1. Startseite
  2. Kultur
  3. Gesellschaft

Drohungen im Internet: Warum der Ratschlag „Mach doch einfach mal das Handy aus“ nichts taugt

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Kathrin Passig

Kommentare

„Geh doch da einfach nicht mehr hin“.
„Geh doch da einfach nicht mehr hin“. © Getty Images

Wer im Internet beleidigt oder bedroht wird, soll die Plattformen meiden, heißt es oft. Warum hält sich dieser schlechte Rat?

Frankfurt - Wenn jemand in einer Fußgängerzone in der Innenstadt belästigt oder bedroht wird, werden die meisten sagen „Hast du Anzeige erstattet?“ und nicht „Geh doch da einfach nicht mehr hin“. Anders ist es, wenn die Beleidigung oder Bedrohung im Internet passiert ist. Dann hören Opfer den zweiten Ratschlag ziemlich oft, manchmal sogar von der Polizei. Die Comedy-Autorin Jasmina Kuhnke berichtete im Frühjahr 2021 in der taz, die Kölner Polizei habe ihr nach rassistischen Bedrohungen geraten, sich von Twitter abzumelden:

„Das ist eine Täter-Opfer-Umkehr. Sie sagen damit: Wenn du still bist, passiert dir nichts. Doch das ist nicht die Lebensrealität von Diskriminierten.“

Drohungen im Internet: Schlechter Ratschlag der Polizei

Die Spiegel-Kolumnistin Margarete Stokowski, die ebenfalls seit vielen Jahren beleidigt und bedroht wird, nennt zwei weitere Gründe, warum der Ratschlag „Mach doch einfach mal das Handy aus“ nichts taugt: „Wenn man jemanden anzeigen will, muss man alles dokumentieren, man braucht Links zu Postings und Profilen und zusätzlich Screenshots. Das kann man nicht zusammenstellen, wenn man ‚einfach mal das Handy ausmacht‘. Und das zweite Problem: Es geht nicht weg, wenn man wegguckt. Im Zweifel kann es sogar gefährlich werden, wenn man nicht mitbekommt, dass Leute einen Angriff ankündigen oder die Wohnadresse veröffentlichen.“

Der schlechte Ratschlag ist älter als die sozialen Netzwerke. Früher bekam man statt „Dann sei halt nicht bei Twitter / Facebook / Instagram“ zu hören: „Dann sei halt nicht im Internet.“ Der Ärger, den man sich dort einhandeln konnte, galt als nicht ganz echter, irgendwie lächerlicher Ärger. Internet-Ärger sprang auch noch nicht so leicht in andere Medien über, weil Geschehnisse im Internet kaum Nachrichtenwert hatten.

Deshalb ist es heute schwierig, zu rekonstruieren, ob im Internet der 90er alle noch nett zueinander waren. Meine Erinnerung sagt „haha, nein“. Aber in Printmedien taucht das Thema „Online-Mobbing“ oder „Cyber-Bullying“, wie es damals hieß, erst ab 2000 allmählich auf, und dann fast ausschließlich im Zusammenhang mit Schulen. Um 2005 kommt das Thema „Lehrkräfte werden im Internet gemobbt“ dazu. Das heißt nicht, dass Mobbing damals nur an Schulen und Universitäten betrieben wurde. Wahrscheinlich war dort nur – für die nicht selbst Betroffenen – am sichtbarsten, dass Hass im Internet Auswirkungen auch auf „das reale Leben“ hat, und das machte das Thema printmedienfähig.

Als dann allgemein bekannt war, dass Beleidigungen und Bedrohungen im Internet nicht nur Kinder, Jugendliche und deren Lehrkräfte betreffen, wurde noch einige Jahre lang die Anonymität als Ursache beschuldigt. An dieser Stelle hat sich Facebook wirklich verdient gemacht: Dank der Klarnamenpolitik von Facebook ist unübersehbar geworden, dass es denjenigen, die im Internet Hass verbreiten, gar nichts ausmacht, das unter ihrem eigenen Namen zu tun. Die Google-Mitarbeiterin Dana Fried hat 2021 bei Twitter eine Theorie vorgebracht, warum sich der Glaube an die Anonymität als Ursache so lange halten konnte: „Weiße Typen glauben gern, dass Anonymität das Problem mit Online-Räumen ist, weil Belästigung in Räumen, wo niemand Hautfarbe, Geschlecht etc. kennt, viel öfter gleichmäßig verteilt ist, und deshalb weiße Männer in diesen Räumen eher belästigt werden.“

Zur Person

Kathrin Passig schreibt jede Woche in der FR über Themen des digitalen Zeitalters. Sie ist Mitbegründerin des Blogs „Techniktagebuch“. www.kathrin.passig.de.

„Je Türenknall, desto wiederkomm“: Alle 2020 in FR7 veröffentlichten Kolumnen gibt es nun als Buch, Infos unter www.kathrin.passig.de/buecher.

Lesen Sie ihre Kolumnen auch online unter www.fr.de/update

In vielen Berufen ist es keine Option mehr, einfach das Handy auszuschalten

Manches ist also schon lange unverändert, anderes ist schwieriger geworden in den vergangenen Jahrzehnten: Das Internet hat Nachrichtenwert auch in den traditionellen Medien bekommen, die als Hass-Verstärker wirken. Und in vielen Berufen ist es keine Option mehr, einfach das Handy auszuschalten. Ganz normale Menschen brauchen Instagram, YouTube, Facebook, Twitter für ihre ganz normalen Tätigkeiten. Selbst wenn es nicht so wäre und nur TikTok-Influencerinnen, die Glitzersmoothies aus pürierten E-Scootern anpreisen, das Internet beruflich nutzten, wäre es immer noch falsch, bei Problemen „mach doch einfach mal das Handy aus“ zu sagen. Denn das Argument ist immer dasselbe: „Du machst neumodisches Zeug, das mir persönlich überflüssig erscheint. Wenn du dafür beschimpft wirst, geschieht es dir ein bisschen recht. Und wenn dich diese Beschimpfungen stören, solltest du das Gerät einfach ausschalten, denn es ist ja überflüssig. Schau mich an, ich brauche es nicht und bin auch zufrieden.“

Kathrin Passig.
Kathrin Passig. © Norman Posselt

Bis hierhin hat sich diese Kolumne an Menschen gewendet, die schon mal zu Internethass-Betroffenen „mach doch einfach mal das Handy aus“ gesagt oder sich das im Stillen gedacht haben. Aber jetzt kommt auch für die, die es bisher nicht getan haben, ein unangenehmer Punkt. Denn eines Tages wird ziemlich sicher eine Kommunikationsform erfunden, die jetzt aber wirklich absurd und überflüssig aussieht. Und wenn jemand auf diesem Weg beschimpft oder bedroht wird, müssen wir uns alle zusammenreißen und dürfen nicht „selber schuld, zieh doch einfach mal deine Connect-Socken aus“ sagen. Denn der Vorschlag wird dann noch genauso falsch sein wie heute oder vor dreißig Jahren. (Kathrin Passig)

Auch interessant

Kommentare