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„Ich finde meine hybride Identität gut, ich sage gern, dass ich kroatisch-deutsch bin“, sagt Jagoda Marinic.
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„Ich finde meine hybride Identität gut, ich sage gern, dass ich kroatisch-deutsch bin“, sagt Jagoda Marinic.

Gesellschaftliche Debatten

Deutschland und die Einwanderung: „Inschallah ist heute ein deutsches Wort“

  • VonCornelia Geißler
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Die Schriftstellerin Jagoda Marinic ist Feministin, aber sie mag nicht gendern. Sie findet Twitter-Debatten hysterisch, aber viele Tweets gefallen ihr.

Frau Marinic, Meinungsfreiheit ist ein verbrieftes Recht in Deutschland, doch scheint sie derzeit hart umkämpft zu sein. Warum?

Genau dieser vielleicht nur gefühlte Widerspruch war ein Grund, mich für das Projekt zu entscheiden. Ich habe dasselbe zuvor am Heimatbegriff erlebt. Der war auf einmal in aller Munde, weil man aufpassen sollte, ihn nicht den Rechten zu überlassen. Beim Freiheitsbegriff scheint es mir ähnlich. Wir müssen über Freiheit sprechen. Gibt es Bereiche, in denen Menschen tatsächlich glauben, dass sie nicht alles sagen dürfen? Wie steht es um das innere Gefühl von Freiheit?

Sie wollen den Graubereich beleuchten?

Ich möchte weg von diesem Lagerverhalten, wie es auf Twitter üblich ist: #TeamSoundso. Sofort Partei ergreifen. Mittlerweile haben das auch die Zeitungen etabliert: ein Thema, zwei Meinungen. Zu den meisten Dingen gibt es aber weit mehr als zwei Meinungen. Auf Twitter spielen Nuancen keine Rolle. Da lauern die absichtlichen Missverständnisse. Mit dem Podcast „Freiheit deluxe“ möchte ich die Themen unterhaltsam vertiefen, statt zweiteilen. Denn wir brauchen eine Öffentlichkeit, in der es möglich ist, zu sagen, wir teilen nicht dieselbe Meinung, sind aber Teil derselben Gesellschaft.

Ist Twitter nicht auch ein Informationsmedium, in dem Themen oder Positionen verbreitet werden, die sonst untergehen?

Sicher. Doch Twitter ist nutzermäßig das kleinste Medium. Da ist ein ganz bestimmter sozioökonomischer Typus unterwegs: viele Medienschaffende, viele Kreative, sie sind mitnichten repräsentativ.

Jagoda Marinic über Twitter: Einflussreiche Stimmen provozieren oft gezielt

Die Basis ist eine bestimmte Followerschaft. Die beeindruckt auch die klassischen Medien, weil sie wie eine Bewegung scheint.

Dabei übersehen Sie vielleicht, dass auf Twitter einflussreiche Stimmen oft gezielt provozieren. Da heißt es zum Beispiel einfach, Deutschland sehe sich immer noch nicht als Einwanderungsland. Doch schon 2015 hat Thomas de Maizière als Bundesinnenminister genau das gesagt, das Zuwanderungsrecht wurde modernisiert, das Blutrecht ist längst abgeschafft, Twitter-Aktivisten ignorieren das gerne, zu komplex für so wenig Platz. Aber ich liebe Twitter auch.

Zur Person:

Jagoda Marinic, die 1977 als Tochter einer kroatischen Einwandererfamilie im schwäbischen Waiblingen geboren wurde, hat Politikwissenschaft, Germanistik und Anglistik studiert, schreibt Erzählungen, Theaterstücke, Essays und Romane. Zuletzt erschien „Sheroes. Neue Held*innen braucht das Land“. Sie leitet das Interkulturelle Zentrum Heidelberg.

„Freiheit deluxe“ heißt der Podcast, bei dem Marinic in der luxuriösen Länge von einer Stunde mit ausgesuchten Gästen über Aspekte des Freiheitsbegriffs spricht. Produziert vom Hessischen Rundfunk, ist er auf dessen
Website abrufbar und bei allen anderen Podcast-Anbietern. Der Podcast wurde zur „Woche der Meinungsfreiheit“ Anfang Mai gestartet, seither war Marinic im Gespräch u.a. mit Heribert Prantl, Mithu Sanyal und zuletzt Siri Hustvedt.

Oh, Sie vereinen das Pro und Contra in sich!

Es ist eben auch lustig und interessant und erhellend – je nach Tweet und Absender. Wir bräuchten alle mehr Kompetenz, das zu filtern. Selbst diejenigen, die auf Twitter für Minderheiten sprechen, vertreten vermutlich nicht die Mehrheit der Meinungen dieser Minderheiten. Es ist ein bequemer Irrglaube von Zeitungen und Radiosendern, dass man mit einer wütenden Minderheitenmeinung auf Twitter die Meinung der Minderheiten wiedergegeben hätte. Die sind schwerer zu finden. Ich denke zum Beispiel, die meisten Menschen mit Migrationsgeschichte würden sich nicht von dem repräsentiert fühlen, was da als der Diskurs der Einwanderungsgesellschaft gilt.

Apropos Einwanderungsgesellschaft: In Ihrer Podcast-Folge mit Mithu Sanyal sagt sie den Satz: Wir sind die, die immer gefragt werden, wo wir herkommen. In den Neunzigerjahren hat es mich auch genervt, beantworten zu müssen, ob ich aus Ost- oder West-Berlin komme. Doch spricht in der Regel einfach ein Interesse am Gegenüber aus der Frage. Warum wird sie als ausgrenzend abqualifiziert? Ist nicht Vielfalt ein Ziel?

Das Schlimme an der Frage ist das Bedürfnis nach einer einfachen Antwort. Und die soll das andere markieren. Wenn Mithu Sanyal sagt, sie komme aus Düsseldorf, befriedigt es die Fragenden ja nicht. Es schwingt also mit, dass es gute oder schlechte Antworten gibt. Ich finde meine hybride Identität gut, ich sage gern, dass ich kroatisch-deutsch bin, weil es die Geschichte meiner Familie mit hineinnimmt. Manche wollen es aber nicht. Sie wollen es vor allem nicht, wenn sie sich über Generationen zurück definieren sollen, mit dem Herkunftsland von Großeltern, zu denen sie vielleicht gar keine Beziehung haben.

Jagoda Marinic: „Inschallah ist heute ein deutsches Wort“

Also haben wir es mit einem Dilemma zu tun.

Genau. Wenn ich einerseits möchte, dass eingewanderte Kulturen eine gewisse Veränderung bewirken, stecke ich in einem Dilemma, wenn ich andererseits eine Sichtbarkeit nicht zulasse. Mit vorauseilender Selbstassimilierung lösche ich auch Einwanderungsgeschichte aus. Ich habe mal provokativ gesagt: Inschallah ist heute ein deutsches Wort, so wie Portemonnaie. Der Satz „Ich bin von hier“ sollte die Einwanderungsgeschichte nicht verneinen, er muss heute enthalten, dass sich das „von hier“ diversifiziert hat. Die Hugenotten, die aus Frankreich kamen, haben doch auch die Gesellschaft bis in die Sprache hinein verändert.

Ist Deutschland da einfach rückständig?

Im Diskurs sicher, aber gar nicht so rückständig in der Realität. Als man 2005 etwas gegen den Fachkräftemangel tun wollte, gestaltete die Regierung die neuen Zuwanderungsgesetze – das Wort „Einwanderung“ wurde bewusst vermieden – innerhalb von zehn Jahren so, dass Deutschland sich international unter die Top-5-Länder in diesem Bereich entwickelte. Arbeitsmigration und Einwanderung sind inzwischen gesetzlich gut strukturiert, die deutsche Ratlosigkeit kam leider 2015 wieder: Keine Antworten auf das Sterben im Mittelmeer, zu wenig Partizipation in den Kommunen und Teilhabe etwa in den Verwaltungen. Über 10 Millionen Menschen, die in Deutschland leben, haben kein Wahlrecht. Außerdem haben wir ein Problem mit der medialen Aufmerksamkeit.

Wir sollten mehr über Zuwanderung berichten?

Ja, über das, was Düzen Tekkal den „German Dream“ nennt. Wie viele Menschen aus früheren Gastarbeiter- oder Flüchtlingsfamilien sind erfolgreich in dem, was sie tun? Es gibt Bildungsaufstiege innerhalb einer Generation. Doch die meisten Integrationsdebatten drehen sich um die Kriminellen am Kölner Hauptbahnhof oder gefährliche Clan-Strukturen.

Minderheiten sollten danach fragen können, warum sie nicht stattfinden

Ich dachte, dass es sich im Bereich der Literatur sehr schön zeigt, was Deutschland für ein Einwanderungsland ist. Es gibt viele großartige Bücher, geschrieben von Menschen, die Deutsch nicht als erste Sprache gelernt haben. Als im Frühjahr die Debatte aufkam, der deutsche Literaturbetrieb sei „allzu weiß“, er würde zu wenig Stimmen von PoC, also People of Color, zu Wort kommen lassen, bin ich erst einmal erschrocken. Wie sehen Sie das?

Warum immer gleich erschrecken? Besser wäre, sich für den Hinweis zu bedanken und einmal neugierig zu gucken. Es ist doch statistisch erwiesen, dass die Eliten homogen waren. Wer ist also unsichtbar geblieben? Dann kann man überlegen, welche strukturellen Gründe es gibt. In einer vertrauensvollen Gemeinschaft sollten Minderheiten danach fragen können, warum sie nicht stattfinden, ohne mit Schuldzuweisungen rechnen zu müssen.

Vielleicht rührt mein Erschrecken daher, dass es zu viele Baustellen gleichzeitig sind? Es geht nicht nur um die Teilhabe, sondern auch um die Sprache mit Abkürzungen wie PoC und LGBTQI+. Ist unsere Gesellschaft gerade extrem im Umbruch?

Ja, auf jeden Fall. Wir haben Veränderungsdynamiken, die historisch mit kaum etwas vergleichbar sind. Die Erfindung des Smartphones versetzt uns in die Lage, sich minütlich mit einer riesigen Öffentlichkeit zu verbinden. Es bringt eine Informationsflut mit sich und eine konstante Auseinandersetzung mit völlig fremden Menschen.

Digitale Transformation betrifft längst nicht mehr nur Firmen, sondern jeden Einzelnen.

Fast jeder hat heute ein digitales Ich. Wenn ich mich dann mit älteren Menschen unterhalte, die vorwiegend Zeitung lesen, dann sehe ich, die leben in einer ganz anderen Welt. In der digitalen Dynamik liegt auch eine Überforderung, weil die meisten ihre Weltsicht absolut setzen. Wenn zum Beispiel eine Aktivistengruppe auf Twitter verlangt, dass man bestimmte Eigenbezeichnungen zu verwenden hat, dann stoße auch ich an Grenzen. Warum soll ich mich als PoC bezeichnen, nur weil es irgendeine Gruppe so will? Die Abkürzung für People of Color kommt aus den USA und hat dort eine andere Geschichte. Die deutschen Minderheitenerfahrungen waren meist innereuropäisch und Color war für die meisten nicht so definierend wie Ethnie oder Klasse. Auf Twitter mühselig zu erklären.

Jagoda Marinic: „Fokussieren auf sprachliche Inklusion kontraproduktiv“

So kommen wir wieder zum Freiheitsgefühl. Höre ich das richtig, dass Sie mit jedem Gesprächspartner Ihres Podcasts andere Aspekte des Freiheitsbegriffs behandeln?

Ja, so ist es angelegt auf 15 Folgen. Mit Siri Hustvedt sprach ich über Misogynie, mit Danger Dan über politische Kunst, mit Heribert Prantl über Grundrechte. Zuletzt habe ich mit Micky Beisenherz über Humor gesprochen. Bei Leuten, die öffentlich Witze machen, wird sehr genau geschaut, wo sie stehen. Jede Figurenrede wird zum Bekenntnis. Mir geht es zum Beispiel bei meinem jetzigen literarischen Schreiben so: Ich mag nicht gendern.

Oh! Sie haben doch vor zwei Jahren das Buch „Sheroes. Neue Held*innen braucht das Land“ veröffentlicht, mit Sternchen.

Nur im Titel! In Sachbüchern geht es außerdem leichter. Mir wird von Genderforscherinnen öfter gesagt: Für Romane gelte das ja nicht. Was ist denn das für eine komische Spaltung, die ich da vollziehen müsste? Trete ich öffentlich auf, muss ich gendern, sitze ich zum Schreiben im Café, darf ich verzichten?

Das irritiert mich auch: Wenn es eine geschlechtergerechte Sprache geben soll, müsste diese Gerechtigkeit auch die Kunst erfassen.

Die Linken meinen zu Recht, Sprache schärfe das Bewusstsein. Durch die sprachbezogenen Diskursfelder hat man jedoch den Rechten viel Raum überlassen, „die Sorgen ernst zu nehmen“. Und schärfen nicht doch eher die Bedingungen das Bewusstsein? Wenn wir Frauen in Verantwortung bringen, ist es selbstverständlich, dass man von der Politikerin spricht, weil da nämlich eine steht. Bei paritätischen Wahllisten sind wir nicht so schnell vorangekommen wie beim Gendern in Verwaltungen.

Waren Sie damals auch gegen die Rechtschreibreform?

Ach ja, der Vergleich wird gern gebracht. Das war eine Kleinigkeit, es ging ums ß und ein paar Kommas. Und verstehen Sie mich nicht falsch: Ich halte es für ein wichtiges und gutes Ziel, die Vielfalt der Gesellschaft in der Sprache sichtbar zu machen. Doch in Zeiten der Pandemie scheint mir das Fokussieren auf sprachliche Inklusion kontraproduktiv. Mir wäre es wichtiger, über die Femizide zu sprechen, über die Rollenverteilung in den Familien, über Homeschooling. Haben Sie gelesen, was Margarete Stokowski dazu geschrieben hat?

Was meinen Sie?

Wenn sich die Anhänger des Genderverbots durchsetzen würden, müssten wir endlich darüber nicht mehr sprechen, sondern könnten uns den Problemen zuwenden, die Frauen jetzt wirklich haben. Gerade weil es durch Corona einen Backlash in alte Verhältnisse gegeben hat, da bringen uns Sterne nicht so schnell raus.

Rechte Positionen bekommen durch Shitstorms erst Reichweite

Ich möchte kurz zu Micky Beisenherz zurück, den ich vor der Debatte um die WDR-Sendung „Die letzte Instanz“ gar nicht kannte. Fanden Sie nach der Sendung immer noch, man könne alles sagen?

Demokratische Öffentlichkeit ist auch ein Lernprozess und die Frage ist, was sage ich wie, wer sagt es? In diesem Fall landen wir wieder bei dem Media Bias von Twitter-Empörung. Über das Z-Wort in dieser WDR-Sendung wurde extrem viel diskutiert, darüber, dass Innenminister Seehofer Sinti und Roma in Corona-Risikogebiete abschieben lässt, leider nicht. You don’t change the world on Twitter, sagt Zadie Smith. Paradoxerweise bekommen dadurch noch die Rechten Aufwind.

Auf Twitter kann man die Welt nicht ändern. Was haben jetzt die Rechten damit zu tun?

Viele tun jetzt so, als fände der Kampf gegen rechts auf Twitter statt. Durch die Shitstorms gegen Rechte in Social Media bekommen jedoch extrem rechte Positionen und Personen eine Reichweite, die sie normalerweise nie hätten. Die Gutmeinenden verbreiten sie per Screenshot, um Empörung auszudrücken, spielen ihnen aber unfreiwillig in die Hände. Gerade jetzt wieder: Da hat sich jemand mit einer eindeutigen Botschaft neben Philipp Amthor fotografieren lassen. Alle sind entrüstet und schicken brav das Foto herum.

Sie leiten das Interkulturelle Zentrum in Heidelberg, sind Kolumnistin der „Süddeutschen Zeitung“ und nun auch noch Podcasterin. Wo bleibt eigentlich die Literatur?

Die gibt es auch noch in meinem Leben. Ich werde im Sommer sogar in Schreibklausur gehen, wie das schön altmodisch heißt, um mein Buch für das Frühjahr zu Ende zu schreiben.

Interview: Cornelia Geißler

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