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Proteste im Iran: Solidarische Scheren als Widerstand gegen das Männliche

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Von: Björn Hayer

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Aus Solidarität mit iranischen Frauen schneiden sich Schauspieler:innen ihre Haare ab – ein Akt, der mehr bedeutet als ein Zusammenstehen.

Wohl nie haben Haare so schwer gewogen wie jene, die sich iranische Frauen derzeit aus Protest gegen ein erbarmungsloses Regime abschneiden. Sie sind zweifelsohne das Unterpfand ihrer Würde und zugleich die Grundlage für eine viral gehende Choreografie der Solidarität.

Juliette Binoche, Charlotte Gainsbourg, Marion Cotillard und viele andere taten es den Frauen in der Islamischen Republik nach. Dass die Geste weitaus mehr bedeutet als einen bildlichen Schulterschluss, veranschaulicht ein Blick in die Kulturgeschichte der Haare – und ihrer zumeist öffentlichkeitswirksamen Entfernung.

Iran-Proteste: Haare als Symbol der Lebenskraft

Bereits in biblischen Texten wird vieles über sie erzählt. Sie begegnen uns allen voran als Symbol der Lebenskraft. Nachdem etwa König Simson, den Gott als Befreier der Israeliten losschickt, eine Schlacht nach der anderen gegen die herrschenden Philister gewinnt, erfahren Letztere spät vom Geheimnis hinter dessen schier unbezwingbarer Stärke.

Es sind seine geradezu magischen Haare. Bevor die Potentaten ihn gefangen nehmen und ihm überdies die Augen ausstechen, scheren sie ihn. Doch das nützt nichts. Alles wächst nach, und so bringt er bald schon die Säulenhallen der Unterdrücker zum Einsturz.

Wie eine geheime Vorlage für die gegenwärtigen Aktionen der Aufbegehrenden liest sich diese Legende, die jedoch nur eine von mehreren in der Heiligen Schrift darstellt. Im Buch Jesaja finden sich indessen zwei äußerst prägnante Stellen, die in diesen Tagen ungemein aktuell anmuten. Auf die Zerstörung der antiken Städte Medeba, Ar und Kir hin stimmen die Menschen an einer Stelle Klagegesänge an. „Jeder Kopf ist kahl geschoren, / alle Bärte hat man abgeschnitten“, heißt es.

In vielen Ländern und Städten, hier in Istanbul, schneiden sich in diesen Tagen Frauen aus Solidarität mit den Iranerinnen die Haare ab.
In vielen Ländern und Städten, hier in Istanbul, schneiden sich in diesen Tagen Frauen aus Solidarität mit den Iranerinnen die Haare ab. © Imago

Iran: Abgeschnittene Haare sind Zeichen der Trauer und des Zusammenstehens

Mag die entfernte Kopfpracht hier noch als selbst gewähltes Signet der Trauer, ja des inwendigen Zusammenstehens fungieren, gleicht es in einer anderen Passage schon einer Strafe: „Zu der Zeit wird der Herr das Haupt und die Haare am Leib scheren und den Bart abnehmen durch das Schermesser.“ Gott wendet sich in dieser Prophezeiung gegen jene, die seine Gebote nicht befolgen. Er markiert sie regelrecht.

Und dem Vorbild des Herrn eiferten im Laufe zweier Jahrtausende zahlreiche Männer nach. Da Haare – nicht zuletzt durch ihre Verehrung in der antiken und später petrarkistischen Liebespoesie – als Verführungssymbol herhalten mussten, wurden sie im Mittelalter den zum Tode verurteilten Frauen entfernt. Die Idee dahinter: Wenigstens ihre letzte Reise ins Himmelreich oder in die Hölle sollten sie ohne augenscheinliches Zeichen der Sünde antreten.

Scheren ist männliche Machtdemonstration – noch in der Moderne

Aufs Grauenvollste kopiert haben dieses Ritual Jahrhunderte danach die Jakobiner während ihrer wenige Jahre dauernden Terrordiktatur nach der Französischen Revolution. Um die Massenhinrichtungen mit Hilfe der Guillotine zu ermöglichen, durfte keine aufwendige Frisur die treffsichere Abtrennung des Kopfes verhindern. Die Devise lautete wiederum: Alles muss weg!

Dass das Scheren sogar noch in der Moderne eine männliche Machtdemonstration beschreibt, betont beispielsweise Marguerite Duras in ihrem epochalen und von Alain Resnais berührend verfilmten Drama „Hiroshima mon amour“ von 1959. Eigentlich sollte sich die titelgebende und einst zerstörte Stadt als Ort der Liebe offenbaren.

Tradition wirkt lange nach

Doch die kurze, dafür aber umso intensivere Affäre zwischen der Schauspielerin Emmanuelle Riva und dem japanischen Architekten Eiji Okada wird überschattet von einem tief sitzenden Trauma. Immer wieder kommen in der Protagonistin Erinnerungen an Schicksalstage in Nevers während des Zweiten Weltkriegs hoch. Als Strafe für eine damalige Liaison d’amour mit einem deutschen Besatzer wurden ihr von den Bewohnern des Dorfs die Haare abgeschnitten.

Die Tradition wirkt also einschneidend und lange nach. Mit der Schere entpuppen sich Männer als Täter, Frauen, denen damit der optische Ausweis ihrer Weiblichkeit schlechthin genommen wird, kommt hingegen die Rolle des Opfers zu.

Gender-Protest: Frauen entscheiden selbst

Indem die Iranerinnen nunmehr freiwillig ihr Haar lassen, vollziehen sie einen bemerkenswerten Gender-Protest. Einerseits heben sie somit ihre faktische Repression durch ein krudes, religiöse und profane Deutungshoheit in sich vereinendes Patriarchat hervor, andererseits – und darin besteht wohl der kongeniale Einfall – codieren sie ein verfestigtes Zeichen chauvinistischer Gewalt um. Sie entscheiden selbstständig, dass und gegebenenfalls wann sie sich ihrer Kopfpracht entledigen.

Zugleich unterwandern sie damit das klassische Ideal der Schönheit. Sie begehren auf gegen all die damit verbundenen kulturellen Zuschreibungen, die teils auf absurde Analogien zurückreichen. Abgesehen von der mittelalterlichen Sündenlehre im Iran ist vor allem, um nur einen von vielen Abwegen des Geistes anzuschneiden, wohl Sigmund Freuds Auslegungen zur Medusa starker Tobak. Er verglich die Schlangen auf deren Haupt mit dem Vaginalhaar. Diese und andere Sexualisierungen fallen nun weg, weil die Frauen im Nahen Osten wie ebenso die Schauspielerinnen nicht nur etwas am Körper Wachsendes entfernen, sondern eine ganze Ikonographie dekonstruieren.

Kurzhaarfrisuren vermitteln Botschaft der Ebenbürtigkeit

Sicherlich resultiert ihr Aufbegehren zunächst aus einem Impuls des Dagegen. Aber auch er hat Vorläufer. Und zwar vor allem im Westen. Man denke nur an die 1910er und 20er Jahre. Längst liegen die Texte des 19. Jahrhunderts mit all den geschundenen und im Zwange der Moral um ihre Freiheit gebrachten Protagonistinnen wie Effi Briest (Theodor Fontane) oder Maria Magdalena (Friedrich Hebbel) hinter uns, als sich Frauen wie Thea von Harbou oder Liddy Hegewald an die Spitze einer Avantgarde stellten. Viele von ihnen trugen Kurzhaarfrisuren. Mit dem Bob vermittelte sich die Botschaft: Selbst ist die Frau, souverän und den Männern mehr als ebenbürtig.

Es mag übrigens kein Zufall sein, dass nicht wenige jener frühen Emanzipationsvorbilder ihre Leidenschaft im und mit dem Film auslebten. Als noch neues, noch nicht ausschließlich männlich geprägtes Medium sahen sie darin eine Kunstform, die Chancen zur Selbstentfaltung, mithin für feminine Traumkulissen und Utopien bot.

Derzeit rückt mit den Videos daher wohl nicht zufällig erneut das bewegte Bild in den Vordergrund. Gegenüber der lange Zeit mit dem Akt assoziierten und statischen Fotografie offenbart sich der Clip mit Fokus auf dem Gesicht und dem entschlossenen Blick aktuell als die Form weiblicher Selbstermächtigung. Noch immer oder eben wieder.

Wenn der Protest im Iran gelingt, wächst die Revolution

Vielleicht wird man jetzt mit anderen Augen auf die Süßholz raspelnden Verklärungen blonder Mähnen und Locken in der Literatur schauen. Vielleicht wird man nun Hofmann von Hofmanswaldaus Vergänglichkeitssonett über des „goldes glantz“ (aus: „Vergänglichkeit der Schönheit“) auf dem Haupt oder Eichendorffs aus „seidnen Haaren“ (aus: „Das Zaubernetz“) gewobenes Netz (in dem sich natürlich die Männer verfangen) neu lesen.

Und klar, ebenso wenig dürften wir zukünftig Rapunzels haariges Seil, das den Prinzen in die Kammer der Zweisamkeit und Errettung einlädt, noch mit kindlicher Unschuld betrachten. Aber so soll es auch sein. Erst wenn es dem Protest gelingt, unser geronnenes, phallisch geordnetes System an Bildern und Narrativen aufzubrechen, erst dann wächst die Saat, die man Revolution nennt. (Björn Hayer)

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