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Mit diesem Foto wurde das Boot möglichen Käufern im Deutschen Reich angeboten.
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Mit diesem Foto wurde das Boot möglichen Käufern im Deutschen Reich angeboten.

Koloniale Raubkunst

Götz Alys „Das Prachtboot“: Mörder und Sammler

  • Arno Widmann
    VonArno Widmann
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Das Berliner Humboldt-Forum wird künftig auch das grandiose Luf-Boot zeigen. Götz Aly erklärt die grauenhaften Leerstellen.

Seit gestern hat in Berlin das Humboldt-Forum für das Publikum geöffnet. Zu den größten Attraktionen wird ohne Zweifel ein fast 16 Meter langes Auslegerboot von der Insel Luf gehören, das von September an zu sehen sein soll. Die fünf Kilometer lange und zwei Kilometer breite Insel Luf liegt im Bismarck-Archipel und gehört zu Papua-Neuguinea, das 1975 unabhängig wurde von Australien.

Das wichtigste Buch zur Eröffnung des Humboldt-Forums ist Götz Alys Untersuchung „Das Prachtboot – Wie Deutsche die Kunstschätze der Südsee raubten“. Im Zentrum steht die Geschichte des Bootes und die seiner Verbringung nach Berlin 1904. Götz Aly zeigt, was es gibt und was es nicht gibt. Es gibt zum Beispiel einen Brief des damaligen Kurators der afrikanischen und ozeanischen Abteilung des Berliner Völkerkundemuseums Felix Ritter von Luschan (1854–1924) an Eduard Hernsheim: „Das uns durch ihre gütige Vermittlung angebotene Hermit-Boot würden wir zu dem Preis von 6000 Mark loco Berlin erwerben können, wenn es gesund und heil hier anlangt und wieder regelrecht aufgefaltet werden kann.“ Nicht überliefert ist, wie das Boot in den Besitz von Hernsheim & Co. kam. Nicht überliefert ist, dass Luschan sich dafür interessierte, ob beim Erwerb des Bootes alles rechtens zugegangen war.

Dass man keine Unterlagen über den Übergang des Boots-Besitzes von den Luf-Bewohnern zu Maximilian Thiel, dem Geschäftsführer von Hernsheim & Co hat, verwundert, das macht Aly klar.

Die Berliner Sammlungen verfügen über 65 000 Südseeobjekte. Die meisten von ihnen wurden in der Zeit erworben, als Teile von Papua-Neuguinea zum deutschen Kolonialreich gehörten. Bisher hat die Stiftung Preußischer Kulturbesitz nicht ein Dokument gezeigt, aus dem hervorgeht, dass auch nur ein einziges davon von seinen Eigentümern „verkauft“ wurde. Dafür gibt es Rundschreiben, in denen die Kapitäne der mit „Strafexpeditionen“ beauftragten Kanonenboote instruiert wurden, Buch zu führen über die gewonnene Beute. Buch führen hieß: die Herkunftsorte, die Verwendungszwecke der mitgenommenen Gegenstände möglichst genau notieren.

Die Ethnologie war eine „embedded science“. Sie entstand mit und sie lebte vom Kolonialismus. Das heißt nicht – auch darauf weist Aly hin –, dass jeder Beteiligte ein glühender Befürworter des Kolonialismus war. Es heißt aber, dass es diese Wissenschaft ohne ihn nicht gegeben hätte.

Die Kolonialherren wussten sehr genau, was sie taten. Darum hatten die Wissenschaftler es eilig. Die damals so genannten „Naturvölker“ würden den Zusammenstoß mit der „Zivilisation“ nicht überleben. Desto wertvoller wurden die Artefakte der sogenannten „Herkunftsgesellschaften“. Es war ein Wettlauf, einer neben dem großen um einen Platz an der Sonne. Die Ethnologen waren die Aasgeier, die sich auf die niedergemetzelten Kulturen setzten und sich herausholten, was für sie interessant war. Nein, das schreibt Aly nicht. Das schreibe ich, der ich vor fünfzig Jahren in Frankfurt Ethnologie am Frobenius-Institut studierte.

Das Buch:

Götz Aly: Das Prachtboot. Wie Deutsche die Kunstschätze der Südsee raubten. S.Fischer, Frankfurt 2021. 235 S., 21 Euro.

Warum erst Götz Aly?

Wir sprachen damals viel darüber, wie bequem unser Fach eingebettet war in den Kolonialismus. Der deutsche war damals schon ein halbes Jahrhundert vorbei, aber der französische und der englische waren gerade erst dabei zu verblühen.

Es ist unfassbar, dass keiner der Tausenden, die wie ich einmal dieses Fach studierten, ein Buch geschrieben hat, wie Götz Aly es mit seinem „Prachtboot“ vorlegt. Ein wenig fassbar wird es, wenn man die Entgegnung auf Alys Buch liest, die die Göttinger emeritierte Professorin für Ethnologie, Brigitta Hauser-Schäublin, in der aktuellen „Zeit“ vorlegt. Aly, der die Lücken in der Provenienz darlegt, versucht sich ein Bild zu machen, indem er andere Aktionen der Kolonialmacht, der Händler und Missionare – einer seiner Vorfahren war auch dort – sich vor Augen führt. Die Göttinger Ethnologin dagegen erklärt, da man nichts Genaues wisse, laufe alles doch auf Indizien hinaus. Diese sprächen dafür, dass die Einheimischen Maximilian Thiel das Boot ganz offiziell überlassen hätten. Es war das Boot, das für den Vorsteher eines Männerhauses gebaut worden war. Der sei aber vor Fertigstellung desselben gestorben. Es sei durchaus üblich gewesen, ein solches Boot der Natur zurückzugeben und verrotten zu lassen. „Ein Verkauf und Abtransport in ferne Gebiete war für die Leute eine akzeptable Alternative.“ Das ist sehr einleuchtend für eine Ich-AG, aber doch nicht für jemanden, der davon weiß, wie viel vom richtigen Ritual abhängt. Frau Professor stochert im von ihr selbst in die Luft geblasenen Nebel.

Niemand kann Genaues sagen über das, was vorgegangen ist. Aber die Bootsbauer vergaßen bei ihrer Entscheidung – wenn sie überhaupt eine treffen durften – sicher nicht, dass außer ihnen kaum noch jemand lebte aus ihrer Gesellschaft, die zu einer „Herkunftsgesellschaft“ geworden war.

Die Wahrheitsfindung ist eine vertrackte Angelegenheit. Die Ethnologie hat wesentlich mit dazu beigetragen, die Neugierde auf fremde Lebensentwürfe zu schüren, sie hat uns gezeigt, dass Gesellschaft nicht christlich-abendländisch organisiert sein muss, dass die unterschiedlichsten Formen des Zusammenlebens möglich sind. Erst sie hat uns die Vielfalt unserer Spezies erschlossen. Gleichzeitig aber war sie nicht nur eingebunden in das Konzept Kolonialismus, sondern nur zu oft auch ein Sprachrohr für Menschenverachtung und Rassenwahn.

Das Boot aus Luf ist ein Dokument ingeniöser Bootsbaukunst. Es ist Zeugnis eines seefahrenden Volkes, einer den Pazifik durchquerenden Meereskultur, einer uns Binnenländlern fremden Lebensform. Es ist eine Einladung an uns, herauszukommen aus unserer Haut. Das Boot aus Luf steht aber auch dafür, wie einem Volk die Haut abgezogen wurde. Von unseren Vorfahren. Es sagt auch, dass keiner mehr lebt von der Gesellschaft, deren Produkt es war. Wir haben sie umgebracht.

Wenn das Humboldt-Forum es nicht schafft, beides zu zeigen, dann fördert es nicht unser Wissen über die Welt, sondern verdummt uns. Die Auseinandersetzung um die Provenienz der einzelnen Stücke ist wichtig, und die Offenlegung der Akten wäre dabei ein unerlässlicher erster Schritt, aber mindestens ebenso wichtig ist ein Bewusstsein dafür zu schaffen, in welchen Zusammenhängen Erwerb und Wissenserwerb, Ausrottung und Rettung stehen. Wir werden die Welt, in der wir leben, nicht begreifen, wenn wir uns weigern, die mörderischen Ambivalenzen zu erkennen, aus denen sie hervorging.

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