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Das Fontane-Denkmal, das Max Wiese in Neuruppin schuf.
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Das Fontane-Denkmal, das Max Wiese in Neuruppin schuf.

Ausflug

In und um Neuruppin mit Theodor Fontane: Ausfahrt in die alte Zeit

  • VonPeter Iden
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Mit Theodor Fontane am Neuruppiner See.

Die Ausstellung, die zu der Reise nach Berlin veranlasst hatte, war nach der Ankunft vor Ort abgesagt worden. Die notorische Berliner Betriebsamkeit an einem weiteren Wochenende des Lockdowns wie gelähmt. In dem Hotel mit acht Stockwerken nahe dem Tiergarten keine zehn Gäste. Menschenleere allüberall. Am Morgen dann spontan die Idee einer Ausfahrt. Nach Neuruppin, nur eine knappe Autostunde entfernt.

Das Städtchen, in dem heute 30 000 Menschen leben, war noch gegen Ende der DDR einmal besucht worden. Schon damals sind die Versuche zu sehen gewesen, die verfallende Altstadt zu restaurieren und zu beleben – das ist inzwischen auf allerdings wenig überzeugende Weise vorangetrieben worden. Dem alten Stadtkern vorgelagert, sind (wie hundertfach auch im Westen Deutschlands) Geschäftsbereiche ohne erkennbar urbane Struktur entstanden, ein klein-amerikanisches Durcheinander von Autohäusern, Möbelläden, Elektro- und Elektronik-Geschäften, Werkstätten aller Art, und McDonald’s natürlich.

Das diffuse Neue reicht bis ins Zentrum, der rechtwinklige große Platz in der Mitte der Stadt, einst Paradeplatz und einer der in seinem Maß erstaunlichsten städtischen Freiräume in Deutschland – ist vor lauter Autos, die ihn parkend umzingeln, als Ereignis kaum noch wahrnehmbar. 1787 war die Provinzialstadt von einem gewaltigen Feuer fast vollständig zerstört worden, sie wurde wiedererbaut, als wäre sie eine Residenzstadt, daher die Weiträumigkeit der breiten Straßen und Plätze. Verkehrsbedingt wirkt das alles jetzt wieder enger, auch kleinmütig.

Nicht so aber der Ruppiner See und die Promenade, die zwischen seinem Ufer und der vom großen Brand verschonten Klosterkirche, einem gotischen Backsteinbau aus dem Jahr 1253, verläuft und viele, ganz unterschiedliche Ansichten freigibt auf den See, von dem Theodor Fontane bemerkt hat, er habe „fast die Form eines halben Mondes“. Fontane – Neuruppin, der See, die Bauten, die Geschichte derer, die hier gelebt, geherrscht, das Schicksal der Einwohner bestimmt haben und hier gestorben sind, Neuruppin ist seine Stadt.

Hier wurde er 1819 (im noch erhaltenen Haus der Löwenapotheke) geboren, als Sohn eines Apothekers wie er dann selber einer wurde, bis er, zuerst als Journalist und in der Folge als unvergleichlich einlässlicher Chronist und Romancier zu bleibendem Ruhm kam. Keiner hat wie er in den weit zurückreichenden Schilderungen der Geschichte der Mark Brandenburg und ihrer Menschen derart sein eigenes Leben eingesetzt und dargetan wie Fontane. In der noch von ihm selbst durchgesehenen Ausgabe letzter Hand, die die Edition des Gesamtwerks von insgesamt dreizehn Bänden im Hanser Verlag bildet, füllen allein die „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ drei Bücher von jeweils fast tausend Seiten. Fontane war der Inbegriff des genauen und unnachgiebigen, dabei zugleich alles Wahrgenommene gelassen reflektierenden Beobachters. So hat der in Frankfurt lebende Künstler Ottmar Hörl ihn, wie schon mit Dürers Hasen oder bei Karl Marx in Trier, hier also Fontane anlässlich des 200. Geburtstags 2019 im Auftrag Neuruppins mit einer Installation von gelb gefassten, lebensgroßen Skulpturen dargestellt, Nachbildungen einer aufrechten herrschaftlichen Gestalt, die Hände entspannt auf dem Rücken, den Blick voraus.

Schier überwältigend und den Leser von heute bis zur Erschöpfung herausfordernd ist der Reichtum an Details der Beschreibungen der sozialen Verhältnisse in den Regionen Brandenburgs und der Charaktere, das Alltägliche und die kleinen und größeren Abenteuer einzelner Menschen, von denen Fontane sich anhand alter Chroniken und überlieferter Legenden über Jahrhunderte hin Kenntnis verschaffte. Wer hat jemals so hingegeben sich einen eigentlich doch entlegenen Landstrich erschlossen und so ausführlich davon zu erzählen vermocht? An Goethes „Italienische Reise“ wird man denken, jüngeren Datums auch an Eckart Peterichs drei detailverliebte Bände über Italien – aber da ging es immerhin über ein Land, „in dem im dunklen Laub die Goldorangen glühn“. In Brandenburg gibt es Birnen.

Neuruppin ist 1781 auch der Geburtsort von Karl Friedrich Schinkel, Baumeister, Stadtplaner und Maler, als Architekt ein preußischer Protagonist der Neo-Gotik, der vor allem im nahen Berlin ein Arbeitsfeld fand, von dem viele Spuren – unter anderem das Schauspielhaus am Gendarmenmarkt, die Schlossbrücke und sein Bau auf der Museumsinsel – bis heute zeugen. Zu tatsächlich weltweitem Ruhm kam die Kleinstadt am See jedoch durch die Erfindung eines gewissen Johann Bernhard Kühn: Die „Neuruppiner Bilderbogen“, auf Stein gedruckte, kolorierte Bilder alltäglicher Szenen, Augenblicken von Liebeslust und Liebesleid ebenso wie bildliche Anleitungen für Bastelarbeiten von Kindern, gewidmet also dem Ernsten wie dem Verspielten, mitunter ironisch grundiert, brachten es zwischen 1810 und 1937 auf 20 000 Motive. Es sind das entfernte Vorläufer der englischen und amerikanischen Pop Art der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Zwar auf andere Art als Fontane und doch ihm auch nahe in dem Versuch, ein Bild der Welt und der Gesellschaft zu geben, aus der Schilderung dessen, was sie als großes Ganzes im Einzelnen zusammenhält.

Dabei aber gab es immer auch Menschen mit einem wundersamen Drang, einer Neugier, hinauszureichen über den Taghorizont. In dem Garten vor der Klosterkirche am Neuruppiner See hat man erst kürzlich eine Linde vor dem Absterben gerettet, deren Alter auf 700 Jahre geschätzt wird. Der Legende nach soll ein ferner Graf, älter noch als die Geschlechter, von denen Fontane weiß, sie vor seinem Tod gepflanzt haben zum Zeichen des Versprechens, er werde auf alle Zeit an einem Tag im Jahr in einer Kutsche wiederkommen, um zu sehen, was aus seiner Welt und den Menschen am See geworden ist. Ein Wunsch über das Ende hinaus – wer möchte ihn nicht sich denken? Dazu hingegen Fontane, als Einleitung des Kapitels der „Wanderungen“ über die Ruppiner Kaufmannsfamilie Gentz: „Tor! wer die Augen nach dem Jenseits richtet,/ Sich über Wolken seinesgleichen dichtet!/ Er stehe fest und sehe h i e r sich um,/ Dem Tüchtigen ist diese Welt nicht stumm./ Was braucht er in die Ewigkeit zu schweifen,/ Was er erkennt, das will er auch ergreifen“.

Ja, auch so sehen und verstehen sie sich in Brandenburg.

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