Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Es gibt immer auch Kinder, die sich für jeden Regenwurm hinhocken, um ihn aus der Gefahrenzone zu bringen.
+
Es gibt immer auch Kinder, die sich für jeden Regenwurm hinhocken, um ihn aus der Gefahrenzone zu bringen.

UNTER TIEREN

Ist es lächerlich, Frösche zu retten?

  • VonHilal Sezgin
    schließen

„Unter Tieren“: In der Mai-Ausgabe ihrer Kolumne fragt sich Hilal Sezgin, ob es nicht einfach richtig ist, auch ganz kleine Tiere zu retten. Wenn möglich.

Seit einigen Wochen kursiert in meinem Bekanntenkreis eine Online-Petition, die einen Umbau von Gullys fordert. Damit nicht wie bisher jährlich mehrere hunderttausende Frösche, Kröten, Käfer und Kleinsäugetiere hineinfallen, nicht mehr herausfinden und ertrinken, verdursten oder sonstwie darin sterben. Eine Ausstiegshilfe ist bereits konstruiert und erprobt, die Gullys müssten entsprechend vereinheitlicht und ergänzt werden.

Ich hätte jetzt gerne Ihr Gesicht gesehen, als Sie (womöglich erstmals) davon lasen. War es zu einem leicht belustigten Lächeln verzogen, oder haben Sie beschlossen, die Petition zwecks Unterschrift zu ergoogeln? Ich muss zugeben, dass mein erster Gedanke skeptischer Natur war, weil diese Tiere ja doch eher klein sind und die Chance der Petition eher gering ist, anders gesagt: weil viele Leute diejenigen, die sich für das Lebensrecht von Fröschen und Käfern einsetzen, eher für „Spinner“ halten, sie also nicht unterstützen werden.

In einem nächsten Gedankenschritt habe ich mich allerdings gefragt, welche tiefsitzende Form von Speziesismus und damit verbundener, internalisierter Selbstabwertung mich zu dieser eher geringschätzenden Reaktion geführt hat; denn fast Zeit meines Lebens gehörte ich zu denjenigen, die Käfer, Würmer und Schnecken aus allen möglichen Situationen zu retten versuchten oft genug dafür ausgelacht wurden.

Auf den Wanderungen meiner Schule zum Beispiel. Durch den Taunus, bei nassem Wetter: Über den Asphalt kringelten sich Regenwürmer in alle Richtungen, ich ging ständig in die Hocke, um sie aufzulesen und an den Rand zu tragen; die spöttischen Kommentare nahmen kein Ende. Dasselbe wiederholte sich mit behausten und unbehausten Schnecken. Sind das nur so „Kinderideen“, von denen man sich lösen muss, oder verbirgt sich nicht doch ein ernst zu nehmender ethischer Impuls dahinter?

Nun, es lässt sich sicher nicht JEDES Tier aus JEDER Notlage erretten, aber wie wäre es denn, wenn wir zumindest die deutlichsten, vom Menschen geschaffenen Gefahren abbauen würden? Und wird solches Tun nicht auch viel besser erträglich, wenn man nicht mehr der einzige kleine Depp weit und breit ist, der Schneckenschleim an den Fingern hat, sondern wenn andere mittun? Seitdem ich erwachsen wurde, habe ich so viele Menschen kennengelernt, Veganerinnen und Veganer zumeist, die in ihrer Kindheit dieselben Erfahrungen mit Regenwürmern, Schnecken und Spott gemacht haben. Ich kenne Leute, die sich in der Krötenwanderungszeit ganze Nächte um die Ohren schlagen, um die Zahl der Verkehrsopfer zu minimieren. Und ich weiß, dass auch diejenigen, die unsere kalt-feuchten Verwandten aus dem Tierreich nicht unbedingt selbst anfassen mögen, oftmals nicht in Ordnung finden, wenn diese in Massen als unsere Kollateralschäden sterben.

Es ist einfach nicht okay, dass wir sämtliche Landschaften mit Straßen, Sammelbecken, Müllhalden, Glasscheiben und steilen Schächten durchziehen (um nur einige Gefahren zu benennen), und alle anderen Lebewesen darunter leiden. Sondern es ist in Ordnung – nett, und wichtig sogar! -, unseren kleineren tierlichen Nachbarn behilflich zu sein, für die unsere menschlichen Bauten zu groß sind!

In der Nähe meines Hauses befindet sich ein Teich mit einem Schacht, in den immer wieder Kröten fallen. Die Schachtwände sind zu steil für sie. Als ich anfing, regelmäßig in diesen Schacht zu sehen, spürte ich noch die oben beschriebene Geringschätzung. War ich nun eine „crazy frog lady“, die nichts gelernt hatte aus den kindlichen Erfahrungen mit den Regenwürmern? Sollte ich nicht in der Zeit, in der ich bäuchlings neben dem Schacht lag und mit dem Käscher darin nach Amphibien fischte, besser etwas Produktives, „Sinnvolles“ tun, also zum Beispiel etwas schreiben, etwas lesen, irgendetwas, oder mich, „voran“ bringen?

Und dann fiel mir irgendwann auf, dass ich hier tatsächlich etwas „voran“ brachte, nämlich: das Leben der kleinen Anderen, und meine Verbindung mit diesem Leben. Schließlich bin ich nicht aufs Land gezogen, um am Schreibtisch zu sitzen; nicht, um mit dem Auto Kröten platt zu fahren. Sondern um Rehen beim Äsen, Fröschen beim Tauchen und Vögeln beim Gleiten durch den Wind zuzusehen. Also Anteil zu nehmen an dem, was wir alle am besten können, nämlich einfach: leben.

Hilal Sezgin, Jahrgang 1970, lebt als freie Autorin in der Lüneburger Heide. Jeweils zu Monatsbeginn schreibt sie an dieser Stelle „Unter Tieren“.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare