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Die Paulskirche in Frankfurt.
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Die Paulskirche in Frankfurt.

Interview

Herfried Münkler: „Die Paulskirche geht an einem vorbei“

  • Claus-Jürgen Göpfert
    VonClaus-Jürgen Göpfert
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Herfried Münkler, Mitglied der Expertenkommission zur Zukunft der Frankfurter Paulskirche, über Konzepte zur Sanierung eines nationalen Denkmals.

Herr Professor Münkler, Sie haben im Auftrag des Bundespräsidenten jetzt gemeinsam mit zwei Kollegen einen Bericht zur Zukunft der Frankfurter Paulskirche vorgelegt. Teilen Sie meine Sichtweise, dass die Paulskirche ein in Vergessenheit geratener und vernachlässigter Ort ist?

Ja. Sie ist zugleich ein Ort, der in seiner Nutzung eine Selbstbeschränkung auf Frankfurt erfährt, im Wesentlichen auf Frankfurter Anlässe – auch wenn dort zum Beispiel der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen wird. Das hat dazu geführt, dass ich, als ich mein Buch „Die Deutschen und ihre Mythen“ geschrieben habe, überhaupt nicht an die Paulskirche gedacht habe. Auch als Student der Goethe-Universität in Frankfurt habe ich die Paulskirche nicht als einen nationalen Ort, als einen zentralen Gedenkort der Demokratie, wahrgenommen und sie nicht aufgesucht. Sie geht an einem vorbei.

Ist die Paulskirche auch ein unterbewerteter Ort?

Ja. Für die Nationalkonservativen ist sie ein Ort der Revolution und des Nichtzustandekommens der deutschen Einheit. Das hat erst Bismarck erledigt. Für diese Gruppe sind Bismarckdenkmäler an die Stelle der Paulskirche getreten. Für die politische und kulturelle Linke ist die Paulskirche mit dem Scheitern der Revolution von 1848 verbunden. Beide, Nationalkonservative wie Linke, haben deshalb kein besonderes Interesse an der Paulskirche gehabt.

Nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg ist das Gebäude in einfacher Form wieder errichtet worden, wie es heißt, als Zeichen einer neuen demokratischen Architektur in Abgrenzung von der Architektur des 19. Jahrhunderts.

Ob das damals tatsächlich so gedacht war oder ob da nicht eine nachträgliche, rechtfertigende Erzählung entwickelt worden ist, müsste noch einmal untersucht werden. Ich denke, dass es 1948 darum ging, mit begrenzten finanziellen Mitteln rasch einen neuen Versammlungsort im zerstörten Frankfurt zu schaffen. Es war also eine finanzielle Notlage und ein Mangel an Baumaterialien, die der Paulskirche ihre heutige Gestalt gaben. Und nachträglich wurde dann Architektenprosa darüber gegossen. Ein tiefer Bruch mit der deutschen Geschichte ist hier markiert worden. Im Unterschied zu Polen, wo Warschau wieder in seiner historischen Gestalt aufgebaut wurde nach dem Zweiten Weltkrieg. Oder in Großbritannien, wo das zerstörte Parlament historisierend wieder errichtet wurde. Ich glaube, es ging bei der Paulskirche 1948 vor allem darum, wieder einen Versammlungsraum im Herzen der Stadt zu bekommen.

Also ist die Paulskirche erst nachträglich mit einer bestimmten Bedeutung aufgeladen worden?

Nun, die Paulskirchen-Versammlung von 1848 besaß keine Vorstellung von ihrem besonderen Charakter. Und das Kaiserreich Bismarcks hat natürlich Berlin ins Zentrum seiner Symbolik gerückt. So, wie es die Weimarer Republik mit dem Nationaltheater im Weimar getan hat. Erst als sich Frankfurt nach dem Zweiten Weltkrieg Hoffnung machte, es könne Hauptstadt eines neuen demokratischen Deutschlands werden, ist die Idee aufgetaucht, dass das Parlament in Frankfurt, im Sendesaal des Hessischen Rundfunks vielleicht, seinen Ort finden könnte. Die Paulskirche unterstrich diesen Anspruch. Der Rheinländer Adenauer hat dann bekanntlich das rheinländische Bonn als deutsche Hauptstadt durchgesetzt, in deren Nähe er ein Haus besaß. Und damit verlor die Paulskirche wieder an Bedeutung.

Wird es daher schwer, die Paulskirche als nationalen Gedenkort zu begründen?

Nein, überhaupt nicht. Wir brauchen in Deutschland Orte, die eine demokratische Tradition begründen. Und da ist die Paulskirche sicherlich eine erste Adresse. Man muss deutlich machen, dass sie Ansatzpunkte für eine spezifische demokratische Tradition bietet: die Tradition eines dem Argument verpflichteten Beratens, nicht so sehr der plebiszitär-populistischen Entscheidung. Das kann man an diesem Ort sichtbar machen. Dann darf es allerdings dort kein erhöhtes Podium aus Stein mehr geben und keine Stühle für die Zuschauer, die eine Ebene tiefer stehen. Man muss auch baulich spürbar machen, dass da Menschen miteinander reden bzw. die Abgeordneten miteinander debattiert haben.

Und dass es ein gleichberechtigter Diskurs ist.

Ja. Das macht den Unterschied aus zwischen der deutschen bürgerlichen Revolution von 1848 und der französischen von 1789. In Frankreich gab es einen Mirabeau, Robespierre und Saint-Just als herausgehobene Figuren. In der Paulskirche gab es keine vergleichbar herausragenden Gestalten – auch deswegen, weil man miteinander debattierte und keine großen Reden hielt.

Braucht es eine bauliche Neugestaltung der Paulskirche im Inneren?

Darüber muss man nachdenken. Zugleich sollte durchaus der Bruch sichtbar bleiben, der durch die Jahre des Nationalsozialismus 1933 bis 1945 entstand. Man sollte die Paulskirche also nicht in ihrem Zustand des 19. Jahrhunderts wieder herstellen, keine historisierende Rekonstruktion vornehmen. Wohl aber könnte man einige Elemente einbringen, um die Aura von 1848 zur Geltung zu bringen. Etwa mittels der Bestuhlung. Oder man könnte in die Fenster wieder die gotischen Rippen einsetzen. Im Erdgeschoss der Kirche sollte man mit modernen, multimedialen Mitteln die Geschichte des Ortes erzählen. Und dann gibt es eine zentrale und wichtige Frage: Ob das Wandgemälde „Der Zug der Volksvertreter“ von Johannes Grützke an dieser Stelle das Richtige ist.

Was sind Ihre Einwände gegen dieses Bild?

Zur Person:

Herfried Münkler, Jg. 1951, ist emeritierter Professor für Politische Theorie an der Berliner Humboldt-Universität. Er ist Autor zahlreicher Bücher, darunter „Die Deutschen und ihre Mythen“, „Der Große Krieg. Die Welt 1914 - 1918“ oder „Der Dreißigjährige Krieg“.

Von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wurde Münkler zusammen mit dem Historiker Hans-Walter Hütter und dem Direktor des Deutschen Architekturmuseums, Peter Cachola Schmal, in eine Kommission berufen, um Vorschläge zur Sanierung der Paulskirche zu entwickeln.

Es erzählt die Geschichte eines selbstbezogenen Scheiterns. Das Bürgertum interessiert sich in dieser Darstellung nur für sich selbst, für die Nöte der Arbeiterklasse hat es keine Aufmerksamkeit.

Hat das Gemälde womöglich auch einen zynischen Blick?

Ja. Die Abgeordneten des Paulskirchen-Parlamentes von 1848 werden als ziemlich arrogante Bande dargestellt. Und was von hinten bis vorne nicht stimmt, ist die Arbeiterklasse, die da im Gemälde auftaucht. Frankfurt war keine industrialisierte Stadt. Es war eine selbstbewusste Bürgerstadt. Man wollte die Arbeiter in der Stadt nicht haben und hat sie an den Rand gedrängt.

Wünschen Sie sich ein anderes Kunstwerk in der Paulskirche an der Stelle des Gemäldes von Grützke?

Darüber sollte man nachdenken. Das Gemälde von Grützke könnte man in das neue Haus der Demokratie verlagern und dort in einen historischen Kontext stellen – etwa den einer politisch linken Erklärung für das Scheitern der 48er-Revolution.

Sie haben das geplante Haus der Demokratie nahe der Paulskirche erwähnt. Was sollte dieses Haus leisten?

Nun, es muss sich an ein heterogenes Publikum wenden. An Schulklassen, aber auch an einzelne Besucherinnen und Besucher mit historischem Interesse. An Menschen, die keine Spezialisten sind für die Geschichte des Ortes. Das Haus der Demokratie sollte die Geschichte der Paulskirchen-Versammlung erzählen. Und zwar auch als eine Geschichte der Vertreibung der Abgeordneten ins Exil. Oder ihrer Ermordung. Robert Blum war da nur das prominenteste Opfer. Die Paulskirchen-Abgeordneten sind buchstäblich verstreut worden unter die Völker, sie landeten in Belgien, in Frankreich, in der Schweiz, in den USA und in England. Das Haus der Geschichte kann also kein triumphalistischer Ort sein. Hier können keine Heldengeschichten erzählt werden. Der Ort wird einen melancholischen Unterton besitzen.

Inwieweit sollte das Haus der Geschichte eingreifen in eine Auseinandersetzung mit Nationalismus und Antisemitismus heute?

Natürlich muss es zu diesen Themen Sonderausstellungen geben. Dafür sollte ein Geschoss des Hauses reserviert sein. Das Haus der Geschichte muss insgesamt ein Ort der Kommunikation und der Reflexion sein. Es sollte auf andere Orte der deutschen Demokratiegeschichte Bezug nehmen; ich denke an das Hambacher Schloss, wo 1832 zum ersten Mal die schwarz-rot-goldene Fahne wehte. Aber auch an den Sturm auf die Frankfurter Hauptwache vom April 1833, auch ein gescheiterter Versuch, eine Revolution in Deutschland auszulösen.

Sollte das Haus der Geschichte durch eine moderne Architektur ein Zeichen setzen?

Es braucht für dieses Gebäude natürlich einen Architektenwettbewerb. Es sollte keine historische Rekonstruktion entstehen, aber auch kein bloßer Glaspalast. Hier ist viel Fingerspitzengefühl vonnöten.

Sehen Sie das Haus der Geschichte als einen Ort und eine Aufgabe der Bundesrepublik Deutschland?

Ja. Bundespräsident Steinmeier hat die Initiative ja an die Staatsministerin für Kultur und Medien, Monika Grütters, weitergereicht. Und sie scheint mir auch die Richtige für diese Aufgabe zu sein.

Wie weckt man in jungen Menschen Interesse für die Paulskirche und das Haus der Geschichte?

Als alter Hochschullehrer sage ich: Das Staunen, das Wundern und das Bewundern stehen am Anfang von Interessiertsein. An der Humboldt-Universität in Berlin bin ich mit meinen Studenten zur Einführung erst einmal in die Galerie der Nobelpreisträger gegangen. Im Haus der Geschichte wird es mit Blick auf die Jugend von zentraler Bedeutung sein, wie gut die Ausstellungen dort sind, wie einladend der Ort und von welcher Qualität das Personal des Hauses sein wird.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert

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