vieles versäumt.

Interview: Steffen Herrmann

Barbara Holthus ist Stellvertretende Direktorin des Deutschen Instituts für Japanstudien Tokyo. Die Soziologin und Japanologin forscht unter anderem zu sozialen Bewegungen nach der Katastrophe von Fukushima.

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