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Norbert Saßmannshausen (l.) und Rolf Engelke.
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Norbert Saßmannshausen (l.) und Rolf Engelke.

„Archiv der Revolte“

In den Regalen lagert der Untergrund

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
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Aus dem antibürgerlichen Blickwinkel: Ein Besuch im Frankfurter „Archiv der Revolte“.

Hier verdichtet sich Geschichte auf engstem Raum. Am Rande des alten Campus der Frankfurter Universität, in einem sichtlich betagten Bürogebäude. Im Erdgeschoss Regale vollgestopft mit Büchern und Aktenordnern, an den Wänden Plakate, die von sozialen Bewegungen erzählen. Etwa vom Häuserkampf vor 50 Jahren, in dem sich Menschen im Gründerzeitviertel Westend gegen den Abriss ihrer Wohnhäuser zugunsten von Bürotürmen wehrten. Oder vom „Pflasterstrand“, der Zeitung der linken Sponti-Szene, die der spätere Grüne Daniel Cohn-Bendit vor bald 45 Jahren ins Leben rief. All das versucht das „Archiv der Revolte“ für die Nachwelt zu bewahren, auf gerade einmal 26 Quadratmetern.

Und mittendrin hocken Rolf Engelke und Norbert Saßmannshausen, die sich dem linken Erbe verschrieben haben und deshalb vor zwei Jahren einen gemeinnützigen Verein gründeten. Beide eint die Überzeugung, dass neben Berlin eben Frankfurt am Main „die Hauptstadt der Revolte“ in Deutschland war. Die Metropole des großen gesellschaftlichen Aufbruchs 1968: „Frankfurt hat ein Alleinstellungsmerkmal, es war der Sitz des Sozialistischen Studentenbundes, hier gab es das Institut für Sozialforschung, hier lehrte Theodor W. Adorno“, zählt Saßmannshausen auf, in seinem Berufsleben lange Geschäftsführer eines Jugendverbandes. Der 71-Jährige sammelt gemeinsam mit dem ein Jahr älteren früheren Lektor Engelke Zeugnisse sozialer Bewegungen. Die beiden machen viele „Lücken“ in der kollektiven Erinnerung aus, „Fakten, die in der gesellschaftlichen Wahrnehmung vollständig untergegangen sind“.

Beispiele dafür erzählen sie in Fülle. Wer weiß noch, dass bereits 1967, kurz nach der Ermordung des Studenten Benno Ohnesorg in Berlin durch den Polizisten Karl-Heinz Kurras, in Frankfurt ein Denkmal für den Toten errichtet werden sollte? Der Bildhauer Eberhard Fiebig hatte einen Entwurf gefertigt, doch Rektor und Senat der Frankfurter Goethe-Universität lehnten das Mahnmal ab, mit der Begründung, es könne als Kritik am gesellschaftlichen System der jungen Bundesrepublik verstanden werden. Darüber lachen die Archivare der Revolte noch heute grimmig.

Oder wer weiß noch, dass von 1973 bis 1981 in Frankfurt der bundesweite Informationsdienst für unterbliebene Nachrichten (ID) erschienen ist, als linke Gegenöffentlichkeit zu den bürgerlichen Tageszeitungen? Stolz zeigen die Archivare auf ihre vollständige Sammlung aller ID-Ausgaben. „Gibt es weder in der Deutschen Nationalbibliothek noch im Institut für Stadtgeschichte.“ Im November 1978 produzierte der spätere Grüne Jochen Vielhauer mit anderen zusammen in Frankfurt die Nullnummer einer neuen linken Tageszeitung, bald einfach nur taz genannt. Das „Archiv der Revolte“, das von der Stiftung Citoyen finanziell unterstützt wird, erzählt bundesdeutsche Geschichte aus einem antibürgerlichen Blickwinkel. Seit der Gründung im Frühjahr 2019 erfreut es sich vieler Spenden, Menschen bringen Fotos und Plakate, schleppen Schallplatten und Bücher an, Raubdrucke und Flugblätter. Schon jetzt ist das „Archiv“, zu dem noch ein Keller-Depot zählt, überfüllt. Der Standort soll deshalb nur eine Zwischenlösung sein, die Archivare setzen auf einen Umzug ins benachbarte alte Studierendenhaus, das zum „Haus der Kulturen“ umgestaltet werden soll.

Ihr größter Erfolg war bisher die Ausstellung zum 50-jährigen Jubiläum des Frankfurter Häuserkampfs, die im September und Oktober 2020 im Studierendenhaus trotz Corona-Pandemie noch organisiert werden konnte. Die Stadt Frankfurt unterstützte die Sache finanziell, kurz vor dem Corona-Lockdown kamen noch viele Menschen. Viele Jüngere seien darunter gewesen, erzählen die Kuratoren. Die Schau spannte einen Bogen von den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts bis in das Frankfurt der Gegenwart, in dem Gentrifizierung, Mangel an bezahlbaren Wohnungen und Bau immer neuer Luxuswohninseln an der Tagesordnung sind. Eine Hoffnung für die Archivare ist, dass die Menschen heute wieder „ihre Sache in die eigene Hand nehmen“ (Engelke), dass neue soziale Bewegungen entstehen, die aus den alten lernen. „Die Geschichte zeigt, dass die Menschen immer neu für ihre Rechte kämpfen“, sagt Saßmannshausen. Er sieht in diesen Wochen und Monaten vor den Bundestagswahlen im September eine bundesdeutsche Gesellschaft, in der es „unter der Oberfläche brodelt“. Es brauche nur eine „Initialzündung“, so hofft Engelke, dann entstehe eine neue, breite linke Protestbewegung.

Die Archivare planen, sobald es die Corona-Pandemie zulässt, neue Projekte. Ein wichtiges Thema wird bald der „Pflasterstrand“ sein. Im Oktober 1976 erschien in Frankfurt die Nullnummer des legendären Stadtmagazins. Sponti Daniel Cohn-Bendit, der zuvor als Studentenführer der Revolte von 1968 in Paris hervorgetreten war, griff als Herausgeber eine Parole dieser Zeit wieder auf: „Unter dem Pflaster liegt der Strand“ („Sous les pavés, la plage“). An der Wand im „Archiv der Revolte“ hängt ein Reprint des Titelblatts der ersten Ausgabe vor 45 Jahren. Als Zielsetzung formulierte man damals eine Berichterstattung, deren Spektrum „von den Makrobioten bis zur Revolutionären Zelle reicht, das unsere Fluchtwünsche und individuellen Schwierigkeiten ebenso aufgreift wie politische Dimensionen, die brutale Repression der Polizei ebenso wie die Selbstrepression unter uns Linken.“

Cohn-Bendit gehörte später zu den prominenten Grünen, wurde Stadtrat für multikulturelle Angelegenheiten in Frankfurt und Vorsitzender der grünen Fraktion im Europaparlament. Im „Archiv der Revolte“ bedauern sie wehmütig, „wie stromlinienförmig“ (Engelke) die heutigen Grünen geworden seien und schauen skeptisch auf die Partei, die sich in Frankfurt und im Bund bereit macht, politisch zu führen. Doch das ist eine andere Geschichte.

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