Hegel am Katheder, Litho v. Kugler.
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Hegel am Katheder, Litho v. Kugler.

Philosophie

Hegel, das Ich und das Handexemplar

  • Christian Thomas
    vonChristian Thomas
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Am 25. Juni vor 200 Jahren schloss Georg Wilhelm Friedrich Hegel das Vorwort zu seinen „Grundlinien der Philosophie des Rechts“ ab, zu einem Jahrhundertwerk, das wahrhaftig die Welt verändert hat

Eine Anstreichung im Vorwort,auf Seite 14: „Um noch über das Belehren, wie die Welt sein soll, ein Wort zu sagen, so kommt dazu ohnehin die Philosophie immer zu spät.“

Ein unmissverständlicher Satz, so nicht nur am Rande angestrichen, sondern die Zeilen unterstrichen mit Bleistift und Lineal, im November 1976 in einem Exemplar der „Grundlinien der Philosophie des Rechts“, in einem Ullstein-Buch, der Nr. 2929 einer wohlfeilen Taschenbuchreihe. Ein Ich zwängte sich in eine legendäre Ausgabe – ich mich zwischen zwei braun marmorierte Pappdeckel. Und der Bleistift kratzte über Papier, das so holzhaltig war, dass sich darin die Mine schon mal verbohrte. Löcher zwischen den Zeilen, am Rand die Marginalie: s. K. M.

Denn GWFH lesend, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, war nicht nur ich schnell angelangt bei KM, Karl Marx. Das auch schon wegen der über 70 Seiten umfassenden, der dem Vorwort vorangestellten Einleitung des Herausgebers, der Hegellesern eine „mühsame Lektüre ankündigte“. Vom ersten Satz an eine intensive Beschäftigung, eine, bei der Geduld verlangt wurde (und wird), bis man in „einzelnen Formulierungen mehr als nur obskure Konstruktionen erkennt“. Mühevoll auch die Lektüre der Einleitung, Helmut Reichelts Rekonstruktion der Hegel’schen Rechtsphilosophie. Mühevoll umso mehr, weil sie über mehr als 70 Seiten hinweg mit Marx geschah – ausgehend von einer Jürgen-Habermas-Passage.

So also, über den Dreischritt Hegel–Marx–Habermas, wurde der Leser präpariert. Allein mit der Einleitung konnte man Tage, Nächte, wenn man sonst nicht noch etwas anderes vorhatte, die Semesterferien verbringen. Lesestoff, Denkstoff, Diskussionsstoff, das muss auch für den Satz gegolten haben, den ich hier nach meinem Handexemplar (HE) zitiere: „Die bürgerliche Reproduktionsform erreicht eine Form der ,Verrücktheit‘, der Verkehrung, die an ihr selbst über diese Form, unter der sich die bisherige Entwicklung der Menschheit vollzog, hinaustreibt.“ (HE, cit XIV)

Bisherige Menschheit – es ging um nichts weniger als einen Schlussstrich unter die bisherige Menschheit. Alle bisherige Geschichte war, Marx hatte mit dem Gedanken vertraut gemacht, eine Geschichte von Klassenkämpfen. Um Ende der 1970er Jahre mit der bisherigen Menschheit Schluss zu machen, ließ sich auch an Hegel denken, hatte er doch die „Arbeit am Begriff“ vorgelebt. Bei der Gelegenheit fanden sich bei Hegel Formulierungen des Polemikers Hegel, und dazu gehörte die Bemerkung über diejenigen Denker, die aus der „Pistole“ denken.

So zu denken war nicht im Sinne Hegels, er war nicht der Philosoph, der aus der Pistole dachte, das Absolute erst recht nicht – allerdings je länger der eine oder die andere Hegelleser/-in über das Absolute nachdachte, schien es immer plausibler, attraktiver, das Absolute als ultimativen Umsturz zu denken.

Man muss sagen, es gab einige Hegelleser, die so dachten. Die derart vorgingen als Geistesarbeiter und sich dabei auf die Seite der proletarischen Revolution schlugen, ob im Seminar oder auf der Straße, wobei die kompromisslosesten Pistoleros, darunter Halunken, sich zu den maoistischen Sekten und dem Terror der Kulturrevolution bekannten. Was schon die Linkshegelianer seit den 1840er Jahren ausgemacht hatte, nämlich ein sich ununterbrochenes Überbieten an Radikalität, kennzeichnete auch den Linksradikalismus der 1970er Jahre.

Aus der Pistole denken– Hegel wusste polemisch zu formulieren, wie ja erst recht Marx, auch darin ein gewitzter, ein ätzender Nachfolger. Der Begriff „Weltanschauung“, von Hegel gerne benutzt, war dagegen im Getümmel der Weltanschauungen eine sachliche Wortwahl, die in der Hegelnachfolge gerne gegen die marxistische „Ideologie“ in Stellung gebracht wurde. Idealismus versus Materialismus: Dabei operierte auch die Hegel’sche Weltanschauung von einem alles andere als neutralen Standpunkt aus. Keine Weltanschauung ohne einen Standpunkt, kein Standpunkt ohne eine ihm vorausgehende Standortwahl. Wie der Gedanke zu einem Objekt steht, die Anschauung zur Welt, beschäftigte Hegel intensiv, und dazu gehört auch, die Voraussetzungen mitzudenken, unter denen Anschauung und Denken sich zu ihren Gegenständen verhalten.

Den eigenen Standpunkt reflektieren, damit wurde es anspruchsvoll. Denn das war ein Gedanke, der erstmals nicht dem Marxismus dämmerte, auch wenn der Marxismus den Standort dann stramm ideologisierte. Denn der Marxismus, indem er den Klassenstandpunkt einführte, erklärte den proletarischen Klassenstandpunkt zum objektiv-wahren Standpunkt.

Hegelleser, wenn sie denn ideologisch resistent waren, durchschauten das Manöver (der Dogmatiker, Halunken, Pistoleros). Denn mit der Nobilitierung eines parteiischen Standpunkts zu einem objektwahren Standpunkt wurde Hegels Versuch, das Absolute zu denken, nicht etwa auf den Kopf gestellt. Sondern wahrhaftig handstreichartig instrumentalisiert. Nein, gekapert, so das Wort, eines Tages, Ende der 70er Jahre, da war was los! War man deswegen ein Renegat, gar ein Verräter der Revolution? Wenn die Revolutionäre nicht sowieso ununterbrochen misstrauisch und auf der Hut gewesen wären, so zeigten sie sich jetzt mit zusammengekniffenen Augen, wie die Pistoleros.

High-Noon-Zeiten, damals, in den späten Siebzigern, zwischen Hegelianern und Marxisten, auch in Münster. Joachim Ritter, einer der großen Hegelexegeten, über Jahre in Münster lehrend, war 1974 in der Stadt gestorben. Sein Vermächtnis war ein rotes Bändchen in der edition suhrkamp über „Hegel und die Französische Revolution“. Doch, wenn ich mich recht erinnere, kaum ein Linkshegelianer am Hegelstandort Münster, der vier, fünf Jahre nach Ritters Tod sich mit ihm noch groß abgegeben hätte, zumal nicht nach der Habermas-Offensive gegen die konservative „Ritter-Schule“. Grabenkämpfe. Kein Seminarmarxist, der aber auch Habermas nicht entlarvte als einen Bauchredner, einen Büttel der Bourgeoisie. So stand es auf Flugblättern, frei Hand nicht nur vor Münsters Mensa.

Insofern Habermas Anfang der 70er Jahre gegenüber einer radikalen Linken den Vorwurf des Linksfaschismus erhoben hatte, war er ins Fadenkreuz einer revolutionären, aufs Ganze gehenden Kritik geraten. Insofern war das Wort, das aufstieg zu einer der großen Konjunktionen im ideologischen Kampf, ein Wort im politischen Handgemenge, eine Vokabel auch im philosophischen Diskurs, eine Begründung ankündigend, die dann zumeist keine war. Was das abwiegelnde „Irgendwie“ als schwammige Verlegenheitsvokabel war, war das „Insofern“ als schneidige Verkündigung. „Insofern“ versprach Offenbarung, radikalen Durchblick, Kompetenz, Konsequenzen der rücksichtlosen Art, insofern es auch allen Bütteln der Bourgeoisie am Tag der Revolution einen kurzen Prozess ankündigte.

Insofern – wie oft war es bei Hegel zu lesen, während man sich über ihn beugte, hier und da in Seminaren, auch in Arbeitsgruppen, kollektiv oder einsam am eigenen Schreibtisch. Eine mühsame Lektüre, denn was hatte dieser erste Satz über „Die bürgerliche Gesellschaft“ zu bedeuten, der § 182 der Rechtsphilosophie? „Die konkrete Person, welche sich als besondere Zweck ist, als ein Ganzes von Bedürfnissen und eine Vermischung von Naturnotwendigkeit und Willkür, ist das eine Prinzip der bürgerlichen Gesellschaft …“ Nun, was war unter dem grammatikalisch heiklen „als besondere Zweck“ zu verstehen?

„Wer Hegel verstehen will“, schrieb Dieter Henrich 1987 in einer weiteren Auflage seines erstmals 1971 erschienenen Standardwerks „Hegel im Kontext“, „war mehr als ein Jahrhundert mit sich allein“, und das war nicht nur bezogen auf die Kommentarsituation. Von großer Klarheit ist allerdings auch der „schwere Hegel“, von dem Ernst Bloch sprach, und wie mein Handexemplar (HE, § 57, S. 65) unterstreicht, denn der Mensch ist „wesentlich dadurch, daß sein Selbstbewußtsein sich als freies erfaßt“. Und erst dadurch „nimmt er sich in Besitz und wird das Eigentum seiner selbst und gegen andere“. Was für eine Stelle, zudem ein Grund, das Privateigentum an Selbstbewusstsein ernst zu nehmen, das Selbstbewusstsein so radikal zu verteidigen wie das Privateigentum übrigens auch, was Ende der 70er Jahre ein Affront war. Denn das war zutiefst bürgerlich gedacht. Zugleich muss heute noch gestanden werden, dass es bloß beim Hegeln blieb. Hegeln hieß, dass es allenfalls bei Anläufen zu einem systematischen Hegelstudium blieb.

Hegeln hieß Willkür gegenüber Hegel. Hegelnd auch in diesen Tagen stoße ich auf Seite 221 in meinem HE auf den § 260 der Rechtsphilosophie: „Der Staat ist die „Wirklichkeit der konkreten Freiheit“. Das wurde zu einem verhöhnten Satz ebenso wie die berühmt-berüchtigte, die markierte Stelle: „Was vernünftig ist, das ist wirklich; und was wirklich ist, das ist vernünftig.“

Was das bedeutet, dazu konnte man sich seit Mitte der 1970er Jahre mit einem Materialband versorgen, in dessen Mittelpunkt ein erbitterter Streit über eben diesen Satz ausgetragen wurde, eine heftige Polemik unter unmittelbaren Zeitgenossen Hegels. Besagter Materialienband, stw, suhrkamp taschenbuch wissenschaft, herausgegeben von Manfred Riedel, die ultimative Instanz.

Zuletzt hat auch Klaus Vieweg in seiner monumentalen Hegelbiografie dem aus diesem Satz abgeleiteten Vorwurf der „Heiligsprechung alles Bestehenden“, der „philosophischen Einsegnung des Despotismus“ heftig widersprochen. Vielmehr hat er den „verfemten Doppelsatz“, wie weitere Hegelinterpreten zuletzt, „nicht etwa als zynische Bejahung des Status quo“ (Günter Zöller) oder „vermeintlichen Skandal“ (Sebastian Ostrich) interpretiert. Stattdessen wurde auf ein triviales Verständnis von Wirklichkeit hingewiesen, sozusagen ein falsches Bewusstsein von Wirklichkeit. Sein, Hegels Verständnis von Wirklichkeit, überstieg die von Zufällen und Fährnissen ausgesetzte Alltagswirklichkeit, eine von Willkür beherrschte Realität. Hegels Sein ging aus dem Bewusstsein einer höheren Wirklichkeit hervor. So oder so ähnlich sagten wir uns, behelfsweise. Aber steckte in der philosophischen Gleichsetzung nicht doch ein polit-preußischer Hintergedanke?

Wie auch immer, um Hegel ernst zu nehmen, hält mein HE, S. 11 die Marginalie fest: „W. als die sich selbstbewußt setzende, sittliche F.“ W. gleich Wirklichkeit, klar; F. gleich Freiheit. Wenn es ideologisch nicht so abwegig gewesen wäre, hätte man den Konservativen Joachim Ritter konsultieren können. Ritter machte anhand von Hegels Enthusiasmus für die Französische Revolution die Gemeinsamkeit von Revolution und der sie „vorbereitenden Philosophie“ klar, nämlich ein gemeinsames Zerstörungswerk. Allerdings fügte er unmittelbar hinzu, dass das, was da vernichtet wurde, bereits ein „Zerstörtes“ war, nämlich der „horrible Zustand der Gesellschaft“, die auf Elend, Niedertracht, Schamlosigkeit, Unrecht und Rechtlosigkeit gründete, gegen die der Sturm losgebrochen sei, „notwendig und mit dem Recht der Vernunft“ und im Namen der Freiheit. Über die dann jedoch der Sturm der Willkür, des revolutionären Terrors und schamloser Niedertracht hinwegtobte.

Ritter, seit 1946 Ordinarius der Philosophie an der Westfälischen Wilhelms-Universität, hatte 1957 Hegels Entwicklung vom Enthusiasten der Französischen Revolution zum Anhänger der konstitutionellen Monarchie rekonstruiert. Hegeln machte unmissverständlich klar, dass Hegels Philosophie „konsequent frei von futuristischen Elementen“ (Hans Friedrich Fulda) ist – um von utopischen gar nicht zu reden. So sehr Hegel in der von ihm analysierten Weltgeschichte einen Weltgeist walten sah, und so sehr das so anspruchsvoll wie attraktiv war, so war er doch anziehend auch als Ichdenker.

Deshalb waren wir so emsig dabei bei unserer Hegelei. Auch wenn Hegelei Arbeit bedeutete, Arbeit am Begriff. Denn wenn etwas bei Hegel System hat, dann ist es das System, so kalauerten wir, wissend, dass der tiefere Sinn der Witzelei ja überhaupt kein Spaß war. Arbeit am Begriff war eine echte Herausforderung, angefangen damit, dass das Ich mit seinem Ichsein ständig in Konflikt gerät, weil es nämlich veränderungsfähig ist. Das macht die Situation für das Ich allerdings paradox. Denn indem es sich zu sich selbst verhält, indem es sich zu dem macht, der man ist, hat man sich bereits zu einem anderen gemacht.

Das Hegelstudium bedeutete Stirnrunzeln,Schulterzucken, gelegentlich auch ein Lächeln, insofern man mit einer Stelle ganz gut klarkam. Dann glaubte man sich nicht ausgesperrt von der Totalität eines Systems, sondern aufgenommen von einer Gedankenwelt. Das war dann schön. Denn dann glaubte man sich im Zustand eines geistigen Durchblicks (einer Art transzendenter Erfahrung). Doch dann wieder auch die pure Verzweiflung. Hegel konnte einen fast verrückt machen. Hegel machte einen blass. Besorgt wurde man angesehen.

Man? Hegels Ich lebt von der Einsicht, dass das Ichsein permanent der Praxis der Negation unterliegt. Ichsein ist fortwährende Selbstverneinung. Tief durchatmend sprachen wir uns den Gedanken und damit Mut zu, indem wir uns sagten: Indem ich mich verändere, bin ich. Indem ich mich zu einem anderen mache, finde ich mich wieder. Es war noch nicht die Zeit der Identitätsfanatiker von links oder rechts, aber es war die Zeit der Erkenntnis, dass der Gewinn des eigenen Selbst allein auf dem Weg der Selbstverneinung des Ich zu erreichen sei. Wurde deswegen aus manchem Seminaristen ein Proletarier?

Kniffelig, kompliziert, zudem komplex. Der Mensch nach Hegel, das aufgeklärte Ich, ist sich selbst eine Hieroglyphe geworden, sagte ich mir damals. Ebenfalls galt es einzusehen, dass es das „reine Ich“ nicht gibt, dass es nur in der Einbildung existiert, als leere Abstraktion, dass es, um konkret zu werden, zum Objekt des Denkens gemacht werden müsse. Die Erkenntnis, dass das Ich ein „willkürlicher Standpunkt“ (Hegel) ist, zugleich die „empirischen Zustände des Bewusstseins“ darstellt, schlug uns, obwohl kniffelig, obwohl kompliziert sowie komplex, in Bann.

„Hegel ist schwer“,schrieb Ernst Bloch. Sein Hegelbuch, „Subjekt-Objekt“, war eines Tages eine Entdeckung: „Er ist einer der unbequemsten unter den großen Denkern.“ Bei Bloch zu finden der Gedanke von der „unumgänglich(en) Lust des tätigen Lernens“. Bei Bloch die vorab geschickte Bemerkung: „Wer auf See will, muss die Schiffsknoten verstehen.“ Kein Segler, kein Seefahrer, der dies bezweifelte, bei Hegel allerdings niemals Flaute, immerzu nur schwere See, wobei Bloch bei Hegel einen leuchtenden Orientierungspunkt ausmachte, einen in der Ferne, aber unübersehbar ein, was für ein Wort, „utopisches Moratorium“ – Hegel, das Leuchtfeuer.

Erstaunlich, dass Bloch so überhaupt keine Rolle mehr spielt in der Hegelbiografik der letzten Zeit. Denn was ist, wie Ernst Bloch fragte, der „Kerngedanke Hegels“. Bloch: „Sich selbst erkennen also, kein Wort kann wärmer und spannender sein.“ Dass dabei das „gewohnte Ich“ nicht ausreicht, versteht sich nicht unbedingt von selbst. Richtet sich das Gewohnte doch gern im Bequemen und Behaglichen ein. Das „Sosein“ des Ich ist selbstgenügsam; um sich darüber hinaus im „Selbersein“ zu erkennen, ist Anstrengung gefragt, der Wille zur Selbsterkenntnis.

Hegel hat es auf eine Weise gesagt, die das Problem sehr schön klarmacht: „Bewusstsein ist einerseits Bewusstsein des Gegenstands, andererseits Bewusstsein seiner selbst; Bewusstsein dessen, was ihm das Wahre ist, und Bewusstseins seines Wissens davon.“ Um es bei diesem Gedanken nicht bewenden zu lassen, kann sich das Ich, dieses Bewusstseinstier, über die Einleitung seiner „Phänomenologie des Geistes“ hermachen.

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