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Gutachten zur documenta fifteen: Klare Sicht gibt’s noch nicht

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Von: Lisa Berins

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Zählte auf der documenta fifteen wirklich nur die Kunst? Foto: Imago Images
Zählte auf der documenta fifteen wirklich nur die Kunst? Foto: Imago Images © IMAGO/IPON

Zwei Gutachten zur documenta fifteen sind fertig - und die Diskussion über den Eklat geht in die nächste Runde.

Den Trumpf hält Nicole Deitelhoff in der Hand – in Form eines Stapels bedruckten Papiers, das in Klarsichtfolie gesteckt ist. Es ist der Bericht jener Expertenkommission, die von der Documenta gGmbH beauftragt wurde, die Antisemitismus-Vorwürfe auf der documenta fifteen aufzuarbeiten. Die Vorsitzende der Kommission hat den Stapel abgelegt, auf das Tischchen direkt neben sich, und tippt ab und zu mit dem Finger darauf. Was da drin steht, dürfe sie an diesem Abend noch nicht verraten. Der Bericht sei zwar fertig, aber veröffentlicht und offiziell vorgestellt werde er erst im Februar. Und so ist der Diskussionsabend unter dem Titel „documenta 15: Der Skandal und die Folgen“ im Foyer des Jüdischen Museums ein wenig ein Tanz um den heißen Brei.

Unter der Moderation von FAZ-Feuilletonchefin Sandra Kegel ergänzen der Gründungsdirektor des documenta Instituts Heinz Bude und die Direktorin des Jüdischen Museums Mirjam Wenzel ihre Beobachtungen und Gedanken zu der Schau, die nur haarscharf an einer verfrühten Schließung vorbeigeschliddert ist. Mit dem zeitlichen Abstand zur im September zu Ende gegangenen documenta fifteen scheint sich immerhin langsam ein klareres Bild der großen Debatte abzuzeichnen, in dem das frappierende Maß an Verantwortungslosigkeit auf vielen Ebenen immer deutlicher wird. „Die zentrale Frage der Verantwortung ist nicht ausgehandelt“, sagt Wenzel, die auch betont, dass der Eklat einen langen Vorlauf hatte und keineswegs plötzlich einfach so da war. Mahnende Worte findet auch Michel Friedman, der sich gegen Ende als Gast im Publikum erhebt: Alle Verantwortlichen hätten ihre Hände in Unschuld gewaschen. Dass im Nachhinein darüber diskutiert wird, sei „eine Art nachträgliche Hilflosigkeit“. Vielleicht hätte der dritte Talkgast auf der Bühne, Deitelhoff, weiterhelfen können, aber die Leiterin des Leibniz-Instituts Hessische Friedens- und Konfliktforschung verweist an den interessantesten Stellen nur auf den schweigenden Papierstapel neben sich.

Es stünden konkrete Empfehlungen in diesem Bericht, sagt Deitelhoff. Sie sollen in Zukunft ein solch multiples Versagen wie auf der documenta fifteen verhindern helfen. Unter „großen Kontroversen innerhalb der Kommission“ haben sich die sieben Expertinnen und Experten in den vergangenen Monaten mit fünf Werken auseinandergesetzt, die einstimmig als „definitiv problematisch“ eingestuft worden waren, sagt sie. Darunter die filmische Reihe „Tokyo Reels Film Festival“. In „relativ komplexen Bildanalysen“ gehe der Bericht der Frage nach, wo genau in den problematischen Werken über „legitime Kritik“ am Staat Israel hinausgegangen werde. Außerdem habe sich die Kommission kuratorische und organisatorische Strukturen angeschaut, die Einbeziehung jüdischer Stimmen und die rechtliche Verfasstheit der Documenta und der Kunstfreiheit.

Deitelhoffs Bericht ist nicht der einzige, der jetzt Klarheit schaffen soll. Gerade hat der Rechtswissenschaftler Christoph Möllers ein von Staatsministerin Claudia Roth beauftragtes Gutachten fertiggestellt, das auf der Website der Bundesregierung abrufbar ist. Möllers legt darin die juristischen Grundlagen in einem Widerspruch dar, den Deitelhoff als ein „Kollisionsfeld“ bezeichnet: Auf der einen Seite stehen die „privaten Kunstschaffenden“, die von der Kunstfreiheit geschützt werden, auf der anderen Seite die im öffentlichen Rahmen handelnden Personen und Institutionen. Darunter fällt, laut Möllers’ Gutachten, zum einen der Staat, der die Ausstellung mit Fördergeldern unterstützt und die Pflicht hat, vor Antisemitismus und Rassismus zu warnen – wobei eine „Vorabkontrolle von künstlerischen Programmen“ durch den Staat ausgeschlossen sei – und zum anderen gehört die Administration der Documenta dazu.

Die Geschäftsführung der Documenta, so stellt Möllers klar, „genießt keine Kunstfreiheit“. Ihre Aufgabe bestehe in der Ermöglichung der Schau und in der Unterstützung der Künstlerinnen und Künstler. Dabei unterliege sie den „Sonderbindungen des Verfassungsrechts, namentlich des Verbots der Förderung von Diskriminierung“: „Vor diesem Hintergrund würde es eine Pflichtverletzung darstellen, wenn die Geschäftsführung nicht den Versuch unternehmen würde, über einen angemessenen Umgang mit in Frage stehenden Exponaten mit der künstlerischen Leitung zu verhandeln.“ Die Generaldirektorin Sabine Schormann hatte nach massiver Kritik an ihrer Arbeit während der documenta fifteen hingeworfen.

Dem Staat schreibt Möllers in dem Gutachten eine eher zurückhaltende Rolle zu: Er dürfe nur eingreifen, wenn die Strafbarkeitsgrenze überschritten sei. Nur als letztes Mittel kämen Eingriffe – etwa in Form von Warnungen oder Kontextualisierungen – in Betracht, wenn diese Grenze nicht überschritten sei: „etwa im Fall ästhetisch distanzlos präsentierter politischer Propaganda“. Ob dies auf die documenta fifteen zutrifft, ist aus dem als grundsätzliche rechtliche Einschätzung angelegten Gutachten nicht herauszulesen – das braucht also noch eine Interpretation. Möllers hält aber fest, dass die Freiheit der Kunst sehr wohl auch in „Fällen rassistischer oder antisemitischer Tendenzen im Rahmen der Verhältnismäßigkeit vor staatlichen Zugriffen“ geschützt sein könne. „Das ist der freiheitliche Skandal der grundgesetzlichen Ordnung“, schreibt er.

Inwieweit auf der documenta fifteen eine „systematische Verzerrung“ (Deitelhoff), Propaganda und eine bestimmte politische Programmatik herrschten – sowohl bei präsentierter Kunst als auch bei der Auswahl bzw. möglichen Boykottierung israelischer und jüdischer Künstler:innen -, ist auch am Abend im Jüdischen Museum eine Frage. In den Fokus rückt dabei die Findungskommission: jenes achtköpfige, internationale Team, das die künstlerische Leitung einsetzte und dazu das indonesische Kollektiv Ruangrupa auswählte. Hier macht Mirjam Wenzel einen möglichen Startpunkt des Skandals fest: Es sei lange bekannt gewesen, dass einige Personen dieser Findungskommission eine politische Agenda hätten und israelfeindliche Perspektiven verträten. Nicole Deitelhoff kritisiert gegenüber der FR, dass diese Findungskommission während des anschwellenden Konflikts in einer Funktion als „Beirat“ eingesetzt wurde: „Wenn eine Findungskommission berufen wird, um eine künstlerische Leitung einzusetzen, dann kann sie danach nicht beratend bei Konflikten tätig werden, weil sie natürlich diejenigen, die sie ausgewählt hat, nicht mehr kritisch betrachten kann. Das liegt in der Natur der Sache. Die Überforderung der Findungskommission sollte sich nicht wiederholen.“

Die documenta fifteen habe zu einem „Vertrauensbruch“ (Deitelhoff) und einem Wendepunkt geführt, der „exemplarisch für die Veränderung der politischen Kultur in Deutschland“ stehe (Bude). Daran hätten auch die Kunstschaffenden selbst einen großen Anteil gehabt: Als Künstlerin und Künstler müsse man wissen, welche Effekte man mit Kunst erziele, finden Deitelhoff und Bude. Auch Möllers’ Gutachten unterstreicht die Verantwortung der Kunstschaffenden: Sie „bleiben auch im Rahmen der Kunstfreiheit verantwortlich“, heißt es. „Für ihre künstlerische Leistung verantworten sie sich vor der kritischen Öffentlichkeit.“ Genau das hätte Ruangrupa nicht getan, findet Bude: Das Kollektiv habe sich nicht zu den Vorwürfen geäußert. Bude arbeitet derzeit mit dem Leiter der Bildungsstätte Anne Frank, Meron Mendel, ebenfalls an einem Bericht über den Documenta-Eklat. Der könne frühestens im Sommer fertig werden, sagt er der FR.

Für eine genaue Analyse des Documenta-Desasters und Erkenntnisse zu antisemitischen Inhalten ist man jetzt gespannt, wann Deitelhoff und ihre Expertenkommission ihr in Klarsichtfolie gesammeltes Wissen preisgeben. Der Nutzen dieses Berichts könnte über die Diskussion zur Kunstausstellung hinausgehen; er könnte zum Beispiel helfen, antisemitische Narrative in Bildern besser zu erkennen. Denn das fehlende Bewusstsein darüber, betont Mirjam Wenzel, sei „dramatisch“ gewesen.

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