Außen wird hier, im vergangenen Mai, die vieldiskutierte Kuppellaterne mit dem Kreuz montiert. Auch innen bleibt der Mensch lieber ganz bei sich selbst.
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Außen wird hier, im vergangenen Mai, die vieldiskutierte Kuppellaterne mit dem Kreuz montiert. Auch innen bleibt der Mensch lieber ganz bei sich selbst.

Humboldt-Forum

Kein Museum der Kränkungen

  • Arno Widmann
    vonArno Widmann
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Vertane Chance: Aufgabe des Berliner Humboldt-Forums wäre es, die Menschheitsgeschichte als Teil der Naturgeschichte darzustellen. Dazu wird es nicht kommen.

Am 17. Dezember wird das Humboldt-Forum eröffnet. Zunächst nur der Schlüterhof, der Schlosskeller und im Erdgeschoss Präsentationen zur Geschichte des Ortes sowie in der Passage jene zu den Brüdern Humboldt. Weiter geht es dann 2021. Das Humboldt-Forum wird sich Stück für Stück dem Publikum öffnen. Es legt Wert darauf, kein Museum zu sein, sondern „ein neues Forum für Kultur und Wissenschaft“. „Auf über 42 000 Quadratmetern bietet es Raum für Vielstimmigkeit, Austausch und Diversität“, tönt es auf der Website. Nichts dagegen zu sagen. Schon darum, weil das jedes andere Museum auch über sich sagen kann.

Im ersten Obergeschoss wird Berliner Stadtgeschichte gezeigt werden, auf 4000 Quadratmetern Ausstellungsfläche. 17 000 Quadratmeter dienen dazu, in der zweiten und dritten Etage des ehemaligen Stadtschlosses 20 000 Objekte der großartigen Sammlungen des Berliner Ethnologischen Museum und des Museums für asiatische Kunst auszustellen. Die Hälfte ist also erstmal Museum. Rechnet man die Verwaltungsräume dazu, wird man deutlich über der Hälfte liegen. Dazu kommen Schlosskeller, Skulpturensaal und andere Orte, an denen die Geschichte des Ortes, des ehemaligen Berliner Stadtschlosses also, gezeigt werden wird.

Die Humboldt-Universität ist auch vertreten. Auf 1000 Quadratmetern beschäftigt sich das Humboldt-Labor „mit der Wechselwirkung und Krise natürlicher und sozialer Systeme“. Also mit dem, was der Kern eines jeden Humboldt-Projektes sein sollte. Das war die Chance. Sie wurde vertan. Die Chance auf ein wirklich neues Museum, eines, das Menschheitsgeschichte als ein Stück Naturgeschichte nicht nur begreift, sondern auch darstellt. Ein Museum, das es noch nirgendwo gibt. Das es so bald auch nicht geben wird. Jedenfalls nicht in Europa oder den USA.

Ein Museum, das uns die Augen öffnen würde dafür, wie winzig die Kruste ist, auf der sich die Kontinentalplatten verschieben, wie hauchdünn die vom Leben erzeugte Atmosphäre ist und in welchen Dimensionen wir denken sollten, wenn wir begreifen wollten, wer wir sind. Homo sapiens ist schon darum so gefährdet, weil er der einzige ist, der von allen Menschenarten überlebt hat.

Es wäre ein Museum, in dem alte Fernseher stünden, in deren Rauschen sich eine Strahlung verbarg, die seit 380 000 Jahren nach dem Urknall den Kosmos erfüllt. Natürlich auch jenes Foto vom 10. April 2019: Ein weltweites Netzwerk von Radioteleskopen hatte erstmals den Schatten eines Schwarzen Lochs fotografiert. Das Ergebnis war in den USA, in Chile, China, Taiwan und Japan vorgestellt worden. Natürlich auch die jüngsten Beobachtungen, bei denen man glaubt, Zeuge zu sein, wie ein schwarzes Loch einen Stern, der sich ihm nähert, erst in Stücke zerreißt („spaghettisiert“), bevor es ihn verschlingt. Auch ein schwarzes Loch muss sich die Mahlzeit in Häppchen zerlegen.

In einer sehr schönen Ausstellung hat die Humboldt-Universität im Gropius-Bau zeigen können, wie tierische und menschliche Werkzeuge einander ähneln. In einem wirklich modernen Museum würden wir erkennen, dass das, was wir uns angewöhnt haben „Gesellschaft“ zu nennen, nichts spezifisch Menschliches ist. Weder Familie noch Individuum, weder Staat noch Gemeinschaft. Jeder Begriff aus den Einführungsvorlesungen in die Soziologie hilft heute bei der Erklärung tierischer Organisationsformen.

Jane Goodall revolutionierte die Affenforschung nicht nur dadurch, dass sie die Tiere in freier Wildbahn beobachtete, sondern auch, weil sie ihnen Namen gab. Viele kanzelten sie dafür ab. Aber erst das ließ uns erkennen, dass der Mensch nicht der einzige ist, der nur in Gesellschaft zu vereinzeln vermag. Inzwischen wissen wir, dass in auch unserem Evolutionszweig weit entfernten Sphären Treibjagden, Zusammenschlüsse, „gegenseitige Hilfe“, um mit Kropotkin zu reden, eine riesige Rolle spielen.

Wie rührend macht sich angesichts der Entdeckungen der vergangenen einhundert Jahre Freuds 1917 vorgelegte Liste der drei narzisstischen Kränkungen der Menschheit aus: Kopernikus kickte die Erde aus dem Zentrum des Weltalls und setzte die Sonne dorthin. Darwin zeigte, dass der Mensch nichts Apartes für sich, sondern aus dem Tierreich hervorgegangen war. Freud wies nach, dass der Mensch nicht einmal Herr im eigenen Haus war. Das Unbewusste steuerte wesentlich sein Verhalten.

Unsere Sonne steht nicht mehr im Zentrum des Weltalls. Sie ist eine in einem Seitenarm unserer Milchstraße (Galaxie), die aus Hunderten von Milliarden Sternen besteht. Im Weltall gibt es Billionen von Galaxien. Das sind Dimensionen, da kann von Kränkung keine Rede mehr sein. Auch Darwin wurde weiter revolutioniert. Wir wissen heute, dass alle Lebewesen (Pflanzen und Tiere) zusammenhängen. Sie sind nicht nur auseinander hervorgegangen, sondern sie setzen sich noch immer aus auch andernorts verwendeten Bausteinen zusammen. Freuds Unbewusstes ist inzwischen seziert worden. Seine Grundeinsicht freilich, dass wir uns deutlich verhoben hatten mit dem Stolz auf unsere Vernunft, ist noch radikalisiert worden.

Wir reden heute viel vom Anthropozän, tun uns wichtig damit. Aber es hätte uns niemals gegeben ohne Photosynthese betreibende Cyanobakterien. Deren Vorläufer bewirkten vor 2,4 Milliarden Jahren die große Sauerstoffkatastrophe, in der die Lebensformen jener Welt starben am plötzlich übergroßen Sauerstoffangebot. Es entstand neues Leben, das vom Gift, vom Sauerstoff, lebte. Übrigens sollen Forscher im Jahre 2006 Cyanobakterien entdeckt haben, die tagsüber Photosynthese und nachts Stickstofffixierung betreiben.

Das Humboldt-Forum konzentriert sich auf die „Provinz des Menschen“. Das ist dumm. Die Globalisierung schließt Natur- und Menschheitsgeschichte zusammen. 1827 hatte Alexander von Humboldt in Berlin mit seinen Kosmosvorlesungen den Hörerinnen und Hörern die Augen dafür geöffnet. Hundert Jahre danach wird ein Humboldt-Forum gegründet, und die Museen, die sich mit nichts als den Menschen beschäftigen, kapern das Projekt.

Wäre das Humboldt-Forum eines, das diesen Namen verdiente, es würde uns etwas sagen über die „Stellung des Menschen“ im Kosmos. Über die sich dauernd verändernden, immer wieder neu sich konstituierenden Konstellationen von allem und jedem. In einem explodierenden Universum gibt es kein „natürliches“ Gleichgewicht. Als Freud 1900 das Bewusstsein zu einer kleinen Insel im Ozean des Unbewussten deklarierte, war nicht daran zu denken, dass 100 Jahre später viele Wissenschaftler davon ausgingen, die Billionen Galaxien nicht mehr als fünf Prozent der Gesamtmasse des Universums sind. Der Rest ist dunkle Materie und dunkle Energie. Vielleicht wird diese Idee einmal ähnlich seziert werden wie Freuds Unbewusstes.

Der leitende Kurator des Humboldt-Labors erklärt auf der Website: „Das Humboldt-Labor ist ein Störfall. Es unterbricht Wahrnehmungs- und Verhaltensroutinen.“ Mit anderen Worten: Es ist ein Ort der Kränkungen. Es wäre wunderbar gewesen, Berlin hätte sich dazu aufraffen können, ein „Museum der Kränkungen“ einzurichten, eines, das die Kränkungen zeigt, die von hier ausgingen: Kolonialismus und Nationalsozialismus und Relativitäts- und Quantentheorie. Aber das wäre wirklich zu viel verlangt. Nicht zu viel verlangt war es im Jahre 2020, uns die Welt als eine zu zeigen: in Objekten, Versuchsanordnungen, spielerisch und mit dem ganzen Ernst, der erforderlich ist, um vergangene und kommende Katastrophen wahrzunehmen.

Das Humboldt-Forum wird Schätze der Weltkulturen zeigen. Der zweite und der dritte Stock wird uns begeistern. Aber das ändert nichts daran, dass die Verantwortlichen die einmalige Chance, etwas wirklich Neues hinzustellen, der Bewahrung alter Engstirnigkeit geopfert haben.

Man stelle sich vor, man könnte nicht nur seine DNA analysieren lassen, sondern auch seinen Intelligenzquotienten und den seines Freundes gleich mit. Oder dem wilden Sexualleben der Wanzen beiwohnen. Oder sich das Innere eines Ameisenhaufens ansehen, und daneben stünde ein Zikkurat. Es gibt Flüsse in Afrika, die trennen Schimpansenkulturen voneinander. Man könnte Gehirne nebeneinander zeigen oder Augen und Haare, und wir würden entdecken, wie wir aus den Ruinen längst vergangener Lebewesen zusammengesetzt und der Umgebung entsprechend frisiert wurden.

Jetzt landen wir wieder nur bei uns und – ich fürchte – in den alten Schubladen.

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