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Saul Ascher gegen Friedrich Merz, 1815: „In jedem Staat Anspruch auf Rechte“

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Von: Arno Widmann

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Berliner Auseinandersetzung: 1815 widerlegte Saul Ascher, was Friedrich Merz 200 Jahre später sagte. pa/dpa
Berliner Auseinandersetzung: 1815 widerlegte Saul Ascher, was Friedrich Merz 200 Jahre später sagte. pa/dpa © dpa

Der jüdische Philosoph und Pamphletist Saul Ascher starb vor 200 Jahren. Er lieferte bereits Argumente gegen Friedrich Merz.

Heute vor zweihundert Jahren starb Saul Ascher. Der jüdische Philosoph, Übersetzer, Pamphletist, geboren 1767, war ein hervorragender Vertreter der Berliner Aufklärung. Das Werkverzeichnis in dem 2010 von Renate Best im Böhlau-Verlag erschienenen Band „Saul Ascher: Ausgewählte Werke“ nennt 47 Veröffentlichungen des Autors. Neben sehr meinungsstarken Interventionen schrieb Ascher auch Erzählungen. Sein Todestag wäre wohl kaum eine Erinnerung wert, wenn er nicht so schrecklich recht und so schrecklich unrecht gehabt hätte.

Wer sich davon ein Bild machen möchte, der lese im „Projekt Gutenberg“ im Internet seine 1815 erschienene Broschüre „Die Germanomanie – Skizze zu einem Zeitgemälde“. Es ist einer der beeindruckendsten Texte jener Zeit. Es ist das Jahr der Schlacht bei Waterloo, dem endgültigen Ende der Herrschaft Napoleon I. 1815 brach auch der indonesischen Vulkan Tambora aus, der größte jemals in der Menschheitsgeschichte aufgezeichnete Vulkanausbruch. 1816 ging darum als „Jahr ohne Sommer“ in die Geschichte ein. Napoleon war Aschers Hoffnung gewesen. Wo er herrschte, waren Juden gleichgestellte Staatsbürger. Das war das eine. Das andere war Aschers Glaube an die Menschheit. Dass sie zerfiel in die Bewohner vieler Staaten, erschien ihm als ein zu überwindender Überrest unaufgeklärter Vergangenheiten.

Seine Kampfschrift „Germanomanie“ wandte sich beredt und mit Verve gegen den Wahn, den Deutschen zu erzählen, an ihnen sei alles gut und sie müssten nur als Fremde abwerfen, um stark, groß und bedeutend zu sein.

Dagegen erinnerte er daran, dass kaum ein großer in Deutschland geborener Gedanke nicht auf die Beschäftigung mit anderswo Gedachtem zurückgehe. Ließe man zum Beispiel die Antike weg, so blieb nur wenig übrig. Er spottet über die Versuche, Homer aus den Schulen zu vertreiben und Ilias und Odyssee durch das Nibelungenlied zu ersetzen.

Besonders absurd findet er den Versuch der Entwicklung einer deutschen Theologie. Die Anstrengungen an die Stelle des überkommenen Protestantismus auch in Norddeutschland eine mystische sich auf katholische Traditionen besinnende Gotteslehre zu entwickeln, hält er für ein Ausweichen vor den politischen Realitäten „der vergangenen 25 Jahre“, das soweit ginge, Appetit auf das Mittelalter wecken zu wollen.

Ein vergebliches Geschäft, meint Ascher. Der Aufklärer kämpft gegen eine Romantik, die uns gegen Skepsis und Zweifel zurücktreiben möchte in den Schoß der einen richtigen Lehre. Das Verlangen, an die Stelle der Politik die Herkunft zu setzen, zeichnet die Germanomanen aus.

Alles, was Ascher dazu sagt, stimmt. Bis auf das eine, woran er keine Sekunde dachte: den Germanomanen gehörte die Zukunft. Er machte sich lustig über sie. Er glaubte, ihr nostalgischer Blick in eine ferne Vergangenheit ließe sie nicht die Erfordernisse des Tages erkennen. Das war falsch. Die bürgerliche Gesellschaft kam – nicht nur in Deutschland - noch lange ohne einen bürgerlichen Staat aus. Aschers Vorstellung vom Fortschritt war falsch. Der konnte in verschiedensten Mischungsverhältnissen auftreten. Man konnte das ganze 19. Jahrhundert – und auch darüber noch weit hinaus – behaupten, ein christlicher Staat zu sein und gerade darum modern. Die Entwicklung der Industrie war nicht darauf angewiesen, Juden die Staatsbürgerschaft zu gewähren. Deutscher, so hieß es damals, könne man nur sein, wenn man Christ sei. Ascher schrieb sich dagegen in zahlreichen Broschüren die Finger blutig. Er wusste warum. Er war ganz sicher nicht überrascht, als von ihrem Deutschtum begeisterte junge Männer 1817 beim Wartburgfest auch seine Bücher verbrannten. Ascher schrieb schon in der „Germanomanie“; „um das Feuer der Begeisterung zu erhalten, muss Brennstoff gesammelt werden, und in dem Häuflein Juden wollten unsere Germanomanen das erste Bündel Reiser zur Verbreitung des Fanatismus hinlegen.“

Auf dem Weg vom Weltbürgertum zum Nationalstaat wurden die Juden geopfert. Keine Nation wird geboren ohne den Ausschluss anderer. Kein Deutschland ohne Judenverfolgung. Das war für die, die Augen hatten zu sehen, schon klar lange bevor es Deutschland gab. Über das Staatsbürgerrecht wurde schon damals heftig gestritten. Wer Ascher heute liest, der erschrickt über das Alter eines Friedrich Merz. Der führt Argumente an, gegen die Ascher schon 1815 nein, nicht Sturm lief. Ascher macht sich lustig darüber, dass in diesen aufgeklärten Zeiten noch jemandem die Bürgerrechte aberkannt werden können. Ascher schreibt: „Wir sind, dem Himmel sei Dank! so weit gekommen, dass wir die Menschen nicht in Stämme und Rassen einteilen… Die menschliche Gattung wird jetzt durch den Namen Menschheit in staatsrechtlicher Hinsicht nach ihrem ganzen Umfange aufgefasst, und in welchen polizierten Staat ein Glied derselben hin versetzt wird, lässt man es Ansprüche auf die Rechte machen, welche die Regierung ihren Untergebenen sichert.“ Ascher weiß natürlich nur zu gut, dass es nicht überall soweit ist – „es sind noch Staaten vorhanden, wo dem Fremdling sich Beschränkungen entgegenstellen, die den freien Gebrauch seiner Kräfte hindern oder seine Tätigkeit hemmen“ -, aber er ist sich sicher, „dass allmählich in allen Regionen des Erdbodens jedem menschlichen Individuum ein gleicher Spielraum zur Übung seiner Kräfte gesichert werden wird.“

So etwas wagt heute niemand mehr, auch nur zu denken. Nicht einmal die Utopie des Weltbürgertums ist uns geblieben. Dabei sind wir de facto heute mehr Weltbürger als wir es jemals waren. Es bedarf keines Vulkanausbruches mehr, um uns vor Augen zu führen, wie abhängig wir von Geschehnissen sind, die Tausende Kilometer entfernt von uns sich abspielen. Unser Alltag hängt in nahezu jedem seiner Teile von der Versorgung mit Materialien aus allen Ecken der Welt zusammen. Frankfurt ist darauf angewiesen, dass die Wälder des Amazonas nicht weiter abgeholt werden. Gleichzeitig brauchen wir seltene Erden zu möglichst günstigen Preisen, wenn unsere Kommunikation funktionieren soll. Das Weltbürgertum ist also das Gebot der Stunde

Ascher sah einen anderen Grund, der dem Nationalgeist den Garaus machen würde. Die Fürstenhäuser – er sprach von „Regierungen“ – seien inzwischen alle so eng mit einander verwandt, dass Kriege zwischen ihnen nicht mehr denkbar seien. Wir wissen, dass das ein Irrtum war. Der deutsche Kaiser Wilhelm II. war einer der Enkel der englischen König Victoria. Das hindert ihn nicht, gegen Großbritannien Krieg zu führen. Die europäische Geschichte zeigt mit all ihren Erbfolgekriegen, dass gerade die Verwandtschaft immer auch ein guter Grund war, Krieg zu führen.

Noch einmal zurück zur Debatte ums Staatsbürgerrecht: Gegen das der Juden wurde damals ins Feld geführt, sie müssten erst ihr Judesein aufgeben, alles ablegen, was nicht deutsch sei, sich dem Deutschen „ganz hingeben und gleichstellen“, dann könne man in Erwägung ziehen, ihnen das deutsche Staatsbürgerrecht zuzusprechen. Diese Debatte war damals völlig hypothetisch. Es gab keine deutsche Staatsbürgerschaft. Der Deutsche Bund bestand aus 35 deutschen Staaten und vier freien deutschen Städten. Eine davon war Frankfurt am Main. Das waren souveräne Staaten jeder mit eigen Regelungen seiner Staatsbürgerrechte. Es gab noch kein Deutschland, aber die Germanomanen wussten schon: Judenfrei musste es auf jeden Fall sein.

Ascher schrieb damals - heute auch lesbar als ein Beitrag zur Doppelstaatsbürgerschaft: „Noch ist nicht nachgewiesen worden: dass ein Franzose, Jude, kurz jedes Individuum einer Nation im Auslande seine ganze innere Individualität völlig ablegt. Der Brennpunkt der kindlichen Gefühle und jugendlichen Eindrücke bleibt immer im menschlichen Busen zurück. Wer etwas anders von einem Fremdlinge zu glauben sich berechtigt fühlt, wer ahnen kann, dass er seine ganze Individualität zu unterdrücken vermag, der setzt bei ihm eine Geistesstärke voraus, die ihn verhindern wird, die Eigenheiten der Nation, unter die er sich begibt, anzunehmen.“

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