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Künftig in der Ausstellung zu sehen: Magaaka-Kraftfigur (Kongo, Yombe, 19. Jahrhundert). Foto: Alexander Schippel / Humboldt-Forum
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Künftig in der Ausstellung zu sehen: Magaaka-Kraftfigur (Kongo, Yombe, 19. Jahrhundert).

Hermann Parzinger: „Unsere Versäumnisse werden betont, nicht die Leistungen“

  • Harry Nutt
    VonHarry Nutt
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In dieser Woche öffnet ein weiterer Abschnitt im Humboldt-Forum. Präsident Hermann Parzinger über Last und Chancen einer kritischen Debatte.

Ein Schiff wird kommen. Hätten Sie, Herr Parzinger, sich vor fünf Jahren vorstellen können, dass der Umzug der Dahlemer Sammlung ins Humboldt-Forum eine solche, zum Teil sehr kritische, Aufmerksamkeit erfährt?

Sicherlich hat die Intensität in der Wahrnehmung der Sammlungen in den letzten Jahren stark zugenommen. Ihr kolonialer Kontext ist nicht mehr nur ein Thema unter Fachleuten, sondern ragt weit in die Öffentlichkeit hinein. Das ist für uns mitunter anstrengend, weil immer häufiger die Versäumnisse der Museen betont werden und nicht deren Leistungen und veränderte Haltungen. Es ist auch eine gesamtgesellschaftliche Debatte, die Fragen an die Politik stellt. Ich sehe in den Debatten aber auch eine Chance. Wir bekommen dadurch eine andere Relevanz. Die internationale Zusammenarbeit wächst enorm, die Kooperationen mit Herkunftskulturen werden immer intensiver. Unterm Strich betrachte ich das als sehr positive Entwicklung. Und es ist ja richtig, dass wir in Bezug auf die Sammlungen aus kolonialen Kontexten großen Nachholbedarf haben. Aber es ist auch schon viel in Gang gekommen!

Eine besondere Stellung nimmt dabei die Diskussion über das Luf-Boot ein. Was macht es zu so einem markanten Artefakt?

Es hat eine exemplarische Geschichte, und es ist gut, dass sie von Götz Aly mit seinem im Frühjahr erschienenen Buch derart plastisch aufgearbeitet wurde. Er hat den Mythos korrigiert, der Kolonialismus in Afrika sei schlimm gewesen, während es sich in der Südsee um das Paradies gehandelt hätte. Er hat deutlich gemacht, wie brutal der Kolonialismus eben auch dort war. Wenn man das Buch genau liest, versteht man aber auch, wie schwierig die Bewertung der Vorgänge weiterhin bleibt. Ein Ergebnis unserer Forschung ist eine engere Zusammenarbeit mit dem Museum von Port Moresby in Papua Neuguinea. Und natürlich dürfen unsere Recherchen nicht beim Luf-Boot aufhören. Die postkoloniale Provenienzforschung wird zu einem immer wichtigeren Bestandteil der Museumsarbeit. Darüber dürfen wir allerdings die Geschichte der Objekte nicht vergessen. Wir sollten sie nicht dadurch entwerten, indem sie ausschließlich unter Aspekten der Herkunft betrachtet werden. Das erfahren wir übrigens auch aus der Zusammenarbeit mit unseren Partnern.

Bei der etappenweise vollzogenen Eröffnung des Humboldt-Forums ist immer wieder der Versuch betont worden, die kritischen Stimmen in den Entstehungsprozess mit einzubeziehen. Wie gestaltet sich das?

Es gibt eine ganze Reihe von Kooperationen. Seit vielen Jahren arbeiten wir an einem Projekt zu Amazonien. Seit einiger Zeit sind dazu indigene Gruppen aus Brasilien, Kolumbien, Venezuela involviert. Die Ergebnisse werden dann in der letzten Eröffnungsetappe im Humboldt-Forum zu sehen sein, bei der auch ein gemeinsames Narrativ dieser Zusammenarbeit erkennbar wird. Mit Tansania arbeiten wir zur Geschichte des Maji-Maji-Krieges zusammen. Ich war 2016 in Daressalam, um die Kooperation mit der dortigen Universität und dem Nationalmuseum in Gang zu bringen. Wir wollen versuchen, die Geschichte dieses von den Deutschen brutal geführten Krieges anhand der Objekte zu erzählen, die wir haben. Nach ein, zwei Jahren sollen diese Objekte dann selbstverständlich zurückgehen. Es handelt sich dabei um ein Kapitel der deutschen Kolonialgeschichte, das weithin unbekannt ist. Und wir betrachten unsere Arbeit an den Ausstellungen auch als einen wichtigen Teil historischer Aufklärung. Die Eröffnung des Humboldt-Forums ist aus dieser Sicht kein Schlusspunkt, sondern nur ein weiterer Baustein auf dem weiteren Weg zu mehr internationalem und interkulturellem Austausch.

Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden überprüfen seit einiger Zeit die Titel ihrer Exponate. Wie gehen Sie mit der Problematik in der Stiftung Preußischer Kulturbesitz um?

Wir haben bei Raum- und Vitrinentexte im Humboldt-Forum sehr genau darauf geachtet, keine diskriminierenden Begriffe zu verwenden. Wichtig ist dabei immer, diese Dinge auch sorgsam zu kontextualisieren.

Sie befinden sich im Austausch mit sehr vielen verschiedenen Partnern. In Bezug auf die Benin-Bronzen stehen Sie mit Nigeria in sehr dynamischen Rückgabeverhandlungen. In Bezug auf das Luf-Boot gibt es aus Papua Neuguinea derzeit keine Rückgabe-Begehrlichkeiten. Dort ist man sogar sehr stolz auf die Bedeutung des Bootes in Deutschland. Erleben Sie bei Ihren Kooperationen manchmal auch Überraschungen?

Es gibt sehr unterschiedliche Haltungen und Erwartungen. Es ist wichtig, diese sehr ernst zu nehmen. Erwartungen können sich im Verlauf von Kooperationen auch verändern. Wichtig ist: Die Zusammenarbeit hört nach einer erfolgten Rückgabe nicht auf. Es geht um Ausbildungsprogramme und wechselseitiges Lernen. Darin steckt das große Potenzial der Debatte um koloniale und postkoloniale Kontexte. Man verwendet schnell die Phrase von Gesprächen auf Augenhöhe, aber was bedeutet das eigentlich? Niemand will noch eine eurozentrische Sichtweise einnehmen, aber wie wirkt sie fort, obwohl man meint, sie überwunden zu haben? Diese Reflexion ist sehr wichtig. So gesehen betrachte ich den Druck, der momentan auf die Museen ausgeübt wird, durchaus als sehr produktiv.

Zur Person

Hermann Parzinger, 1959 in München geboren, ist prähistorischer Archäologe und Spezialist für die Kultur der Skythen. Seit 2008 ist er Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) in Berlin. Zuvor war er Leiter des Deutschen Archäologischen Instituts in Berlin-Dahlem. Zu seinen wichtigsten Aufgaben gehört eine umfangreiche Neuausrichtung der SPK, die der deutsche Wissenschaftsrat in Form eines von Kulturstaatsministerin Monika Grütters in Auftrag gegebenen Gutachtens empfohlen hat.

Die Neupräsentation der Sammlungen des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst im Westflügel des Humboldt-Forums wird am Mittwoch eröffnet.

Profitieren Sie bei den Gesprächen aus Ihren langjährigen Erfahrungen als Archäologe?

Ich habe als Archäologe viele Jahre im Ausland gearbeitet, in Zentralasien, in Sibirien und im Nahen Osten. Entscheidend dabei ist, dass man die Dinge gemeinsam tut. Das ist etwas ungemein Verbindendes. Wir profitieren von solchen Erfahrungen nicht zuletzt im Kontext von Beutekunst-Fragen mit russischen Museen. Wir wissen natürlich, dass wir die politischen Konflikte darüber nicht lösen. Aber wir wollen zusammenarbeiten und neue Wege suchen.

Themawechsel: Die Berufung von Klaus Biesenbach zum künftigen Leiter der Neuen Nationalgalerie in Berlin hat in der vergangenen Woche für einige Furore gesorgt? Wie ist es dazu gekommen?

In der Nachfolge von Udo Kittelmann haben wir für die vielen Häuser der Nationalgalerie mehrere Direktionen eingerichtet. Für die Neue Nationalgalerie wollten wir jemanden mit starker internationaler Vernetzung. Es geht dabei auch darum, die stark europäisch und nordamerikanisch geprägten Sammlungen neu zu sehen. Kunst wird heute global gedacht, und das muss Teil einer Zukunftsvision sein. Klaus Biesenbach war in diesen Punkten sehr überzeugend.

Es ist kritisiert worden, dass es eher eine einsame Entscheidung von Ihnen und Staatsministerin Monika Grütters gewesen sei.

Nein, das stimmt nicht. Es gab eine Findungskommission, die mit mehreren Kandidaten gesprochen hat, zu denen Klaus Biesenbach gehörte.

In Bezug auf die Neue Nationalgalerie ist nicht nur die Zukunft spannend, sondern auch die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. In der neuen Ausstellung vermisst man eine angemessene Einordnung des langjährigen Leiters Werner Haftmann, der, wie erst kürzlich bekannt geworden ist, ein auch an Folterungen und Erschießungen beteiligter Nazi war. Wie wird sich die Neue Nationalgalerie dieser Verantwortung stellen?

Die Aufarbeitung der Rolle Haftmanns steht an. Bereits im Herbst soll es dazu eine Vortragsveranstaltung geben. Der zögerliche Umgang mit der Personalie hängt gewiss auch damit zusammen, dass man zunächst einmal die Kunst von 1900 bis 1945 ins Zentrum der Sammlungspräsentation gestellt hat. Die Zeit danach, die stark von Haftmann geprägt wurde, kommt später an die Reihe und muss natürlich auch mit Blick auf sein Wirken dargestellt werden. Vieles ist 2019 durch die große Emil-Nolde-Ausstellung ins Rollen gekommen, in deren Zusammenhang natürlich auch Haftmann eine große Bedeutung hat. Es ist vollkommen klar, dass die Neue Nationalgalerie hier ihrer Verantwortung gerecht werden wird.

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz befindet sich in einem gewaltigen Umstrukturierungsprozess, der durch ein von Kulturstaatsministerin Monika Grütters in Auftrag gegebenes Gutachten auf den Weg gebracht worden ist. Die Amtszeit von Frau Grütters endet womöglich nach der Bundestagswahl. Was bedeutet das für SPK-Reform?

Bei einem derart umfassenden Reformprozess ist es nicht mit ein paar Veränderungen von Zuständigkeiten und Organisationsformen getan. Es braucht jetzt einen Aufbruch in der SPK! Natürlich müssen die Einrichtungen agiler und selbstständiger werden. Aber wir müssen eben auch beantworten können, was unsere Millionen Besucherinnen und Besucher von der Reform haben. Dazu braucht es, das haben wir immer wieder betont, auch neue Köpfe, frische Ideen, ungewöhnliche Ansätze, internationale Positionen. Deshalb haben wir gesagt, wir warten nicht auf einen Abschluss der Strukturreform und besetzen die Positionen dann neu. Bei allen personellen Neubesetzungen – von der Staatsbibliothek über die Gemäldegalerie bis zum Staatlichen Institut für Musikforschung – haben die Bewerberinnen und Bewerber den bevorstehenden Wandel der Institution auch als Chance begriffen, den Prozess mitgestalten zu können. Und ich erwarte von der Politik und den Trägern der Stiftung, dass die Reformaktivitäten unabhängig vom Ausgang der Wahl und der Neubesetzung von Ämtern mit derselben Intensität und Dynamik fortgesetzt werden. Es wäre fatal, den Prozess jetzt anzuhalten, und das wird auch sicher nicht geschehen.

Interview: Harry Nutt

Hermann Parzinger.

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