Die „Halle der Namen“ in Yad Vashem.
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Die „Halle der Namen“ in Yad Vashem.

Yad Vashem

Yad Vashem in Israel - Premier Netanjahu löst mit Personalie harsche Kritik aus: „Moralisch disqualifiziert“

  • Inge Günther
    vonInge Günther
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Netanjahu will Effi Eitam, der für die Deportation von Palästinensern eintrat, zum Direktor von Yad Vashem machen.

Israel - Kaum ein Staatsgast, der Yad Vashem nicht besucht. Israels nationale Holocaust-Gedenkstätte gehört zum Pflichtprogramm offizieller ausländischer Besucher – Ausdruck der Anteilnahme für das, was europäischen Juden in der Zeit des von deutschem Boden ausgehenden, nationalsozialistischen Rassenwahns angetan wurde. Aber Yad Vashem ist mehr als ein Museum, das in herausragender Weise an das schlimmste Menschheitsverbrechen erinnert. Es ist zugleich eine Institution für Erziehung, Forschung und nicht zuletzt eine moralische Instanz, weit über Israel hinaus.

Yad Vashem in Israel - Benjamin Netanjahu plant Neubesetzung

Doch nun ist die geplante Besetzung des vakant werdenden Chefpostens zum Politikum geworden. Premier Benjamin Netanjahu und sein Erziehungsminister Zeev Elkin (beide Likud) haben ausgerechnet Effi Eitam, einen ultrarechten Araberhasser und Siedlerfreund, zum Nachfolger des renommierten Yad-Vashem-Direktors Avner Shalev ernannt. Viele Holocaust-Überlebende, aber auch Angehörige der „zweiten Generation“ sind entsetzt. Sie halten Eitam für „moralisch disqualifiziert“.

Ihrer Kampagne gegen die sehr kontroverse Nominierung hat sich jetzt die internationale Anti-Defamation League (ADL) angeschlossen. In einem Brief an Meir Lau, Yad-Vashem-Beiratsvorsitzender und ehemaliger Chefrabbiner, bat die Leiterin des ADL-Büros in Israel, Lau möge seinen Einfluss nutzen, um diese Kandidatur zu verhindern. Man mische sich ungern in Personalfragen ein, aber in diesem Fall „drängt es uns“, so Carole Neuriel, „unseren Stimmen Gehör zu verschaffen“.

Israel: Netanjahus Kandidat spricht von der „fünften Kolonne“ und wirbt für Deportationen

Verwiesen wird in dem von „Haaretz“ zitierten Schreiben auf Äußerungen Eitams, in denen er die arabische Minderheit in Israel als „fünfte Kolonne“ hinstellte und für eine Massendeportation von Palästinensern aus dem Westjordanland eintrat. Ebenso verbindet sich mit seinem Namen ein brutaler Vorfall. Während der ersten Intifada ließ Eitam als Militärkommandant einen palästinensischen Gefangenen totprügeln. Vier untergebene Soldaten wurden verurteilt, er selbst kam mit einer strengen Verwarnung davon.

Politisch Karriere machte Eitam trotzdem. Nach dem Ausscheiden aus der Armee als Brigadegeneral im Jahr 2000 schloss er sich der nationalreligiösen Partei an, brachte es zum Minister für nationale Infrastruktur, trat aus Protest gegen den Gaza-Abzug zurück, um vor Ort den Siedlern beizustehen, aber wandte sich später Netanjahus Likud zu.

Netanjahu genießt in Israel Rückhalt bei Nationalrechten

Umso mehr wird vermutet, dass Netanjahus Wahl vor allem deshalb auf den 68-jährigen Eitam fiel, um die nationalrechte Anhängerschaft bei der Stange zu halten. Ohne ihren Rückhalt dürfte es für den Premier schwer werden, den gegen ihn laufenden Korruptionsprozess zu überstehen. Politische Kriterien müssten allerdings bei der Besetzung von Yad Vashem außen vor bleiben, schrieb Colette Avital, die dem Dachverband israelischer Holocaust-Überlebender vorsteht, an Netanjahu und Kabinettsmitglied Elkin. Dieser Chefposten verlange neben „persönlichem Bezug, Sensibilität und umfassender Kenntnis des Themas (…) die Fähigkeit, mit internationalen Würdenträgern zu kommunizieren und Spenden zu beschaffen“.

Avner Shalev, der als Yad-Vashem-Direktor auch die „International School for Holocaust Studies“ ins Leben rief, hat in der Rolle geglänzt. Aber zum Jahresende, er ist dann 81 Jahre alt, will er sich in den Ruhestand begeben.

Israel: Netanjahu zeigt sich unbeeindruckt

Eitam als designierter Nachfolger wirkt wie eine Fehlbesetzung. „Seine rassistischen Statements sind das Gegenteil dessen, was vom Vorsitzenden einer Institution verlangt wird, die Menschenrechte verteidigt“, empörte sich Zehava Galon, ehemals linke Meretz-Chefin und Tochter einer Überlebenden der Shoah.

Unbeeindruckt von solchen Einsprüchen halten Netanjahu und Elkin an ihrem Kandidaten fest. Der Mann habe Verwaltungserfahrung, kenne sich auf den „Fluren der Macht“ aus und trotz gewisser Kritik an seinem Verhalten in der Armee sei er insgesamt gesehen ein „hervorragender Befehlshaber“ gewesen, beschied der Erziehungsminister. Ob Effi Eitams Nominierung unbeanstandet den Prüfungsausschuss für die Vergabe von Top-Posten im öffentlichen Sektor sowie die ebenfalls nötige Kabinettzustimmung passiert, ist indes noch nicht entschieden.

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