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Armenier werden 1915 vertrieben und zu langen Märschen gezwungen, auf denen viele sterben.
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Armenier wurden 1915 aus dem Osmanischen Reich vertrieben und zu langen Märschen gezwungen, auf denen viele starben.

Interview

Türkei - Genozid an den Armeniern: „Es gab Geheimbefehle für den Massenmord“

  • vonMichael Hesse
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Der Historiker Eugene Rogan spricht über den von der Türkei geleugneten Genozid an den Armeniern und das Ende des Osmanischen Reiches.

Professor Rogan, der türkische Präsident Erdogan bestreitet bis heute, dass es im Ersten Weltkrieg einen Genozid an den Armeniern gegeben hat. Ist das nicht etwas überraschend angesichts der Tatsache, dass der Völkermord bereits im Ersten Weltkrieg internationale Aufmerksamkeit erfahren hat?

Es ist überraschend in dem Sinne, dass sich die Türkische Republik recht einfach von dem Völkermord durch die Osmanen hätte distanzieren können.

Was ist der Grund für Erdogans Haltung?

Die Armenier haben in der Diaspora eine Anerkennung ihres im Ersten Weltkrieg erlittenen Leids eingefordert. Sie haben es mit der in den 1960er und 70er Jahren beginnenden Thematisierung des Holocausts verknüpft. Ihr Leid mit dem der Schoah zu verbinden, hat aus ihrer Sicht Sinn ergeben. Die Armenier erfuhren nie eine vergleichbare Anerkennung wie die Opfer des Holocausts. In den 70er Jahren haben sie mit terroristischen Gruppierungen Anschläge auf Leugner des Genozids verübt. Das führte zu einem Konflikt zwischen dem türkischen Staat und den Armeniern und beförderte die türkische Haltung. Sie haben die armenische Position nicht anerkannt, da sie durch äußeren Druck oder terroristische Organisationen durchgesetzt werden sollte. Letztlich führte das zu der Politik der Verneinung.

Türkischer Nobelpreisträger sollte für Genozid-Thematisierung ins Gefängnis

Der Völkermord wird mit allen Mitteln geleugnet.

Der türkische Nobelpreisträger Orhan Pamuk sollte sogar ins Gefängnis, als er den Genozid in einem Interview mit einem deutschen Magazin thematisierte. Wo leben wir aber, wenn wir so weit gekommen sind, türkischen Studierenden und der türkischen Forschung zu verbieten, auf diesem Feld Untersuchungen anzustellen? Ein Verbot hat eine ironische Wirkung, nämlich mehr und mehr türkische Historiker gerade dazu zu ermuntern.

Gibt es dafür ein Beispiel?

Die besten Dokumentationen, die wir über den Mord und die Deportation der Armenier haben, sind von türkischen Forschern verfasst worden. Ich selbst wurde von einem Thinktank in Ankara eingeladen, einen Vortrag über den Genozid an den Armeniern zu halten. Sie gaben der Veranstaltung zwar den Titel „Alte Fragen, neue Diskussionen“, aber es ging explizit um den Genozid. Nach dem Meeting fragte ich meinen Gastgeber, warum er solche Tagungen organisiere. Er sagte, es diene der Überwindung der Gräben zwischen der Türkei und dem Kaukasus, den Armeniern, mit denen sein Land gerade den Handel ausweite. Die alten Gebiete sollten neue Tourismus-Hochburgen werden. Es gibt also interessante Entwicklungen in der Türkei, auch wenn Recep Tayyip Erdogan und seine Regierung weiterhin dem alten Weg folgen.

Jungtürken erhielten Geheimbefehle für Massenmord an Armeniern

Was waren die Ursachen für den Genozid?

Am Ende des Ersten Weltkrieges rechtfertigte man auf allen Seiten den Tod Hunderttausender mit der Aussicht, irgendwo einen militärischen Durchbruch zu schaffen, auch wenn am nächsten Tag 500 000 Menschen dafür sterben sollten. Dieses Denken von Regierungen, diese Art des Kalküls schloss auch die Möglichkeit von Genoziden mit ein, an Völkern, die als Bedrohung für das eigene Land wahrgenommen wurden. Die Armenier fielen aus Sicht der Türken in diese Kategorie. Vor dem Krieg hatten die Armenier in Russland eine Schutzmacht gesehen. In russischen Diensten stehende Armenier versuchten, ihre armenischen Brüder aufseiten der Osmanen für die russische Armee zu rekrutieren. Viele schlossen sich an, so dass die Osmanen die Armenier im Kaukasus als fünfte Kolonne ansahen. Der Konflikt am Kaukasus hatte die Zerstörung der dritten osmanischen Armee zur Folge. In einem Krieg, in dem Vertreibung und Massentötung enorme Größen annahmen, fing man dann auf osmanischer Seite an, Pläne zu schmieden, um die armenischen Männer zu töten, die Frauen und Kinder zu deportieren.

Also auf Anweisung der Regierung?

Die Jungtürken erteilten Geheimbefehle für den Massenmord an deportierten Armeniern. Sie wurden mündlich, nicht etwa schriftlich gegeben. Den Befehl zur Deportation hatte Talat Pascha, einer der drei jungtürkischen Führer, jedoch am 1. März 1915 schriftlich den Gouverneuren übermittelt, diese wurde also ganz offen durch Regierungsbefehle angeordnet. Die Männer wurden erschossen. Die Frauen mussten Todesmärsche überstehen, die nur die Stärksten überleben konnten. Die Schwachen wurden am Straßenrand zum Sterben zurückgelassen. Sie mussten Wüsten ohne Nahrung, Wasser oder medizinische Hilfe durchqueren. Dabei kamen Hunderttausende Menschen ums Leben, so dass die internationale Gemeinschaft, eine Organisation, die von türkischer Seite jedoch nicht akzeptiert wurde, dieses Vorgehen als einen Genozid einstufte. Übrigens: Die Vernichtung der Armenier in Ostanatolien hat die Sicherheit der Osmanen in keiner Weise erhöht. Den russischen Einmarsch im Kaukasus gab es dennoch.

Osmanische Parlament brachte Verantwortliche für Vertreibung der Armenier vor Gericht

Gab es eine osmanische Reaktion auf den Genozid?

Was heute immer wieder übersehen wird, sind die Ereignisse nach dem Krieg. Die Paschas, Enver, Kemal und Talat, flohen nach dem Krieg aus dem Land. Das osmanische Parlament begann eine Untersuchung über die Tötung und Vertreibung der Armenier. Verantwortliche wurden benannt und vor Gericht gebracht. Man erhoffte sich dadurch eine günstigere Ausgangsposition in den Friedensverhandlungen mit den Westmächten. Sie setzten hier besonders auf US-Präsident Woodrow Wilson. Die US-amerikanischen Zeitungen hatten die Massentötungen der Armenier als ein Verbrechen an der Menschheit bezeichnet. Das war ein neuer Ausdruck, der in dieser Zeit geprägt wurde. Alles andere als die Verfolgung der Verbrechen wäre in den Friedensverhandlungen also eine schwere Belastung für die Osmanen gewesen. Die zudem demonstrieren wollten, dass sie sich von den autoritären Jungtürken unterschieden.

Zur Person

Eugene Lawrence Rogan, Jahrgang 1960, ist Historiker und ein ausgewiesener Kenner des Nahen und Mittleren Ostens. Aufgewachsen im Mittleren Osten, spricht Rogan sowohl Arabisch als auch Türkisch. Der US-Amerikaner arbeitet seit 1991 in Oxford und ist Director des Middle East Centre in St. Antony’s, dem „Babel der Oxford Colleges“. Er ist außerdem Mitglied der British Academy.

2013 erschien im Propyläen Verlag auf Deutsch seine vielfach beachtete, Darstellung „Die Araber. Eine Geschichte von Unterdrückung und Aufbruch“.

Sein neues Buch heißt „Der Untergang des Osmanischen Reichs“ ist in diesem Frühjahr bei wbg Theiss erschienen, aus dem Englischen von Tobias Gabel und Jörn Pinnow, 592 S., 38 Euro.

Das Osmanische Reich ging vor 100 Jahren dennoch unter. Sie haben ein großes Buch darüber verfasst, in dem Sie schreiben, dass Sie einen Verwandten in der Schlacht von Gallipoli verloren haben. War das der Grund für Ihr Interesse am Thema?

Mein Großonkel, John McDonald, war ein junger Mann, gerade einmal 19 Jahre alt, der sich freiwillig zur Armee gemeldet hatte. In ganz Europa gab es im Sommer 1914 ein Kriegsfieber, einen enorm großen Enthusiasmus. Für Onkel John, der aus einem kleinen schottischen Dorf in der Nähe von Perth stammte, war der Kampf gegen die Deutschen eine Mission zur Rettung der Zivilisation. Daher schlossen er und sein Freund sich den Scottish Rifles an. Erst im April 1915 wurden die Rekruten jedoch zum Dienst gerufen. Mein Onkel war der Überzeugung, er werde an die Westfront geschickt, um gegen die Deutschen zu kämpfen. Stattdessen ging es in das östliche Mittelmeer zu dem Einsatz gegen das Osmanische Reich. Dabei empfand er ganz sicher keine Feindschaft gegenüber den osmanischen Türken.

Was erwartete ihn dann vor den Dardanellen?

Die Schotten hatten zwei Wochen Zeit, um sich auf die Schlacht vorzubereiten, dann ging es schon los. In Gallipoli wartete auf sie ein unerbittliches Feuer der osmanischen Artillerie. Schon in den Schützengräben gab es die ersten Verluste. Als dann der schrille Pfiff ertönte, auf den hin die schottischen Soldaten zum Kampf auf die osmanischen Stellungen übergehen sollten, gab es erneut Maschinengewehrfeuer. Ein Achtel aller britischen Soldaten starb in den ersten fünf Minuten. Mein Onkel kam noch in ein Krankenlager, die Leiche seines Freundes konnte nicht geborgen werden. Er liegt heute in einem Massengrab.

Eugene Rogan. St Antony’s College, Oxford

Das Osmanische Reich überdauerte Jahrhunderte

Ein tragisches Ende.

Vor zehn Jahren reiste ich mit meiner Mutter und meinem Sohn zu dem Ort, wo die britischen Soldaten bestattet wurden. Das war für mich ein enormer Ansporn, das Buch über den Fall der Osmanen zu schreiben. Der Tod meines Onkels am 28. Juni 1915 brachte Schrecken und Trauer über meine Familie und war für sie damals der Anlass, mit dem Schiff nach Amerika aufzubrechen. Sie kehrte nie mehr nach Schottland zurück. In einem gewissen Sinne existiere ich, weil er starb: In den USA fand meine Großmutter meinen Großvater, meine Mutter wurde geboren.

Wenn Sie einen Blick auf die Geschichte des Osmanischen Reiches werfen: Ist es besonders erfolgreich gewesen im Vergleich zu anderen Großreichen?

Das Osmanische Reich ist ein absolut faszinierender Forschungsgegenstand. Seine Kultur ist ungeheuer reich, es überdauerte Jahrhunderte. Gegründet wurde es durch Stämme aus Zentralasien. Das osmanische Sultanat erwies sich als stark genug, das byzantinische Reich in Europa und Kleinasien herauszufordern: Es hat die bis dahin vorherrschende Kraft im östlichen Mittelmeer abgelöst und im Jahr 1453 die Hauptstadt Byzanz erstürmt. Das war der Zusammenbruch des oströmischen Reiches.

Osmanen sahen sich als Nachfolger des Römischen Reiches

Gab es eine Parallele zum Römischen Reich und zum Britischen Empire?

Die Osmanen haben sich als direkten Nachfolger des Römischen Reiches gesehen. Unter ihrer Herrschaft wurde Konstantinopel zu Istanbul, einem großen Zentrum der islamischen Lehre und Kultur. Das ist vielen nicht bewusst. Aber sie sogen in Istanbul das Beste diverser Kulturen in sich auf, von Indien, Persien oder der arabischen Welt. Sie brachten die großartige Kalligraphie und die höchste Form der Architektur nach Istanbul, die jemals in der islamischen Welt erreicht wurde. Im 17. Jahrhundert, ein großes Jahrhundert für sie, schufen sie Werke, die heute noch beeindrucken, prächtig und hochherrschaftlich sind. Das Osmanische Reich zu studieren bedeutet, eine Zivilisation der höchsten Entwicklungsstufe zu untersuchen. Doch als sie als Empire in den Ersten Weltkrieg eintraten, hatten sie es mit einer sich sehr schnell verändernden Welt zu tun.

War dieses Reich chancenlos gegen die Europäer?

Man wird zu Beginn des Ersten Weltkrieges kaum einen Kriegsanalysten ausfindig machen, der dem Osmanischen Reich Chancen für eine lange Existenz eingeräumt hätte. Die Erwartung war vielmehr, dass es in seinen letzten Zügen lag. Ein Empire vor dem völligen Kollaps. Viele glaubten daher, dass die Deutschen dumm seien, dieses Osmanische Reich in die Achse der Mittelmächte aufzunehmen. Doch die Art und Weise, wie die Osmanen im Ersten Weltkrieg kämpften, war im Nachhinein eine Rechtfertigung der deutschen Entscheidung. Sie kämpften mit einer unglaublichen Disziplin und haben Hunderttausende Soldaten der Alliierten über vier Jahre gebunden. Das Osmanische Reich war auch in seinen letzten Tagen immer noch voll überraschender Geschichten, von denen wir heute noch viel lernen können. Sein Untergang war ein epochales Ereignis. (Interview: Michael Hesse)

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