Politische Theorie

Die Ausstellung „Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert“ wurde abgesagt - Aber der Katalog weckt Neugierde

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Von der Berliner Ausstellung „Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert“ ist erst mal nur ein Katalog geblieben. Er zeigt die Brillanz der politischen Theoretikerin - aber auch, wo sie ihrer Zeit verhaftet war.

  • Die Ausstellung „Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert“ musste abgesagt werden
  • Es bleibt ein Katalog
  • Noch immer wirft das Denken von Hannah Arendt Fragen und Widersprüche auf

Berlin - Nun hätte in Berlin im Deutschen Historischen Museum die Ausstellung „Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert“ eröffnet werden sollen. Das Coronavirus hat sie abgesagt. Es wäre eine schöne Ausstellung geworden. Es wird womöglich zu einem späteren Zeitpunkt auch noch eine sein.

Woher ich das weiß? Es gibt einen die Ausstellung begleitenden Katalog. Allein die Fotos darin sind eine Freude. Jedenfalls für die, die wie ich Hannah Arendt das entgegenbringen, worauf sie gerne verzichtete: eine „pathetische Form von Anerkennung“. Wer sich zuerst die Fotos ansieht, dem geht es womöglich wie mir. Da ist eines, da sieht man den Gatten von Hannah Arendt, Heinrich Blücher, im Juli 1960 in Manumet, Massachusetts, im Sand knien. Hannah Arendt sitzt an ihn angelehnt vor ihm, neben ihr liegt, eher noch intimer an Blücher, Rose Feitelson, eine Freundin Hannah Arendts. Fast einhundert Seiten später erfährt man dann, dass Hannah Arendt im Oktober 1950 von einer Affäre ihres Gatten mit Rose Feitelson erfahren hatte. Ich muss gestehen, ich würde gerne mehr erfahren über das Zusammenleben zu dritt. Oder waren es mehr?

Hannah Arendt: Die vielleicht wichtigste politische Theoretikerin des 20. Jahrhunderts

Dieses Interesse befriedigen Ausstellung und Katalog nicht. Aber sie wecken es. Es gibt auch eine Abteilung mit – wir befinden uns im Deutschen Historischen Museum – Hannah-Arendt-Devotionalien. Ein Pelzcape, eine Zigarettendose, die Brosche, die sie im berühmten Gaus-Interview – unbedingt auf Youtube schauen – am Kragen ihres Jacketts trug. Man sieht das und denkt an den Unsinn, der heute überall steht, Mode sei ein Ausdruck der Persönlichkeit. Mode – das ist hier zu sehen – ist vor allem eine Tarnkappe, die es einem erlaubt, seine eckige Persönlichkeit in einer gesellschaftlichen Konvention zu verstecken.

Die Texte informieren einen über die vielen sehr unterschiedlichen Ecken der Persönlichkeit der vielleicht wichtigsten politischen Theoretikerin des 20. Jahrhunderts. „Denken ohne Geländer“ ist ihre auffälligste Eigenschaft. Den wechselnden Realitäten sich frei, vorurteilslos entgegenzustellen ist ihre Begabung und ihr Fluch. Freundschaften zerbrachen immer wieder, weil sie versuchte, klar aufzuschreiben, was sie klar sah.

Noch heute polarisiert Hannah Arendt

Sie arbeitete für zionistische Organisationen, aber sie war nur eine Zionistin, was die Kritik an der Assimilation anging, so schreibt Micha Brumlik in seinem sehr lesenswerten Eröffnungsbeitrag. Die Gründung eines jüdischen Staates sei eingebettet in eine imperialistische Situation, und ohne eine imperialistische Schutzmacht habe ein Staat Israel keine Überlebenschance. Brumlik zitiert Gershom Scholems Einwände dagegen. Er sagt, „das Staatsproblem“ sei ihm „vollkommen schnuppe“. Das ist von einer impertinenten Dummheit. Also das letzte, das man Scholem zugetraut hätte. Bei der Gründung eines Staates geht es um nichts anderes als um ein „Staatsproblem“. Interessant ist auch, dass er Hannah Arendt „Trotzkismus“ vorwirft.

Hannah Arendt sieht das Foto einer fünfzehnjährigen dunkelhäutigen Schülerin, deren Versuch, einen ihr gesetzlich zustehenden Schulunterricht zu besuchen, 1957 in Little Rock zu einem Spießrutenlauf gerät. Arendt findet, die Eltern hätten das Mädchen nicht dieser Situation ausliefern dürfen. Abgesehen davon vertritt sie prinzipiell auch die Auffassung, der Staat habe nicht das Recht, den Menschen vorzuschreiben, mit wem ihre Kinder in die Schule zu gehen haben. Mit anderen Worten: Schulische Segregation muss möglich sein.

Auch die Fehler von Hannah Arendt kommen zur Sprache

Der Katalog

D. Blume, M. Boll, R. Gross (Hrsg.):  Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert. Piper, 288 S., 22 Euro .

In Zeiten von Fridays for Future – diese Zeiten hatten wir gerade noch – reibt man sich die Augen, wenn Jugendlichen eine eigene Meinung, eigenes Handeln so generell abgesprochen wird. Man wird sich auch fragen, ob Rassismus wirklich zur staatlich geschützten Freiheit eines Christenmenschen gehören soll?

Es macht den Reiz dieses Bandes aus, dass man Hannah Arendt auch bei ihren Fehlern beobachten kann. Wenn sie zum Beispiel die Familie als den Ort feiert, der Kinder vor Staat und Politik schützt und ihnen so helfe, zu freien Individuen zu werden. Das sagt eine Königsberger Jüdin, die vielleicht Erfahrungen mit Spießrutenläufen hatte, aber der es nicht an Erfahrung gesellschaftlicher Diskriminierung fehlte. Ihre Familie bestärkte und schützte sie. Das ist ihre Geschichte. Dass die meisten Vergewaltigungen innerhalb der Familie stattfinden, entging ihrer Aufmerksamkeit. Die Herstellung abgeschotteter „Schutzräume“ dient nur denen, die darin das Kommando führen. Wir wissen das inzwischen nicht nur aus der Familiensoziologie, sondern es gibt auch die einschlägigen Erfahrungen aus Klöstern, Internaten und Schulen.

Katalog zur Ausstellung über Hannah Arendt ist nicht nur Referat von Fakten

Der Katalog hat 288 Seiten mit 27 Kapiteln von 27 Autoren. Es ist unmöglich, auf alles einzugehen. Nicht auf Antonia Grunenbergs Blick auf Hannah Arendts Einschätzung der USA, Marie Luise Knotts Darstellung von Hannah Arendts Verhältnis zu Nachkriegsdeutschland, nicht auf den natürlich eminent wichtigen Beitrag über „Eichmann in Jerusalem“ und die Auseinandersetzung über ihren Prozessbericht im Magazin „The New Yorker“, der ihr größter und umstrittenster Bucherfolg wurde.

Stattdessen noch ein paar Sätze aus Antje Schrupps kurzem Beitrag: „Es gibt in der politischen Debatte drei mögliche Arten zu argumentieren: Man kann auf erwiesene Fakten hinweisen, man kann eine persönliche Meinung äußern – und man kann urteilen. Letzteres war für Hannah Arendt die wichtigste Form des Sprechens. Aber leider ist das Urteilen im aktuellen Diskurs etwas aus der Mode gekommen … Beidem, dem Wissen und dem Meinen, ist gemeinsam, dass der Sprecher oder die Sprecherin keine Verantwortung für das Gesagte trägt. Der Verweis auf Fakten bezieht sich auf die Realität – es ist nun einmal so, ich kann nichts dafür! Das bloße Äußern einer Meinung hingegen beruft sich auf die Meinungsfreiheit, das Recht für alle, mitzureden… Wenn ich etwas beurteile, füge ich hingegen objektives Wissen und subjektives Meinen zusammen. Mein Sprechen ist dann kein spontaner Impuls persönlicher Ansichten und auch kein bloßes Referat feststehender Fakten, sondern eine begründete, durchdachte politische Intervention.“

Hannah Arendt lesen in einer neuen Zeit

Darum geht es in der politischen Theorie und darum sollte es gehen in der Politik. Ein Urteil ist niemals alternativlos. Es ist hervorgegangen aus der sorgfältigen Abwägung unterschiedlichster Alternativen. Es kann sich immer herausstellen, dass der Urteilende sich vertan hat. Aber das ist kein Grund, auf das Abwägen, das Einholen von anderen Ansichten zu verzichten.

Wir lesen nicht mehr in Fridays-for-Future-, wir lesen in Corona-Zeiten. Mit einem Male fallen uns Dinge auf, über die wir früher hinweg lasen. Man stelle sich einen „Anthropozän“-Kongress in diesen Tagen vor! Aber natürlich stolpere ich über einen Satz in „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“, in dem sie spricht von „geschichts- und tatenlosen Menschen“, bzw. von „barbarischen Stämmen, deren wesentliches Merkmal es ist, von der Natur zu leben, ohne sie für den eigenen Nutzen herrichten zu können, das, was die Erde gibt, hinzunehmen, ohne aus den geschenkten Schätzen eine für den Menschen brauchbare und von ihm beherrschte Welt zu erzeugen“.

Nachdenken über Hannah Arendts Zivilisationshochmut

Früher fand ich den westlichen Zivilisationshochmut, die Verachtung gegenüber den anderen, den Zurückgebliebenen darin schwer erträglich. Jetzt mitten in der Corona-Krise – oder stehen wir nicht doch erst an deren Anfang? – finde ich die Vorstellung, der Mensch sei überhaupt in der Lage, die Welt zu beherrschen, lächerlich. Ich erinnere mich daran, dass 2008, als das erste Mal in der Weltgeschichte mehr Menschen in Städten wohnten als auf dem Land, uns gesagt wurde, die Zusammenballung der Menschen auf engstem Raum sei gesellschaftlich womöglich immer noch ein Problem, aber die daraus entstehenden biologischen Gefahren seien dank der Antibiotika keine mehr. Wir werden gerade eines Besseren belehrt.

Wir werden zurückdrehen müssen, wenn wir nicht draufgehen wollen. Was auch heißt, dass wir an anderen Stellen aufdrehen werden müssen. Corona zeigt, dass wir die Natur nicht beherrschen, sondern dass wir immer wieder neue Arrangements mit immer wieder neuen ihrer Vertreter schließen müssen.

In Hannah Arendts Überlegungen spielt das Verhältnis der Menschheit zur Natur keine Rolle. Es gilt gewissermaßen als gelöst und erledigt. Das gibt ihren Überlegungen einen merkwürdig altmodischen, ja provinziellen Charakter. Sie haben angesichts von Klima, Viren und der Einsicht, dass wir nur Sternenstaub sind, etwas Possierliches.

Rubriklistenbild: © Wesleyan University Library

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