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Heinrich August Winkler: „Eine Kapitulation der Ukraine wäre extrem gefährlich“

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Von: Michael Hesse

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Ukraine-Krieg: Droht ein Atom-Angriff von Russland?
Ukraine-Krieg: Droht ein Atom-Angriff von Russland? (Symbolbild) © Lucas Maier

Historiker Winkler über den Vergleich der heutigen Lage mit der Kuba-Krise von 1962, die Vergesslichkeit des Westens – und was Putin mit Hitler gemein hat.

Herr Winkler, ist die derzeitige atomare Bedrohung des Weltfriedens mit der Kuba-Krise von 1962 vergleichbar?

In gewisser Weise, ja. Denn niemals zuvor, niemals danach hat sich die Welt so sehr am Abgrund eines atomaren Krieges gefühlt wie in jenen Tagen im Oktober 1962, als es völlig klar war, dass die Vereinigten Staaten eine Stationierung von Mittelstreckenraketen auf dem Boden Kubas, also unmittelbar vor der Haustür der USA, nicht hinnehmen würden. Ich erinnere mich lebhaft an diese Zeit, ich war damals Doktorand in Tübingen. Es gab keinerlei Demonstranten oder Proteste gegen die Politik der USA. Man war der Meinung, die Vereinigten Staaten sind unsere Schutzmacht, jeden Augenblick kann eine neue Berlin-Krise ausbrechen, wir sind in Sachen äußere Sicherheit auf die USA angewiesen.

Kennedy war ungewöhnlich populär auch in Deutschland.

In der Tat. Man war überzeugt, dass er verantwortlich handeln würde. Kennedy handelte damals besonnen, und in Moskau kam die Führung mit Chruschtschow an der Spitze zu dem Ergebnis: Für die kubanische Revolution riskieren wir nicht eine große nukleare Konfrontation zwischen den beiden Supermächten. Kennedy war geschickt genug, der Sowjetunion damals zuzusagen, dass ein Angriff der USA auf Kuba nicht geplant sei, und hinter den Kulissen wurde Moskau auch darüber informiert, dass ein Rückzug der amerikanischen Raketen auf dem Boden der Türkei ohnehin beabsichtigt war. Auf dieser Basis lenkte Chruschtschow ein, die Welt war ungeheuer erleichtert. Der Ausgang der Kuba-Krise schuf die Voraussetzungen der Ost-West-Entspannung. Kennedy hat im Juni 1963, wenige Monate vor seiner Ermordung, die Entspannungspolitik im Zeichen seiner „Strategy of Peace“ selbst noch eingeleitet. Und auf dieser Basis entwickelte sich auch die neue Ostpolitik, die Willy Brandt damals als Regierender Bürgermeister von Berlin konzipierte.

Historiker zum Ukraine-Krieg: Über Putins Pläne kann man nur spekulieren

Lässt sich das auf die Gegenwart übertragen?

Wir sind im Augenblick darüber noch völlig im Unklaren. Wir spekulieren darüber, ob Wladimir Putin nur blufft oder sich so in die Enge getrieben fühlt, dass er Ernst machen könnte mit seiner atomaren Bedrohung. Ich nehme an, dass man in Moskau weiß, dass in dem Augenblick, wo Russland Atomwaffen einsetzen würde im Krieg gegen die Ukraine, die Unterstützung durch die Staaten infrage gestellt wäre, die bisher den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine nicht eindeutig verurteilt haben. Dazu gehört auch die diplomatische Unterstützung durch die Großmacht China. Dieses Risiko dürfte Moskau bewusst sein. Aber sicher können wir nicht sein, und wir tun gut daran, sehr differenziert und genau zu beobachten, was in Russland geschieht. Darüber wird es sicher zwischen Washington und Kiew vertrauliche Kontakte geben. Wenn Putin mit seiner Aggression in der Ukraine Erfolg hätte, würde er dort noch nicht Schluss machen mit seinem Bestreben, so viel wie nur irgend möglich vom Einflussbereich der 1991 aufgelösten Sowjetunion wiederherzustellen. Und dann würde der Westen in der Tat vor eine Situation gestellt werden, wie damals im Jahr 1962 in Kuba. Sobald ein Mitgliedstaat der Nato unmittelbar bedroht wird, tritt für den Westen der Ernstfall ein.

Auch wenn US-Präsident Biden zunächst für seine vorsichtige Linie gelobt wurde, wird er mittlerweile doch scharf kritisiert, er sei im Vergleich zu Kennedy zu weich. Nun ist die Ukraine nicht Kuba, ist hier ein Ausgleich überhaupt denkbar?

Ein Ausgleich ist zurzeit nicht denkbar. Mit der Sowjetunion unter Chruschtschow kam ein Ausgleich nur zustande, weil beide Seiten rational genug waren, einer atomaren Konfrontation auszuweichen. In dem Augenblick, in dem Chruschtschow zu erkennen gab, dass er eine solche Konfrontation nicht wollte, wurde der Ausgleich möglich. Dieser Moment ist im Augenblick nicht gegeben. Es gibt keinerlei Anzeichen für ein Einlenken Putins. Ein „Einlenken“ der Ukraine, also ihre Kapitulation vor der russischen Aggression, schüfe für den gesamten Westen eine extrem gefährliche Situation. Deshalb gilt es weiterhin, die Kampfstärke der Ukrainer zu stärken.

Krieg gegen die Ukraine: Der alte Ost-West-Konflikt ist in eine neue Phase getreten

Putin haben Sie bereits vor dem russischen Überfall auf die Ukraine im Jahr 2020 als Revisionisten bezeichnet. Kann man mit einem Revisionisten dauerhaft einen verlässlichen Pakt schließen?

Halten wir noch einmal den fundamentalen Unterschied zwischen den 60er Jahren und der Gegenwart fest. Damals entwickelte die Sowjetunion ein Interesse an der Aufrechterhaltung des territorialen Status quo in Europa. Es ging ihr um die Sicherung ihres 1945 geschaffenen Herrschaftsbereichs. Das war die wesentliche Voraussetzung der westlichen Entspannungspolitik, und es wurde zur wesentlichen Voraussetzung für die Brandt’sche Ostpolitik nach 1969, die in enger Abstimmung mit den USA und den anderen westlichen Verbündeten konzipiert und durchgeführt wurde. Das Russland Putins ist keine Macht des territorialen Status quo, sondern eine revisionistische Macht, die die Grundlagen der Nach-Kalten-Kriegs-Ordnung radikal infrage stellt, Grundlagen, wie sie durch die Charta von Paris vom November 1990 bestimmt wurden, in der die Mitgliedstaaten der KSZE, der heutigen OSZE, sich wechselseitig ihr Recht auf nationale Integrität, territoriale Souveränität und freie Wahl des Bündnisses zugesichert hatten. Das alles ist für Putin seit 2014, seit der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim und dem Beginn des hybriden Krieges im Donbass, Makulatur. Mit dem 24. Februar 2022, dem Beginn des offenen Angriffskrieges gegen die Ukraine, ist der alt-neue Ost-West-Konflikt in eine neue Phase getreten.

Zur Person

Heinrich August Winkler, Jg. 1938, war von 1991 bis 2007 Professor für Neueste Geschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin. Seine Werke „Der lange Weg nach Westen“ und „Geschichte des Westens“ sind Bestseller und zugleich Standardwerke.

Sein jüngstes Buch geht auch auf die deutsche Einheit oder Berlin als Hauptstadt und auf den Umgang mit der deutschen Vergangenheit oder das Parteiensystem ein: „Nationalstaat wider Willen. Interventionen zur deutschen und europäischen Politik“, C.H. Beck, München 2022, 288 S., 26,95 Euro.

Historiker zum Ukraine-Krieg: Deutliche Parallelen zwischen Putin und Hitler

Sie schreiben in Ihrem neuen Buch, man könne Putin und Hitler vergleichen, könne sie aber nicht gleichsetzen. Was lernt man aus einem solchen Vergleich?

Putin ist kein Hitler. Wir haben nicht die geringsten Anhaltspunkte dafür, dass er die Welt erobern oder die jüdische Bevölkerung vernichten will. Was sich vergleichen lässt, ist ihr Revisionismus. So kann man Parallelen aufzeigen zwischen bestimmten Etappen von Hitlers Politik in den Jahren 1938/39 und dem Vorgehen von Putin in der Ukraine. Ich denke an die Art und Weise, wie Hitler das sogenannte tschechoslowakische Problem gelöst hat durch die erzwungene Abtretung des Sudetenlandes, die Zerschlagung der „Rest-Tschechei“ 1939, die Errichtung des slowakischen Staates, der ein Satellitenstaat des „Dritten Reiches“ war. Parallelen zur Politik Putins gegenüber der Ukraine und Weißrussland liegen auf der Hand.

Man unterstellt Putin eine gewisse Rationalität, ist da nicht dennoch bei ihm ein Eskalationsmechanismus aktiviert, der zumindest etwas an Hitler erinnert? Putin setzt die Zukunft seines Landes aufs Spiel.

Putin versucht mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln, Europa und den Westen zu spalten. Er hat sich völlig verkalkuliert. Er konnte Deutschland nicht herausbrechen aus der Phalanx der EU-Staaten und der Nato-Staaten. Völlig verkalkuliert hat er sich auch im Hinblick auf die Ukraine. Sie hat eine Widerstandskraft gezeigt, die für ihn offenkundig überhaupt nicht vorstellbar war, als er im Februar mit den Kampfhandlungen begann. Der Westen kann in dieser Situation nur darauf setzen, dass irgendwann der Punkt erreicht sein wird, wo Putin und seine Umgebung zu dem Ergebnis kommen, dass ihre Politik nicht zielführend ist. Der Westen kann aus der Kuba-Krise lernen, dass sich letztlich eine vernünftige Verbindung von Besonnenheit und Entschlossenheit auszahlt.

Vermeidung des Konflikts mit Russland: „Der Westen hätte seine eigenen Werte verraten“

Hätte der Westen den Konflikt mit Russland überhaupt abwenden können?

Sicherlich waren es nicht die USA, die nach der Auflösung der Sowjetunion Ende 1991 auf eine Ost-Erweiterung der Nato gedrängt haben. Es waren in den 90er Jahren die Staaten Ostmitteleuropas und Südosteuropas, die sich durch das Russland der Ära Jelzin und erst recht nach 2000 durch die Politik Putins bedroht fühlten, und das nicht grundlos. Sie hatten vor Augen die beiden Putschversuche von 1991 und 1993, die niedergeschlagen wurden. Sie hatten vor Augen den seit 1994 brutal geführten Krieg Russlands in Tschetschenien. Russland erschien in dem geradezu chaotischen Zustand, wie er sich in den 90er Jahren herausbildete, unkalkulierbar. Deswegen das Drängen von Ländern wie Polen, der Tschechoslowakei, Ungarn und der baltischen Staaten auf Schutz durch das westliche Bündnis mit der Ost-Erweiterung der Nato. Und das ist zur Zeit der Präsidentschaften des älteren Bush und Bill Clintons in Abstimmung mit Russland diplomatisch abgestimmt worden bis hin zur Nato-Russland-Akte von 1997. Der Westen hätte seine eigenen Werte verraten, wenn er den Polen, den Ungarn, den Tschechen, später den Balten das Recht abgesprochen hätte, sich frei für ein Verteidigungsbündnis zu entscheiden. Dieses Recht war allen Mitgliedstaaten der KSZE durch die Schlussakte von Helsinki von 1975 versprochen und durch die Charta von Paris vom November 1990 bestätigt worden.

Und wenn der Westen damals anders gehandelt haben würde?

Hätte der Westen sich an diese Dokumente nicht mehr gebunden gefühlt, hätte er seine Werte und damit sich selbst preisgegeben. Er hat versucht, so weit es nur irgend möglich war, im Einvernehmen mit Russland dieses Verlangen der Ostmittel- und Südosteuropäer nach Sicherheit zu erfüllen. Alles, was es an Auffangkonstruktionen noch gab, wie die „Partnerschaft für den Frieden“, erfüllte nicht den berechtigten Anspruch der ehemaligen Warschauer-Pakt-Staaten auf Sicherheit.

Eine versäumte Verständigung?

Da die Diskussion über die angeblich versäumte Verständigung mit Russland vor allem in Deutschland geführt wird, möchte ich ausdrücklich hinzufügen, dass der Glaube mancher deutscher Politiker, über die Köpfe der Ostmitteleuropäer hinweg sich mit Russland verständigen zu können, ein Relikt einer unheilvollen deutschen Großmachttradition ist, die zurückgeht bis ins 18. Jahrhundert, als Preußen, Österreich und Russland Polen unter sich aufteilten. In Polen erinnert man sich auch lebhaft der Zusammenarbeit der Reichswehr und der Roten Armee nach 1919, bei der einkalkuliert war, dass Polen von der Landkarte verschwinden müsse. Man erinnert sich an den Hitler-Stalin-Pakt, den Doppelaggressionspakt von 1939, dem Polen ebenso zum Opfer fiel wie die baltischen Staaten, drei souveräne Republiken, die im Zuge des Hitler-Stalin-Paktes 1940 von der Sowjetunion annektiert wurden. Vor dem Hintergrund einer derartigen Tradition eine Politik deutsch-russischer Alleingänge zu betreiben oder eine sogenannte deutsche Sonderbeziehung zu Russland pflegen zu wollen, heißt aus der Geschichte nichts gelernt zu haben. Wir sind durch Hitlers Überfall auf die Sowjetunion im Jahr 1941 nicht nur gegenüber den Russen im extremen Maße schuldig geworden, sondern ebenso sehr, wenn nicht in noch höherem Maße, gegenüber den Weißrussen und den Ukrainern. Das wird in Deutschland allzu oft vergessen. (Interview: Michael Hesse)

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