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Identitätskämpfe: Die schöne Fähigkeit, sich offen zu halten

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Von: Harry Nutt

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Apollo verfolgt Daphne, die sich darum in einen Baum verwandelt. Darstellung aus einer französischen Werbung für Liebig.
Apollo verfolgt Daphne, die sich darum in einen Baum verwandelt. Darstellung aus einer französischen Werbung für Liebig. © Imago

Selbstbestimmung, Offenheit und Fluidität gehören zu den Idealen sozialer Bewegungen. In aktuellen politischen Kämpfen werden diese in ihr Gegenteil verkehrt

In seinem Buch „Wenn Ich ein anderer ist“ beschreibt der französische Soziologe Jean-Claude Kaufmann die ebenso komplexen wie widersprüchlichen Vorstellungen, die mit der Idee und Praxis der individuellen Selbstfindung verknüpft sind. Das größte Missverständnis besteht für Kaufmann in der Annahme, es bei Identität mit etwas Substanziellem zu tun zu haben, auf das man zusteuern oder hinarbeiten könne. Vielmehr zeigt er in seiner angenehm einfach geschriebenen Studie aus dem Jahr 2008, die seine Arbeiten über so alltägliche Dinge wie Wäschewaschen und das Kochen als Amalgam des sozialen Lebens mit ein paar grundsätzlichen Überlegungen ergänzt, wie Identitätsbildungsprozesse Veränderungen sowohl ausgesetzt sind als auch erzeugen.

Ein Beispiel Kaufmanns handelt von einer Frau, die unschlüssig ist, ob sie sofort bügeln oder es auf den nächsten Tag verschieben soll. „Das erste Bild zeigt sie in einem energiegeladenen, aufrechten Körper, in einer Welt waltend, in der Ordnung herrscht und Regeln eingehalten werden.“ Sie erkenne sich in den Werten der Pflicht und der Arbeit derart wieder, dass die bloße Verrichtung der Dinge gleichsam Befriedigung zu verschaffen vermag.

Aber die Büglerin kennt auch einen anderen Entwurf, der auf Hedonismus und ein aktuelles Wohlbefinden aus ist. Damit geht eine Haltung einher, die den Auswüchsen der Ordnung kritisch gegenübersteht. „Die Empfindungen kehren sich um“, schreibt Kaufmann. „Im Gegensatz zur Arbeit, die eine tiefe Befriedigung verschafft, bietet die Faulheit ein verführerisches Vergnügen. Am Ende dieser Schlacht aus Bildern und Emotionen übernimmt die Büglerin eine der beiden Sichtweisen. Eine solche Wahl wird nicht nur darüber entscheiden, ob heute oder morgen gebügelt wird, sondern eine ganz existenzielle Positionierung anstoßen.“

Aus der Laune des Augenblicks, legt Kaufmann nahe, können Einstellungsveränderungen hervorgehen, die ganz elementar zu etwas beitragen, was heute unter kategorialen Begriffen wie Selbstbestimmung und Identität verhandelt und oft auch politisiert wird.

Wenn man das von Kaufmann beschriebene Phänomen der Identität, das er in seiner schönen und manchmal auch nicht so schönen Vielfältigkeit und Variabilität zeigt, mit den Haltungen vergleicht, die immer wieder in intensiv diskutierten Identitätskämpfen aufeinanderprallen, so fällt auf, wie sehr ein an sich fluides und im Wandel befindliches Ich in gesellschaftlichen Auseinandersetzungen auf Festlegungen zusteuert und nicht selten auch bugsiert wird. Angesichts seines unentwegten Bemühens, Herr oder Frau im eigenen Haus zu bleiben, wird das Ich damit konfrontiert, wie viele Türen, Fenster, Anbauten und Dachkammern es hat.

Ein häufig wiederkehrendes Element dessen, was unter dem arg strapazierten Begriff „Debatte“ kulminiert, sind denn auch Neudefinitionen und Setzungen, die anfangs als Angebot erscheinen mögen, schnell aber normativen Charakter annehmen. Auf eine fundamentale Liberalisierung in den Jahren 1968ff. folgt nun eine in viele Partikularismen zergliederte Regelhaftigkeit.

Aber es soll hier nicht um das Für und Wider von Gendersternchen gehen. Allenfalls wäre aus literarischer Sicht die Frage anzufügen, ob die Zeichen als normative Fixierung – und seien es auch welche der Nicht-Binarität und Offenheit – nicht einem Verständnis eines sogenannten ozeanischen Schreibens zuwiderlaufen, wie es der Schriftsteller und Musiker Thomas Meinecke unlängst im Rahmen seiner Berliner „Ricarda Huch Poetikdozentur für Gender in der literarischen Welt“ skizziert hat. Meinecke versteht sein Schreiben ausdrücklich als etwas, „das nicht männlich, aggressiv, invasiv ist, sondern vielmehr mit dem eher weiblich codierten Rezipieren als Tat zusammenhängt und dabei witzigerweise durchaus auch Männer mit einbezieht, die das auch können“.

Wie kaum ein anderer hat er in seinen Romanen die Vielfalt von Geschlechtlichkeit und den Ausdrucksformen des Begehrens gerade auch unter Einbeziehung theoretischer Diskurse und Sprachspiele beschrieben. Grenzüberschreitungen und Wandel sind ein immer wiederkehrendes Thema bei Meinecke, so dass die Fixierung auf das Schriftbild und lautliche Unterbrechungen des Sprachflusses als mindestens problematische Beschränkung erschiene.

„Ich wandelt sich unablässig“, schreibt Jean-Claude Kaufmann, „und bestätigt sich sogar selbst umso besser in seiner Subjektivität, wenn es ihm gelingt, sich anders zu erfinden.“ Die Prinzipien einer solchen Selbsterfindung und -bestimmung sind zweifellos auch in jene sozialen Bewegungen eingegangen, die im Namen einer wie auch immer gelagerten Identitätsbildung und -entfaltung für die Sichtbarkeit von gesellschaftlichen Gruppen eintreten, deren Angehörige sich als ausgegrenzt empfinden und deren Geschichten zweifellos auch im Kontext der Ausgrenzung und Unterdrückung dargestellt werden sollen und müssen.

Wenn es jedoch um die Formulierung und Behauptung damit verbundener politischer Ziele geht, wird die notwendige Freiheit der gelebten Differenz von Kämpfen um Deutungshoheit dominiert. Jüngstes Beispiel war dafür der Streit um einen Vortrag der Biologie-Doktorandin Marie-Luise Vollbrecht, der an der Humboldt-Universität zunächst abgesagt und dann unter veränderten Bedingungen nachgeholt wurde.

Im Rahmen einer Diskussion, die dann ohne Vollbrecht stattfand, zog Jenny Wilken von der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität ein apodiktisches Resümee: „Was transfeindlich ist, bestimmen Betroffene.“

Was zum Ende der Diskussion gesagt wurde, hätte an ihrem Beginn stehen sollen. Richtig ist zweifellos, dass das Empfinden von Betroffenen zur Bestimmung des Rahmens sozialer Interaktion von großer Bedeutung ist. Unstrittig ist also, dass Betroffene mit dem, was sie als Diskriminierung wahrnehmen, nicht nur Gehör, sondern auch Anerkennung finden müssen. Das Bedürfnis, dies auch mit juristischen Folgen zu implementieren, läuft nicht nur auf individuelle, sondern auch auf gesellschaftliche Festlegungen hinaus, in deren Definitionsrahmen Nichtbetroffene kurzerhand ausgeschlossen werden.

Vielleicht können ein paar literarische Abschweifungen zur Entspannung beitragen. Zur Erschließung des weiten Feldes der Identität jedenfalls lohnt es sich, auf Überlegungen des Literaturnobelpreisträgers Elias Canetti zum Thema Verwandlung einzugehen.

In seinem umfangreichen Werk ist es allgegenwärtig, ohne dass Canetti es jemals konkret gefasst hätte. Deutlich aber wird, dass er Verwandlung keineswegs nur als Vorgänge wundersamer Wechsel der körperlichen Gestalt versteht, wie sie sich in Märchen und Mythen vollziehen. Zwar schreibt Canetti sich als Dichter vor, „Hüter der Verwandlung“ zu sein, der sich „das literarische Erbe der Menschheit zu eigen machen (solle), das an Verwandlungen reich ist“. In diesem Sinne gehöre es zum „Beruf des Dichters“, so ein gleichnamiger Essay Canettis, sich allem und allen anzuverwandeln, die seinen Weg gekreuzt haben; und in diesen Verwandlungsprozess alles aufzunehmen, um es vor dem Tod des Vergessens zu bewahren.

Nicht minder wichtig aber ist es für Canetti, dass sich die Dichter ununterbrochen selbst verwandeln, um in einer Welt der Spezialisierung, der Arbeitsteilung und der angehimmelten Produktion zu zeigen, dass es menschliche Vielfalt überhaupt noch gibt. Es geht Canetti ganz ausdrücklich um wesenhafte Verwandlung, also Übergänge zwischen Mensch und Tier und Mensch und Mensch. Wie ein Mantra wird von ihm die dichterische Fähigkeit beschworen, sich offen zu halten, um Menschen in sich aufnehmen zu können.

Dass dies nicht nur metaphorisch zu verstehen ist, legt eine Charakterisierung Ruth von Mayenburgs nahe, mit der Canetti um 1930 befreundet war und die seine kannibalistisch anmutende Neugier auf Menschen beschreibt. „Oft gelang es ihm, mit einem einzigen Zubiss Herz und Nieren bloßzulegen und er ergötzte sich sowohl am Knochenmark wie am Gehirn seiner Opfer. Dabei kam ihm die einzigartige Fähigkeit zustatten, in jedem das Gefühl zu erwecken, noch niemals so bis in die geheimsten Abgründe seiner Seele, bis in die letzte Faser begriffen worden zu sein wie von diesem Menschenjäger.“

An den in den Mythen allgegenwärtigen Verwandlungen interessierte Canetti die Fluidität, die körperlichen Übergänge, die etwa ein flüchtendes Wesen zu wählen imstande war, um sich des tödlichen Zugriffs zu entziehen. Als Hüter der Verwandlungen erfreute er sich der reichen Gegenwart dieser Vorgänge, die er in den noch so kurios erscheinenden Verhaltensweisen der Menschen sah. Gerade weil er von der Fluidität alles Menschlichen besessen war, wären ihm Unterscheidungen wie die von einem biologischen und sozialen Geschlecht, für die Fluidität doch eine wichtige Kategorie darstellt, geradezu absurd erschienen.

Als Spurensucher alles Fluiden kann man auch den französischen Soziologen Bruno Latour bezeichnen, der die einfache Unterscheidung von Mensch, Natur und den Dingen nicht gelten lässt. Vielmehr sei alles miteinander verwoben, vermutlich sogar weit über die bloße Metapher jenes Handwerks hinaus, das Insekten verrichten. Was wir uns angewöhnt haben, Umwelt zu nennen, ergibt für Latour keinen Sinn, da sich keine Grenze ziehen lasse zwischen einem Organismus und dem, was ihn umgibt. „Eigentlich umgibt uns nichts, alles wirkt darauf hin, dass wir atmen“, schreibt er in „Wo bin ich? Lektionen aus dem Lockdown“ (Suhrkamp Verlag).

In dem Essay, der kurz nach dem ersten Lockdown der Corona-Pandemie erschien, macht er Kafkas berühmte Figur Gregor Samsa zum Kronzeugen und Ausgangspunkt seiner Überlegungen zum Verhältnis von Mensch und Natur. Konnte Kafkas Erzählung bisher als fataler anthropologischer Rücksturz auf ein hilfloses Krabbelwesen gelesen werden, das sich in seinen vielen Beinchen verheddert, das Zimmer nicht mehr verlassen kann und fürchten muss, von den eigenen Familienmitgliedern zertreten zu werden, so rät Bruno Latour nun dazu, sich Gregor als glücklichen Menschen vorzustellen. Der nämlich sei dabei, die Körpergrenzen neu zu definieren und mit seiner Umgebung zu verschmelzen. Kafkas Gregor Samsa als moderner Held, der die ökologische Wende mit Haut und Haaren vollzieht.

Die Lektion des Lockdowns besteht für Latour in der mit Gregor Samsa gemachten Erfahrung, dass wir uns nicht länger als Gegenüber einer Landschaft erfahren können. Ein Territorium sei nicht länger das, was wir besetzen, sondern das, was uns definiert.

Im Sinne von Bruno Latours politischer Ökologie erscheinen die Kulturkämpfe, die derzeit um Begriffe wie Cancel Culture, kulturelle Aneignung, Opferkonkurrenz, Identitätspolitik, Fundamentalismus, Essentialismus, Rassismus, Antisemitismus etc. geführt werden, wie nachholende Gefechte der Sonderung, die nicht gewonnen werden und die zu den kommenden Herausforderungen nichts beitragen können. Sie sind in der ursprünglichen Bedeutung des Wortes reaktionär.

Mit Jean-Claude Kaufmann ließe sich ergänzen, dass an ihnen zu viel Vergangenheit klebt. Die aber sei lediglich eine Ressource, wie schwer sie auch wiegen und wie sehr sie an einem haften mag. Es sei ein höchst verhängnisvoller Irrtum zu glauben, so Kaufmann, die Vergangenheit könne darüber Auskunft geben, wer man ist. „Sie gibt nur Hinweise auf Spuren. Ich ist anderswo. Durch dieses Anderswo wird es noch intensiver Ich.“

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