Hong Xiuquan (1814–1864).
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Hong Xiuquan (1814–1864).

Taiping-Aufstand

Hong Xiuquan: Gottes anderer Sohn

  • Arno Widmann
    vonArno Widmann
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An der Spitze des Taiping-Aufstandes stand ein Mann namens Hong Xiuquan. Er konvertierte zum Christentum, hielt Jesus für seinen älteren Bruder. Er wollte China revolutionieren, und fast gelang es ihm.

Am 11. Januar 1851 ruft Hong Xiuquan (1814–1864) das Himmlische Reich des großen Friedens aus. Auf Chinesisch heißt das „Taiping Tianguo“. Taiping ist der große Friede und Tianguo das Himmelreich. Hong Xiuquan proklamiert sich selbst zum Himmlischen König.

„Der große Friede“, eine daoistische Erfindung, die in verschiedenen Texten thematisiert wurde, inspirierte seit dem zweiten Jahrhundert immer wieder Bauernaufstände, die darauf drangen, einen Gottesstaat auf Erden zu errichten oder die Hoffnung nährten, ein Befreier werde kommen, der Geschichte, die eine Geschichte des Leidens ist, ein Ende zu machen. Im 19. Jahrhundert kam es, anknüpfend an lokale Mythen, fast überall auf der Welt zu derartigen messianischen Bewegungen. Die erfolgreichste und die verheerendste war der sogenannte Taiping-Aufstand (1851–1864), ein Bürgerkrieg, der China zwischen 20 und 30 Millionen Menschenleben kostete. Ein Bürgerkrieg, der ein Produkt der Globalisierung war.

Da war die Besetzung Chinas durch die Mandschuren. Die hatten 1644 die Ming-Dynastie abgelöst und regierten, bis China 1912 eine Republik wurde, das Kaiserreich. Da waren die Opiumkriege (1839–1842 und 1856–1860), in denen Großbritannien und Frankreich mit militärischer Gewalt durchsetzten, auch über die Vertragshäfen hinaus im Innern Chinas kaufen und verkaufen zu können, was sie wollten. Opium inklusive.

1860 eroberten die westlichen Truppen Peking und zerstörten den Kaiserlichen Sommerpalast. Das Kaiserreich musste sich den Westmächten beugen. Bei den Verhandlungen stand China auch Russland und den USA gegenüber. In dieser Situation wurde die Zentralmacht im Süden Chinas von den Taiping-Truppen und im Nordosten von den Nian angegriffen. Neben dem Opium lieferten die Europäer auch, was Karl Marx (1818–1883) 1844 – die chinesischen Kriege vor Augen – „das Opium des Volkes“ nannte: die Religion. 1836 ist der amerikanische evangelische Missionar Edwin Stevens (1802–1837) in Kanton.

Es finden gerade die Prüfungen statt, denen sich die jungen Männer zu stellen haben, die eine Beamtenlaufbahn anstreben. Stevens verteilt zusammen mit einem Chinesen in der Nähe des Prüfungsgebäudes christliche Texte auf Chinesisch. Der 22-jährige Hong Xiuquan greift zu. Das Verteilen der Bücher war illegal. Ebenso war es das Annehmen. Er lässt das Buch, so die Überlieferung, bis 1843 in einem Winkel seines Hauses liegen.

Er fällt durch die Prüfung. Der frisch verheiratete Dorfschullehrer, der der ein wenig randständigen Minderheit der Hakka angehört, wird auch an der nächsten Prüfung scheitern. Er erkrankt. Aus seiner Depression retten ihn Visionen: Der himmlische Vater erscheint ihm und erklärt ihm, er sei neben Jesus sein zweiter Sohn. Er habe die Aufgabe, die Welt von den Dämonen zu reinigen. In dieser Vision wirft er sie, unterstützt von Jesus, erst einmal aus dem Himmel. Sein himmlischer Vater ist begeistert und fordert ihn auf, seinen Namen zu ändern: Aus Hong Huoxiu wird Hong Xiuquan. Aus dem Feuer (Hu) wird Vollkommenheit (Xuan).

Seine Familie erklärt ihn für verrückt und hält ihn in seinem Zimmer gefangen. Sie fürchtet, zur Verantwortung gezogen zu werden, wenn er etwas anstellt. Nach einer Weile beruhigt er sich, darf wieder hinaus und unterrichten. Er geht wieder zu Prüfungen und scheitert wieder.

1843 liest er die christliche Broschüre, die Stevens ihm 1836 in die Hand gedrückt hatte. Jetzt erst begreift er seine Visionen. Der Himmelsgott seiner Träume war der christliche Gott. Das wird ihm völlig klar, als er liest, dass Gott die ganze alte, sündige Welt in einer Flut ertränkt. Flut. Er heißt Hong. Hong ist das chinesische Wort für Flut. Er ist die Flut. Er wird die Welt reinigen von Sünde und Verbrechen, vom Übel, vom Bösen.

Noch mehr beeindruckt ihn aber der Gottesname Jehova. Chinesisch transkribiert als Ye-Huo-hua. Und wieder springt ihn ein Schriftzeichen an. Jehovas Huo findet sich auch in seinem Geburtsnamen: Hong Huoxiu. In seinem Namen verbanden sich Wasser (Hong) und Feuer (Huo).

Zum Weiterlesen:

Stephan Thome:Gott der Barbaren. Suhrkamp, Berlin 2018. 719 Seiten, 25 Euro. Der Roman stand 2018 auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis.

Stephen Platt:Autumn in the Heavenly Kingdom – China, the West and the Epic Story of the Taiping Civil War. Atlantic Books, London 2012.

Jonathan Spence:God’s Chinese Son – The Taiping Heavenly Kingdom of Hong Xiuquan. Norton & Company, New York 1996.

Caleb Carr:The Devil Soldier – The American Soldier of Fortune Who Became God in China. Random House, New York 1992.

Jetzt erkennt er darin den Namen eines Gottes, der die sündigen Städte Sodom und Gomorrha in einem Meer von Flammen untergehen ließ. Untergang und Aufstieg, Kreuz und Auferstehung gehören bei diesem Gott zusammen. Hong macht ihn zu seinem Gott. Er sagt sich von seinem irdischen Vater los, denn er ist der Sohn seines himmlischen Vaters. Sein Onkel und er konvertieren zum Christentum. Es gibt keine Kirche, in die sie eintreten können. Sie taufen einander und gründen ihre eigene Kirche. In der Schule zerstören sie die Tafeln des Konfuzius. Die Dorfbewohner verbieten ihnen, ihre Kinder zu unterrichten.

Sie verlassen ihr Dorf und predigen Revolution. Die Botschaft vom Gottessohn Hong Xiuquan, der nicht nur die Mandschu-Herrschaft stürzen, sondern auch das lang verheißene Himmlische Reich des großen Friedens errichten wird. In seiner Familie hält ihn bald, soweit wir wissen, niemand mehr für verrückt und immer mehr schließen sich ihm an: Hunderte, Tausende, Hundertausende, Millionen.

Hong Xiuquan wollte nicht nur die Regierung auswechseln, sondern auch eine völlig neue soziale Ordnung errichten. Darum eroberten seine Truppen 1853 Nanjing. Hier war 1842 die Öffnung Chinas für die Westmächte erzwungen worden. Hier sollte das neue, große, mächtige China des Gottessohnes aufgebaut werden. Nanjing war die Hauptstadt der Ming-Dynastie gewesen. „Dort errichtete Hong seine Hauptstadt“, schreibt Wikipedia, „als Neues Jerusalem.“

Nach der Eroberung zerstörten seine Anhänger buddhistische und taoistische Tempel und Statuen. Die örtliche Mandschu-Minderheit wurde von den Taiping systematisch ermordet. Ebenso führte Hong eine Geschlechtertrennung ein. Der Sabbath wurde von ihm nach biblischem Vorbild zum christlichen Feiertag gemacht. Ebenso versuchten sie, eine soziale Revolution durch Organisation in Arbeitsbrigaden mit vergemeinschaftlichtem Privateigentum anzustoßen. Die Maßnahmen der Taiping führten zur Flucht der angestammten Stadtbevölkerung. Die Stadt füllte sich mit den rund 500 000 Anhängern, die Hong auf seiner Militärkampagne nach Nanjing gefolgt waren.

Nanjing war also nicht nur als Gegenmacht gegen die in Peking sitzenden Mandschus gedacht, sondern auch als Demonstration der Effizienz des zu errichtenden Gottesstaates. Später wird so etwas ein „befreites Gebiet“ genannt werden.

Hong Rengan (1822–1864) war ein Cousin von Hong Xiuquan und einer seiner frühesten Anhänger. In den Jahren von 1859 bis 1864 war er Premierminister und damit der zweite Mann der Taiping-Bewegung. Er versuchte, die christlichen Staaten als Verbündete gegen die Mandschus zu gewinnen. Er erkannte zu spät, dass diese keine religiösen Interessen hatten. Und er sah auch nicht die Herausforderung, die für die Vertreter der westlichen Staaten in dem verführerischen Amalgam von sozialer und religiöser Revolution lag.

Hong Rengan hatte 1855 bis 1858 vor allem für den schottischen Missionar James Legge gearbeitet und dem bei der Übersetzung der chinesischen Klassiker geholfen. Hong Rengan war der führende Autor der Taiping-Bewegung. Er trat für soziale Reformen, für Landverteilung, aber auch für technologische Neuerungen und Pressefreiheit ein. Von seinen Vorstellungen wurde kaum eine Realität.

Die Taiping-Bewegung setzte sich aus unterschiedlichsten Gruppen zusammen, die die unterschiedlichsten Konzepte verfolgten. Es gab Befürworter einer Restauration der Ming-Dynastie, es gab Räuberbanden, die eine Chance sahen, bei den Auseinandersetzungen mit der Regierung ihren Schnitt zu machen.

Allerdings hätte die Bewegung niemals so viel Erfolg haben können, hätte es nicht den Kern von Gefolgsleuten gegeben, die in Hong Xiuquan Gottes Sohn sahen, den Messias, den Erlöser. Als er 1864 tot aufgefunden wurde, hatte die Bewegung ihr Treibmittel, ihren Motor verloren. Sechs Wochen nach seinem Tod eroberten die Regierungstruppen Nanjing und machten dem chinesisch-christlichen Gottesstaat ein Ende.

Nicht nur die Taiping-Rebellen waren übrigens globalisiert. Auch die Mandschus waren es. Sie hatten nach anfänglichem Widerstreben den US-Amerikaner Frederick Townsend Ward (1831–1862) engagiert. Er hatte als Söldner in Mexiko und im Krimkrieg Kampfverbände aufgebaut. Für die chinesische Regierung tat er dasselbe und erfand und organisierte die „Immer siegreiche Armee“, die der Taiping-Bewegung den Hals brach.

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