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Palästinensische Kinder bei einer Demonstration im September 2021. Foto: JAAFAR ASHTIYEH / AFP)
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Palästinensische Kinder bei einer Demonstration im September 2021.

Nahostkonflikt

Israel und der Nahostkonflikt: Dämonisierung, Delegitimierung und Doppelstandards

  • VonMicha Brumlik
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Über eine neue, erschreckend einseitige Studie zum Thema Antisemitismus. Von Gert Krell und Micha Brumlik

Wie bei fast allen anderen Großgruppenkonflikten gibt es auch zum Nahost-Konflikt ein breites Spektrum von Deutungen; gibt es vor allem zwischen den Konfliktparteien große Unterschiede bis hin zu Positionen, in denen die eigene Seite als völlig unschuldig dargestellt und alle Verantwortung der anderen zugeschoben wird. Zwar finden sich da auch eindeutig antisemitische Feindbilder wie „Israel – Kindermörder“ oder, in Deutschland mit bis zu 50 Prozent Zustimmung, das was Israel mit den Palästinensern mache, sei auch nicht besser als das, was die Nazis mit den Juden gemacht hätten. Andere Themen freilich wie mögliche Zusammenhänge zwischen Zionismus und Kolonialismus oder das Unwort „Apartheid“ für die Zustände in den besetzten Gebieten werden selbst in der israelischen Fachdiskussion kontrovers diskutiert.

Nun liegt eine Studie vor mit dem Titel „Israelbezogener Antisemitismus: Erkennen – Handeln – Vorbeugen“ aus der Feder von Julia Bernstein aus Frankfurt, die Aufklärung, Klarstellungen und Handlungsanweisungen verspricht. Julia Bernsteins Verdienste in der Auseinandersetzung mit Antisemitismus sind unbestritten; ihr neues Buch freilich ist eine große Enttäuschung. Das Hauptproblem sehen wir darin, dass die Autorin mit der palästinensischen bzw. arabischen Konfliktpartei genau dasselbe macht, was sie im Falle Israels als Antisemitismus bekämpft: Dämonisierung, Delegitimierung und Doppelstandards. So lautet die zentrale These des Buches, der Nahostkonflikt werde Israel von der anderen Seite aufgezwungen. Sein Ursprung liege in der Absicht, Israel zu zerstören, und seine Entwicklung sei vom Antisemitismus bestimmt worden; auch der Anspruch des palästinensischen Nationalismus auf das Land sei antisemitisch. Sie untermauert diese These unter anderem damit, dass sie durchgängig von Judäa und Samaria als alten jüdischen Stammländern mit Jerusalem als mehrtausendjährigem Zentrum der jüdischen Kultur spricht. Das Wort „Besatzung“ hält sie deshalb für unbegründet, denn Israel habe auch Rechte auf die „umstrittenen Gebiete“. Was die Gewalttätigkeit im Konflikt angeht, so verteidige sich Israel nur, die Araber seien immer die Angreifer; Terror und terroristische Organisationen gibt es nur auf der anderen Seite. Auch habe Israel immer wieder Frieden angeboten, sei aber immer wieder abgewiesen worden.

In der Friedens- und Konfliktforschung nennt man so etwas eine „dichotomische Konfliktperzeption“, in der englischen Fachsprache „self-whitewashing and other-maligning“. Nur wenige der zahlreichen Fachbücher zum Nahostkonflikt und zum israelbezogenen Antisemitismus artikulieren sich so einseitig wie Julia Bernstein. Die meisten Autor:innen gehen von einer Wechselwirkung („Dialektik“) der Gewalt aus, bei der beide Seiten agieren und reagieren; einige sehen für die Zeit nach 1967 sogar mehr Kompromissbereitschaft auf der arabischen Seite als bei Israel. Dass es in Israel zahlreiche Gruppierungen gibt, die sich politisch gegen die Besatzung und die Siedlungspolitik engagieren, deutet Julia Bernstein nicht einmal an. Ihr erscheint es offenbar nicht als Widerspruch, dass große Teile der israelischen Politik, auch Juden und Nicht-Juden in Deutschland, schon die rhetorische Infragestellung des staatlichen Selbstbestimmungsrechts der Bürger:innen Israels als antisemitisch beklagen, gleichzeitig aber die reale Infragestellung eines vollen Selbstbestimmungsrechts der Palästinenser mit einem eigenen Staat gezielt vorantreiben oder hinnehmen.

Die Autoren

Gert Krell ist emeritierter Professor für Internationale Beziehungen im Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Von 1981 bis 1995 war er Forschungsgruppenleiter und zeitweise geschäftsführendes Vorstandsmitglied bei der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK).

Micha Brumlik ist emeritierter Professor für Erziehungswissenschaften ebenfalls an der Frankfurter Goethe-Universität. Von 2000 – 2005 hat er das Fritz-Bauer-Institut geleitet, und seit 2013 ist er Senior Advisor am Selma-Stern-Zentrum für Jüdische Studien Berlin-Brandenburg. Micha Brumlik ist Mitautor der „Jerusalem Declaration on Antisemitismism“.

Dann heißt es, Juden, die sich in Deutschland kritisch zu Israel äußerten, verwickelten sich in das selbstvernichtende Narrativ für das jüdische Volk! Wie überhaupt der Begriff „legitime Israelkritik“ nur dazu verwendet werde, den darunter liegenden Antisemitismus zu kaschieren. Der ehemalige deutsche UN-Botschafter hat kürzlich einen Beitrag von ihm selbst als „chinakritisch“ bezeichnet. Das würde aber man doch auch nicht von vornherein mit antichinesisch gleichsetzen oder gar unter Rassismusverdacht stellen. Antisemitisch, antizionistisch, antiisraelisch oder israelkritisch sind Begriffe für sehr verschiedene Einstellungen; alle vier können in Kombinationen auftreten, aber auch für sich stehen. Es gibt auch proisraelische Antisemiten; und es gibt Menschen, die Israel sehr gewogen sind, zugleich aber auch kritisch gegenüberstehen – nicht weil sie Antisemiten wären, sondern aus Sorge um seine Zukunft.

Julia Bernsteins Mischung aus Kampf gegen Antisemitismus mit Kampf gegen Kritik an der Besatzung und an der großisraelischen Politik der israelischen Rechtsparteien führt bei ihr zu einer maßlosen Überziehung des Antisemitismusvorwurfs. Damit aber schadet sie dem Kampf gegen den real existierenden Antisemitismus; auch und gerade in der politischen Bildung. Lehrer:innen dürfen durchaus ihre eigene politische Meinung zu kontroversen Sachverhalten in ihre Klassen einbringen; aggressive Werbung für die eigene Position, vor allem, wenn sie auf einem Pol einer breiten Debatte angesiedelt ist, ist jedoch nicht zulässig. Auf jeden Fall aber müssten auch andere Positionen zur Sprache kommen. Das hieße für den Nahostkonflikt, auch die innerisraelischen, innerjüdischen oder die allgemeinen wissenschaftlichen Kontroversen (auch über den Antisemitismus-Begriff!) wenigstens anzudeuten, und selbstverständlich muss die andere Konfliktpartei eine Chance haben, fair gehört zu werden. (Julia Bernstein sagt, das israelische und das palästinensische Narrativ seien nicht nur grundverschieden, sondern auch „nicht gleichwertig“. Schon der palästinensische Ausdruck Nakba für Katastrophe sei ein untauglicher Versuch, sich als „Opfer der Opfer“ zu gerieren; er sei mit einer als legitim anerkannten Existenz Israels nicht zu vereinbaren!).

Das größte pädagogische Versäumnis der Autorin aber liegt darin, dass sie Lehrer:innen und Schüler:innen keine Perspektive anbietet. Ein Konflikt, in dem die eine Seite die andere vernichten will und die andere sich nur verteidigt, hat ja auch keine Perspektive außer der militärischen Selbstbehauptung. Wie sollen denn Schüler:innen und Jugendliche mit jüdischen oder arabischem bzw. muslimischem Hintergrund auf Julia Bernsteins Diagnose reagieren? Die proarabische Seite wird sagen, die Araber sind eh an allem schuld, ihr Leid zählt nicht und eine Perspektive gibt es für sie auch nicht: also Resignation oder Widerstand, unter Umständen mit Gewalt. Die proisraelische wird sagen, ja wenn alle Araber und der Iran Israel vernichten wollen, dann muss es sich eben militärisch, durch weitere Landnahme und durch Mauern absichern.

Dabei gibt es neben der realen gewaltsamen Verfeindung auch zahllose historische und aktuelle Beispiele für friedliches Zusammenleben zwischen Juden und Arabern, die Schüler:innen Anreize bieten können, von Feindbildern Abstand zu nehmen; nicht ein einziges erwähnt Julia Bernstein: gemischte Elterngruppen, die Kinder verloren haben und gemeinsam für Verständigung werben; das jüdisch-palästinensische Friedensdorf Neve Shalom/Wahat al-Salam mit vielen Wohnungen, Bildungs- und Ausbildungsprogrammen und einem Friedenscamp; gemeinsame politische Kampagnen für eine Friedenslösung wie die von Sari Nusseibeh und Ami Ajalon. Es gibt die Stadt Haifa, in der Juden und Araber immer schon deutlich friedlicher zusammengelebt haben als in Jerusalem und die eines Tages ein Muster für einen gemeinsamen Staatsverband bilden könnte. Und es gibt die Bücher von Dan Bar-On über seine Seminare mit deutschen, israelischen und arabischen Jugendlichen und Studierenden über Dialog als Modell der interkulturellen Konfliktbewältigung oder das einfühlsame Werk von Alexandra Senfft mit dem Titel „Fremder Feind, so nah: Begegnungen mit Palästinensern und Israelis“. (Den berührenden Film von Markus Vetter „Das Herz von Jenin“ über die palästinensische Familie Khatib, die die Organe ihres Sohnes, der von einem israelischen Soldaten erschossen worden war, anderen Kindern, darunter einem kleinen jüdischen Mädchen, gespendet haben, nennt Julia Bernstein „ein propagandistisches Machwerk“. Ismail Khatib, der in Jenin seit vielen Jahren ein Friedenszentrum für Kinder und Jugendliche leitet, hat 2010 in Wiesbaden den Hessischen Friedenspreis überreicht bekommen.)

Wer Julia Bernsteins Buch als Maßstab für das Problem des israelbezogene Antisemitismus nehmen will, der sollte verpflichtet werden, zur Ergänzung wenigstens ein Buch von der palästinensischen Seite zu lesen. Wir empfehlen die Autobiografie von Sari Nusseibeh „Es war einmal ein Land“. Gerade durch die Fähigkeit zur Kritik nicht nur an Israel, sondern auch an seinen eigenen Landsleuten ist er wesentlich glaubwürdiger als Julia Bernstein. Wer eine wissenschaftliche Darstellung der palästinensischen Seite sucht, der ziehe das neue Buch von Muriel Asseburg über „Palästina und die Palästinenser“ zu Rate, eine empathische und zugleich kritische Darstellung. Und wer etwas über die Vielfalt jüdischer Stimmen in Israel erfahren möchte, der schaue sich den schönen Film von Daniel Cohn-Bendit und Nico Apel an mit dem Titel „Wir sind alle deutsche Juden“.

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