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Die ehemalige Gaskammer.

Gedenken

Hadamar: Sechzehn Stufen bis zur Gaskammer

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Schüler erfahren in Hadamar Geschichte. Dort, wo einst 15.000 vergast wurden oder verhungerten. Weil die Nationalsozialisten es so wollten.

Sechzehn steinerne Stufen führen in den Keller hinunter, dorthin, wo die Menschen in einem winzigen gekachelten Raum zusammengepfercht und vergast wurden, wo Tag und Nacht die Leichen über die noch heute sichtbaren Schleifbahnen zu den beiden Krematoriumsöfen hinübergezogen und im Akkord verbrannt wurden.

Spätestens hier sind die Gespräche verstummt. „Der Gasmord durfte nur durch ärztliches Personal ausgeführt werden“, sagt Franziska Schmidt, pädagogische Mitarbeiterin der Gedenkstätte Hadamar, die die heutige Führung leitet. „Laut Augenzeugen“, erzählt die 28-Jährige weiter, „hat es etwa fünf bis zehn Minuten gedauert, bis die Menschen erstickt waren, dann hat man noch gewartet, bis das Kohlenmonoxid sich verzogen hatte, um die Leichen aus dem Raum herauszuziehen.“

Ihre Zuhörer und Zuhörerinnen an diesem Nachmittag sind die Schüler und Schülerinnen der Klasse 9a der Goetheschule in Neu-Isenburg. War oben im Versammlungsraum zu Beginn der Führung das Stimmengewirr noch groß, ist bei den 14- und 15-Jährigen die Aufgekratztheit angesichts des Grauens ernster Aufmerksamkeit und spürbarer Bedrücktheit gewichen. Vielleicht auch, weil Schmidt die Geschehnisse der Jahre 1941 bis 1945 in einem sachlichen und ruhigen Ton vermittelt, der Betroffenheit und Fassungslosigkeit nicht vorgibt, sondern entstehen lässt.

Der Besuch der Jugendlichen aus Neu-Isenburg war einer der letzten vor der Corona-Krise. Die Gedenkstätte ist jetzt zunächst bis 19. April geschlossen. Auch die für heute geplante Festveranstaltung anlässlich der Befreiung vor 75 Jahren ist abgesagt. Nähere Informationen unter gedenkstaette-hadamar.de

Matthias Köberle, Studiendirektor an der Goetheschule, ist überzeugt, dass Besuche wie diese den Unterricht bereichern und zum Pflichtprogramm eines jeden Schülers gehören sollten. Fahrten zur Gedenkstätte Hadamar oder – für die Oberstufen – zum Vernichtungslager Buchenwald sind an dem Gymnasium seit 15 Jahren Teil des Schulprogramms. „Auch wenn sich manche zu Beginn vielleicht noch sträuben, ist bei der Aufarbeitung danach im Unterricht klar zu erkennen, dass die Besuche für alle ein Gewinn sind“, sagt Köberle.

Fast fünf Stunden dauert die Führung in Hadamar, angefangen in der Busgarage, in der die zum Töten hierher gekarrten Menschen aussteigen mussten, um möglichst ungesehen ins Gebäude und schließlich in die Gaskammer zu gelangen. Weiter durch die Ausstellungsräume, auf denen an Schautafeln das Vernichtungssystem der Nationalsozialisten dargestellt wird und die Lebensläufe von Getöteten und dem Personal der Einrichtung nachzulesen sind. Und schließlich auch in den Keller, in dem heute ein Flucht- und Rettungsplan den Weg nach draußen weist. Einen Weg, den es für Tausende damals nicht gegeben hat.

Historie

Anfang des 20. Jahrhunderts  wurden auf dem Mönchberg in Hadamar erstmals Menschen mit seelischen Erkrankungen behandelt. Zudem gab es dort eine so genannte Korrigendenanstalt, in der straffällig gewordene Menschen zu einem geregelten Leben geführt werden sollten. 

In den 1920er-Jahren  erhielt die Einrichtung den Namen Landesheil- und Erziehungsanstalt. 

Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde das Gebäude zum Reserve-Lazarett der Wehrmacht. 

Ende 1940 wurde Hadamar zu einer Tötungsanstalt umgebaut. Sie wurde Teil der systematischen Erfassung und Ermordung von Patientinnen und Patienten von Heil- und Pflegeanstalten, der Aktion T4, die nach der Verwaltungszentrale in der Berliner Tiergartenstraße 4 benannt ist. 

Von Januar bis August 1941 wurden mehr als 10.000 Menschen in einer als Duschraum getarnten Gaskammer ermorder´t. 

Von August 1942 bis Kriegsende im März 1945 wurden noch einmal mindestens 5000 Menschen mit überdosierten Medikamenten umgebracht oder man ließ sie verhungern. 

Am 26. März 1945 befreiten us-amerikanische Soldaten die überlebenden Patientinnen und Patienten.  Noch 1945 wurde die Landesheilanstalt wiedereröffnet. 

1983 wurde die Gedenkstätte Hadamar zur Erinnerung und Dokumentation der NS-Euthanasie-Verbrechen eröffnet. 

Heute betreibt Vitos, ein Unternehmen des Landeswohlfahrtsverbands, auf dem Mönchsberg ein psychiatrisches Krankenhaus. (pgh)

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