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Humboldt in Bad Berneck: Unter Tage

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Von: Christian Thomas

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Einige verschüttete Episoden aus dem Leben Alexander von Humboldts in den Bergwerken Frankens und unter den Bergleuten des Fichtelgebirges.

Seine Entdeckung dauerte ein wenig länger. Wenig Aufhebens machten Biografen von seiner Umtriebigkeit hier, im Bergbau des Fichtelgebirges. Weitgehend unerwähnt blieben seine bahnbrechenden Leistungen in der Literatur über den Main. Dabei war der 23-Jährige während seiner Zeit in Franken, von 1792 bis 1797, tatsächlich unentwegt unterwegs, zwischen Berneck am Weißen Main, Goldkronach oder Steben. Bei damaligen Verhältnissen war’s eine Wegstrecke über Stock und Stein.

Auch Alexander von Humboldt, obwohl ungemein alert, dürfte daher Stunden um Stunden gebraucht haben – nicht anders als drahtige Wanderer heute für die etwa 50 Kilometer, von Steben aus, wo der preußische Beamte als Oberbergmeister eine Arbeiter-Ausbildungsstätte auf weitgehend eigene Kosten gründete. Als ein Verfechter der Aufklärung wollte er hier (im heutigen Bad Steben) dem Unwissen der Bergleute nicht unverrichteter Dinge zusehen. Neben seinem Engagement hatte Humboldt ein weit verzweigtes Netz an Bergwerken zu inspizieren, er setzte stillgestellte Stollen wieder instand, er erschloss neue Minen. Nicht mit dem Auffinden dieser Weltgegend durch ihn haperte es also, wohl aber lange Zeit mit der Entdeckung Alexander von Humboldts in diesem Weltwinkel, wo er als Wissenschaftler in den Berg stieg – und als Forscher in einem Bergwerk Bernecks beinahe umgekommen wäre.

In Berneck, Bad Berneck heute, wurde einem Bahnbrecher das Leben gerettet, so bringen sie es gelegentlich vor Ort auf die Bühne: einen Dialog zwischen Humboldt und Jean Paul. Der Poet und der Naturforscher, die beiden Großmächte begegneten sich nie – so wird denn ein fiktiver Gipfel gegeben. Vier Szenen in den Kolonnaden des Kurparks waren’s, auch enorm heiß. Doch wie auch immer, in dem Stück wird der Gedanke formuliert, dass es nicht zu einer Entdeckung Alexander von Humboldts in aller Welt gekommen wäre, und die Welt niemals Alexander von Humboldt entdeckt hätte, wäre es nicht zu seiner glücklichen Bergung in Berneck gekommen. Eine Betrachtung, von der man sich, während man sich im Hochsommer mit dem Programm ein Lüftchen zufächelte, angelächelt fühlte.

Auch haben sie in Bad Berneck dem Genius ein Denkmal gesetzt, an der Maintalstraße. Oberhalb der Pension Blücher, unterhalb des Dendrologischen Gartens ein Stein, ihm gewidmet, darauf eine Metallplatte. Unterhalb des herrlichen Gartens mit exotischen Pflanzen deshalb, weil der Eingang zum Stollen des Unglücksorts heute noch existiert als Gedächtnisort, manchmal ebenfalls als Bühne für Laienspiele, mit einem historisch kostümierten Humboldt im Mittelpunkt. Die Grube, ein Alaunschieferbergwerk, von 1486 bis 1841 in Betrieb, hatte den Namen „Beständiges Glück“.

Alexander von Humboldt lebte unter einem glücklichen Stern, er hat es selbst beschrieben, und der Bergbau im Fichtelgebirge hatte Glück mit ihm. Der junge Mann, von dem unbedingten Willen beseelt, eines Tages als Forschungsreisender in alle Welt auszugreifen, unterzog sich so etwas wie einem gezielten Fitnessprogramm in den Bergen des Weißen Main. Von Natur aus, wie man weiß, alles andere als kräftig, nutzte er den Abstieg in Stollen oder Schächte, um seine Muskelkräfte zu trainieren ebenso wie seine Ausdauer. Bei der Gelegenheit ging er so weit, dass er, wie später auch auf seinen Weltentdeckungsreisen, seinem Körper extreme Experimente zumutete. Keine Schonung der Konstitution, denn die Absicht war, die Bedingungen unter Tage zu verbessern.

Bei einer solchen Expedition geriet er, mittlerweile Oberbergrat, in das, was man „matte Wetter“ nennt. Länger schon hatte sich der Forscher an einem „Lichterhalter“ und einer „Respirationsmaschine“ versucht, so etwas wie den Vorläufern von Grubenlampe und Atemschutzgerät. An einem Oktobertag 1796 setzte der Extremforscher gegenüber dem ihm Untergebenen durch, sich der Lebensgefahr auszusetzen, ganz bewusst Sauerstoffarmut, „matten Wettern“ in der Grube.

Was vorfiel, hat Humboldt trefflich beschrieben: „Ich kam bis vor Ort, setzte meine Lampe hin und freute mich unendlich ihres Lichtes. Mir wurde müde, sehr wohl, betaumelt, ich sank in die Knie neben die Lampe. Ich soll Killinger gerufen haben, ich weiß nichts davon. Er tappte im Finstern nach und fand mich ohnmächtig bei der Lampe. Er zog mich hinaus. Schon bei der Blende kam ich zu mir. Mir war wie besoffen und matt, 2 Tage matt, doch spüre ich keine üblen Folgen.“ Wenn Humboldt einräumte, beinahe „Opfer meiner Versuche“ geworden zu sein, so konnte er allerdings darauf pochen, dass die trotz Sauerstoffarmut weiterbrennende Lampe ihn bestätigt habe. Humboldt war zum Wegbereiter der Grubenlampe geworden.

Der Eingang zum „Beständigen Glück“ wird heute mit einer verschossenen Metalltür versperrt. Vor dem Stollenmundloch informiert eine Schautafel, ein alter Grubenplan zeigt so etwas wie eine gewölbeartige Ausbildung des Stollens nach vielleicht zehn Metern. Der Grundriss belegt, dass der überkuppelte Schacht alles andere als eine Fama war, auch wenn es bis heute bei der Vermutung geblieben ist, der preußische Feldmarschall Blücher habe hier 1806, die „volle Regimentsmusik war bestellt und in einem Seitenschacht postiert“, in dem Gewölbe bei „feentempelartiger Beleuchtung“ wie in einem „Tanzsaale“ ein rauschendes Fest gefeiert.

Wohl keine Legende diese Geschichte, auch wenn die Gegend hier, um Bad Berneck, im Fichtelgebirge, über Jahrhunderte eine Domäne der Geschichten und vor allem des Aberglaubens war. Der Spuk produzierte seine eigenen Welterklärungen, reich an Grusel, reich an Wundern, reich an uralten Vorbildern. So waren es die romantisch orientierten Reiseschriftsteller Friedrich Menk-Dittmarsch und Ludwig Braunfels, die darauf zu sprechen kamen, wobei Menk-Dittmarsch das Spannungsverhältnis von „curiosen“ Beschreibungen und der seit einigen Jahrzehnten aufziehenden Aufklärung ausdrücklich thematisierte.

In seinem vier Jahre später, 1847, erschienenen Buch „Die Mainufer und ihre nähere Umgebung“ wandte sich Braunfels Sagen und Legenden wohl auch wegen eigener literarischer Ambitionen besonders ausführlich zu – er setzte sich dabei nicht nur auf die Spur „erbaulicher Geschichtchen“, sondern solcher Erzählungen, die die Erzählenden, darunter die Bergleute, foppten, ja, deren Leben beschwerte.

Braunfels förderte hochaufschlussreiche Hintergründe zutage, erklärte den Glauben an Geister und Zaubermittel mit einem aus frühgeschichtlicher Zeit stammenden Aberglauben, mit „Überbleibseln der Heidenzeit“ aus der Zeit des 6. Jahrhunderts. Von „Überlieferungen aus einer alten, längst entschwundenen Zeit“ sprach auch Menk-Dittmarsch, einer „Naturpoesie“, worin Erdgeister und „neckische Kobolde“ die Hauptrolle für ein „biederes Gebirgsvolk“ spielten. Sich erfreuend an Geschichten, phantasiereiche Märchen, die „ganze Bände füllten“, nannte er sie „vertraulich plaudernde Volksmährchen“. Auch wenn die Bergwelt des Fichtelgebirges nie eine so dominierende und widersprüchliche Figur wie den sowohl guten als auch bösen Rübezahl hervorgebracht hat, so geisterten durch die Köpfe doch auch Geschichten von gewaltigen Herrschern. Darunter gar die vom König Salomo, der sich im Ochsenkopf, an der Quelle des Weißen Main, schlummernd aufhalte, die Stunde abwartend, um aufzuwachen und als biblischer Ahn in die letzte Schlacht zu ziehen. Armageddon?

Die Sagenwelt des Fichtelgebirges zählte selbst einen Karl d. Gr. zu den Schläfern, das Signal zum Wiederauftritt erwartend. Auch im Fichtelgebirge war ein abgewandelter Kyffhäusermythos angesiedelt, wenn auch nicht so patriotisch aufgeladen wie diese Sage, nicht so chauvinistisch wie die Mär von der Rückkehr des Friedenskaisers, Barbarossa, zur Rettung des Reichs, um es zu alter Glorie zurückzuführen.

Alexander von Humboldt, das war der Ausgangspunkt, nutzte seine Zeit ausdrücklich für eine Bildungsoffensive. Als Oberbergrat verstand er sich nicht nur als ein Beamter Preußens, erst recht nicht als ein Büttel des Markgrafen von Bayreuth-Ansbach, sondern als ein Abgesandter der Aufklärung, interessiert an der Verbesserung der Lebensverhältnisse der Bergleute, den Arbeitsbedingungen unter Tage. Tatsächlich war er als Beamter beides, Aufklärer und den Bergleuten ebenso ein Schutzgeist. Als Sozialreformer trat er den Arbeitern gegenüber, als Forscher war er fasziniert: „Was ist es, das den Menschen so unüberwindlich an das Gebirge fesselt! Nie war ein Wunsch so lebhaft in mir, als jetzt der Wunsch nach Erz.“

Nicht von ungefähr waren die Jahre in Franken von seinem Interesse an einer „Geschichte der Erde“ geprägt, einer Universalgeschichte der Erde, nicht nur einer Natur-Beschreibung, sondern einer systematischen Natur-Geschichte, beeinflusst von Immanuel Kant, seinem Über-Ich der Aufklärung. Wer mochte da noch Schritt halten bei diesem Enthusiasten in allen Dingen. Dennoch: „Das Vertrauen der Menschen habe ich, man glaubt, dass ich acht Beine und vier Hände habe,“ schrieb ein genialer Kopf. Oder ging da doch ein für seine Umgebung etwas unheimlicher Bergbaugeist um? Die Ausbeute, die der Oberbergrat für Preußen erzielte, stieg. Es geschah nicht dadurch, dass die Ausbeutung gesteigert wurde, der Raubbau an den Arbeitern, sondern Schächte und Stollen besser gesichert wurden. Katastrophen, so war dem Ingenieur bewusst, förderten nur die Furcht vor Berggeistern.

So schickte denn der Modernisierer aus dem Bergbaurevier spöttische Zeilen ebenso wie gefühlsbetonte – in der Mainliteratur unerwähnt. Die technischen Probleme beklagend, knurrte er wie mit zusammengebissenen Zähnen: „Auf meinen rauen Felshöhlen hänge ich solchen Träumereien nach. Beraubt von den notwendigsten Hilfsmitteln muss ich mich nach einem lebendigen Orakel wenden (…).“ Die „notwendigsten Hilfsmittel“, das waren die technischen Gerätschaften – darunter seine Erfindungen, um die Arbeitsbedingungen der Bergleute zu verbessern, deren Überlebenschancen.

„Orakel“? Als Aufklärer war Humboldt mit der Dämonenfurcht der im Berg Schuftenden konfrontiert. Man musste dem Aufklärer Humboldt nicht sagen, „dass wenn man aus der Grube kommt, alles stärker auf das Gefühl wirkt“. Wie sollte er deswegen kein Verständnis haben für die tief eingedunkelte Gefühlswelt der Bergleute, ihre aus den Minen gekratzte Armut, ihren aus dem Berg herausgeklaubten Alb? Gleichzeitig war die nackte Not getrieben von der irren Hoffnung auf einen Schatz.

Eisen, Vitriol, Kobalt, Zinn, Kupfer, Alaunschiefer – nicht zuletzt die Ausbeute an Gold: „Seit acht Jahren hatte man mit 140 000 Gulden Zubuße kaum 3000 Zentner gefördert; ich schaffte in diesem einen Jahr (1794) allein mit neun Mann 2500 Zentner Golderze, die kaum 7000 Gulden kosten.“ Um die Goldflöze zu lokalisieren, hatte er sich Archivmaterial von der Kulmbacher Festung Plassenburg beschafft. Aus dem Goldkronacher Revier schrieb er an einen Freund: „In Goldkronach war ich glücklicher, als ich je wagen durfte, zu glauben.“ In Goldkronach sind sie auf diesen Satz natürlich stolz, im Museum von Goldkronach bildet er so etwas wie eine besondere Fundstelle.

In guten Zeiten sollen jährlich bis zu 200 Kilogramm Gold von 24 Karat erwirtschaftet worden sein. An den Bächen entlang, auch am Weißen Main soll so etwas wie Goldgräberstimmung aufgekommen sein. Anteile an den Bergwerken wurden schon im Spätmittelalter verkauft. In Nürnberg war der Vater Dürers an der Grube in Goldkronach beteiligt. Die Bergwerke waren nicht frühkapitalistisch organisiert, aber der Goldbergbau wurde so finanziert. Er zog, das ist nicht weiter verwunderlich, Menschen an, Arbeitskräfte sogar aus Oberitalien. Er zog Glücksritter an ebenso wie Geschichten, darunter die von den drei Kindern, die am Ochsenkopf das Vieh hüteten und sich Märchen erzählten. Eine Binnenerzählung in diesem Märchen, wie die Perle in einer Muschel, ist die vom geschenkten Brot, in das ein Klumpen Gold hineingebacken ward. Allein, das Laiblein wurde als ärmliches Geschenk verschmäht – ein nicht wieder gut zu machender Fehler. Aber wem sagte man das? Kinderchen konnte man es, auch das ein Aberglaube, offenbar nicht oft genug erzählen.

Die Suche nach Gold hat weltweit gewaltige Geschichten stimuliert – das Gold im Rhein, der in ihm irgendwo versenkte Goldschatz stieg zu einem schier monumentalen Mythos auf, der es zu einem literarischen und musikalischen Topos brachte. Das Gold im Rhein versetzte in eine böse und lauernde Unruhe, sorgte für Geilheit und Leid, nie für Entspannung oder gar Heiterkeit, vielmehr blutigen Tatendurst, beschworen von düsteren Versen und in höchsten Tönen.

Das Gold im Fichtelgebirge dagegen war nicht nur Fiktion, denn tatsächlich wurde im Weißen Main Gold gewaschen, aus seinem Schwemmsand Goldstaub gesiebt. Der Goldbergbau im Fichtelgebirge zog Goldsucher an, sagenhafte Gerüchte, Gerüchtemacher, Alchimisten, auf der Suche nach dem Stein der Weisen, allein das eine gespenstische Sache. Kühl kalkulierende Geschäftemacher machte das Gold tatsächlich erfolgreich. Mit dem Aufklärer Alexander von Humboldt zog der Goldbergbau einen Unruhegeist an, der am Weißen Main bereits eine neue Welt vorfand.

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