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James Lovelock: „Wir müssen uns selbst retten“

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Von: Michael Hesse

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Beim Klimawandel muss die Menschheit so energisch sein, wie bei der Reduktion von FCKWs.
Beim Klimawandel muss die Menschheit so energisch sein, wie bei der Reduktion von FCKWs. © Imago

Was der Erfinder und Forscher James Lovelock über Cyborgs und den Klimawandel dachte.

Die Ozonschicht ist auf einem guten Weg, sich bis 2066 zu erholen. Die Erholung hat mit der Reduktion von Fluorchlorkohlenwasserstoffen (FCKW) zu tun. Und das wiederum hängt mit einem merkwürdig klingenden Gerät zusammen: Elektroneneinfangdetektor. Das Messgerät hatte der Brite James Lovelock in den 1950er Jahren entwickelt. Damit wollte er chlorhaltige Umweltgifte aufspüren. Auf einer Schiffsexpedition im Südatlantik entdeckte er mithilfe seines Elektroneneinfangdetektors die besagten FCKWs und stellte fest, dass sie sich über Jahrzehnte stabil in der Atmosphäre hielten. Sein Bericht im renommierten Wissenschaftsmagazin „Nature“ führte maßgeblich zur Reduktion der FCKWs, die vor allem in Spraydosen verwendet worden waren, aber auch in Kühlschränken.

Lovelock hatte sich dem Schutz der Umwelt, besser gesagt, der Erde verschrieben. Er starb im Sommer des vergangenen Jahres im hochbetagten Alter von 102 Jahren. Das zuletzt von dem Erfinder und Wissenschaftler publizierte Buch trägt den Titel „Novozän“ (C.H. Beck). Er gilt als der Begründer der sogenannten Gaia-Theorie, nach der die Welt ein eigenständiger Organismus ist.

Die Wissenschaftler, die kürzlich die Studie über die Ozonschicht veröffentlichten, wiesen darauf hin, dass es einige sich verstärkende Effekte gebe, wodurch sich das Ozonloch schließe. Aber auch der Mensch müsse den Ausstoß der Treibhausgase minimieren. Dass die Welt als ein Organismus auf Veränderungen reagiert, davon war Lovelock überzeugt. Mehr als einmal berichtete er, wie massiv er für seine Theorie kritisiert worden sei. Das habe ihn schon getroffen.

Vor seinem Tod hatte Lovelock der FR noch ein schriftlich geführtes Interview gegeben. Ein Thema war dabei die globale Erwärmung und die Frage, ob die Menschheit diesen Prozess überhaupt noch aufhalten könne. „Die globale Erwärmung schreitet ja nur deshalb so voran, weil wir darin gescheitert sind, die Verbrennung fossiler Energieträger zu stoppen“, antwortete der britische Forscher. „Nukleare Energie ist deutlich weniger gefährlich, als Kohlenstoff basierte Treibstoffe zu verbrennen. Wir müssen so schnell wie möglich mit Letzterem aufhören“, lautete sein Appell. Und dass Deutschland aus der Atomenergie ausgestiegen sei, „ist eindeutig ein Fehler gewesen“. Vorausgesetzt, dass wir Menschen die nötige Sensibilität entwickeln, sei es noch nicht zu spät, etwas gegen den Klimawandel zu unternehmen. Wenn wir die richtigen Maßnahmen ergreifen, werde der Planet in 30 Jahren noch genauso aussehen wie heute, glaubte er.

Lovelock berichtete, dass ihn der Vorgang um die FCKWs ermutige, was die Perspektive des Klimawandels betreffe. „Ich habe damals den ECD entwickelt, der die FCKWs in der Atmosphäre aufspüren konnte. Dies ist ein nukleares Gerät. Man muss nun genauso energisch wie im Fall der FCKWs sein, um die Verbrennungsenergie zu ersetzen.“

In seinem Buch „Novozän“ hatte er geschrieben, dass möglicherweise eine Künstliche Intelligenz erst den Menschen vor der globalen Erwärmung schützen wird. Wie wahrscheinlich es ist, dass eine KI auftritt, wird unterschiedlich bewertet. Aber würde eine KI tatsächlich den Planeten bewahren helfen? „Wenn wir annehmen, dass die KI intelligenter als unsere Spezies ist, gibt es starke Gründe, dass sie die Verbrennung fossiler Energieträger sofort stoppen würde“, erklärte Lovelock kategorisch. Aber würde sie den Planeten also retten können? „Für mich ist die Künstliche Intelligenz (KI) nicht mehr als eine Idee, die sich in der Entwicklung befindet. Wir werden mit dem Wenigen, das wir haben, auskommen müssen. Wir können uns nur selbst retten“, gab er der Menschheit mit auf den Weg. „Wir sollten jedoch aufhören, über Cyborgs als prinzipielle Vertreter der KI nachzudenken. In gewisser Weise ist jeder Prozess, der nach gaianischen Prinzipien funktioniert und nicht spontan entstanden ist, ein Fall von Künstlicher Intelligenz. Nur um Ihnen ein Beispiel zu geben, sind Nahrungspflanzen, die zur Synthese eines dringend benötigten Vitamins hergestellt werden, eine Form der KI.“

Die Erfindungen von James Lovelock befinden sich unter anderem auf dem Mars. Einige Menschen glauben, dass die Menschheit sich aufmachen müsse, um den Mars zu besiedeln, denn auf der Erde gebe es keine Zukunft mehr. Was er davon hielt? „Der Mars ist kein bewohnbarer Planet, ebenso wenig wie andere Planeten des Sonnensystems. Es ist scheußlich dort oben, man kann die Luft nicht atmen. Und die Erde ist nur bewohnbar, weil sie vom Gaia-System reguliert wird.“ Und er sagte weiter: „Sie müssen wissen, die bedeutendste Nachricht aus dem Universum ist das völlige Fehlen von Leben. Das findet sich nur auf der Erde. Umso wichtiger ist es, dass wir uns darum kümmern.“ Es sei auch nicht ein Problem unseres Geistes, die Herausforderung des Klimawandels meistern zu können.

Die Dinge sind nicht komplexer als wir annehmen, meinte er. „Wenn wir annehmen würden, dass der Kosmos unseren Geist in seiner Komplexität überfordern würde, würden die Menschen das schnell als Ausrede für unser Handeln auf der Erde heranziehen.“ Und von jenen Menschen, die zur Ausrede greifen, gibt es ja ohnedies genug. Lovelock fand nicht viel Sinn darin, mit ihnen zu diskutieren. „Normalerweise verschwende ich mit so etwas keine Zeit. Es wäre ja so, als würde man versuchen, einen Kriminellen davon zu überzeugen, dass Ehrlichkeit zum Glück führt.“

James Lovelock hatte eine eigene Vorstellung davon, wie wir Erkenntnisse und Einsichten am besten befördern. So forderte er in seinen Büchern dazu auf, sich mehr auf die Intuition als auf Logik zu verlassen. „Ein Großteil meines Denkens war jedenfalls intuitiv. Vielleicht war es auch ein anderer geistiger Prozess. Ich bin jedoch sicher, dass meine Erfindungen wie etwa Detektoren zur Entdeckung von Fluorchlorkohlenwasserstoff in der Atmosphäre, nicht durch eine gewöhnlich als logisch angesehene Wissenschaft erfolgten. Ich erinnere mich, dass mein Verstand bei der Lösung eines Problems sofort von dem einen Teilgebiet, das war die Biochemie, zum anderen sprang, der Physik. Daraus resultierte dann die Entwicklung des Detektors für das FCKW, das anschließend, wie Sie wissen, ja verboten wurde. Auch Gaia ist ein Konzept, das sich intuitiv ergibt.“ Manchmal werden bei Entdeckungen auch glückliche Umstände geschätzt, mehr als intuitive Entdeckungen.

Auf Intuition fußte seine Meinung, dass wir im Kosmos allein sind. „Das relativ kurze Zeitintervall vom Urknall bis zur Gegenwart reicht für die Evolution nicht aus, um die Frage von Enrico Fermi: ‚Wo sind die alle?‘ in Bezug auf Aliens zu beantworten.“

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