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Das umlaufende Schriftband an der Kuppel des Humboldt Forums.
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Das umlaufende Schriftband an der Kuppel des Humboldt Forums.

Humboldt-Forum

Humboldt-Forum: Das Kreuz mit der Schrift

  • Harry Nutt
    VonHarry Nutt
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Der umstrittene Spruch an der Schlosskuppel soll künftig durch Leuchtschriften ergänzt werden. Die Legitimationskrise der Einrichtung löst das nicht.

In einem luziden Essay hat unlängst der Berliner Schriftsteller Friedrich Dieckmann den Versuch unternommen, dem umstrittenen Kuppelkreuz samt Spruchband historische Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Zum einen verwies er darauf, dass die Wiedererrichtung des Hohenzollernschlosses in der Mitte Berlins keineswegs nur als Siegerpose des Westens gegen den Osten zu verstehen war, sondern sehr wohl auch aus stadtplanerischen Überlegungen der frühen DDR-Geschichte hervorging. Der pragmatisch veranlagte Bertolt Brecht habe das Befremden über die manieristisch-neobarocke Erscheinung des Theaters am Schiffbauerdamm kurzerhand mit der Bemerkung abgetan, Löcher seien nicht besser.

Und selbst Preußens König Friedrich Wilhelm IV., dem wir den seltsam zusammengesetzten christlichen Leitspruch mit emphatischer Unterwerfungsgeste verdanken, nahm Dieckmann gegen die Unterstellung kolonialistischer Motive in Schutz: „Bei aller Absurdität dieser Textmontage“, schreibt Dieckmann: „eine Beziehung zu der kolonialen Expansion, in die das von Preußen dominierte Deutsche Reich, zögerlich genug, seit 1879 unter dem Druck bürgerlicher Kräfte eintrat, kann man ihr in keiner Hinsicht unterstellen. Friedrich Wilhelm war ein militant-verstiegener Reaktionär, zu einem Kolonialpolitiker fehlte ihm alles.“ Erst unter seinem Bruder, Wilhelm I., habe das von Preußen dominierte Deutsche Reich begonnen, zu Spanien, Portugal, England, Frankreich, den Niederlanden, den USA, Russland und vielen anderen Staaten aufzuschließen, deren Kolonialismus vielfach einen Vorsprung von Jahrhunderten gehabt habe.

Das Unbehagen gegen Kreuz und Schrift aber ist geblieben und hat mit einiger Verspätung auch die Führung des Humboldt-Forums erreicht. Bereits im Oktober war man seitens des Humboldt-Forums bemüht, auf Abstand zur eben erst errichteten Kuppel und deren Gestaltung zu gehen.

Eine nachträglich installierte Schrifttafel, so die Idee, soll Klarheit schaffen: „Alle Institutionen im Humboldt-Forum distanzieren sich ausdrücklich von dem Alleingültigkeits- und Herrschaftsanspruch des Christentums, den die Inschrift zum Ausdruck bringt.“

Damit allein aber scheint es nicht getan. Gegenüber der Deutschen Presse-Agentur sprach Hartmut Dorgerloh, Generalintendant des Humboldt-Forums, nun davon, die Fragen zu Kreuz und Kuppel immer wieder neu zu stellen. In diesem Sinne soll mit Hilfe der Initiative Leuchtturm Berlin das Spruchband nun künstlerisch bearbeitet werden. Die Initiatoren Sven Lochmann und Konrad Miller wollen dem umstrittenen Spruch kurzfristig „eine dauerhafte, positive und zeitgemäße Aussage entgegensetzen“. Dazu soll nach bisherigen Entwürfen ein Netz von Leuchtdioden vor das weiter sichtbare Spruchband montiert werden. Bei Einbruch der Dunkelheit sollen Auszüge aus Grundgesetz und Menschenrechtserklärung als Laufschrift vor dem Bibelspruch zu lesen sein.

Die historische Rekonstruktion, so also die jüngste Volte, soll einer ästhetischen Dauerbearbeitung ausgesetzt werden. Kunst – oder soll man sagen: Auftragskunst – als permanente Reparaturmaßnahme zur Behebung der vor einiger Zeit mit erheblichem Aufwand politisch durchgesetzten Bekenntnisgeste, zu was auch immer?

Bei allem Vertrauen in die Möglichkeiten des künstlerischen Ausdrucks und dessen Widerspruchskraft stellt sich doch die Frage, ob es sich bei solch einem Vorhaben nicht um einen unangenehmen Eingriff in die Freiheit der Kunst handelt, wenn diese – und sei es auch dialektisch gebrochen – zu gewissermaßen anti-dekorativen Zwecken eingesetzt würde.

Im Koalitionsvertrag der künftigen Bundesregierung findet sich zum Humboldt-Forum ein einziger Satz. „Wir entwickeln das Humboldt-Forum als Ort der demokratischen, weltoffenen Debatte.“ Das liest sich seltsam lieblos und desinteressiert, als sei den Verhandlern kurz vor Ende der Sondierungen noch aufgefallen, dass das ambitionierteste Projekt der deutschen Kulturpolitik vielleicht Erwähnung finden sollte.

Tatsächlich ist das Humboldt-Forum seit geraumer Zeit in erhebliche Legitimationskonflikte verstrickt. Die designierte Kulturstaatsministerin Claudia Roth wird sich sehr schnell zur Rolle des imposanten Berliner Kulturortes positionieren müssen. Mit anspielungsreichen Lichtspielen wird es nicht getan sein.

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