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Der Prophet als Engel: Moroni-Statue auf der Turmspitze des Mormonentempels in Rom.
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Der Prophet als Engel: Moroni-Statue auf der Turmspitze des Mormonentempels in Rom.

Religion

Gott ist die Antwort, wenn man keine hat

  • Arno Widmann
    vonArno Widmann
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Empfindungen, die älter sind als der Homo sapiens, und die den Menschen überleben könnten: Ein Gespräch über Religion.

Die beiden kennen einander seit Jahrzehnten. Früher spielten sie Tennis. Jetzt gehen sie manchmal spazieren. A. mag das nicht. Als er jung war, hasste er es. Erst heute, mit deutlich mehr als siebzig Jahren, lässt sein Widerstand nach und er geht mit dem Freund, den er niemals als solchen betrachtet hat, durch kleine Berliner Parks, zu denen er sich von einem Taxi fahren lässt. Noch nie waren sie in dem in der Nähe seiner Wohnung gelegenen Tiergarten. „Er ist mir zu groß“, sagt A., „was mache ich, wenn ich mal mittendrin aufhören möchte?“ Heute sind sie im Rudolph Wilde Park. C. kommt mit der U-Bahn. A. wartet am Ententeich. C. erinnert A. daran, dass es hier vor 15 Jahren eine Bürgerinitiative gab, die sich „Rettet die Trauerweiden“ nannte. Offenbar hatte sie Erfolg, denn hier stehen ein paar.

Die beiden spotten. Nicht über die Aktion. Mit der sympathisieren sie. Aber der Zusammenklang von Trauerweide und Bürgerinitiative lässt C. grinsen, während A. in lautes Gelächter ausbricht.Von der Trauer kommen sie schnell auf Tod und Leben. Bald sind sie bei Gott gelandet. Keiner von ihnen ist gläubig. C. macht sich gerne lustig über A.s immerwährendes Interesse an theologischen Auseinandersetzungen.

A: Du hältst die Religion für einen modernden Leichnam, für einen Überrest aus den Tagen, da die Menschheit noch an den Nikolaus glaubte. Aber du täuschst dich. Religion wuchert heute überall. Alte Religionen werden zum Leben erweckt, neue erfunden.

C: Das liegt an den Steuergesetzen. Religionsgemeinschaften werden fast überall von den Finanzämtern verhätschelt.

A: Richtig! Aber es fehlt nicht an Leuten, die mit diesem Geschäftsmodell auch scheitern. Um langfristig Erfolg zu haben, genügt das nicht. Du brauchst auch eine Botschaft.

C: Wie fast jedes andere Produkt auch. Die Short Story überlebt im „New Yorker“ und in der Reklame.

A: Religionen werden in Büchern geboren, die behaupten, sie würden sie nur verbreiten. Das Buch Mormon zum Beispiel ist die Bibel der Mormonen. Auf dem Umschlag steht „Das Buch Mormon, ein Bericht den Mormon auf Platten schrieb, die er den Platten Nephis entnahm, übersetzt von Joseph Smith.“ Das Buch erschien 1830. Es erzählt vom Propheten Nephi, der im 6. vorchristlichen Jahrhundert aus Jerusalem – natürlich mit Gottes Hilfe – nach Amerika floh, sich dort wunderbar vermehrte und genauestens Buch führte. Um 400 nach Christi Geburt sammelte der Prophet Mormon diese Überlieferungen, sein Sohn Moroni stellte alles noch einmal neu zusammen, aktualisierte es und transkribierte alles in „reformiertes Ägyptisch“. Moroni erschien 1823 Joseph Smith als Engel und erzählte ihm von den Platten. 1827 durfte Smith sie aus ihrer Höhle nehmen und sie ins Englische übersetzen. Zwei Zaubersteine halfen ihm dabei. Die Platten nahm Moroni wieder an sich. Alles, was wir haben, ist also das Buch Mormon von Joseph Smith. Der wäre, ginge es gerecht und vernünftig zu auf der Welt, heute nicht Religionsgründer, sondern Autor eines der Bestseller der Fantastischen Romantik des frühen 19. Jahrhunderts.“

C: Eine schöne Geschichte.

A: Das ist sie wirklich! Vor allem ist sie fantastisch: Ein Roman, der Wirklichkeit wurde. Ein Roman, von dem bis 2011 ungefähr 150 Millionen Exemplare verkauft wurden. Von einem Autor, der eine Religion gründete, um mit Dutzenden Frauen verheiratet sein zu können.

C: Das ist doch mal schön. Sonst predigen Religionen die Askese.

A: Orgiastische Religionen gab es immer. Schon vor den Dionysos-Kulten und auch nach Bhagwan. Wenn die Religion es nicht war, bildeten sich in ihr orgiastische Sekten. So wie es bei den Mormonen eine Sekte gibt, die die Monogamie praktiziert. Wenn Hü die Parole ist, gibt es immer auch welche, die Hott sagen und umgekehrt.

C: Ich weiß von keiner Liste, die die Gründe aufzählt, warum Religionen gegründet wurden. Sie würde wohl sehr lang werden. Womöglich hat die Menschheit nie einen Wunsch gehabt, aus dem sie nicht eine Religion gemacht hätte.

A: Im Großen Katechismus von 1529 erläutert Luther das erste Gebot – „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir“ – , das monotheistische Grundaxiom, mit dem von der Orthodoxie immer wieder gerne erinnerten Satz: „Worauf du nun dein Herz hängst und verlässest, das ist eigentlich dein Gott.“ Das ist eine völlig richtige Einsicht. Gerade darum läuft Luther Sturm gegen sie. Wir sollen eben gerade nicht alles, an das wir unser Herz hängen, zu Gott machen, sondern einzig an Gott unser Herz hängen.

C: Eine menschenverachtende Forderung. Es sei denn Gott ist selbst ein Geschöpf des Menschen.

A: Dann werden nicht alle Menschen verachtet, aber doch all die, die diesem einen Gott nicht folgen.

C: Womit wir beim Polytheismus wären. Seit der Postmoderne und ihrer Wiederbelebung des „anything goes“ wurde für ihn einzutreten wieder Mode. Götter, die einander tolerieren, als Vorbilder für Menschen, die aufhören, einander an die Gurgel zu gehen.

A: Wilhelm Schmidt sah das ganz anders. Der katholische Priester und vergleichende Ethnologe sah überall auf der Welt eine Uroffenbarung an der Arbeit – lange vor Abraham, unendlich viel älter als die biblische Geschichte. Die Evolution der Religionsgeschichte ist die Entdeckung immer neuer Wirkungsräume dieses einen Gottes. Er breitet sich aus in der Welt und in immer neuen Seelenbezirken. Wie eine Firma, die durch Diversifikation expandiert. Das ist natürlich nicht Schmidts Vergleich, aber er drängt sich doch auf. Zwölf dicke Bände schrieb der Pater zwischen 1912 und 1955 über den „Ursprung der Gottesidee“.

C: Es war also nicht die Furcht, die den Menschen Gott erkennen oder erschaffen ließ, sondern Gott hat sich ihnen gezeigt, sich ihnen offenbart.

A: Der junge Gandhi hatte Angst vor Geistern und Gespenstern. Seine Kindfrau brachte ihm bei, Rama bei seinem Namen zu rufen und er verlor diese Angst.

C: Eine Art Rosenkranz!

A: Im 1. Jahrhundert v. Chr. schrieb Lukrez sein Lehrgedicht „Über die Natur der Dinge“. Er schrieb es, um den Menschen die Angst vor dem Tod und der Welt zu nehmen. Das Projekt misslang gründlich. Um vieles erfolgreicher waren die, die schrieben, um Ängste zu schüren. Die drohende Katastrophe oder auch nur die Drohung mit der Katastrophe ist einer der wirkungsmächtigsten Magneten, der Menschen zusammenbringt.

C: Gleich nach der Gewohnheit. Umberto Eco schrieb vom immerwährenden Gegensatz von „Apokalyptikern und Integrierten“. Religiöse gibt es wie Irreligiöse in beiden Lagern. Aber es gibt auch die Neigungen, aus dem Liebäugeln mit der Katastrophe wie aus ihrer blindwütigen Leugnung einen Gott zu machen.

A: Und es gibt die feste Entschlossenheit, keinen Gott anzuerkennen, nicht einmal nach einem zu suchen – selbst angesichts all der Unbegreiflichkeiten dieser Welt. Heraklit soll um 500 v. u. Z. in Ephesos – die Stadt lag damals an der Mittelmeerküste, heute liegt sie drei, vier Kilometer im Landesinneren – über das Universum gesagt haben: „Es war immer da. Es wurde nicht erschaffen, nicht von Menschen, nicht von Göttern.“ Die Frage nach dem „Warum“ ist nicht beliebig expandierbar. Für jedes Einzelne gibt es eine Antwort auf sie, aber für das Ganze?

C: Es gibt kein Ganzes, das sich nicht zusammensetzte. Du glaubst doch nicht im Ernst daran, dass es einen Urknall aus Nichts gab? Das ist doch eine sehr religiöse Idee.

A: Wir sind zwei ahnungslose alte Männer, die sich im Namen der Wissenschaft gegen alle Wissenschaftler schrecklich einig sind. Eine lächerliche Position.

C: Aber wir können nicht anders.

A: Der Heilige Augustin schrieb irgendwo: „Ein Christ mag nichts wissen über die Zahl der Elemente, über Bewegung, Ordnung und Verfinsterung der Gestirne, über die Gestalt des Himmels, über die Arten und die Natur der Tiere, der Sträucher, der Steine, der Quellen, der Flüsse, der Berge, über Raum- und Zeitmessungen. Das macht nichts, ihm genügt es, wenn er glaubt, dass die Ursache aller geschaffenen Dinge nur die Güte des Schöpfers sein kann.“ Die eigentliche Pointe dieser Äußerung ist natürlich, dass es nicht aufs Wissen, sondern auf den Glauben ankommt.

C: Willst du zeigen, dass du Augustin gelesen hast oder warum führst du ihn an?

A: Der Heilige einer anderen Religion erklärte Jahrhunderte später: „Daher stellt sich die Menschheit immer nur Aufgaben, die sie lösen kann, denn genauer betrachtet wird sich stets finden, dass die Aufgabe selbst nur entspringt, wo die materiellen Bedingungen ihrer Lösung schon vorhanden oder wenigstens im Prozess ihres Werdens begriffen sind.“

C: Karl Marx im Jahre 1859. Den Text haben wir doch vor mehr als fünfzig Jahren in einem Lesezirkel zusammen studiert. Ein ziemlicher Blödsinn. Das kam uns damals aber sehr plausibel vor. Verstehe, du meinst das Augustin-Zitat zeige, dass Marx irrte.

A: Aber natürlich. Nahezu alle von Augustin angeführten physikalischen Fragen sind in der Zwischenzeit beantwortet und durch andere ersetzt worden. Augustins angeblich so hilfreicher Generalschlüssel – Gott – hat dabei aber keine Rolle gespielt. Gott ist die Antwort, wenn man keine hat. Wann immer die Menschheit sich Fragen stellte, auf die sie keine Antwort hatte, stand Gott als Joker zur Verfügung. Die Kunst der Wissenschaft besteht darin, die richtigen und das heißt – leider – die auf dem gegenwärtigen Stand beantwortbaren Fragen zu stellen.

C: Wie gut, dass wir keine Wissenschaftler sind. Wir dürfen danach fragen, was vor dem Urknall war ohne Antworten parat zu haben.

A: Und ohne Gott aus dem Ärmel ziehen zu müssen.

C: Jetzt sind wir doch wieder bei Gott, statt bei der Religion. Es gibt doch zuhauf Religionen ohne Gott. Am Einleuchtendsten erscheinen mir noch immer die Passagen in Schleiermachers „Über die Religion – Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern“ von 1799, in denen er die Religion bestimmt als die Empfindung oder wie er auch sagt, „das unmittelbare Bewusstsein“ von dem allgemeinen Sein alles Endlichen im Unendlichen und durch das Unendliche. Dass, was wir wissen, nicht alles ist, und dass wir niemals alles wissen werden, das scheint mir das Wesen der Religion.

A: Und Furcht und Zittern? Wer zerstört ganze Völkerscharen, weil er ein eifersüchtiger Gott ist? Was ist mit all den Galaxien, die schon verschlungen wurden von Schwarzen Löchern? Stellt sich auch da dein ozeanisches Gefühl vom Eingebettetsein ins Unendliche ein? Schleiermacher predigt eine durch Aufklärung und Empfindsamkeit weichgespülte Religion. Ein Franz Alt um 1800.

C: Jetzt wirst du garstig.

A: Zur Religion gehört der Kniefall vor den Himmelsmächten und ihren irdischen Vertretern. Auf der von dir eingeforderten Liste der Beweggründe für die „Gotteserfindung“‘ wird die Proskynese eine zentrale Rolle spielen. Sie wird öfter als uns lieb ist, von beiden Seiten gewollt: manche wollen die anderen unter ihren Willen zwingen, aber, das ist mein Eindruck, viel mehr noch möchten, dass sie gezwungen werden. Vielleicht ist das sogar der Kern der Religion.

C: Diese Unterwerfung erscheint nur zu oft als Befreiungsbewegung. Reformations- und Revolutionsabläufe zeigen uns das in erschreckender Deutlichkeit.

A: Ich glaube nicht, dass es irgendwann einmal keine Religion mehr geben wird. Ich glaube nicht einmal, dass es sie nicht mehr gibt, wenn es keine Menschen mehr geben sollte. Schon darum, weil ich ganz sicher bin, dass Furcht und Zittern, dass aber auch das von dir so geschätzte ozeanische Gefühl, der Gedanke aber auch an den Tod, der Schmerz über den Verlust, dass Empathie und Wut Empfindungen sind, die weit zurückreichen hinter Homo sapiens. Lange war man der Auffassung der Mensch unterscheide sich vom Tier, weil er über Sprache verfüge, Werkzeuge verwende oder sich einen Plan mache. Das ist alles widerlegt. Bald werden wir auch kapieren, dass es keinen Grund gibt, Lebewesen, die über die dafür erforderlichen Empfindungen verfügen, die Religiosität abzusprechen. Es wird ihre Religiosität sein, so wie es ihre Sprachen sind. Und die einzige Frage, die sich dann wirklich stellt, ist die, ob wir klug genug sein werden, um zu begreifen, wie klug sie sind.

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