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Die „Mall of Berlin“ in Zeiten des Lockdown.
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Die „Mall of Berlin“ in Zeiten des Lockdown.

Geschäfte

Innenstädte in der Krise: Das Aufräumen organisieren

  • vonRobert Kaltenbrunner
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Wie Online-Handel und Covid-19 die Innenstädte in die Zange nehmen.

Vom US-amerikanischen Regisseur und Komiker Woody Allen stammt der schöne Satz: „Ganz ohne Frage gibt es eine Welt des Unsichtbaren. Das Problem ist, wie weit ist sie vom Stadtzentrum weg, und wie lange hat sie offen?“ Das Bonmot ist hintergründiger, als es zunächst den Anschein hat. Da muss man nur an die – scheinbar ewig währende – Karstadt-Krise denken: Der stetig steigende Online-Handel erhöhte bereits in der Vergangenheit den Druck auf die Einzelhandelslandschaft in deutschen Städten. Und Covid-19 setzt nun diesbezüglich noch einen drauf.

Blicken wir kurz zurück: Seit jeher entfalten sich Märkte innerhalb der Stadtmauern und lassen Siedlungen wie Wohlstand sprießen, bildeten Läden und Geschäfte den Kern des urbanen Gewebes. Das gesellschaftliche und ökonomische Umfeld verändert sich allerdings in den letzten Dekaden empfindlich. Lebte früher eine Stadt von ihrem Handel und Gewerbe – jeder konnte dies täglich erspüren und sehen, Erfolg und Verlust gingen ihn unmittelbar an –, hat sich dies heute stark gedreht. Das Urbane ist nur noch bedingt der zentrale Handelsplatz. Mehr noch: Es scheint sogar eine erhebliche Entfremdung zwischen Stadt und Handel zu geben, weil sich die betriebswirtschaftliche Logik nicht mehr mit den alten Argumenten der Stadtentwicklung deckt. Der Markt nutzt die Stadt als bloße Plattform, ist regelmäßig aber kaum willens, ihr etwas zurückzugeben. Und dennoch bestimmte bis vor kurzem das Shopping das Aussehen der Städte in einem nie dagewesenen Maße. Zeig mir, wo du kaufst, und ich sage dir, wer du bist, hieß es lange.

Der renommierte Stadttheoretiker Rem Koolhaas behauptete sogar, dass das Shopping in un-serer Gesellschaft die letzte verbliebene „öffentliche Handlungsweise“ darstelle, eben weil der öffentliche Stadtraum von Kaufmechanismen geregelt und alle anderen Bereiche urbanen Lebens vom System des Kaufens und Warenverkaufs verdrängt werden. Das mag überzeichnet, vielleicht auch schon wieder überholt sein, weil die virtuellen Welten völlig unbeachtet bleiben. Gleichwohl darf man festhalten: Seit aus dem Einkauf für den täglichen Bedarf die gängige Freizeitbeschäftigung „Shopping“ geworden ist, bemächtigte es sich mehr und mehr der Stadt.

Das ging Hand in Hand mit architekturtypologischen und stadträumlichen Innovationen: der Passage, der Fußgängerzone, den Centern und Malls. Doch in einer irrwitzig schnelllebigen Konsumwelt verändern sich auch die als hip und verkaufsfördernd angesehenen Bühnen. Wo das Produkt beinahe zur Nebensache wird, braucht es Erlebniswelten und verkaufsfördernde Atmosphäre, was sich in ständig wechselnden baulichen Wünschen und Anforderungen an die City niederschlägt. Oft genug wird gerade noch die Eröffnung eines schillernden Konsumtempels gefeiert, während drei Straßen weiter der kurz zuvor noch gefeierte Showroom bereits wieder leerzufallen droht. Während die Märkte ein für Städte ungesundes Tempo vorgeben, bleibt dem Städtebau immer öfter nur noch, das Aufräumen zu organisieren.

Das gilt heute mehr denn je. Befeuert durch das Virus und seine Implikationen steckt der stationäre Einzelhandel in Deutschland mitten im wohl größten Umbruch seiner Geschichte. Der traditionelle Ladenverkauf in den Einkaufsstraßen wird weiter geschwächt; dies wird Hand in Hand gehen mit dem Rückgang lokaler Dienstleistungen hin zu denjenigen Anbietern, die weiträumig agieren. Der Handelsverband Deutschland (HDE) geht von 50 000 Geschäften aus, die durch die Corona-Pandemie schließen müssen.

Zugleich offenbaren Shoppingmalls und Kaufhäuser aktuell einen erheblichen Anpassungsbedarf: Die großen, meist in zentralen Lagen der Innenstädte gelegenen Kaufhausfilialen (Karstadt, Kaufhof) und große Filialisten (u. a. C & A, Runners Point, Sport Check, Zara) stehen unter Druck. Und Deutschlands größter Shoppingmall-Betreiber ECE kündigte im Sommer 2020 sogar an, keine weiteren Malls mehr zu bauen.

Wenn nun von Immobilienfirmen und seitens der Projektentwicklung weiterhin die Attraktivität und Notwendigkeit der Innenstadt als Handelsort gepredigt wird, dann bleibt offen, ob es nicht nur darum geht, ein Geschäftsmodelle und hohe Mieten zu retten. Vermutlich wird der Aufstieg von Ladenketten beziehungsweise Filialen unter der Prämisse der Konsolidierung und Zentralisierung fortschreiten.

Jedenfalls werden all diese Verschiebungen mit raumbezogenen Auswirkungen einhergehen, was freilich auch höhere Leerstandsquoten impliziert. Akut sind deshalb innovative Nutzungskonzepte vonnöten, insbesondere für peu à peu „sterbende“ Warenhäuser. Wie können durch experimentelle Formate – temporäre Lösungsansätze, kreatives Leerstandsmanagement – Innovationsprozesse unterstützt werden? Wären Erdgeschosse, die jüngst noch Läden beherbergten, nicht geeignet, um gemeinschaftliche Einrichtungen aufnehmen? Und welche Finanzierungs- und Trägerschaftsmodelle bräuchte es dafür?

Die – offene – Frage nach der Zukunft des Einzelhandels unterstreicht aufs Neue, dass die Stadtentwicklung stets auch von immobilienwirtschaftlichen Erwägungen und Interessen geprägt ist. Beispielsweise wurde bei der Citybildung im 19. und frühen 20. Jahrhundert eine ökonomisch geringerwertige Nutzung – also vor allem das Wohnen – durch eine höherwertige Nutzung, das waren Handel und Verwaltung, aus den Stadtzentren verdrängt. Das wiederum löste begreiflicherweise erhebliche Investitionen aus. Sollten sich nun umgekehrt Handel und Verwaltung aus den Stadtzentren zurückziehen, dann würde das nicht automatisch Investitionen freisetzen.

Es gibt in dieser Situation kein Patentrezept. Freilich zeigen erste Einschätzungen, dass sich gemischte Stadtquartiere und Stadtzentren als krisenfester und anpassungsfähiger erwiesen haben als monofunktionale Zentren. Dort wurden inhabergeführte Geschäfte und Gastronomie zum Teil durch solidarische Nachbarschaften unterstützt.

Genau damit allerdings erweist sich auch, dass die urbane Shoppingfrage mit mancher Lebenslüge unserer Gesellschaft verbunden ist. Vor Jahrzehnten wurde das Aussterben des Tante-Emma-Ladens beklagt. Betrauert von vielen Menschen, die dennoch lieber in die Supermärkte strömten und mittlerweile womöglich aufs Internet umgestiegen sind. Drogerieketten kamen und verschwanden, und auch Discounter sind nicht für die Ewigkeit gebaut.

Wer seinen Kiosk oder Späti liebt, darf sich den Sixpack nicht an die Haustür liefern lassen. Wer Cafés mag, muss seinen Kaffee nicht in Pappbechern forttragen. Wer Schreiner schätzt, sollte seine Möbel nicht nach weltweit lesbaren Piktogrammen zusammenschrauben. Und so weiter. Es ist verdammt schwer, das Alte, Vertraute, Geschätzte zu bewahren. Es gelingt, wenn überhaupt, auch nur in Maßen. Aber es liegt immer auch an uns selbst.

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