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Hundert Jahre BBC: Und anschließend das Wetter

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Von: Arno Widmann

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Ein Gesangsduo 1923 in London in einem Studio.
Ein Gesangsduo 1923 in London in einem Studio. Foto: Pa/dpa © (dpa)

Vor hundert Jahren wurde die BBC gegründet. Das neue Medium Rundfunk sollte auch eine weltweite, klassenübergreifende Kommunikation ermöglichen

Im Folgenden wird es nur um die Gründung der BBC gehen, nicht um die glorreiche Geschichte der Sendeanstalt, die eng verbunden ist mit Empire und Commonwealth – im Guten wie im Bösen. Was ich erzähle, habe ich aus dem überaus beeindruckenden – nicht übersetzten – Buch des ehemaligen BBC-Produzenten David Hendy. Es trägt den Titel „The BBC – A people’s history“ und erschien im Januar bei Profile Books.

Die Gründung der BBC ist die Geschichte der Etablierung eines neuen Mediums. Parallelen zu dem, was wir in den vergangenen Jahrzehnten durch Internet und E-Mail erlebt haben, drängen sich auf. Auch das „broadcasting“, der Rundfunk, begann als das Vergnügen einiger Nerds, die Spaß daran hatten, auf eine neue Art und Weise zu kommunizieren.

Wissenschaft, Militär und Politik spielten auch damals zentrale Rollen bei der Entstehung der neuen Kommunikationswege.

Die Existenz von Radiowellen wurde 1867 aus theoretischen Überlegungen heraus von James Clark Maxwell vorhergesagt. 1886 wurden sie von Heinrich Hertz experimentell nachgewiesen. 1909 bekamen Guglielmo Marconi für seine praktischen Arbeiten im Bereich der Funktelegrafie und Ferdinand Braun, der die theoretischen Grundlagen dazu erarbeitet hatte, gemeinsam den Nobelpreis für Physik. Im selben Jahr war erstmals ein Seenotruf über Funk gemorst worden. Dieses Ereignis führte zur breiten Einführung des Seefunks.

Marconi hatte niemals die Hochschulreife erhalten. Vorlesungen besuchte er als Gasthörer. Er war extrem experimentierfreudig und wo er nicht selbst auf eine Verbesserung der Sende- oder Empfangsqualität elektromagnetischer Wellen kam, nutzte er die Einsichten anderer. Er war ein begeisterter Firmengründer. Das Geld dafür kam in erster Linie aus der Whiskeyproduktion. Seine Mutter war eine Enkelin des Gründers der irischen Brennerei Jameson & Sons.

In wenigen Jahren schaffte die neue Technologie der drahtlosen Kommunikation nicht nur den Sprung über den Atlantik, sondern auch den von Morsezeichen zu Sprache und Musik.

Auf die Idee eines Radios war Marconi nicht gekommen. Er dachte sich das neue Medium als eine Erweiterung des Telefons, als eine weitere Möglichkeit also, zwischen je einem Sender und einem Empfänger zu kommunizieren.

Sein Angestellter Arthur Burrows (1882 – 1947) sah das schon sehr früh anders. Er leitete die frühen Sendeexperimente der Marconi-Gesellschaft. Der Krieg hatte ihm gezeigt, dass der Einsatz der neuen Technik zur Verbreitung von Nachrichten – richtigen und falschen – bestens geeignet war. Vorausgesetzt, es gab „Empfänger“. Auch der Erste Weltkrieg war natürlich ein Propagandakrieg gewesen. Der Einsatz der drahtlosen Telegraphie spielte darin eine wichtige Rolle. Man erreichte zwar nicht den „Endverbraucher“, aber doch Nachrichtenagenturen und Zeitungsredaktionen.

Die BBC war ein Nachkriegskind. Ihre ersten Beschäftigten waren alle im Krieg gewesen. Sie hatten dort neue Vorstellungen davon bekommen, wie eine Gesellschaft, wie Großbritannien auszusehen hätte. Burrows war im November 1920 in Genf bei der ersten Generalversammlung des Völkerbundes gewesen, um zu sehen, wie die drahtlose Telegrafie helfen konnte, die Botschaft von Völkerfrieden und Völkerverständigung zu verbreiten.

Überall auf der Welt gab es Menschen, die in dem neuen Medium eine Möglichkeit sahen, die Welt nach diesem Krieg zu einer besseren zu machen. Die Wellen, die sich – von keiner Regierung regulierbar – auf dem ganzen Erdball verbreiteten, schienen den Weg zu bereiten zu einer den ganzen Globus umfassenden Zivilisation.

Der sowjetische Avantgardist Welimir Chlebnikow sah in den elektromagnetischen Wellen die Möglichkeit, ein die gesamte Menschheit umfassendes Bewusstsein zu schaffen. Burrows erklärte, Zeitungen seien die Blätter bestimmter Gruppen; die drahtlose Kommunikation dagegen stehe allen offen. Soziale oder finanzielle Lage, Bildungshintergrund oder Interessen spielten keine Rolle. Wer ein Empfangsgerät besitze, der könne teilhaben an einer weltweiten, klassenübergreifenden Kommunikation. Wir erinnern uns an die Vorstellungen über die Auswirkungen des Internets, wie sie vor zwanzig Jahren kursierten.

Das war nicht das, was die britische Regierung wollte. Es dauerte zwei, drei Jahre, bis die Post – nach Absprache mit dem Militär – Frequenzen und Zeitfenster freigab für einen Sender. Es sollte nur einer sein. In den USA gab es Mitte 1922 bereits Hunderte. Ein solches Chaos galt es auf jeden Fall zu vermeiden. So kam die BBC zu ihrem Monopol.

Und wieso hatte Marconi sich doch zur Etablierung eines Senders bereiterklärt? Es hatte sich herausgestellt, dass Burrows’ Sendungen eine Nachfrage geweckt hatten nach Empfangsgeräten-

Marconi sah die Zahlen und tat sich mit anderen Herstellern zusammen und gründete die British Broadcasting Corporation. Sie war gedacht als Appetitmacher für ihre Geräte. „Am 31. Dezember 1922 gab es 35 774 Empfangsgenehmigungen. Das Personal der BBC bestand aus 4 Angestellten; 1923 gab es 177; Ende 1924 gab es über eine Million Gebührenzahler, 20 Sendestationen und 465 Angestellte; Ende 1926 gab es 2,5 Mio. Gebührenzahler und 773 Angestellte“ (Wikipedia).

Großbritannien war im Jahr 1922 ein anderes Land als noch ein paar Jahre zuvor. Es wurde nicht von Klassenkämpfen durchgeschüttelt wie die meisten Länder Mitteleuropas. Aber es hatte auch dort einen gewaltigen Demokratisierungsschub gegeben. Die Anzahl der Wahlberechtigten war 1918 durch eine Wahlrechtsänderung von 8 auf 21 Millionen angewachsen. 1928 wurden auch die erwachsenen Frauen wahlberechtigt. Mitten in dieses neue Großbritannien stellte sich die BBC mit einem neuen Medium. Hier gab es keinen, der schon Erfahrungen hatte. Niemand wusste Bescheid. Alles musste ausprobiert werden. Zukunftsmusik überall.

Das Radio änderte noch etwas. Man musste nicht mehr in die Welt hinaus, um etwas zu erleben und zu erfahren. Die Welt kam nach Hause. Die BBC erklärte, sie betrachte es als eine ihrer Aufgaben, den Menschen dabei zu helfen, friedliche Abende zu Hause zu verbringen. In den Schützengräben waren in Millionen jungen Männern Sehnsüchte nach Heim und Herd, nach Sicherheit und Wärme geweckt worden. Jetzt war der Krieg zu Ende und es gab ein Medium, um das die ganze Familie sich versammeln konnte, um einem Vortrag, einem Konzert, einer Diskussion, einem „Hörspiel“ zuzuhören. Man darf über dem aufklärerischen nicht den idyllisierenden Charakter der elektromagnetisch übertragenen Unterhaltungsindustrie übersehen. Die Menschen waren tief traumatisiert aus dem Krieg zurückgekommen und brauchten auch Salben für ihre seelischen Wunden. Das Radio war auch das.

Am Dienstag, den 14. November 1922, um sechs Uhr nachmittags verlas Arthur Burrows ein paar Nachrichten und anschließend Wettermeldungen. Er las das gleich nochmal. Ganz langsam zum Mitschreiben. Für diesen Termin hatte man sich entschieden, weil am nächsten Tag Wahlen stattfinden sollten und Burrows wollte zeigen, wie schnell das neue Medium die Bevölkerung – die paar Tausend, die ein Empfangsgerät hatten, informieren konnte. Am 2. Dezember gab es die erste Weihnachtssendung.

Programmdirektor Burrows sprach den Weihnachtsmann.

Das Radio war von Anfang an ein Massenmedium. Es war da für alle sozialen Schichten und alle sozialen Empfindungen.

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