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Begegnung während einer Essensverteilung: Istanbuls Stadtverwaltung lässt dieser Tage die Hunde der Stadt versorgen.

Unter Tieren

Istanbul: Die Stadt der Hunde

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In der Mai-Ausgabe ihrer Kolumne „Unter Tieren“ interessiert sich Hilal Sezgin für die Haltung von Muslimen gegenüber Hunden. Und ist überrascht. Die Kolumne „Unter Tieren“.

Anfang März ist meine Mutter zu einer Bibliothekssitzung nach Istanbul geflogen, wurde dort von der Corona-Pandemie überrascht und musste bleiben. Sie wohnt in einer Gästewohnung an einem kleinen Park, der seit Wochen für die Öffentlichkeit gesperrt ist. Zehntausende von Tulpen blühen jetzt nur für eine weißhaarige Deutsche, die mit dem Rollator ihre Runden zieht.

Kürzlich fuhr ein Polizeiauto vor, und meine Mutter wunderte sich. Doch die beiden Uniformierten waren gekommen, um die Möwen und Dohlen zu füttern, die in Istanbuls ungewohnt leeren Straßen kaum Futter finden. Ähnlich ergeht es den streunenden Katzen und Hunden, auch sie werden von der Stadtverwaltung gefüttert; und es rührte mich sehr, ein Foto zu sehen, auf dem das Grab meines Vaters (in dem erwähnten Park) zu sehen ist und daneben zwei schwarze Straßenhunde, die gerade ihr Futter erhalten. Meinen Vater, der Katzen, Hunde und überhaupt alle Tiere liebte, hätte das gefreut.

Und doch irritierte mich etwas an diesem Bild – so sehr haben wir uns es angewöhnt zu denken, dass Muslime nun mal keine Hunde mögen. Ich nahm die Sache zum Anlass, in einigen Büchern zur Geschichte der Mensch-Tier-Beziehung im Osmanischen Reich nachzulesen, und war überrascht. Ich erfuhr, dass Straßenhunde in vielen osmanischen Großstädten nicht nur geduldet, sondern sogar beliebt waren, und dass insbesondere Istanbul bis ins 19. Jahrhundert als regelrechte Stadt der Hunde galt – zum Entsetzen anscheinend so mancher europäischer Reisender, die dies in ihren Berichten beklagten.

Die Hunde lebten in kleineren Rudeln zusammen und waren ihrem jeweiligen Wohnviertel fest verbunden, galten als Beschützer von deren Bewohnern und entsorgten (fraßen) den Müll. In den Häusern lebten sie aber nicht. Überhaupt scheint die vermeintliche muslimische Ablehnung von Hunden wohl am ehesten darauf hinauszulaufen, dass der Hund im Haus als unrein angesehen wurde, dennoch die Versorgung dürstender und bedürftiger Hunde fromme Pflicht war; allerdings gibt es auch Berichte über Hunde in Moscheen, was für mich persönlich nicht ganz zu dem Unreinheits-Mythos zusammen passt.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts wendete sich das Schicksal der Straßenhunde, im Osmanischen Reich ebenso wie in anderen Großstädten rund um die Welt. Alan Mikhail hat in einer Studie über The Animal in Ottoman Egypt gezeigt, dass im Zuge der zunehmenden Urbanisierung und dem Wandel staatlicher Kontrollansprüche der Hund (möglicherweise generell: das nicht-menschliche Tier) zu einem Problem wurde. Aus Istanbul wissen wir, dass im 19. Jahrhundert zwei Mal Straßenhunde eingefangen und auf einer Insel im Marmarameer ausgesetzt wurden, Verwahrlosung und Kannibalismus überlassen. Beide Aktionen gingen als Misserfolge und Schandmale in die Istanbuler Stadtgeschichte ein.

Dennoch dauerte es noch viele Jahrzehnte, bis die Straßenhunde wieder im Ansehen der menschlichen Istanbuler stiegen. Jedenfalls konnte ich bei meinen letzten Besuchen der Stadt einige schöne Mensch-Hund-Begegnungen beobachten. Die eine ereignete sich direkt neben der Hagia Sophia, ein paar junge Türken schlenderten die Straße entlang, ein Hund kreuzte ihren Weg. Und die jungen Männer blieben stehen und kraulten dem (ziemlich riesigen) Hund Kopf und Nacken.

Es war wie ein kleiner Plausch von Nachbar zu Nachbar, (fast) gleich zu gleich.

Hilal Sezgin, Jahrgang 1970, lebt als freie Autorin in der Lüneburger Heide. Jeweils zu Monatsbeginn schreibt sie an dieser Stelle „Unter Tieren“. Seit wenigen Tagen kann man ihren neuen Roman „Feuerfieber“ bestellen – für begrenzte Zeit und per Crowdfunding, nicht im regulären Buchhandel. www.startnext.com/weisse-schnuten

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