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1872: Victoria Woodhull bewirbt sich um die US-Präsidentschaft.
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1872: Victoria Woodhull bewirbt sich um die US-Präsidentschaft.

Ausblick 2022

Jahrestage 2022: Der Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit

  • Arno Widmann
    VonArno Widmann
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Welche Gedenktage stehen uns 2022 bevor? Arno Widmann wirft einen Blick auf die Vergangenheiten, mit denen wir nächstes Jahr zu rechnen haben.

Die meisten, die ich kenne, machen sich lustig über Gedenktage. Längst überholte Personen und Themen werden ausgegraben, zurechtgeschminkt und uns als hochaktuell verkauft. Ich aber mag Gedenktage. Sie verändern den Blick auf die Gegenwart, die daraufhin an Gewicht verliert, an Standfestigkeit. Sonst hat sie immer die Oberhand. Ihr kann man sich nicht entziehen.

„Der Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit“ ist der Titel eines Films von Alexander Kluge aus dem Jahre 1985. Die Wendung leuchtet vor plötzlicher Evidenz. Das Problem meiner Vorausschau auf die Rückblicke des kommenden Jahres wird sein, dass es ein Rückblick von heute ist, dass ich mir aussuche, was ich lustig, erhellend oder verstörend finden werde. Die Vergangenheit wird nicht mich anspringen, sondern ich springe sie an. Also doch wieder ein Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit.

Als ich in der Bundesrepublik in den 50er und 60er Jahren aufwuchs, wurde mir in der Schule beigebracht, dass Minderheiten unterdrückt werden. Das war die Lektion, die die Judenvernichtung meinen Lehrern erteilt hatte. Wir wurden dazu erzogen, die Rechte der Minderheiten zu achten. Dann lernte ich in marxistischen Schulungen, dass das zwar auch vorkommt, dass aber in Wahrheit die breite Mehrheit der Bevölkerung von einer winzigen Minderheit ausgebeutet und unterdrückt wird – oft, ja in der Regel, ohne sich darüber im Klaren zu sein. Man nennt das, lernte ich, „Kapitalismus“ und „mangelndes Klassenbewusstsein“.

Weniger als eine Handvoll Jahre später kam die Frauenbewegung, und wir Männer mussten erkennen, dass wir gleichzeitig auch noch in einem anderen System lebten, dem „Patriarchat“, das uns völlig unverdienter Weise mit Privilegien versorgte, die wir für selbstverständlich nahmen. Dieser Frauenbewegung haben wir es zu verdanken, dass wir uns 2022 an sehr unterschiedliche Frauen und an sehr ähnliche Formen ihrer Verdrängung und Beseitigung erinnern werden.

Im Jahre 1022 gibt es in Pavia ein Konzil, auf dem Papst Benedikt VIII. gemeinsam mit Kaiser Heinrich II. anordnet, dass Geistliche künftig nicht mehr heiraten dürfen. Verstöße gegen den Zölibat werden mit Kirchenstrafen belegt, und bereits verheirateten Geistlichen sollen Amt und Besitz entzogen werden. Die besondere Gottesnähe der Priester verbietet ihnen, nachdem sie ihn 1000 christliche Jahre lang haben durften, den Verkehr mit Frauen. Daran hält die katholische Kirche weiter fest. Die Erinnerung an die Vergangenheit bringt die Gegenwart ins Taumeln. Mit einem Male spürt man den Angriff der Vergangenheit auf die Gegenwart.

Im März 1572 wird in Neustadt Annecke Lange verbrannt. Sie ist eine von Tausenden Frauen, die damals als Hexen auf die Scheiterhaufen gebracht werden. Die Hexenverbrennungen sind keine Untaten des Mittelalters. Sie läuten die Neuzeit ein. Konfessionsübergreifend.

Am 11. März 1672 führt Jean-Baptiste Poquelin, alias Molière (geboren am 15. Januar 1622 (!), gestorben 1673) das erste Mal seine Attacke gegen „Die gelehrten Frauen“ auf.

1672: Molière führt erstmals seine Attacke gegen „Die gelehrten Frauen“ auf. Hier eine Inszenierung in Lyon.

Im Juni des Jahres 1672 feiert eine Aufführung des Stücks „The Parson’s Wedding“ von Thomas Killigrew Triumphe. In ihm werden alle Rollen von Frauen gespielt. Möglich geworden ist das durch die Zulassung von Frauen auf den Bühnen in der Zeit der Restauration. 1939 dreht George Cukor den Film „Die Frauen“. 130 Minuten lang tritt nicht ein einziger Mann auf. Die 135 Frauen spielen ausnahmslos Frauen. Das Drehbuch stammt von Anita Loos. Der Film war damals eine Sensation und ist es bis heute. Ich schweife ab. Aber wer wird an die Stücke, an die Inszenierungen erinnern, die schon 1672 ohne Männer auskommen?

1722 betont die 22-jährige Giuseppa Eleonora Barbapiccola im Vorwort ihrer Übersetzung von Descartes’ „Prinzipien der Philosophie“ von 1644, wie wichtig es ist, dass auch Frauen Zugang zur Bildung haben – also genau das, worüber Molière sich 100 Jahre zuvor lustig gemacht hat – und entfacht damit in Neapel und weit darüber hinaus einen Skandal. Aber – wie wir alle wissen – leider keine Bildungsrevolution. In Deutschland wird es die Revolution von 1918 brauchen, um Frauen zu den Universitäten zuzulassen.

Am 10. Mai 1872 bewirbt sich die Frauenrechtlerin Victoria Woodhull um das Amt des US-Präsidenten. Frauen haben kein Recht zu wählen, geschweige denn gewählt zu werden. Die Kampagne sorgt dafür, dass überall über dieses Unrecht gestritten wird. Für ihre Gegner ist Victoria Woodhull – wir befinden uns in den christlichen USA – „Mrs Satan“.

Im September 1997 wird die Fernsehausstrahlung der Beisetzungszeremonie für Diana, Princess of Wales, mit 2,5 Milliarden Zuschauern das bis dahin weltweit größte Medienereignis. Zum Verständnis dessen, was damals geschieht, hilft sicher die Lektüre von Elisabeth Bronfens 1994 erstmals erschienenem Buch „Nur über ihre Leiche: Tod, Weiblichkeit und Ästhetik“.

1997: Die TV-Ausstrahlung der Beisetzungszeremonie für Diana wird zum bis dahin weltweit größten Medienereignis.

Am 26. Juni 1997, ein paar Monate zuvor, hat Joanne K. Rowling „Harry Potter und der Stein der Weisen“ veröffentlicht. In einer Auflage von 500 Exemplaren. Von der inzwischen siebenbändigen Harry-Potter-Reihe hat die Autorin in mehr als 80 Sprachen mehr als 500 Millionen Exemplare verkauft. Noch ein Weltrekord. Joanne K. Rowling ist wahrscheinlich die erfolgreichste Schriftstellerin der Weltgeschichte.

Am 9. Dezember 1872 – wir erinnern uns an Victoria Woodhull – wird Pinckney Benton Stewart Pinchback Gouverneur des US-Bundesstaates Louisiana. Er ist der erste afroamerikanische Gouverneur der US-Geschichte. Für alle deutschen Bundesstaaten tritt 1872 dasselbe Strafgesetzbuch (BGB) in Kraft. Richard Wagner legt den Grundstein für sein Festspielhaus in Bayreuth, der Amerikaner John G. Taylor erhält das erste Patent für eine Achterbahn. Claude Monet malt „Impression, soleil levant“ und erfindet den Impressionismus. Am 11. März des Jahres beginnt vor dem Schwurgericht in Leipzig der Hochverratsprozess gegen die Sozialdemokraten August Bebel und Wilhelm Liebknecht, die es gewagt haben, eine Reichstagsdebatte, die 1870 dazu angesetzt worden ist, Geld für den Deutsch-Französischen Krieg zu bewilligen, dazu zu nutzen, Friedensvorschläge vorzulegen.

Im Oktober 1922, auch daran wird man 2022 in ganz Europa sich erinnern müssen, findet der „Marsch auf Rom“ statt, mit dem Mussolini den Faschismus an die Macht bringt. Es ist eine Farce, eine Propagandaaktion mehr als eine Tat. Aber die PR hat ihre eigene Magie, und manchmal wird sie zu einer Gewalt. Das ist hier der Fall.

1922: Benito Mussolinis „Marsch auf Rom“ bringt den Faschismus in Italien an die Macht, folgenreich für ganz Europa.

Am 30. Dezember 1922, nur ein paar Wochen später, wird die Sowjetunion gegründet. Auch eine Propagandaaktion. Das russische Imperium soll abgelöst werden durch den freiwilligen Zusammenschluss von Sowjetrepubliken. Wie freiwillig dieser Zusammenschluss ist, wie freiwillig sie zu Sowjetrepubliken geworden sind, darüber gehen die Meinungen sehr auseinander. Dieses angebliche Staatenbündnis wird von Moskau aus zentraler und mörderischer regiert, als jemals das Zarenreich regiert worden ist. Ein Nachteil der Gedenktage ist auch, dass jeder für sich steht. Man sieht das sehr gut, wenn man ein wenig länger auf Faschismus und Kommunismus blickt. Die Ähnlichkeiten springen in die Augen. Das 20. Jahrhundert dreht sich um das Verhältnis von Führer und Masse. Und um dessen Demonstration. Die Vernichtung der politischen Gegner, also derer, die sich weigern, Masse zu sein, gehört zu den zentralen Aufgaben der Machtausübung. Das Problem bleibt immer wieder aktuell. Überall auf der Welt.

1922: „Ulysses“ kommt als Buch heraus. Hier Autor James Joyce mit Verlegerin Sylvia Beach.

1922 jährt sich auch der Vertrag von Rapallo, der Sowjetrussland und Deutschland zusammenbringt. Im kommenden Jahr wird viel an ihn erinnert werden. 1922 kommt auch der „Ulysses“ von James Joyce das erste Mal als Buch heraus. Und der Goldmann Verlag wird gegründet. Sein Erfolgsgeheimnis heißt Edgar Wallace. Das Grab des Tutanchamun wird entdeckt, Walter Rathenau wird ermordet. Die Alliierten treffen die Mandatsvereinbarung zur Errichtung einer „nationalen Heimstätte des jüdischen Volkes in Palästina“.

Vor 50 Jahren erhält zum ersten Mal in der Geschichte der BRD ein Sozialdemokrat – Willy Brandt – die Mehrheit der Wählerstimmen. Es ist übrigens die höchste Wahlbeteiligung, die es jemals bei Bundestagswahlen gab. Heinrich Böll bekommt den Literaturnobelpreis, im selben Jahr findet auch die erste „Konferenz der Vereinten Nationen über die Umwelt des Menschen“ statt. Inzwischen haben wir das „des Menschen“ abgelegt. Reden aber immer noch von „Umwelt“, statt richtiger von „Welt“.

1972: Erstmals erhält die SPD bei Bundestagswahlen die Mehrheit. Ein Triumph für Kanzler Willy Brandt (r., mit Georges Pompidou).

Sprechen wir von Frankfurt. Da ist die Frankfurter Sparkasse, die den Jahrestag schon in ihrem Namen trägt. Aber blicken wir 1000 Jahre weiter zurück: 822 war der letzte Auftritt einer Gesandtschaft des Steppenvolkes der Awaren in Frankfurt am Main. Im selben Jahr 822 erhält die Königspfalz Frankfurt erste Befestigungsanlagen. Danach weicht die Globalgeschichte erstmal wieder für ein paar Jahrhunderte zurück. Mit der Weite des Horizonts der Awaren verglichen ist selbst der Dreißigjährige Krieg eine regionale Begebenheit. Die Schlacht bei Höchst wird am 20. Juni 1622 ausgefochten. Katholische Truppen unter Tilly besiegen die Protestanten, von denen viele in den Main getrieben werden und dort ertrinken. Am 19. Mai 1872 nimmt die von der Frankfurter Trambahn-Gesellschaft errichtete Pferdestraßenbahn ihren Betrieb auf.

Auf keinen Fall dürfen wir die Tiere vergessen: Im März 1722 erscheint von Daniel Defoe „A Journal of the Plague Year“, seine eindrückliche Schilderung der Londoner Pest des Jahres 1665. Die Fiktion eines Augenzeugenberichtes. Am 28. Dezember 1997 greift in Hongkong die Vogelgrippe H5N1 um sich. 1,5 Millionen Hühner werden getötet.

Zuletzt sei auch noch ein Blick in die Zukunft empfohlen. Aus der Vergangenheit natürlich. 1934 veröffentlicht Hans Dominik seinen Roman zum Thema Mondtourismus: Ein Freiflug im Jahr 2222.

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