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Idee der Staatsbürgerschaft: Ideal ist das alles nicht

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Von: Harry Nutt

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Albert Bettannier: „Die Geographie-Stunde oder Der schwarze Fleck“, ca. 1887. Der schwarze Fleck ist Elsass-Lothringen.
Albert Bettannier: „Die Geographie-Stunde oder Der schwarze Fleck“, ca. 1887. Der schwarze Fleck ist Elsass-Lothringen. © DHM Berlin

Wer gehört dazu und wer nicht? Das Deutsche Historische Museum in Berlin blickt auf die Idee der Staatsbürgerschaften in Frankreich, Polen und Deutschland.

Das überschwängliche Gefühl, zu den Blauen zu gehören, währte nicht allzu lange. „Allez les Bleus“ war der Schlachtruf, der die französische Fußball-Nationalmannschaft 1998 zum WM-Gewinn antrieb und die Nation in dem Gefühl zu einen schien, einer Feier der Differenz und ihrer verschiedenen Herkünfte beizuwohnen. Die Équipe Tricolore war aus Spielern zusammengestellt, die nicht zuletzt die komplexe Migrationsgeschichte Frankreichs abbildeten. Wenig später war die Illusion von einer fröhlich-bunten Nation dahin, es wurden Risse und Widersprüche sichtbar, keineswegs nur sportliche.

In Deutschland war man hinsichtlich derartiger Bindungen seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eher skeptisch, auch nach der überwundenen Teilung in DDR und BRD. Der Portalinschrift des Reichstags „Dem deutschen Volke“ meinte der Künstler Hans Haacke auf Einladung des Deutschen Bundestages die Skulptur „Der Bevölkerung“ entgegensetzen zu müssen. Der Staat setzt in dieser Lesart also nicht primär auf nationale Identität; das Verbindende, so die künstlerische Idee, möge vielmehr aus der Vielheit und Differenz der in ihm Lebenden hervorgehen.

Es ist kein einheitliches Bild der Konzepte von Staatsbürgerschaft, das das Deutsche Historische Museum in Berlin in seiner Ausstellung am Beispiel von Frankreich, Polen und Deutschland anzubieten hat. Die Wahl gerade dieser drei Länder begründet Dieter Gosewind, der Kurator der Schau, vielmehr mit der enormen Bandbreite an Fragestellungen in Bezug auf den Status des Rechts, der eine Art Leitfaden für den Vergleich der drei Nachbarländer ist.

Während Frankreich sich seit der Revolution von 1789 als stolze Bürgernation sah und sieht, verstand sich Deutschland aufgrund verspäteter Staatlichkeit umso mehr als Kulturnation. Polen indes musste mehr als 100 Jahre auf den Status anerkannter Staatlichkeit verzichten – obwohl bereits in der Stiftungsurkunde des Zisterzienserklosters in Lekno (von 1153) vom Zbilud Poloniae civis die Rede war.

Der Aufenthalt der Bürger und Bürgerinnen in ihrem jeweiligen Staatsgebilde ist von sehr unterschiedlichen historischen Verläufen und Gefühlslagen bestimmt, und so besteht denn die Pointe der Ausstellung darin, ausdrücklich kein Ideal anbieten zu können. Vielmehr ist das Verhältnis von Staaten und Menschen permanenten Veränderungen ausgesetzt. Derzeit lässt es sich in einem Spannungsverhältnis zwischen einem Trend der Universalisierung von Zugehörigkeit und starken Tendenzen zur Renationalisierung beschreiben. Während die Bürgerinnen und Bürger insbesondere in der Corona-Krise und seit jeher auf der Autobahn auf ihre Freiheit setzen, vom Staat möglichst unbehelligt zu bleiben, drückte sich im Brexit das Bedürfnis aus, sich wieder innerhalb fester Leitplanken zu bewegen.

Das Verhältnis von Staatlichkeit, Recht und Zugehörigkeit ist im Verlauf der Geschichte in allen drei Ländern von Ambivalenz und abrupten Richtungswechseln geprägt. Was nach dem Ausfüllen kleinteiliger Formulare klingt, erweist sich als permanent tobender Kampf um Zugehörigkeit samt Einschließungs- und Ausschließungsprozessen.

Einen hohen Stellenwert erhält dabei die Zulassung oder gar die Verpflichtung zum Militär. Die späte Aussetzung der Wehrpflicht, die vorerst als Indiz für den Rückzug staatlicher Regulierung angesehen werden konnte, ist der Gegenpol einer privilegierten Armeezugehörigkeit. Insbesondere für polnische Juden war diese ein wichtiges Merkmal auf dem fragilen Weg zu Anerkennung und Emanzipation.

Die Vielschichtigkeit des Themas samt seiner individuellen Härten lässt sich anhand der Biografie von Rosa Luxemburg beispielhaft erzählen – die sich, wie sie einer Freundin anvertraute, „in der ganzen Welt zu Hause“ fühlte, „wo es Wolken und Vögel und Menschentränen gibt“. Weil ihr als akkulturierter Jüdin in Polen, das unter der Kontrolle des Russischen Kaiserreichs stand, ein Hochschulstudium untersagt war, schrieb sie sich 1889 in Zürich ein. Um sich später in Deutschland politisch in der SPD engagieren zu können, ging sie eine Scheinehe mit dem Sohn jener deutschen Familie ein, bei der sie in Zürich wohnte. Trotz der preußischen Staatsbürgerschaft wurde sie wiederholt als „ausländische Jüdin“ diffamiert – das antisemitische Ressentiment mündete in ihre Ermordung 1919 in Berlin.

Die Ausstellung fächert auf erhellende, bisweilen spielerische Weise in Dutzenden anschaulichen Beispielen einen rechtlich-formalen Begriff auf, der auch in der soeben ausgerufenen Zeitenwende von Bedeutung sein dürfte. Zu dieser Wende könnte auch der Abschied von einer die Lebenswelt dominierenden liberalen Staatsferne gehören, die nun zumindest sehr viel deutlicher an die akuten Sicherheitsbedürfnisse angepasst werden muss.

Deutsches Historisches Museum, Berlin: bis 15. Januar 2023. www.dhm.de

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