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„Früher hat die Religion den Irrsinn absorbiert“, sagt Heinz Bude.
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„Früher hat die Religion den Irrsinn absorbiert“, sagt Heinz Bude.

Heinz Bude über Impfskepsis

Heinz Bude über Impfskepsis: „Die meisten testen doch eher ihre Vetokraft aus“

  • Harry Nutt
    VonHarry Nutt
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Der Soziologe Heinz Bude über Impfskepsis, Corona-Leugnertum und die Frage: Wohin mit dem Irrsinn, der in Gesellschaften existiert?

Herr Bude, gerade haben Sie gemeinsam mit mehr als 30 anderen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen, Ärztinnen und Ärzten einen offenen Brief unterzeichnet, in dem Sie die Noch-nicht-Regierung vor dem Auslaufen der „pandemischen Lage“ und einem Aussitzen der Gefahrensituation warnen. Welche politischen Versäumnisse sind gemacht worden?

Die Politik hat nach dem Sommer dieses Jahres den Kontakt zur Wissenschaft verloren. Nachdem klar war, dass die Inzidenzwerte allein nicht mehr maßgebend für die Beurteilung der Lage sind, galt nur noch die Akzeptanz bei der Bevölkerung.

Macht man es sich nicht doch zu einfach, ausschließlich ein politisches Versagen zu konstatieren? Muss nicht Schluss sein mit der vornehmen Rücksichtnahme auf individuelle Befindlichkeiten?

Es gibt so etwas wie die kollektiven Voraussetzungen individueller Freiheit. Es muss schon jemand dafür eintreten, dass ich mich selbst verwirklichen kann. Wenn das nicht mehr gewährleistet ist, steht man ganz schön allein da.

Wie konnte es zu einer derartig gesteigerten Impfangst bei einem beträchtlichen Teil der Bevölkerung kommen?

Ich glaube nicht, dass das in erster Linie Impfangst ist. Die meisten testen doch eher ihre Vetokraft aus, weil sie das System insgesamt für verdorben halten.

Ist es angesichts der Lage ein fataler gesellschaftlicher Luxus, sich, wie im Fall Kimmich geschehen, derart intensiv mit der Seelenlage von Fußballspielern zu befassen?

Nein, der Zuschauersport ist heute ein Feld der sozialen Teilhabe geworden. Bei transfer.de beispielsweise kann man sich als mächtiger Mitspieler erleben, der indirekt über den Marktwert eines Spielers mitbestimmt. Deshalb wird die private Entscheidung von Joshua Kimmich zum öffentlichen „Fall Kimmich“.

Sie haben sich intensiv mit gesellschaftlichen Angstgefühlen auseinandergesetzt, zugleich aber in einer frühen Corona-Phase an einem Papier der Bundesregierung mitgewirkt, das durchaus auf gesellschaftliche Angst gesetzt hat. Ein Widerspruch?

Zur Person

Heinz Bude, geboren 1954 in Wuppertal, lehrt seit 2000 Makrosoziologie an der Universität Kassel. Mit seinen Arbeiten über die Flakhelfer-Generation und die sogenannten 68er hat er wichtige Beiträge zur Herkunfts- und Entwicklungsgeschichte der jungen Bundesrepublik geleistet. 2020 wurde Bude zum Gründungsdirektor des Documenta-Instituts in Kassel berufen. Im selben Jahr erschien der in der Berliner Hausbesetzer-Szene der späten 80er Jahre angesiedelte Roman „Aufprall“ (mit Karin Wieland und Bettina Munk) bei Hanser.

In einer frühen Phase der Pandemie hat Bude die Bundesregierung beraten. Soeben gehörte er zu den Unterzeichnern eines „Gemeinsamen Aufrufs zum Umgang mit der Covid-19-Pandemie“, der unter anderem an die Verantwortung der Politik „für das Wohlergehen der Bevölkerung“ appelliert.

Nein. Die Bilder aus Bergamo haben seinerzeit keinen Zweifel daran gelassen, wie ernst die Lage ist und dass gehandelt werden muss. Wir haben nur einen Vorschlag unterbreitet, was zu tun ist.

Worin bestanden Ihre Vorschläge?

Wir haben ein Szenarium wahrscheinlicher Verläufe entwickelt, was am Ende gegen eine Strategie der Herdenimmunisierung und für einen kontrollierten Lockdown sprach.

Hat man denen, die Corona leugnen oder der Impfung skeptisch gegenüberstehen, zu große Aufmerksamkeit geschenkt? Wie sehen Sie die Rolle der Medien in den zurückliegenden zwei Jahren?

Das Corona-Leugnertum ist für mich ein Phänomen unserer Zeit. Ich frage mich seitdem, wohin mit dem Irrsinn, den es offenbar in der Gesellschaft gibt. Früher hat die Religion den Irrsinn absorbiert, dann die Kunst, und jetzt versagt die Wissenschaft bei der Entzauberung von Verschwörungstheorien.

Inzwischen gibt es flehentliche Aufrufe zu einer Rückkehr zur Vernunft. Gibt es diese eine Vernunft überhaupt?

Die Vernunft ist was anderes als der Verstand. Der Verstand sagt einem, dass man nicht an zwei Orten gleichzeitig sein kann. Die Vernunft stellt die Frage nach dem Sinn einer Welt, in der viele Menschen den Verstand verlieren.

Der Philosoph Peter Sloterdijk hat unlängst gemutmaßt, der Staat streife nun die Samthandschuhe ab. Hat sich die Rolle des Staates in der Corona-Pandemie verändert?

Auf jeden Fall. Die Staatsbedürftigkeit der Gesellschaft ist nicht mehr von der Hand zu weisen. Mario Draghi hat als italienischer Ministerpräsident daraus die Konsequenz einer strengen Verhaltensregulierung zum Nachteil der Ungeimpften gezogen, was offenbar, wenn man auf die Inzidenzen in Italien schaut, zum Wohl der Leute ist.

Interview: Harry Nutt

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