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Historiker Michael Borgolte: „Es geht nicht, ohne der Geschichte einen Sinn zu geben“

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Von: Arno Widmann

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„Unser Mittelalter kannte nur Europa, Asien und Afrika und auch diese drei Kontinente nicht ganz“: Darstellung der „Drachen von Yunan“, ca. 1412.
„Unser Mittelalter kannte nur Europa, Asien und Afrika und auch diese drei Kontinente nicht ganz“: Darstellung der „Drachen von Yunan“, ca. 1412. © imago images/KHARBINE-TAPABOR

Der Historiker Michael Borgolte über die Welten des Mittelalters und ihren Zusammenhang.

Herr Borgolte, was ist Globalgeschichte? Im Unterschied zum Beispiel zur Universal- und zur Weltgeschichte?

Lassen Sie mich zunächst sagen: Mein Buch heißt „Die Welten des Mittelalters“. Der Plural ist wichtig. Nord- und Südamerika und der pazifische Raum kommen in meinem Buch neben der von mir so genannten „trikontinentalen Welt“ von Europa, Afrika und Asien vor, denn es ist eine Globalgeschichte. Ich gehe vom Globus aus. Aber es ist eine „Globalgeschichte des Mittelalters“. Homo sapiens sapiens besiedelte im mittelalterlichen Jahrtausend die letzten Winkel der Erde, und zwar in Ostpolynesien. Es waren aber Streusiedlungen, die den Kontakt zu ihren Ursprüngen oder anderen ihrer Art oft nicht wahren konnten. Europa stand damals weder zu den beiden Amerikas noch zum pazifischen Raum in Verbindung. Unser Mittelalter kannte nur Eufrasien, also nur Europa, Afrika und Asien. Und auch diese drei Kontinente nicht ganz. Um Ihre Frage zu beantworten: Universal- und Weltgeschichten schrieben dem Weltlauf eine Richtung zu, setzten ihm ein Ziel. Bei den einen war das die Wiederkehr Christi. Bei anderen der Fortschritt hin zur Freiheit. Nach Marx führte die Weltgeschichte zum Kommunismus. Mit dem nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufgekommenen Interesse an der Weltgeschichte verhielt es sich kaum anders. Es war eine Antwort auf die Erfahrungen, die man mit dem Missbrauch von Nationalgeschichten gemacht hatte. In Deutschland, aber auch in anderen Ländern. Es war eine Geschichtsschreibung, die sich stark an westlichen Werten orientierte, ja sie propagierte. In den Siebzigerjahren wuchs dann aus demselben Impuls heraus, freizukommen aus der Enge der Nationalgeschichte, das Interesse an europäischer Geschichte. Die Globalgeschichte dagegen ist etwas ganz Neues. Sie ist eine Frucht der Globalisierung. Davor gab es sie nicht. Die Globalgeschichte strebt keinem Ziel zu. Sie beschreibt den Zusammenhang der Welt. Ihn möchte sie analysieren und darstellen. Dazu gehört immer auch, dass das Netz der Verbindungen mal enger, mal weiter geknüpft ist. Eine Globalgeschichte des Mittelalters verzichtet also weder auf Nord- und Südamerika noch auf den Pazifik. Sie zeigt aber, dass zum Rest der Welt – fast – keine Verbindungen bestanden. Wir leben heute dagegen in einer Welt, in der jeder mit jedem verbunden sein kann. Das ist in dieser Intensität völlig neu. Wir sehen, welche riesigen Probleme das auch schafft. Die Erfahrung der Pandemie ist da sicher einschneidend. Als Reaktion darauf wächst der Wunsch nach Einkapselung, nach einer Festigung der Grenzen, auch nach ihrer Veränderung und das Verlangen danach, sich unabhängiger zu machen vom Welthandel. Aber prinzipiell wird die Globalisierung nicht mehr abzuschaffen sein. Hinzu kommt die mediale Vernetzung, gegen die viele Staaten verstärkt vorzugehen versuchen, aber sie ist zu wichtig, um wirklich rückgängig gemacht werden zu können. Sie befindet sich in einer Krise. Sie ist dabei sich umzuorganisieren. Aber am Ende ist sie ganz sicher nicht. Nicht im Guten und nicht im Bösen. Man wird die Globalisierung nicht zurückdrehen können.

Ist die Geschichtsschreibung der Aufklärung nicht hervorgegangen aus dem Nachdenken über den Niedergang des Römischen Reiches, also aus der Reflexion über den Zusammenbruch einer Globalisierung?

Das Römische Reich war ein Mittelmeerimperium. Denken Sie nur daran, dass zum Beispiel ganz Nordeuropa nicht zum Römischen Reich gehörte. Und vergessen Sie nicht, wenn Sie vom Untergang des Römischen Reiches sprechen, sprechen Sie von Westrom. Konstantinopel bestand weiter. Dahinter kam freilich schon das Perserreich. Die neue Universalität der christlichen Kirchen dagegen reichte vom Atlantik bis nach China. Viel weiter als das Römische Reich jemals gekommen war. So etwas hatte es in der ganzen Antike nicht gegeben. Und ähnlich wie das Christentum in seinen Kirchen expandierte seit dem 7. Jahrhundert der Islam durch Herrschaften, Händler, Missionare und Siedler. Im Mittelalter ist also ein deutlicher Zuwachs an Globalisierung festzustellen.

Über Religion?

Über Christentum und Islam. Aber auch über den Handel. Ein Luxusgut und ein Gut des Alltags, dessen Bedarf einmal geweckt oder befriedigt worden war, scheint in Eufrasien seinen Weg immer wieder zu den Abnehmern gefunden zu haben. Die großen, Hunderte von Kilometern durchmessenden römischen Straßen, die ja in erster Linie dem Militär gedient hatten, spielten zwar nur noch eine geringe Rolle. Dafür aber gab es jetzt ein dichtes Netz kleinerer Wege, das Dörfer und Städte über den ganzen Kontinent miteinander verband.

Gab es im Mittelalter wirklich keine Vorstellung von einer Welt jenseits von Europa, Afrika und Asien?

Ich vermute – beweisen kann ich das nicht –, dass in der Rede vom „vierten Kontinent“, einer im Mittelalter durchaus geläufigen Formulierung, sich Erinnerungen an von Seeleuten erzählten Geschichten von der Existenz einer pazifischen Inselwelt sedimentiert hatten. Es gab im Mittelalter ja die Vorstellung, dass bestimmte Weltgegenden nicht zu erreichen waren, weil sie vom Rest der Erde durch eine Feuerzone getrennt waren. Man ging aber davon aus, dass hinter der auch Menschen wohnten. Die man sich manchmal höchst kurios gewachsen vorstellte. Möglicherweise gab es einzelne Migranten, die dorthin und auch wieder zurück gefunden hatten. Das ist sehr spekulativ. Aber so ganz abwegig scheint mir der Gedanke nicht. Der „vierte Kontinent“ ist aus dem Bewusstsein des Mittelalters niemals verschwunden. Auch die Angst vor den Feuerzonen sehr lange nicht. Die Seeleute des portugiesischen Prinzen Heinrich der Seefahrer haben sich im 15. Jahrhundert immer wieder geweigert – angeblich vierzehnmal –, an der Küste Afrikas weit in den Süden zu fahren, weil sie fürchteten, in die Feuerzone zu kommen.

Welche Rolle spielen Frauen in Ihrer Globalgeschichte?

Sie kommen viel zu wenig vor. Ich schreibe jetzt an einem Buch über das Thema. Die Quellenlage ist nicht einfach. Aber neue Fragestellungen erschließen neue Quellen. Über Seefahrerinnen ist meines Wissens nichts bekannt, und auch Händlerinnen haben in der Überlieferung nur wenige Spuren hinterlassen. Aber: Die Heiratspolitik hat natürlich eine überragende Rolle bei der Globalisierung gespielt. Sie sich näher anzuschauen, lohnt sich sehr. Allerdings diente sie mehr der Arrondierung von Territorien, der Pflege nachbarlicher Beziehungen als den Fernkontakten. An keinem europäischen Hof gab es eine chinesische Prinzessin. Die Heiratspolitik war selbstverständlich auch ein Missbrauch der Frauen. Aber es ist sehr interessant zu sehen, wie katholische Prinzessinnen, die arianische Könige heirateten, zur Verbreitung des katholischen Glaubens beitrugen, während arianische Prinzessinnen keinen Einfluss nahmen auf ihr neues katholisches Umfeld. Das zeigt, dass Frauen bei der Entstehung des katholischen Europas eine wichtige Rolle spielten. Weibliche Pilgerschaften, Händlerinnen usw., das muss alles viel gründlicher untersucht werden, als wir das bisher getan haben.

Zur Person:

Michael Borgolte , geboren 1948, lehrte bis zu seiner Pensionierung

Mittelalterliche Geschichte an der Humboldt-Universität in Berlin.

Sein neuestes Buch , erschienen im März 2022, heißt „Die Welten des

Mittelalters – Globalgeschichte eines Jahrtausends“ (C.H. Beck, 1780

Seiten, 48 Euro).

Ihre Kernkompetenz ist die Analyse lateinischer Texte. Ihr Interesse an Globalgeschichte treibt Sie zu Quellen in Sprachen, die Sie nicht verstehen, und zu Disziplinen, die Sie nicht erlernt haben.

Das stimmt. Das ist das zentrale Problem eines jeden Globalhistorikers. Mit diesem Argument wird Globalgeschichte von vielen meiner Kollegen abgelehnt. Man kann da kaum widersprechen. Aber es gibt den Zusammenhang der Welt. Der soll nicht erforscht werden? Das leuchtet mir nicht ein. Ich finde, man muss den Mut haben, in fremden Bereichen zu dilettieren. Der Globalhistoriker benutzt zwar den kritischen Verstand seiner historischen Expertise, aber er bleibt angewiesen auf die Erkenntnisse der Experten. Wenn es ihm aber gelingt, die verschiedenen Befunde zu einem Bild zusammenzuführen, dann glückt ihm etwas, das unverzichtbar ist für unsere Gesellschaft. Die Alternative wäre, nicht über den eigenen Horizont hinauszugehen. Dann wäre eine Orientierung in der Welt unmöglich. Für die aber sind wir Historiker da. Nicht um Leuten zu sagen, wohin sie zu gehen haben. Aber um ihnen zu zeigen, wie wir dahin gekommen sind, wo wir jetzt sind, und welche Alternativen ungenutzt blieben.

Die meisten Ihrer Kollegen und Kolleginnen sehen das anders. Sie liefern Einzeluntersuchungen. Sie schreiben keine großen Zusammenfassungen für ein großes Publikum.

In meinen Augen haben Historiker zwei Aufgaben: erstens historisches Wissen kritisch zu erheben und zweitens dieses Wissen ihren Zeitgenossen zur Weltorientierung weiterzugeben.

Dazu gehört die Erzählung?

Das unterscheidet meines Erachtens die Historiker von allen anderen Wissenschaftlern. Es geht bei uns nicht nur um Analyse und Kritik, sondern auch um die Darstellung des Erkannten.

Um Erzählung?

Ja. Mein Lehrer, Jahrgang 1923, würde nicht verstehen, was ich tue. Seine Generation war zu jung, um Nazi zu sein, aber alt genug, um noch in den Krieg eingezogen zu werden. Er wäre nie auf die Idee gekommen, Geschichtsschreibung – im Sinne von erzählen – zu betreiben. Jede Geschichtserzählung bedarf einer historischen Deutungsabsicht. Man muss sich von Ideen leiten lassen. Das war dieser ideologisch missbrauchten Generation aufs Höchste suspekt. Das prägte die akademische Lehre der Nachkriegszeit. Meine Generationsgenossen betreiben – von wenigen Ausnahmen abgesehen – keine Geschichtsschreibung. Als ich aber 1981 das erste Mal Vorlesungen halten musste, begriff ich: Das geht nicht, ohne der Geschichte einen Sinn zu geben. Die Geschichte kennt kein Ziel. Aber die Geschichtserzählung braucht eines. Als ich „Europa entdeckt seine Vielfalt“ (2002) und „Christen, Juden, Muselmanen“ (2006) schrieb, da ging es mir darum zu zeigen, dass das mittelalterliche Europa nicht nur Westeuropa war, dass es vielmehr nicht zu verstehen ist, wenn man Judentum und Islam nicht einbezieht. Meine Öffnung zur nichtlateinischen Welt wurde damals von den meisten Historikern und Historikerinnen akzeptiert. Ob das bei der Globalgeschichte ebenso passieren wird, bleibt abzuwarten. Ich habe meine Zweifel.

Ihre Bücher sind spannend.

Ich weiß jetzt nicht, ob wir dasselbe meinen. Es gibt schließlich keinen Mörder zu entlarven. Aber ohne einen Spannungsaufbau kann man keine Erzählung schreiben. Man muss einen Bogen spannen, der sich in jedem Detail bewähren muss. Sonst fällt das Ganze auseinander. Das ist gedanklich und darstellerisch die größte Herausforderung für den Geschichtsschreiber. Das sind die Gesetze der Erzählung. Auf sie muss ich aufmerksam machen. Wissenschaftlich betriebene Geschichtsschreibung muss aber auch die eigene Perspektive ausdrücklich benennen und rechtfertigen. Darum bedarf eine Geschichtserzählung immer einer Einleitung, die die Grenzen ihres Verfahrens deutlich macht. Ich halte sie aber für die unverwechselbare und wichtigste Leistung historischer Wissenschaft.

Interview: Arno Widmann

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