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Institut für Sozialforschung: Im Angstschweiß Adornos

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Von: Arno Widmann

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Aufnahme von 1955: Theodor W. Adorno (Mitte) mit Horkheimer (an seiner rechten Seite) und anderen bei einer Besprechung im IfS. Theodor W. Adorno Archiv
Aufnahme von 1955: Theodor W. Adorno (Mitte) mit Horkheimer (an seiner rechten Seite) und anderen bei einer Besprechung im IfS. Theodor W. Adorno Archiv © Theodor W. Adorno Archiv

Vor 100 Jahren gegründet: Erinnerung an die Besetzung des Instituts für Sozialforschung im Januar 1969.

Gegründet wurde das „Institut für Sozialforschung“ 1923, also in einem der schwierigsten Jahre der Weimarer Republik – Ruhrbesetzung, rechte und linke Putschversuche, Inflation. Kein Wunder, dass die offizielle Eröffnung erst am 22. Juni 1924 stattfand. Finanziers waren Hermann Weil (1868–1927) und sein Sohn Felix (1898–1975). Weil und Co. waren über Jahre die größten Getreidehändler der Welt. Bertolt Brecht erwog einmal, ein Stück über das Institut zu schreiben: „ein reicher alter mann (der weizenspekulant weil) stirbt, beunruhigt über das elend auf der welt. er stiftet in seinem testament eine große summe für die errichtung eines instituts, das die quelle des elends erforschen soll. das ist natürlich er selber.“ Dass Stück wurde nie geschrieben. Auch über Bill Gates ist nichts Vergleichbares auf die Bühne oder den Bildschirm gekommen.

Die Geschichte des Frankfurter Instituts sah ganz anders aus. Jeanette Erazo Heufelder hat in einem großartigen Buch uns aufgeklärt über den Mäzen Felix Weil: „Der argentinische Krösus. Kleine Wirtschaftsgeschichte der Frankfurter Schule“, erschienen im Berenberg Verlag. Felix Weil stand sein Leben lang den marxistischen Anfängen des Instituts näher als der seit 1931 unter Horkheimer entwickelten Kritischen Theorie. Es werden in der Frankfurter Rundschau noch weitere Beiträge zur Geschichte des Instituts für Sozialforschung erscheinen. Ich will mich hier nur auf ein paar Dinge konzentrieren, die mich sehr beeindruckt haben.

Da ist zunächst die legendäre Studie Erich Fromms aus den Jahren 1929/1930. Das Institut hatte 3300 Fragebögen unter Arbeitern und Angestellten verteilt. Ziel war herauszubekommen, wie groß ihr Widerstandspotenzial gegen den Nationalsozialismus war. Der Trick bei den Fragebögen war, dass man zwar Meinungen abfragte, dies aber so, dass das Ensemble der erhaltenen Antworten es erlaubte, einen Blick hinter die Meinung auf den Charakter zu werfen. Das Ergebnis, so lernte ich in den 60er Jahren, sei verheerend gewesen. Das Institut verlegte sein Vermögen nach Genf.

Ich liebte diese Geschichte. Empirische Sozialforschung einmal nicht für die Konsumindustrie, sondern für die Revolution. Naja. Ob es sich wirklich so verhielt, wird inzwischen von vielen bezweifelt. 1980 wurde die Studie veröffentlicht: „Erich Fromm: Arbeiter und Angestellte am Vorabend des Dritten Reiches. Eine sozialpsychologische Untersuchung“, herausgegeben von Wolfgang Bonß (DVA).

Am 12. September 2009 erschien in der Frankfurter Rundschau ein Artikel mit dem Titel „Ist der autoritäre Charakter ausgestorben? Machen Sie selbst die Probe aufs Exempel“. Wir druckten eine abgewandelte Fassung der Frommschen Befragung ab. Als wäre es einer der zahllosen Psychotests, wie sie in Illustrierten zu finden sind. Jede Leserin, jeder Leser konnte mit Hilfe eines Punktesystems selbst feststellen, wie autoritär ihr oder sein Charakter war. Jedenfalls im Spiegel dieses Tests. 1950 veröffentlichte das Institut unter Leitung von Theodor W. Adorno „The Authoritarian Personality“, eine Studie, die immensen Einfluss hatte. Auch auf die Entwicklung der Sozialpsychologie in den USA. Sie war von Anfang an umstritten. Sowohl was die Befragungs- als auch, was die Auswertungstechniken anging. Aber nichts Gutes ist unumstritten.

Adornos Untersuchung war eine Fortschreibung der Frommschen, aber nicht mehr mit dem Ziel, herauszubekommen, wie und mit wem sich gegen den Nationalsozialismus arbeiten ließ. Jetzt ging es vielmehr darum, die autoritäre Persönlichkeit selbst aufzudecken. Worin zeigt sie sich? Worin verbirgt sie sich? Das interessierte die, die 1968 rebellierten. Viele ihrer Aktionen zielten genau darauf: die Demaskierung des autoritären Staates. Sie wollten sich nicht freuen an der – endlich – liberalen Fassade, sondern es ging ihnen darum zu zeigen, was sich dahinter verbarg. Darum provozierten sie. Viele gingen davon aus, dass unter dem Pflaster der Bundesrepublik nicht der Strand der Freiheit, sondern der immer bereite Faschismus lag. Er musste sichtbar gemacht werden, um geschlagen werden zu können. Dachten wir. Vielleicht dachten wir es weniger. Aber wir empfanden doch so.

Hierin lag die Aktualität und die verführerische Kraft der Kritischen Theorie. Sie hatte uns beigebracht, dass wir in Fesseln lagen. Fesseln, die uns gefangen hielten, ohne dass wir von ihnen wussten. „Verblendungszusammenhang“ war das Zauberwort. Solange wir nur lasen, war das einleuchtend oder auch nicht. Sobald wir uns bewegten, spürten wir, dass wir frei waren. Es gab kein Versammlungsverbot. Wir durften den einen oder den anderen Verein gründen. War die Theorie falsch? Wir bewegten uns weiter. Bis die Theorie stimmte. Sie hatte recht: Wir waren gefesselt. Wir gehorchten Autoritäten. Rechtsstaat und Parlament waren welche. Je mehr wir uns bewegten, desto mehr entdeckten wir.

Die einen arbeiteten an der Aufdeckung immer neuer Autoritäten, die anderen hatten längst das Recht auf Faulheit entdeckt. Noch etwas: Die Kritische Theorie hatte die Familie als eine der zentralen Instanzen der Durchsetzung und Vermittlung von Autorität erkannt. Kommune I und II erklärten ihr den Krieg. Man könne, so erklärte Adorno, Theorie nicht einfach umsetzen in die Wirklichkeit. Er erklärte es denen, die genau das taten und es als große Befreiung erlebten.

Diese Auseinandersetzungen fanden damals überall auf der Welt statt. Auch im Institut für Sozialforschung. Von dem sie doch 30 Jahre zuvor ausgegangen waren. Nicht nur als Theorie, sondern auch als auf Befragungen gestützte Empirie. Das Institut spielte damals als Forschungsstätte für die 68er keine Rolle mehr. Aber in den Seminaren wurde heftig diskutiert. Nicht zuletzt über die Praxisrelevanz – ein mit einem Male wichtig gewordenes Wort – der Theorie.

Die Kritische Theorie hatte mit Familie und Kindererziehung die Frauen auf den Plan gerufen. Sie sahen nicht mehr ein, den Revolutionären den Dreck wegräumen zu müssen. Sie griffen sie an, verschafften sich Gehör. „Patriarchat“ beschrieb keine Vergangenheit mehr, sondern die Gegenwart, in der wir lebten. Seit Jahrtausenden.

Manchmal kam einem an einem Winterabend in einem der Räume des Instituts die Idee, dieser Raum expandiere mit jedem Satz. Über die ganze Welt. Das Institut und seine Gedanken wären zu einem global player geworden wie Weil und Co. es einmal gewesen waren. Herbert Marcuse, einer der ehemaligen Mitarbeiter des Instituts, hatte mit Stichworten wie dem von der repressiven Toleranz einen fast die ganze Welt umfassenden Echoraum.

Am 31. Januar 1969 wird das Institut für Sozialforschung von Studenten gestürmt. Die Leitung zeigt die Beteiligten wegen Hausfriedensbruchs an und ruft die Polizei. Um 14.50 Uhr kommt sie. Um 15.28 Uhr ist das Gebäude geräumt. Ich war nicht dabei. Ich war aber im Prozess. An dem Tag, an dem Adorno aussagte.

Ich war entsetzt. Ich schämte mich. Ich hatte ihn so sehr bewundert. Jetzt war er Zeuge. Ich glaubte ihm jedes Wort. Er hatte sicher mit allem Recht. Aber musste er sich dauernd verbeugen, musste er unentwegt „Herr Vorsitzender“ sagen. „Wenn’s der Wahrheitsfindung dient“, sagte Fritz Teufel und erhob sich. Das war doch mehr Adorno als Adornos Katzbuckelei. Ich schämte mich für Adorno, und ich schämte mich meiner Scham. Ich weiß nicht, ob es noch in derselben Nacht war oder ein paar Nächte später. Ich hatte einen Traum. Wir standen in einem Aufzug. Dicht aneinander gepresst. Der Aufzug hielt an. Wir waren eingesperrt. Weit oben hätten wir aussteigen können. Aber wir kamen dort nicht hin. Adorno schwitzte. Er schwitzte so sehr, dass sich eine Lache bildete, dann stieg sein Schweiß immer höher. Wir schwammen ins Freie. Im Angstschweiß Adornos.

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