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„How to Stand Up to a Dictator“ der Friedensnobelpreisträgerin Maria Ressa: Widersetz dich und bleib standhaft!

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Von: Lisa Berins

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Nach ihrer Festnahme am 13. Februar 2019 trifft Maria Ressa beim Gericht ein, um ihre Kaution zu hinterlegen. Foto: Alecs Ongcal/Rappler/Maria Ressa
Nach ihrer Festnahme am 13. Februar 2019 trifft Maria Ressa beim Gericht ein, um ihre Kaution zu hinterlegen. Foto: Alecs Ongcal/Rappler/Maria Ressa © PHOTO BY ALECS ONGCAL

„How to Stand Up to a Dictator“ der Friedensnobelpreisträgerin Maria Ressa ist ein Aufruf zum Widerstand. Von Lisa Berins

Maria Ressa nimmt ihren Mut zusammen und steigt aus dem Flugzeug, das sie von San Francisco in die philippinische Hauptstadt Manila gebracht hat. Sie ist einigermaßen gefasst auf das, was jetzt kommen wird. „Der Richter hat den Haftbefehl ausgestellt. Bereite dich auf deine Festnahme vor“, hatte in der Textnachricht gestanden. Die Anwälte befürchten das Schlimmste: Ressa könnte auf unbestimmte Zeit weggesperrt werden. Als sich die Flugzeugtür öffnet, hat die Journalistin auf einem ihrer Handys Facebook Live angeschaltet. Die Polizei und ein Kleinbus der bewaffneten Spezialeinheit warten schon auf sie.

Im vergangenen Jahr wurde die philippinisch-amerikanische Journalistin Maria Ressa gemeinsam mit dem russischen Journalisten Dmitrij Muratow für ihren Kampf um die Meinungsfreiheit mit dem Friedensnobelpreis geehrt. Jetzt ist ihr Buch „How to Stand Up to a Dictator“ – wie man sich einem Diktator widersetzt – auf Deutsch erschienen. Es ist eine Autobiografie und zugleich ein Weckruf: Totalitäre Systeme darf man nicht hinnehmen. Man muss sich ihnen entgegenstellen. Maria Ressa ist eine Heldin des Widerstands. In ihrem Buch, das sich in Teilen wie eine Dystopie liest, zeigt sie, wie aus eigenen Werten und dem Glauben an die Gemeinschaft eine enorme Kraft wachsen kann. Eine Kraft, die das Zeug hat, Diktaturen zu sprengen.

Unter der Herrschaft Rodrigo Dutertes hat sich Manila seit 2016 in eine Art „reales Gotham City verwandelt, nur ohne Superhelden“, wie Ressa schreibt. Nacht für Nacht werden im Namen des Anti-Drogen-Kriegs des Präsidenten Menschen auf offener Straße hingerichtet. Duterte hat mit Hilfe der sozialen Medien einen Mob angetrieben, der seinen Desinformationskampagnen auf fatale Weise Folge leistet. Politische Gegnerinnen und Gegner werden durch Hetzkampagnen zermürbt, Medien die Lizenzen entzogen – auch der Nachrichtenplattform „Rappler“, die Ressa im Jahr 2011 in Manila mit drei verbündeten Journalistinnen gegründet hat. Ihre Mission damals: großartigen Journalismus machen, der die Welt verändert. Doch schnell ist es ein Kampf ums eigene journalistische Überleben geworden: Duterte und sein Gefolge überziehen die Redaktion mit Ermittlungsverfahren, starten Verleumdungskampagnen, demontieren die journalistische Glaubwürdigkeit. Einen „Tod durch tausend Schnitte“ nennt Ressa diese Taktik: Es ist eine indirekte Zensur.

Regelmäßig werden gegen die damalige Chefredakteurin Ressa Haftbefehle erlassen. Bei ihrer ersten Verhaftung im Februar 2019 holt die Polizei sie direkt in der Redaktion ab – ihre Kolleginnen lassen sich trotz massiver Einschüchterungsversuche nicht davon abhalten, die illegitime Festnahme live ins Internet zu streamen. Die eigene Kaution zu hinterlegen, um sich auf freiem Fuß zu bewegen, wird für Ressa zu einer Art Routine. Und trotz aller Schikanen bleibt sie stark. Ihre Reaktion auf die Unterdrückung: weiterrecherchieren, dokumentieren, offenlegen. Sich dem Monster stellen – und dabei nicht selbst zum Monster werden.

Maria Ressa wird 1963 auf den Philippinen geboren. Als sie neun Jahre alt ist, ziehen ihre Eltern mit ihr nach New Jersey in die USA. Sie beschreibt sich selbst als ein schüchternes, introvertiertes Mädchen, das als Migrantin ihre Lektionen lernt: Sie entscheidet sich für das Lernen. Und sie entscheidet sich dafür, sich ihrer Angst zu stellen. Sie erkennt: „Schweigen ist Mitschuld“; Ungerechtigkeiten müssen angeprangert, Grenzen gezogen werden. Tyrannen muss man sich stellen! Auf der Princeton University verinnerlicht sie den Ehrenkodex, der sie im späteren Leben immer wieder dazu antreiben wird, weiterzumachen: Jeder Mensch ist nicht nur für sich selbst verantwortlich, sondern auch für den eigenen Einflussbereich.

Nach der Universität kehrt Ressa mit einem Stipendium auf die Philippinen zurück. Dort trifft sie auf ihre alte Schulfreundin Twink, die mittlerweile bei einem TV-Nachrichtensender arbeitet. Ressa ist fasziniert vom orchestrierten Zusammenspiel in der Redaktion und spürt die gesellschaftliche Relevanz dieser Arbeit. Nur wenige Wochen später hat sie ihren ersten Job als Leiterin der Spätnachrichten.

Später berichtet sie als Reporterin für CNN, und dabei sie ist rigoros: Während eines Putschversuchs gegen die damalige Regierung fährt die junge Ressa mit ihrem Kameramann, im Autofenster sitzend, ein weißes Betttuch in die Luft haltend, quer durch das Rebellengebiet, um mit dem Anführer zu sprechen. Als sie im Laufe der Jahre für CNN aus Krisen- und Katastrophengebieten in südostasiatischen Ländern berichtet, löst sie ihr eigenes Versprechen immer wieder ein: sich überwinden und sich der Angst stellen; selbst dann, wie sie schreibt, „wenn ich mich in einem abgedunkelten Haus still unter einem Bett versteckte, während eine bewaffnete Miliz Jagd auf mein Team machte“.

Mit 40 Jahren übernimmt Ressa die Sparte „Aktuelles“ beim größten Medienunternehmen der Philippinen, dem Sender ABS-CBN. Sie führt ethische Leitsätze ein, entlässt eine Menge Leute, muss sich gegen interne Anfeindungen wehren. Aber ihr Team bringt höchste Leistung – und es arbeitet wertebasiert. In Zeiten von Wahlmanipulationen und wachsendem politischen Druck auf die freie Presse, setzt Ressa auf das Empowerment der Bevölkerung: Mit ihren Mobiltelefonen sollen die Menschen in den Nullerjahren bei der Verbreitung von Nachrichten helfen. Zehntausende Bürgerreporterinnen und -reporter werden mit einem speziellen Programm ausgebildet. „Das war sie also, die Macht der partizipativen Medien, die Bürgerinnen und Bürger dazu befähigte, mit ihrem Handy Gerechtigkeit und Rechenschaft zu verlangen“, schreibt Ressa.

Zum Buch

Maria Ressa: How to Stand Up to a Dictator. A. d. Engl. v. Dedekind, Fleißig, Remmler, Lachmann. Quadriga, 2022. 368 S., 24 Euro.

Auf das „Crowdsourcing“, die Schwarmintelligenz, setzt Ressa auch, als sie 2011 mit drei Wegbegleiterinnen und Verbündeten (die sie „manangs“ nennt; ältere Schwestern) die Nachrichtenplattform „Rappler“ gründet. Es sind immerzu Frauen, die Ressa den Rücken stärken und zum nächsten Schritt animieren. (Weshalb die Entscheidung, durchgehend im generischen Maskulinum zu übersetzen, wenig nachvollziehbar ist. Aber das ist der einzige Haken in diesem überragenden Buch.)

„Rappler“ will eine bessere Welt. Der Journalismus ist dafür nur ein Werkzeug, ein wichtiges natürlich. „Rappler schafft Handlungsgemeinschaften, die wir mit Journalismus füttern“, lautet Ressas Elevator-Pitch. Gleich zu Beginn richtet „Rappler“ eine Facebook-Seite ein: Auf den Philippinen verbringen die Menschen damals schon weltweit die meiste Zeit im Internet und in den Sozialen Medien. „Am Anfang stellten wir uns begeistert und optimistisch vor, was Facebook und sein Gründer Mark Zuckerberg für ein Land wie die Philippinen tun könnten, für unsere demokratische Zukunft.“ Aus heutiger Sicht ein naiver, ein gefährlicher Trugschluss. Und schon bald kommt, was Ressa den „Kipppunkt“ nennt. Der Punkt, an dem ein nicht hinreichend geschütztes System sich zum Superspreader von strategisch gestreuter Falschinformation macht - und genügend Menschen mit Hass ansteckt, um ein Desaster auszulösen.

Die Verbreitung von Nachrichten über Freunde und Freunde von Freunden ermöglicht es, dass die Lügen der Machtbesessenen ein Millionenpublikum erreichen - und das mit Hilfe von Facebooks Algorithmen: Je stärker eine Nachricht polarisiert, desto mehr wird sie verbreitet. Ressas Enttäuschung über Facebook ist maßlos: Doch der Konzern reagiert nicht auf die Hinweise der „Rappler“-Redaktion, die sie einige Zeit vor dem Cambridge-Analytica-Skandal, vor den Manipulationen im US-Wahlkampf, der Stürmung des Kapitols und dem Einmarsch Russlands in die Ukraine äußern. Heute ist Ressa überzeugt, dass Facebook „eine der größten Bedrohungen für Demokratien“ überhaupt ist: „Was sich 2016 auf den Philippinen abgespielt hat, ist ein Mikrokosmos für jede Informationsoperation, die in demokratischen Staaten überall auf der Welt durchgeführt wird.“ Eine „unsichtbare Atombombe“ sei in unserem Informationsökosystem explodiert, formulierte sie in ihrer Nobelpreisrede.

Als Duterte am 30. Juni 2016 an die Macht gelangt, bekommt „Rappler“ die volle Wucht der angestachelten Wut zu spüren: Die Redakteurinnen werden als „Presstitutes“ verunglimpft, der Hashtag „ArrestMariaRessa“ zieht Kreise, bis zu 90 Hassnachrichten erreichen Ressa in einer Stunde. Der Druck ist enorm, Ressa macht das zu schaffen, sie ist kurz vor einem Zusammenbruch. Mittlerweile steht ihr die Clooney Foundation For Justice zur Seite, die sich international für Menschenrechte einsetzt - Amal Clooney hat auch das Vorwort im Buch verfasst.

Maria Ressa lässt sich trotz allem nicht brechen. Die „Rappler“-Redaktion hatte schon, bevor sie selbst Opfer wurde, über gefährliche Dynamiken im Netz recherchiert. Und auch jetzt wird sie nicht aufhören zu berichten, Fakten zu checken, Bündnisse mit anderen Medien für die Verteidigung von Demokratie und Gerechtigkeit einzugehen. „We are Rappler, and we will hold the line“, lautet die Kampfansage.

Am 15. Juni 2020 steht Maria Ressa vor Gericht, wegen „Verleumdung im Netz“. Grundlage ist eine Geschichte aus dem Jahr 2012, die ihr Mitangeklagter, ein ehemaliger Kollege, geschrieben hat. Die Verhandlung – eine Farce. Die Angeklagten werden „ohne jeden Zweifel schuldig“ gesprochen und zu bis zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt. Ressa: „Ich wurde wegen einer Geschichte verurteilt, die ich gar nicht geschrieben, redigiert oder beaufsichtigt hatte, für ein Verbrechen, das es zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieser Geschichte noch gar nicht gab.“ Mittlerweile hat das Berufungsgericht die Wiederaufnahme des Verfahrens abgelehnt. Die Entscheidung wird am Obersten Gerichtshof in Manila fallen.

Als Ressa erfährt, dass ihr der Friedensnobelpreis verliehen wird, sagt sie, dass dies hoffentlich auch eine Bestätigung sei, „wie wir den Kampf um die Wahrheit gewinnen werden, den Kampf um die Fakten“. Einige Monate später, im Mai 2022, sind Wahlen auf den Philippinen: Ferdinand Marcos Jr., Sohn des ehemaligen Diktators Ferdinand Marcos, setzt sich durch – wieder mit Hilfe der bekannten Desinformations- und Propagandanetzwerke.

Die Welt wird wohl kein besserer Ort werden, zumindest nicht von selbst. Den Ist-Zustand nicht zu akzeptieren, sich ihm zu widersetzen, ist der erste Schritt - und wie Maria Ressa beweist, der wichtigste. „How to Stand Up to a Dictator“ ist ein Aufruf an die jetzige und die kommende Generation: Steht auf und haltet die Stellung - #HoldTheLine!

Maria Ressa begann ihre Karriere als Journalistin 1986 bei People’s Television 4 in Manila. Sie war fast zwei Jahrzehnte als leitende Investigativreporterin für CNN International in Südostasien tätig und ist Mitgründerin des Online-Nachrichtenportals „Rappler“, dessen Chefredakteurin sie bis 2020 war. Foto:M.Ressa/Rappler/F.Lopez
Maria Ressa begann ihre Karriere als Journalistin 1986 bei People’s Television 4 in Manila. Sie war fast zwei Jahrzehnte als leitende Investigativreporterin für CNN International in Südostasien tätig und ist Mitgründerin des Online-Nachrichtenportals „Rappler“, dessen Chefredakteurin sie bis 2020 war. Foto:M.Ressa/Rappler/F.Lopez © M.Ressa/Rappler/F.Lopez

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