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Einschussloch an der Germania am 1871 begonnenen Niederwalddenkmal oberhalb der Stadt Rüdesheim am Rhein. Das martialische Monument wurde 2012 saniert.
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Einschussloch an der Germania am 1871 begonnenen Niederwalddenkmal oberhalb der Stadt Rüdesheim am Rhein. Das martialische Monument wurde 2012 saniert.

Gesellschaft

Großmacht zuerst

  • Christian Thomas
    VonChristian Thomas
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Zur Vorgeschichte der Reichsgründung zählen drei Kriege, in denen sich Preußen zu beherrschenden Macht in Mitteleuropa hochpuschte.

Von Paris nach Versailles war es in nicht einmal einem Jahrzehnt eine dreifache Geschichte, angefangen mit der Laufbahn Otto von Bismarcks. Ebenfalls gehörte die Entwicklung Preußens dazu sowie der Werdegang des preußischen Königs, Wilhelms I., zum Deutschen Kaiser. Im Grunde war es jedoch ein vierfaches Geschehen, denn bei allem dabei war der Krieg. Quasi jeder Karriere zur Seite drei Kriege.

Was am Heiligabend 1863 bei Kerzenschein in Paris begann, wurde am 18. Januar 1871 unter gleißenden Umständen im Spiegelsaal von Versailles zu einem vorläufigen Abschluss gebracht: die Ambitionen Preußens als Großmacht. In Paris kam es Weihnachten 1863 zu so etwas wie der Proklamation der Ansprüche, als der damalige Gesandte Preußens in Paris, Otto von Bismarck, „unsre Stellung in Deutschland und Europa“ ansprach, unmissverständlich diejenige Preußens, die nur dadurch zurückerobert werden könne, dass „wir fest auf eignen Füßen stehen und zuerst Großmacht, dann Bundesstaat sind.“

Großmacht zuerst, Preußen first. Es war in den Jahren jedoch nicht so, dass allein Preußen als Kriegstreiber aufgetreten wäre. Aktuelle antipreußische Ressentiments sind nicht dienlich, denn zum historischen Urteil gehört, dass sich die dänische Krone 1863 über internationale Vereinbarungen hinwegsetzte, das Londoner Protokoll, durch das die Zusammengehörigkeit und Selbstständigkeit der Herzogtümer Schleswig und Holstein festgeschrieben wurden. Der dänische Nationalismus war nicht weniger aggressiv als der deutsche. Selbst in Turnhallen, daran erinnert Michael Epkenhans in seinem Buch „Die Reichsgründung“ (C.H. Beck), begannen Freiwillige „für den kommenden Krieg zu üben“. Erbfolgestreitigkeiten zwischen zwei Herrscherhäusern um die Krone machten die Lage umso verwickelter – soweit die historische Perspektive. Eine hochaktuelle: Fanatismus, der sich in Vereinen organisierte, auf Versammlungen und Kundgebungen auftrat und agitierte, drängte auf die Verwirklichung nationaler Identität.

Der Gedanke, dass der Krieg die nationale Ehre herstelle, erwies sich als mitreißend auch auf deutscher Seite – schon während der Revolution von 1848/49. Zum Schutz der Herzogtümer waren in Jütland preußische Truppen eingerückt, um nationalistische Pläne der „Eider“-Dänen im Namen eigener nationalistischer Interessen zurückzuweisen, dies ausdrücklich im Auftrag des Deutschen Bundes und der Paulskirchenversammlung.

Der Krieg von 1864, fünfzehn Jahre später, war dann ein Aufgalopp zur Reichsgründung, und da Krieg dem Zeitgeist legitim schien, war er eine Ehre, für die man sich gegenseitig umbrachte. Dass sich Bismarck gleichzeitig durch seine Polenpolitik profilieren konnte, seine antipolnischen Winkelzüge, indem er Russland bei der Niederschlagung des polnischen Aufstands beisprang, schürte die antipreußische Haltung, in Polen, in Dänemark, in Europa.

So sehr Krieg eine Option war, zumal aus nationaler Empörung heraus, war es nicht Bismarck, der sich von der öffentlichen Meinung beherrschen lassen wollte – ihm widerstrebte „mit dem populären Winde in die Kriegstrompete zu stoßen“. Um einen Krieg zu führen, reichten fadenscheinige Motive nicht aus, es brauchte vielmehr einen Grund, „der auch nach dem Krieg noch stichhaltig ist“. Eine grundsätzliche Absage an den Krieg war das jedoch nicht. Vertrug sich doch das damalige „Machtstaatsprinzip“, von dem der Historiker Eckart Conze („Schatten des Kaiserreichs“, dtv) spricht, nicht mit einer Politik des Friedens, des Verharrens. „Macht, Machtinteressen und Machtsteigerung wurden zum Ideologie-Ersatz, und Machtpolitik, preußische Machtpolitik“ war nicht dazu angetan, den Status Quo anzuerkennen. Macht war die Ideologie, mit der sich Veränderung legitimieren ließ, und das legitime Mittel zur Veränderung war - nach einer solchen Logik - Krieg.

Mit dem Primat der Machtpolitik anstelle einer Politik der Prinzipien setzte sich eine „bindungsfreie einzelstaatlich fixierte Politik durch, so Conze, eine Politik „nationaler Interessen anstelle einer multilateralen europäischen Politik“. Theodor Fontane, als Kriegsberichterstatter nah dran an Preußens waffengestütztem Werdegang, war bewusst, dass der „Frieden von 1864 den Krieg von 1866 (gebar)“, denn in den Bedingungen, die Dänemark diktiert wurden, zeigte sich, wie sehr sich die Alliierten Österreich und Preußen längst misstrauten.

Für die Militärs in Preußen war es eingestandenermaßen ein „Experimentalfeldzug gegen einen nicht ebenbürtigen Feind“. Der Historiker Christoph Jahr macht in seinem Buch „Blut und Eisen“ (C.H. Beck) darauf ebenso aufmerksam wie auf die Umstände, warum der deutsch-dänische Krieg, wie schon der Krimkrieg oder, jenseits des Atlantiks, der amerikanische Bürgerkrieg, einer der ersten industriell geführten Kriege war. Die entsetzlichen Folgen haben Zeitgenossen beschrieben, denn neben dem militärischen Chronisten schauten erstmals Zeitungsberichterstatter hin aus nächster Nähe. Nicht zuletzt die Fotografie gab eine Vorstellung vom Kriegsgeschehen – wie Jahr zu erzählen weiß. Und er weiß zu erzählen, macht es spannend, gelegentlich wird’s auch salopp, etwa im Stil der Zeit („setzten beherzt nach“).

Wichtig, dass Jahr eine andere Wortwahl moniert, war doch der „deutsch-dänische Krieg“ eben keiner, der von deutscher Seite geführt wurde. Trügerische Erbschaft, denn es war keiner im Namen des Deutschen Bundes, im Gegenteil, sondern ein Krieg, den Österreich und Preußen führten gegen Dänemark.

Ein „Experimentalkrieg“ also, der seine Fortsetzung fand, wie es in der Vergangenheit häufig hieß, passivisch hieß – als wäre der Krieg zwischen Preußen und Österreich nicht bewusst herbeigeführt worden, als Einmarsch Preußens in das von Österreich verwaltete Holstein. Preußens Kronrat wollte diesen Krieg gegen Österreich, sah er doch Preußen als „die einzige lebensfähige Schöpfung, die aus den Ruinen des alten deutschen Reiches hervorgegangen sei, und darauf beruhe sein Beruf, an die Spitze Deutschlands zu treten“.

1871 - eine FR-Serie

Die Reichsgründung 1871 wurde vor 150 Jahren als große historische Leistung gefeiert. Bald schon war sie jedoch umstritten, insbesondere unter Historikern, die in der Beurteilung geschichtspolitischen Furor entwickelten. Nach 1945 galten die Umstände der Reichsgründung als eine der Ursachen für die politischen Katastrophen im Europa des 20. Jahrhunderts.

In einer Serie befragt die FR die Ereignisse, die durch die Kaiserproklamation am 18. Januar in Versailles, ein grelles Zeremoniell, im Gedächtnis geblieben sind. In den einzelnen Beiträgen geht es um ein politisches, soziales und nicht zuletzt mentales Erbe, das noch lange fortgewirkt hat. Zum Auftakt erschien am 31. 12. 2020 ein Beitrag über die Verfassung des Deutschen Kaiserreichs.

Ein Gespräch mit dem Historiker Christoph Nonn wurde am 4. 1. 2021 veröffentlicht. Im Anschluss an den heutigen Text folgen ein Bismarck-Porträt sowie Essays über die Reaktionen im Ausland auf die Reichsgründung, über die Arbeiterbewegung, die Frauenbewegung und den Antisemitismus.

Eine Anmaßung, ein Affront. Die politischen Frontlinien, allein zwischen Preußen und den Südstaaten im Deutschen Bund, waren kompliziert. Der Furor des preußischen Patriotismus im Unterschied zu den auseinanderdriftenden Interessen im Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn entwickelte seine Dynamik. Doch diese Aspekte hier ebenso beiseite wie die Selbstaufgabe der deutschen Liberalen, die den Vorrang der Freiheit für einen nationalen Staat fahren ließen. Ohne auch die gegen Österreich durchgesetzte „kleindeutsche Lösung“ unter der Vorherrschaft Preußens zu erörtern: mit dem Triumph Preußens bei der für Österreich vernichtenden Niederlage von Königgrätz am 3. Juli 1866, wurden nicht zuletzt die demokratischen Ideale von 1848 begraben. Bestattet? Verscharrt!

Furchterregend auch das Erbe von Königgrätz. Darunter die Erzählungen über Finessen der Kriegstechnologie (Zündnadelgewehr) und Taktiken (preußische Aufmarschstrategien). Oder die Verklärung von Heroismus und Opfertod im Namen des Vaterlands, nicht gegen einen verhassten Feind, sondern in einem „Bruderkrieg“. Blutige Bilanz, böses Blut durch eine aufgeputschte Gedächtniskultur.

Unter dem unmittelbaren Eindruck wurde Königgrätz allerdings auch in Paris nationalistisch aufgeladen und als eigene Niederlage und Schmach stilisiert. „Rache für Sadowa“ (tschechisch für Königgrätz) wurde zur chauvinistischen Parole. Napoleon III., innenpolitisch in der Defensive, auch wegen des Desasters seiner abenteuerlichen Mexiko-Politik, scheiterte ebenfalls mit seinen Ambitionen in Luxemburg, Belgien, am Rhein – ein Debakel folgte dem nächsten. Das nationale Prestige dominierte jedes Interesse, auch wirtschaftliches Kalkül.

Tatsächlich hatten sich Preußen und Frankreich 1862 auf einen Deal verständigt. Mit dem bilateralen Wirtschaftspakt setzte sich Preußen über innerdeutsche Interessen hinweg. Die Freihandelspolitik der Westmächte aufgreifend, stellte es sich gegen die mitteleuropäische Zollvereinspolitik. Es mag mantramäßig, radikal oder doktrinär heißen, das Motiv für einen Krieg seien zuallererst und in letzter Instanz wirtschaftliche Interessen. Für die Konfrontation zwischen Preußen und Frankreich trifft nicht zu, warum der 1862 geschlossene Handelsvertrag Makulatur wurde. Wenn Österreich sich schließlich gezwungen sah, den französisch-preußischen Pakt 1865 per Vertrag anzunehmen, dann zum eigenen Schaden, zum Nutzen einer französisch-preußischen Koalition. Die politökonomische Bilanz war die, dass die zollgeeinte Staatenverbindung von Antwerpen bis an die Adria zerstört war.

Die Motive für diesen Krieg basierten nicht auf ökonomischem Kalkül. Die Umstände waren noch weit trivialer, ging es doch um eine Personalangelegenheit, die Besetzung des spanischen Throns durch einen Hohenzollern aus Luxemburger Linie, durch die sich der französische Kaiser brüskiert und bedroht fühlte. Damit trat eine Eskalation ein, die Anfang 1870 noch nicht absehbar war – überhaupt sah es im „Frühjahr 1870 keineswegs so aus, als ob ein Krieg unvermeidlich sei“, wie Michael Epkenhans analysiert. Schlitterten die Gegner hinein? Auch wenn Krieg eine permanent präsente Option war, nichts anderes als politisches Kalkül, so war sich gerade Bismarck darüber bewusst, einer solchen „Eventualität die Spitze bieten zu können“.

Man kommt an Bismarck nicht vorbei, denn er ist der beherrschende Akteur. Wer glaubt, ihn als Junker schneidig aufgewertet oder abgewertet zu haben, hat ihn nicht erfasst. Obwohl Bismarck sich über die „Unberechenbarkeit der europäischen Zustände“ (Epkenhans) im Klaren war, brach der Krieg rascher aus als erwartet. Zu den diplomatischen Manövern und Tricks wird die berühmte „Emser Depesche“ gezählt, ein Antwortschreiben an den französischen Monarchen. Es bleibt jedoch festzuhalten, dass der so eitle wie selbstbewusste preußische Monarch bereit war, die Kandidatur auf dem spanischen Thron zurückzunehmen. Frankreich jedoch erwartete eine Absage der Hohenzollern „auf ihre Candidatur für alle Zukunft“ – eine verstiegene Brüskierung der Dynastie. Bismarck wiederum manipulierte (kürzte) die Depesche so, dass sie in Paris als Provokation gelesen werden musste.

Die Depesche ist zum eigentlichen Initialgrund stilisiert worden – zu Unrecht, denn die Mobilmachung war in Paris bereits beschlossen, als das Schreiben bekannt wurde. Das französische Kabinett hatte, und das macht die Sache umso unheimlicher, längst dem Drängen des Kriegsministers nachgegeben ebenso wie den Absichten der chauvinistischen Rechten und – nicht zuletzt – dem Druck der Straße.

Umso bemerkenswerter ein Urteil aus erster Hand: „Von nationaler Gereiztheit keine Spur, wiewohl sie alle, ohne Ausnahme, voll lebhaften patriotischen Gefühls waren“. Ein Schlaglicht, sicherlich, notiert von Theodor Fontane in seinem Buch „Kriegsgefangen“, seinen Aufzeichnungen über seine zweimonatige Inhaftierung in Frankreich, wo dem Kriegsberichterstatter, verdächtigt als Spion, die standrechtliche Erschießung drohte.

Nationale Gereiztheit, gar Kriegsbegeisterung: ein heikles Thema. Wie heikel, erweist sich auch jetzt wieder, wenn Eckart Conze betont, „dass keineswegs eine Welle der Kriegsbegeisterung ganz Deutschland erfasste“, um einige Seiten später festzuhalten, wie sehr „nationale Emotionen und nationaler Hass in Frankreich wie in Deutschland“ zur „Mobilisierung der Gesellschaften“ beitrugen. An der Bearbeitung der nationalen Aufwallungen maßgeblich beteiligt das akademische Deutschland.

Für eine Mentalitätsgeschichte der Reichsgründung, ihrer Umstände und Entwicklung ist aufschlussreich, dass (nicht erst) Conze treffend von einer „kriegsgeborenen deutschen Einheit“ sprich – mit allen Konsequenzen. Dazu zählte die Entscheidung, nicht etwa die Kaiserproklamation von Versailles, am 18. Januar, zum Nationalfeiertag zu küren. War dem Kaiser nicht recht. So kam der patriotisch aufgeladene Gedanke auf, den Tag der Schlacht von Sedan, den 2. September, das Datum des Sieges über die Franzosen, zu einem solchen Feiertag zu machen - keinem offiziellen, einem „quasioffiziellen Gedenktag“ (Jahr).

Protestantische Geistliche traten energisch dafür ein, patriotische Vereine, die öffentliche Meinung, die Straße. Auch das eine monströse Hypothek, nach außen wie nach innen. Ein Affront für die zum „Erbfeind“ erklärten Franzosen, verheerend für die politische Kultur des Reichs. Bemerkenswert, dass Deutschland von 1871 bis 1914 von Kriegen in Europa absah, trotz seiner permanenten Vergegenwärtigung, verkörpert durch einen martialischen Kult. Tausende Kriegerdenkmale, die im Reich aus dem Boden wuchsen. Man liegt nicht falsch, wenn man sagt: schossen.

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