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Medien & Macht

Heute sind Sie nicht dran!

  • Harry Nutt
    VonHarry Nutt
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Nachgetragene Beobachtungen und Erinnerungen über Medien und Macht aus gegebenen Anlass

Im Versuch, die Macht zu sichern, sieht man sie förmlich zerbröseln. Jeder zur Rechtfertigung vorgetragene Satz erscheint plötzlich als klägliche Ausflucht. Ein Zitat sei aus dem Zusammenhang gerissen, sagt der Konzernlenker, in dessen Blättern insbesondere die Techniken verfeinert wurden, das Aus-dem-Zusammenhang-Reißen zu einem lukrativen Geschäftsmodell zu entwickeln. Eine private Email sei unberechtigter Weise an die Öffentlichkeit gelangt. Zur Geschichte gehört aber wohl auch, dass das Unternehmen, dem er vorsteht, Hundertschaften beschäftigt, die die Verletzung der Privatheit publikumsgerecht aufbereiten.

Wie souverän und elegant er doch war, als er seine Macht noch unangefochten walten lassen konnte. Er sprach nicht, sondern deutete an. Wo das Nebulöse als Code für Eingeweihte gilt, spricht man vornehmlich leise. Er befahl nicht, sondern organisierte Gefolgschaft als Bringschuld. Und wenn man es einmal als Fremder unverhofft in seine Kreise geschafft hatte, konnte es passieren, dass er es generös zuließ. Der Glanz der Macht besteht nicht zuletzt darin, dass der Mächtige sie nicht ausübt, sondern die Untergebenen sie ihm unaufgefordert zuschreiben

Ich konnte es um das Jahr 2000 herum kaum fassen, während der Frankfurter Buchmesse für den Zeitraum von vielleicht einer halben Stunde im noblen Frankfurter Hof inmitten einer Runde mächtiger Männer zu stehen, die vom Konzernlenker D. und dem Herausgeber S. unterhalten wurde. Hörten sie dir sogar zu? Hattest du ihnen etwas zu sagen? Es war wohl eher so, dass ihnen nach der Gesellschaft von Mitlachern zumute war.

Ihr Spiel um Macht und Bedeutung verlief übers Gewähren. Bereits einen Tag später erfolgte die Strafe in Form vollständiger Ignoranz. Kein Gruß, kein Zeichen der Anerkennung der vorausgegangenen Geselligkeit. Hatte S. dich vielleicht übersehen? Nein, hatte er nicht. Die Nichtwahrnehmung als Strafe zu empfinden, belegt bereits die Wirksamkeit der Macht, die eben auch über Aufnahme und Abstoßung verläuft. Der demonstrative Ausschluss hebt die vorübergehende Zugehörigkeit wieder auf.

Der Schriftsteller Michael Rutschky, dem ich die Szene ein paar Wochen später geschildert hatte, fasst sie in seinem Tagebuch „Gegen Ende“ so zusammen: „Aber bei der nächsten Gelegenheit, beim nächsten Empfang kriegt N. mit S. nicht einmal mehr das Grüßen zustande. „Er hat so eine Geste, wenn man ihm begegnet: ;Heute sind Sie nicht dran!‘ Höfische Gesellschaft, sagt Kathrin. So kennen wir es aus München. Das machen dort alle so.“

Von außen betrachtet, ist man geneigt, darin ein männerbündisches System zu erkennen, das geheimen, allenfalls mündlich verabredeten Regeln folgt. Rituale, die einen Arkanbereich sichern, in den man Eingang findet durch Duldung, nicht durch Höflichkeit und Anstand.

Im Moment der Zerfalls der Macht aber wird sichtbar, dass da nichts ist, auf das man sich berufen könnte. Das System der Freundschaften, Verweise und Verbindungen löst sich auf in Banalitäten und Missverständnisse. Es geht nicht, wie man bei Herrschern über die öffentliche Meinung vermuten könnte, um Haltungen und Positionen. Sie nutzen ihre publizistische Deutungshoheit bevorzugt, um ihr großes Spiel in Gang zu halten. Politik? Auch sie dient nur der omnipotenten Frage, ob es vielleicht gelingen kann, sogar einen Bundespräsidenten zu stürzen. Journalismus als Dezisionismus.

Der Soziologe Rainer Paris hat in einem Aufsatz zum besseren Verständnis der Macht zwischen Herrschen und Führen unterschieden. „Herrschen kann nur, wer eine formale Position innehat, die es ihm erlaubt, anderen Befehle zu erteilen und deren Befolgung zu erzwingen. Keine Herrschaft ohne Herrschaftsbefugnis, ohne offizielle Autorisierung. Dies setzt eine autorisierende Instanz voraus, die über die Vergabe entscheidet und die Inhaberschaft bestätigt.“ Im Fall der hier in den Blick genommenen Medienmanager besteht sie strenggenommen in einem einfachen Angestelltenverhältnis, das sie jedoch auf aristokratische Weise einzusetzen verstehen. „Der Machtgebrauch“, schreibt Paris, „ist somit in diesem Rahmen nichts anderes als die Wahrnehmung von Kompetenzen und Rechten, die mit einer bestimmten Position in einer vorgegebenen hierarchischen Struktur verbunden sind. Es ist ausschließlich das Amt, das dem Herrn seine Macht verleiht, und er hat diese Macht nur solange, wie er das Amt hat.“ (Merkur, November 2011)

Zentral für die Macht des Herrn, so fährt Paris fort, sei eine spezifische Kombination und Legierung von Entscheidungs- und Sanktionsmacht. In Medienbetrieben ist diese auf flexible und nichthierarchische Kooperationen ausgerichtet – und wohl auch angewiesen und wird bevorzugt über das Fallenlassen von Günstlingen vollzogen.

Aber es gibt auch Momente, in denen auch Mächtige sich damit vertraut machen müssen, fallengelassen zu werden. Während bei Armin Laschet einige wenige Prozentpunkte den Ausschlag gaben, verstärkt sich angesichts des Medienlenkers D. der Eindruck, dass der Bogen überspannt ist. Der Zerfall der Macht, ist er erst einmal in Gang gekommen, hängt dann nicht mehr von klugen oder missglückten Entscheidungen ab.

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