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„Das Ganze ist – Stichwort „Mediengenie Luther“ – Teil einer sorgfältigen Selbstinszenierung“: Luther in Worms, hier auf einem Holzstich von Emil Jacobs (1802-1866).
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„Das Ganze ist – Stichwort „Mediengenie Luther“ – Teil einer sorgfältigen Selbstinszenierung“: Luther in Worms, hier auf einem Holzstich von Emil Jacobs (1802-1866).

Martin Luther

Historiker Volker Reinhardt: „Luthers Einzug in Worms war ein Event“

  • Joachim Frank
    VonJoachim Frank
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Reichstag in Worms 1521: Der Historiker Volker Reinhardt spricht über den „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“-Auftritt des Reformators und über Fake News, PR-Shows und echte Gefahren vor 500 Jahren.

Herr Professor Reinhardt, Martin Luthers berühmter Ausspruch „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“ wird an diesem Wochenende 500 Jahre alt. Stimmt es eigentlich, dass es sich dabei um eine „Fake News“ handelt und Luther diesen Satz nie gesagt hat?

Zuerst und vor allem ist dieser Satz eine „News“ des Medien-Genies Martin Luther. Er findet sich in einem Bericht, den Luther selbst schon im Mai 1521, also sehr bald nach seinem Auftritt auf dem Reichstag zu Worms, an die Öffentlichkeit lancierte. Wir haben auch einen Gegenbericht seines größten Kontrahenten, des päpstlichen Gesandten Aleander, der es etwas anders schildert, das Zitat aber dem Sinne nach bestätigt.

Was heißt „dem Sinne nach“?

Das Verhör Luthers vor dem Kaiser und den Reichsfürsten wurde auf Latein geführt. Ganz zum Schluss wechselte Luther ins Deutsche und erklärte mit dem berühmt gewordenen Zitat, dass er den von ihm geforderten Widerruf seiner Schriften verweigert. Diesen Satz gibt Aleander nicht wieder, aber ganz einfach deshalb, weil er kein Deutsch verstand und die Sprache regelrecht verabscheute. Das Ganze ist – Stichwort „Mediengenie Luther“ – Teil einer sorgfältigen Selbstinszenierung: Als aufrichtiger Deutscher stelle ich mich gegen die hinterlistigen, verschlagenen Römer. Das ging bei ihm bis in die Lautmalerei seines Namens: Luther, der Lautere ...

Worum ging es in Worms?

Luther sollte sich nach dem Willen Kaiser Karls V. und des päpstlichen Gesandten Aleander von seinen Hauptschriften distanzieren. Die wurden ihm auf dem Reichstag auch alle vorgelegt. Natürlich ging es dabei um seine Kritik an der Ablasspraxis, seine Angriffe auf das Papsttum und die Autorität des kirchlichen Lehramts. Es ging aber auch um seine Theologie, zum Beispiel um die Lehre, dass der Mensch „allein aus dem Glauben“ Gnade vor Gott findet und nicht durch Vermittlung der Kirche und ihrer Sakramente.

Diese Fragen waren so wichtig, dass der Kaiser sie auf einem Reichstag behandeln ließ?

Die „Causa Luther“ war an sich nicht der entscheidende Tagesordnungspunkt. Der römische Gesandte nahm Luther als Person nicht ernst. Er hielt ihn für einen Idioten, einen delirierenden Barbaren, der als Strohmann nach vorne geschoben werde.

Von wem?

Als Hintermänner Luthers machte Aleander die deutschen Fürsten in ihrer Unzufriedenheit mit dem Papsttum aus: „Wir zahlen zu viel nach Rom und bekommen zu wenig zurück, zum Beispiel lukrative Posten für Angehörige unserer Familien.“ So stellte sich die Lage für den päpstlichen Nuntius dar.

Und für den Kaiser?

Karl V. sah das im Großen und Ganzen auch so. Dass er sich überhaupt darauf eingelassen hatte, Luther vorzuladen und anzuhören, hängt mit seiner Jugend und Unerfahrenheit zusammen. Er war gerade erst zwei Jahre im Amt. Seine Stellung war noch ungesichert. Zudem war man in Deutschland der Meinung, eine römische Bannbulle gegen den „Ketzer Luther“ allein reiche nicht aus. Weil Luther Untertan des Reiches war, müsse seine Sache auch im Reich verhandelt und entschieden werden. Der Kaiser und Aleander ahnten, dass sich aus politischen Motiven eine gefährliche Situation für die Einheit der Kirche zusammenbraute.

Warum?

Mit einem Übertritt zur Reformation und der Loslösung von Rom sahen die Reichsfürsten die Chance gekommen, zu Herren eigener Landeskirchen auf ihrem Territorium zu werden. Im Bewusstsein der Mächtigen, aber auch der Menschen waren Kirche und Staat in dieser Zeit untrennbar miteinander verklammert. Wer also den Abfall von Rom und die religiöse Spaltung predigte, so die Wahrnehmung des Kaisers, der griff auch das politische Gefüge des Reiches an. Seit Jahrhunderten bekamen die Kaiser bei ihrer Krönung durch den Papst das Mandat verliehen, die Kirche zu schützen und den katholischen Glauben zu verteidigen. Das war – von Gott her – sogar ihre vornehmste Aufgabe. Bedenken Sie zudem, dass viele Reichsfürsten aus dem geistlichen Stand kamen. Als Bischöfe und Äbte führten sie auch das weltliche Regiment.

Wollte der Kaiser Luther deshalb als Motor der reformatorischen Bewegung stoppen?

Es ging jedenfalls in Worms nicht um einen echten Disput oder gar eine Verständigung zwischen den Vertretern des „alten Glaubens“ und den Reformern. Politisch und persönlich war der spanische Habsburger Karl V. unverbrüchlich der römischen Kirche verpflichtet. Er war sicher nicht der Typ des religiösen Zynikers, der den Glauben nur als Mittel zum politischen Zweck versteht, sondern ein tief frommer Mann. Selbst die geringste Sympathie für die Ideen Luthers und der Reformation lag für Karl V. außerhalb jeder Vorstellung. Aber auch kirchenpolitisch waren die Fronten längst zu sehr verhärtet. Nuntius Aleander hatte schon einige Zeit zuvor warnend nach Rom geschrieben, das Papsttum habe im Reich keinerlei Kredit mehr. Insofern besiegelte der Wormser Reichstag einen Prozess der Entfremdung und der Kirchenspaltung.

Zur Person:

Volker Reinhardt, geboren 1954, ist Historiker und lehrt an der Universität Freiburg. Seine Schwerpunkte sind die italienische Renaissance und die Geschichte des Papsttums. Zuletzt erschien sein Buch „Die Macht der Seuche. Wie die Große Pest die Welt veränderte“, davor die Bände „Die Macht der Schönheit. Kulturgeschichte Italiens“ (2019), „Leonardo da Vinci. Das Auge der Welt“ (2018), „Pontifex. Die Geschichte der Päpste“ (2017) und „Luther, der Ketzer. Rom und die Reformation“ (2016), alle im Verlag C. H. Beck.

Das Programm zum 500. Jahrestag wird mit einem Festakt am 16. April in Worms eröffnet, zu dem auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier erwartet wird. Mehr zu den Angeboten (auch in Funk und Fernsehen) unter www.luther-worms.de

Welche Bedeutung hatte der Reichstag für Luther persönlich?

Worms wurde für Luther zu einem Symbolereignis seines Lebens und Wirkens. Er sah den Reichstag als Bestätigung seiner Rolle, im Auftrag Gottes den „wahren Glauben“ wiederherzustellen. Dabei schrammte er immer haarscharf an einer Selbststilisierung als Prophet entlang.

Als Prophet, der allen Bedrohungen und Anfeindungen trotzt ...

Die Karte, Luther habe mit seiner Reise nach Worms und dem Auftritt auf dem Reichstag sein Leben riskiert, hat er selbst aktiv gespielt. Sie wurde später Teil des Mythos vom Nationalheros Luther. Sein Erzfeind Thomas Müntzer hat das Ganze jedoch von Anfang an lapidar als eine einzige große Show abgetan.

Und wer hatte recht?

Beide, aber mit Tendenz zu Müntzers Sicht. Luther wurde nicht etwa als Angeklagter nach Worms zitiert, sondern – sehr ehrenvoll – vom kaiserlichen Herold vorgeladen. Die lange Anreise von Wittenberg war sorgfältig geplant und geriet für Luther zu einem umjubelten Triumphzug. Sein Einzug in Worms unter Trompetengeschmetter war ein Event. Was Aleander übrigens schier zur Weißglut trieb, wie wir aus seinen Briefen wissen. Immerhin war Luther ein vom Papst verurteilter Ketzer. Es war deshalb aus römischer Sicht ein Unding, dass er überhaupt angehört werden sollte. Nachdem es nicht gelungen war, das zu verhindern, wollte Aleander das Verhör Luthers auf einen Punkt reduziert wissen: Widerruf – ja oder nein? Ihm eine Stellungnahme und Argumentation in eigener Sache zu gewähren, war für Rom der GAU. Trotzdem kam es so. Aleander konnte sich auch hier am Ende nicht durchsetzen.

Aber worin lag denn dann die Gefahr für Luther?

Nun ja, Luther und seine Zeitgenossen wussten, wie es 100 Jahre zuvor dem tschechischen Reformator Jan Hus ergangen war, dem auf dem Konzil von Konstanz „freies Geleit“ zugesichert worden war: Er wurde trotzdem festgesetzt und auf dem Scheiterhaufen hingerichtet mit der Begründung, für einen Ketzer gebe es keine Sicherheitsgarantien. Das war ein gewisses Risiko für Luther. Andererseits wusste er auch, dass er nicht nur die Sympathien des Volks genoss, sondern ebenso den Rückhalt einflussreicher, mächtiger Fürsten, insbesondere seines Landesherrn, Kurfürst Friedrichs des Weisen. Trotzdem war Luther schon auf dem Weg nach Worms gestresst. Das bevorstehende Verhör schlug ihm auf den Magen, was er wiederum als Anfechtung des Teufels interpretierte.

Die Schein-Entführung war erneut ein PR-Coup. Die deutsche Öffentlichkeit nahm großen Anteil an Luthers Schicksal. 

Volker Reinhardt

Er musste dann ja sogar zweimal vor Kaiser und Reichsfürsten erscheinen.

Ja, und es waren zwei sehr verschiedene Auftritte. Nach dem ersten Verhör Luthers am 17. April 1521 glaubte Aleander, er habe den „Fürstenpopanz“ im Sack. Luther wirkte eingeschüchtert, erbat sich Bedenkzeit. Aleander deutete das als Zeichen der Schwäche und Angst Luthers vor der eigenen Courage. Aber auch für viele andere Beobachter war es ein enttäuschender Auftritt Luthers. Für den folgenden Tag erwartete man dann allgemein das endgültige Einknicken Luthers und einen Widerruf.

Aber?

Als Luther am nächsten Abend erneut vor dem Reichstag erschien, traute Aleander seinen Augen und Ohren nicht: Luther trat ausgesprochen selbstbewusst auf, von Unsicherheit keine Spur. Dünkel und Hochmut attestierte ihm der Nuntius. Er hatte, wie viele andere auch, einfach nicht mit Luthers Geschick gerechnet. Der hatte schon am Vortag keinen Augenblick daran gedacht zu widerrufen. Zum einen sicher aus Gewissensgründen, zum anderen aber auch, weil er sich seiner Unterstützer unter den Fürsten gewiss war. Mit seinem zögerlichen Auftritt am 17. April steigerte er lediglich die Spannung. Interessant ist die Begründung, mit der er den Kaiser um Bedenkzeit bat: Er müsse sich seine Antwort gut überlegen, weil davon nicht nur sein eigenes Schicksal abhänge, sondern das Schicksal der Christenheit und das Seelenheil aller Gläubigen. Damit nahm er den Kaiser und die Fürsten gewissermaßen mit in die Verantwortung für seine Position, dass er vielleicht manchmal etwas rau im Ton gewesen sei, inhaltlich aber nichts zurückzunehmen habe.

Wie ging die Sache dann aus?

Äußerlich gesehen, mit einer krachenden Niederlage für Luther. Der Reichstag verhängte im Mai 1521 die Reichsacht über ihn. Damit war er vogelfrei. Er verlor alle Schutzrechte, durfte von jedermann ergriffen und ausgeliefert werden. Es war deshalb erstens eine Vorsichtsmaßnahme Friedrichs des Weisen, ihn auf der Rückreise von Worms zum Schein entführen zu lassen. Es war aber zweitens erneut ein PR-Coup. Die deutsche Öffentlichkeit nahm großen Anteil an Luthers Schicksal. Wir wissen das zum Beispiel von Albrecht Dürer, dem großen Maler. Die Kunde von Luthers Entführung schlug deshalb ein wie eine Bombe. Die Leute fürchteten, den Mann verloren zu haben, der sie aus einer langen Zeit der Glaubensverdunkelung ins Licht des Heils führen sollte. Somit steigerte die Schein-Entführung Luthers Sympathiewerte noch einmal enorm. (Interview: Joachim Frank)

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