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Luisa Neubauer, Hans-Christian Ströbele und Robert Habeck bei der Jubiläumsfeier 30 Jahre Bündnis 90 und 40 Jahre Die Grünen.

Die Grünen

Gründung vor 40 Jahren: Als die Grünen zum ersten Mal vom Wetter redeten

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Die Grünen verdanken vierzig Jahre nach ihrer Gründung und nach vielen Misserfolgen ihren aktuellen Höhenflug nicht ihren Taten, sondern ihrer Performance.

Die Grünen, heißt es heute oft, seien aus dem Zusammenschluss von Gruppen hervorgegangen, die sich im Lauf der siebziger Jahre nach dem Zerfall der Studentenbewegung gebildet hatten. Das ist nur die halbe Wahrheit. Diese Gruppen in einer „Partei neuen Typs“, eine Formulierung Lenins, wieder zusammenzubringen, hatte Rudi Dutschke schon Mitte der siebziger Jahre versucht. Vergeblich.

Die meisten der Hunderttausende, die 1976 seit zehn Jahren bei der Protestbewegung in der BRD dabei waren, hatten in dieser Zeit ihren Blick auf die Welt dreimal radikal geändert. Zunächst waren aus Wirtschaftswunderkindern Antikapitalisten geworden. Dann kam die Frauenbewegung und mit einem Mal stand nicht mehr das Kapital, sondern das Patriarchat im Zentrum der Kritik. Dann stellte sich mit der ökologischen Bewegung die Frage nach den Möglichkeiten des Überlebens der Menschheit überhaupt.

Ein Zusammenschluss der zersplitterten linken, alternativen Kräfte reichte nicht

Viele kapierten damals, dass es mit einem bloßen Zusammenschluss der zersplitterten linken, alternativen Kräfte nicht getan sein würde. Man brauchte eine neue Marke. Viele linke Gruppen hatten Alternative Listen gegründet, die – wie zum Beispiel in Westberlin – häufig von maoistischen Organisationen infiltriert oder gar gekapert wurden.

Nur wenige sahen, dass das nicht genügte, dass man vielmehr eine völlig neue Politik auf neuer Grundlage mit Leuten machen müsse, die nichts zu tun hatten mit links und alternativ. So kam es zur Zusammenarbeit mit rechtskonservativen bis rechten Ökologen in der 1979 für die Europawahl gegründeten „Sonstigen Politischen Vereinigung“.

Vorsitzende waren der ehemalige CDU-Abgeordnete Herbert Gruhl, dessen Buch „Ein Planet wird geplündert – Die Schreckensbilanz unserer Politik“ 1975 der erste ökologische Bestseller des bundesrepublikanischen Buchmarktes gewesen war, August Haußleiter, ein CSU-Abtrünniger, und Helmut Neddermeyer von der Grünen Liste Umweltschutz Niedersachsen.

Eine nicht zu unterschätzende Rolle, eine gerne übersehene Rolle bei der Entwicklung dieser das linke Spektrum sprengenden Konzeption spielten die Erfahrungen der osteuropäischen Opposition, in der sich linke und bürgerliche Kräfte längst zusammengetan hatten.

Die 3,2 Prozent Wählerstimmen bei der Europawahl 1979 langten zwar nicht für den Einzug ins Parlament, ökonomisch aber war sie ein Erfolg. 4,5 Millionen DM Wahlkampfkostenerstattung waren ein gutes Argument zur Gründung einer Partei. Bei einem Bundeskongress der SPV – Die Grünen im November 1979 in Offenbach, dem Sitz des Sozialistischen Büros, wurde beschlossen, die Sonstige Politische Vereinigung im Januar 1980 in eine Partei umzugründen. Der Antrag auf Nicht-Zulassung einer Doppelmitgliedschaft in SPV – Die Grünen und anderen Organisationen wurde abgelehnt. Zwei Monate später (Wikipedia) hatte die SPV – Die Grünen nicht mehr nur 2800, sondern zwölftausend Mitglieder. Der Magnetismus des Kapitals.

Aus der Sonstigen Politischen Vereinigung wurde die Partei „Die Grünen“

Auf der Bundesversammlung der SPV – Die Grünen am 12. und 13. Januar in Karlsruhe wurde aus der Sonstigen Politischen Vereinigung die Partei „Die Grünen“.

Der erste Satz des Bundesprogramms lautete: „Wir sind die Alternative zu den herkömmlichen Parteien. Hervorgegangen sind wir aus einem Zusammenschluß von grünen, bunten und alternativen Listen und Parteien.“ Dieser Satz zeigt, wer auf dem Gründungsparteitag der Grünen gesiegt hatte. Es war gerade nicht gelungen, sich breiter aufzustellen. Wahrscheinlich hätten die Grünen mit Gruhl, Springmann, Haußleiter nicht überleben können. Manches muss schief laufen, um überhaupt laufen zu können.

März 1983: Die Abgeordneten der Grünen (v. l.) Gert Bastian, Petra Kelly, Otto Schily und Marieluise Beck-Oberdorf auf dem Weg zum Bundesparlament.

Weiter hieß es damals: „Unsere Politik wird von langfristigen Zukunftsaspekten geleitet und orientiert sich an vier Grundsätzen: sie ist ökologisch, sozial, basisdemokratisch und gewaltfrei.“ An allen diesen vier Punkten ist in den vergangenen vier Jahrzehnten heftig gerüttelt worden. Die bisher einzige Bundesregierung, in der die Grünen saßen, war die erste nach 1945, die wieder einen Krieg führte, sie half auch im Rahmen der Hartz IV- Reform, bei der Senkung der bis dahin gültigen Sozialhilfe. Der Begriff Basisdemokratie scheint ganz verschwunden – nicht nur bei den Grünen.

Die Grünen: Neues Programm im Herbst

Wer den schnellen Aufstieg der AfD in den letzten Jahren beobachtet hat, der staunt nicht über den Erfolg, sondern über den hartnäckigen Misserfolg der Grünen. Der hat weniger mit der bösen Umgebung als vielmehr mit ihnen selbst zu tun. Mit dem Plakat „Alle reden von Deutschland – Wir reden vom Wetter“ zogen die Grünen in den Bundestagswahlkampf 1990. Die Wähler quittierten das mit 3,8 Prozent. Die Grünen waren draußen.

Im Westen hatten sie 4,8 Prozent. Zusammen mit Bündnis 90 wären sie wohl auf 5,1 Prozent gekommen. Das war auch ein nicht zu vernachlässigendes Motiv für die dann doch erfolgte Zusammenlegung beider Parteien. Das Plakat wird gerne zitiert für die Auffassung, dass auch wer zu früh kommt, vom Leben bestraft wird.

Ein Blick auf das Plakat widerlegt das. Es scheint aus den Siebzigern zu stammen, Produkt einer Wimmelästhetik, die die Unübersichtlichkeit feierte. Mit der kühlen, distanzierenden Ironie der beiden Kernsätze hat die Optik des Plakats nichts zu tun. Niemals und schon gar nicht in den Neunzigern! Deutlicher konnte man nicht signalisieren: Wir sind von gestern. Und das in einem Jahr, in dem angesichts von heftigsten Stürmen tatsächlich auch viel übers Wetter gesprochen wurde. Blickt man auf den Rand des Plakats, erkennt man nahezu alle damals geläufigen Embleme des links-alternativen Spektrums. Das signalisiert dann auch noch Unentschlossenheit.

Im Herbst wollen die Grünen ein neues Programm vorlegen. Inzwischen weiß jeder Bundesbürger, dass Parteiprogramme nichts zu tun haben mit dem, was die Partei machen wird. Sie sind noch nicht einmal für das Wahlvolk bestimmt. Sie versuchen, den verbalen Kompromiss verschiedener Strömungen in einer Partei zu fixieren. Gültig ist er nur im Augenblick seiner Abstimmung. Sofort danach beginnen die Kämpfe um die richtige Interpretation.

Dafür interessiert sich das Wahlvolk immer weniger. Ich würde gerne behaupten, es achte mehr auf das, was die Politiker tun. Das wäre schön. Zu schön, um wahr zu sein. Ihren derzeitigen Höhenflug verdanken die Grünen nicht ihren Taten, sondern ihrer Performance. Niemand glaubt, dass sie die Welt, oder auch nur die Bundesrepublik, retten werden. Niemand, der auch nur über einen kleinen Restposten seines Verstandes verfügt, erwartet das von irgendjemandem. Heilsbringer haben in der Politik nichts verloren. Es ist schon eine Wohltat, dass die Grünen das eingesehen haben.

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