Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

18. März 2006: Peter Handke spricht aus Anlass der Beerdigung des serbischen Machthabers Slobodan Miloševic.
+
18. März 2006: Peter Handke spricht aus Anlass der Beerdigung des serbischen Machthabers Slobodan Miloševic.

Peter Handke & Serbien

Handke statt Tito

  • vonThomas Roser
    schließen

Eine serbische Initiative will eine Straße in Srebrenica nach dem Nobelpreisträger Peter Handke benennen.

Es sind keineswegs seine schriftstellerischen Verdienste, die seine serbischen Fans im fernen Bosnien veranlassen, das Loblied auf den Literaturnobelpreisträger von 2019 anzustimmen: Peter Handke sei nicht nur „ein großer Freund des serbischen Volkes“, sondern auch „ein großer Kämpfer für die Wahrheit“, begründet Vojin Pavlovic die Forderung der serbisch-nationalistischen Bürgerinitiative „Östliche Alternative“, dem Österreicher die bisherige „Marschall-Tito-Straße“ in Srebrenica zu widmen: „Wir glauben, dass ein Mensch von solchen Qualitäten die Hauptstraße verdient – gerade in Srebrenica.“

Wunden wieder aufgerissen

Mehr als 8000 muslimische Männer und Jugendliche im Alter zwischen 13 und 78 Jahren wurden in den Tagen nach dem Einmarsch der bosnisch-serbischen Truppen am 11. Juli 1995 in Srebrenica in systematischen Massenerschießungen ermordet und in den umliegenden Wäldern verscharrt. Das Ansinnen, Handke ausgerechnet am Ort von Europas schwersten Kriegsverbrechen seit Ende des Zweiten Weltkriegs den Namen der Hauptstraße zu widmen, reißt in dem entvölkerten, aber heute mehrheitlich von bosnischen Serben bewohnten Srebrenica die ohnehin kaum verheilten Kriegswunden neu auf.

Von einer „Provozierung“ der Opfer spricht gegenüber dem bosnischen Dienst von Radio Free Europe die Witwe Fadila Efendic, die bei dem Massaker außer ihrem Mann auch ihren Sohn verlor: „Genozidleugner“ Handke verherrliche „die Unwahrheit“. Doch nicht nur die muslimische Minderheit zeigt sich vom Vorschlag einer Peter-Handke-Straße wenig erbaut. Als „traurig, hässlich und bedauerlich“ bezeichnet die Serbin Dragana Cvejtinovica die Initiative. Die „großserbische Ideologie“ terrorisiere weiter auch im Frieden ihre Opfer – „dieses Mal den Namen eines bekannten Weltschriftstellers nutzend“, konstatiert bitter das bosnische Webportal „tacno.net“.

Als vereinsamten „traurigen Clown“, den es exhibitionistisch nach Liebe und Aufmerksamkeit dürste, bezeichnet das Webportal Aljazeera Balkans in Sarajevo den in Bosnien wegen seiner Verklärung des serbischen Kriegsherrn Slobodan Milosevic entweder verabscheuten oder gefeierten Literaten. So wurde Handke bei seiner kürzlichen Visite in Serbien und im bosnischen Teilstaat der Republika Sprska zu Monatsbeginn von Würdenträgern mit Lobeshymnen, Preisen und Orden versehen.

Er sei auf die Orden keineswegs vorbereitet gewesen, habe nur den Ivo-Andric-Preis entgegennehmen wollen, entgegnet Handke auf Vorhaltungen, dass er sich von nationalpopulistischen Politfürsten wie Serbiens Präsident Aleksander Vucic oder Bosniens Serbenführer Milorad Dodik habe instrumentalisieren lassen. Sicherlich sprach Handke in Visegrad auch über die völkerverbindende Kraft von Kunst und Literatur. Doch irgendeine Art des inneren Widerstands war keineswegs zu erkennen, als Handke in Banja Luka bereits zu Lebzeiten sein eigenes Denkmal einweihte oder freudig den Orden der Republika Srpska entgegennahm. Mit diesem wurden in den 90er Jahren auch später in Den Haag verurteilte Kriegsverbrecher behängt: Radovan Karadzic, Ratko Mladic, Biljana Plavsic, Momcilo Krajisnik, Vojislav Seselj oder Slobodan Milosevic.

Er sei trotz „starker Winde“ gegen seinen Besuch gekommen, erklärte Handke in Banja Luka: „Ich bin glücklich, hier zu sein. Das ist ein großer Moment für mich.“ Für Handkes Verdienste um die Darstellung Serbiens und seiner „kompromisslosen Verantwortung gegenüber der Wahrheit“ zeichnete ihn in Belgrad Staatschef Aleksandar Vucic mit dem Karadjordje-Orden aus: „Danke für das, was Sie für Serbien und das serbische Volk getan haben.“

Ein bizarres Defilee

Nach dem Handke-Denkmal nun eine Handke-Straße? Als eine Art Fortsetzung eines bizarren Defilees durch die großserbische Welt werten seine serbischen und bosnischen Kritiker den Versuch, Handke auch noch die Hauptstraße in der Stadt zu widmen, die das Kainsmal des Völkermords trägt. Doch in Srebrenica scheint eine nach ihm benannte Straße nicht konsensfähig zu sein.

Mit dem Gegenvorschlag, die Hauptstraße in die „Straße der Opfer des Genozids von Srebrenica“ umzubenennen, haben die bosniakischen Parteien im Gemeinderat reagiert. Auch den serbischen Mehrheitsparteien in der von Serben und Bosniaken seit kurzem wieder gemeinsam regierten Stadt kommt der Vorstoß der im benachbarten Bratunac registrierten „Östlichen Alternative“ eher ungelegen. Bisher habe die Kommune keiner von deren Forderungen Gehör geschenkt, betont Bürgermeister Mladen Grujicic – „auch dieser nicht“.

Doch auch wenn der Gemeinderat sein Ansinnen ablehnt, will Ultranationalist und Handke-Fan Pavlovic nicht locker lassen. Auf eigene Kosten werde er 500 Plakate mit dem Namen von Peter Handke drucken lassen und damit die Hauptstraße von Srebrenica „verzieren“, kündigt er an: „Es ist in der heutigen Zeit absurd, dass es in Srebrenica noch immer eine Marschall-Tito-Straße gibt, aber ein Nobelpreisträger nicht seine Straße haben kann.“

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare