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Goethe-Präsidentin Carola Lentz: „Es ist wichtig, dass die Goethe-Institute in Russland geöffnet bleiben“

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Von: Harry Nutt

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„Data CTRL Center“: Goethe-Projekt und Aussstellung in Kiew zum Thema digitale Spuren und Sicherheit der persönlichen Daten. Foto: Nataliia Diachenko
„Data CTRL Center“: Goethe-Projekt und Aussstellung in Kiew zum Thema digitale Spuren und Sicherheit der persönlichen Daten. Foto: Nataliia Diachenko © Nataliia Diachenko

Goethe-Präsidentin Carola Lentz erzählt, was die Etatkürzungen anrichten, und warnt hinsichtlich der Documenta vor einer Polarisierung der Debatten.

Die Ethnologin Carola Lentz trat im November 2020 die Nachfolge von Klaus-Dieter Lehmann als Präsidentin des Goethe-Instituts an. Als Chefin der Mittlerorganisation hatte sie zuletzt nicht nur mit den Auswirkungen der Corona-Pandemie zu kämpfen, sondern auch mit den Folgen des Kriegs in der Ukraine. Wie verhält man sich im Umgang mit Partnern, die plötzlich zu einer aggressiven Kriegspartei werden? Wir sprachen mit Carola Lentz über die Herausforderungen des Goethe-Instituts in Krisenzeiten.

Frau Lentz, seit fünf Monaten tobt in der Ukraine ein unerbittlicher Angriffskrieg, der das Goethe-Institut, das in Russland und der Ukraine gleichermaßen aktiv ist, unmittelbar betrifft. Wie geht es Ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern?

Seit Kriegsausbruch stand und steht der Schutz der Mitarbeiter:innen und Partner:innen in der Ukraine an oberster Stelle. Bereits vor den Angriffen sind alle aus Deutschland entsandten Kolleginnen und Kollegen auf Anweisung des Auswärtigen Amts ausgereist. Den Kräften vor Ort haben wir die Möglichkeit des mobilen Arbeitens gegeben und die Entscheidung, das Land zu verlassen, freigestellt. Bislang sind alle körperlich unversehrt, leider haben jedoch einige ihre Wohnungen und Häuser verloren, und natürlich ist das eine sehr hohe Belastung für alle. Wir stehen in ununterbrochenem Kontakt, und ich kann mit großer Bewunderung für die Kraft und den Willen der Kolleg:innen sagen, dass in vollem Umfang und hauptsächlich digital in der Ukraine weitergearbeitet wird. Es besteht eine sehr gute Zusammenarbeit mit dem ukrainischen Bildungsministerium, unsere Sprachkurse finden digital statt und werden auch sehr gut angenommen.

In den vergangenen Wochen hatte es hierzulande sehr kontroverse Diskussionen über die Haltungen zum Krieg gegeben. Wie haben Sie diese wahrgenommen? Und wie positioniert sich das Goethe-Institut?

Als Goethe-Institut gilt unsere uneingeschränkte Solidarität der Ukraine und unseren dortigen Partnern angesichts des völkerrechtswidrigen Angriffes Russlands; hier unterstützen wir mit einem umfassenden Ukraine-Soforthilfeprogramm in Höhe von 11,7 Millionen Euro. Wir halten Sanktionen gegenüber Russland für unerlässlich, und auch in der Kultur- und Bildungsarbeit kann es ein einfaches „Weiter so“ nicht geben. Allerdings stehen wir weiter an der Seite von Vertreter:innen eines offenen, kritischen Diskurses und unabhängiger Bildungs- und Kulturarbeit in Russland. Russische Kulturschaffende und zivilgesellschaftliche Akteure, die sich regierungskritisch äußern, begeben sich in Gefahr. Um eine vollständige Isolierung Russlands zu vermeiden, ist es wichtig, die Kommunikationskanäle mit diesen Partnern jenseits der wirtschaftlichen und politischen Ebene offen zu halten. Die Goethe-Institute in Russland sind deshalb auch weiterhin geöffnet, die Sprachkurse laufen weiter. Alle Veranstaltungen und Kooperationen mit staatlichen Stellen sind allerdings ausgesetzt.

Gibt es bereits Pläne für eine Nachkriegszeit? Wie können Sie die zivilgesellschaftlichen Aktivitäten stärken?

Zunächst konnten wir durch unser eng verzahntes Netzwerk auch in den Nachbarländern und in Deutschland sehr schnell Nothilfemaßnahmen auf den Weg bringen, darunter auch der Nothilfefonds für ukrainische Partner aus Kultur und Bildung in Höhe von knapp 500 000 Euro, den wir paritätisch mit der Kulturstiftung des Bundes aufgesetzt und gerade noch einmal in einer zweiten Runde auf 800 000 Euro aufgestockt haben. Bis Ende des Jahres gibt es ein umfassendes Ukraine-Soforthilfeprogramm mit 17 verschiedenen Maßnahmen im Kultur- und Bildungsbereich. Wir haben dafür Sondermittel vom Auswärtigen Amt in Höhe von 11,7 Millionen Euro erhalten. Die Programme wollen vor allem ukrainische Kulturschaffende und zivilgesellschaftliche Akteure unterstützen und auch im Ausland sichtbarer machen. Digitale Institutsarbeit ist dabei hilfreich, aber alle Aktivitäten zielen darauf ab, wieder nach Kiew zurückzukehren.

Werden die geopolitischen Verschiebungen, die zwangsläufig aus dem Krieg folgen, auch Strukturveränderungen für die Arbeit des Goethe-Instituts nach sich ziehen?

Angesichts der politischen Lage und wachsender und nachvollziehbarer Kritik seitens der Mitarbeiterschaft in der Region haben wir beschlossen, unseren Regionalsitz der Region Osteuropa/Zentralasien aus Moskau temporär für die nächsten zwei Jahre nach München zu verlagern. Zudem testen wir erstmals eine dezentrale und hybride Institutsstruktur, zum Beispiel das sogenannte Proxy-Institut Ukraine. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten von verschiedenen Standorten aus, das Institut in Kiew ist komplett digital erreichbar und funktionsfähig. Das ersetzt zwar auf lange Sicht nicht die physischen Kontakte, aber gerade in Kriegszeiten ist es sehr wichtig, überhaupt in Kontakt zu bleiben.

Ein anderes in den letzten Wochen erregt diskutiertes Thema sind die Vorgänge rund um die Documenta in Kassel. Das Goethe-Institut verfügt hinsichtlich dessen, was man globalen Süden nennt, über sehr viel Kompetenz. Nicht nur theoretisch, sondern auch aufgrund alltäglicher lokaler Erfahrung. Wie haben Sie den Streit um die Documenta erlebt?

Das Goethe-Institut wendet sich gegen jede Form der Diskriminierung, dezidiert auch des Antisemitismus. Es tritt für einen inklusiven Dialog ein, der vom gegenseitigen Respekt geprägt ist. Dass auf der diesjährigen Documenta ein Kunstwerk mit antisemitischen Motiven gezeigt wurde, hätte nicht passieren dürfen. Diese Position teilen übrigens auch Ruangrupa. Gleichzeitig scheint es mir wichtig, dass wir in Deutschland genau beobachten und hören, was in anderen Teilen der Welt gedacht wird, auch zu diesem Vorfall und vor allem zur Kunstschau insgesamt. Hierzulande fokussiert sich die Debatte nahezu ausschließlich auf den Antisemitismus-Vorfall. Im Ausland wird dies durchaus kritisch betrachtet. In der internationalen Presse wurde es weithin begrüßt, dass die Documenta ein innovatives Kuratorenteam wie Ruangrupa eingeladen hat. Und dort wird auch der kuratorische Ansatz Ruangrupas diskutiert, der auf die gesellschaftliche und soziale Relevanz von Kunst und Kultur abzielt, etwa auf Modelle des Teilens von Wissen und Ressourcen, auf eine kritische Überwindung des globalen kommerziellen Kunstbetriebs und die Idee, daraus tragfähige internationale Netzwerke zur Lösung globaler Probleme zu entwickeln – mit künstlerischen Mitteln. Das ist in den letzten Wochen leider zu kurz gekommen. Wir gehen davon aus, dass der dezentral angelegte kuratorische Ansatz von Ruangrupa international Einfluss auf Kunstpraktiken, Museumspolitiken und Kulturveranstaltungen ausüben wird.

Zur Person:

Carola Lentz , 1954 in Braunschweig geboren, hat sich als Ethnologin an verschiedenen Universitäten und zuletzt am Institut für Ethnologie und Afrikastudien an der Gutenberg-Universität in Mainz einen Namen gemacht. Ihr regionaler Forschungsschwerpunkt war dabei Westafrika, insbesondere Ghana und Burkina Faso. Zuvor war sie auch zu Feldforschungsprojekten in Mexiko, Ecuador und Bolivien unterwegs.

Im Mittelpunkt ihrer Arbeiten standen Fragen der Ethnizität, von Nationalismus und Erinnerungspolitik, Bodenrecht, Landkonflikten und Kolonialismus. Zeitgleich mit der Übernahme der Goethe-Präsidentschaft wurde Lentz in die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina aufgenommen.

Sie haben als Ethnologin sehr viel in Afrika geforscht und sich intensiv mit dem sogenannten postkolonialen Diskurs beschäftigt. Was wünschen Sie sich für den künftigen Verlauf einer solchen Debatte?

Entscheidend wird sein, denke ich, dass wir in Deutschland – und generell in Europa – mehr Neugier und Offenheit entwickeln für die außereuropäische Welt, für die historischen Erfahrungen und die daraus resultierenden aktuellen Perspektiven unterschiedlicher Akteure und Gruppen aus dem „globalen Süden“ – wobei dieses Etikett ja enorm unterschiedliche Gesellschaften und Staaten subsumiert. Weltweit sind wir mit großen globalen Herausforderungen konfrontiert: den Folgen der Pandemie, die keineswegs beendet ist, Klimawandel, Armut und daraus resultierenden Fluchtbewegungen, der Zunahme autoritärer Regime … All dies können wir nur gemeinsam bewältigen. Wir brauchen die Kreativität aus vielen unterschiedlichen kulturellen Kontexten und Gesellschaften.

Was das betrifft, ist die Diskussion über die Documenta also gründlich schiefgelaufen?

Die neuen geostrategischen Dynamiken befördern leider vielerorts eine Polarisierung der Debatten und die Einforderung von einseitigen Loyalitäten. Ich sehe darin Gefahren für die Meinungs-, Kunst- und Wissenschaftsfreiheit. Ich wünsche mir, dass wir offene und ehrliche Diskussionen führen über Antisemitismus und Rassismus, über Kolonialismus und Völkermord – und dass diese Diskussionen von einer produktiven Haltung der Inklusion und des Willens zum Brückenbauen geprägt sind. Und von Respekt für Vielfalt.

Das Goethe-Institut ist wie andere Mittler infolge des Ukraine-Krieges in den Haushaltssitzungen des Bundestags mit heftigen Sparauflagen, sogenannten globalen Minderausgaben, belegt worden. Das könnte massive strukturelle Einschnitte zur Folge haben. Was bedeutet das für das Goethe-Institut genau?

Zunächst eine Präzisierung: Es ist nicht nur die ab sofort greifende globale Minderausgabe, sondern auch die massive Kürzung der institutionellen Förderung im regulären Haushaltsansatz. Für 2022 erhält das Goethe-Institut anstelle von 250 Millionen Euro im Vorjahr nur noch 233 – ohne die zweckgebundenen Mittel aus dem Ergänzungshaushalt Ukraine in Höhe von 11,7 Millionen. Dazu kommt die globale Minderausgabe in derzeit noch nicht abschließend definierter Höhe. Und die Perspektiven für den Haushalt 2023 sehen weitere Kürzungen in Höhe von über zehn Millionen Euro vor. Das wären rund 10,5 Prozent Kürzungen in zwei Jahren. Und das angesichts einer dramatischen Inflation, die an vielen unserer Standorte noch weit höher liegt als in Deutschland.

Können Sie konkrete Beispiele für Einschnitte nennen?

Wir müssen bereits bewilligte Stipendien, Residenzen und Kooperationen im Ausland absagen, Veranstaltungen ausfallen lassen, Reisen stornieren und vieles mehr. Da ist zum Beispiel das Thema Fachkräfteeinwanderung. Das Goethe-Institut bereitet im Rahmen seiner Vorintegrationsangebote seit 2008 Menschen aus dem Ausland auf ein Leben in Deutschland vor, das betrifft mehr als 17 000 Personen weltweit. Um das von der Europäischen Union finanzierte Programm fortführen zu können, bedarf es einer Eigenfinanzierung in Höhe von fünf Millionen Euro, die wir angesichts der bereits beschlossenen und der weiteren angekündigten Kürzungen für 2022 und 2023 nicht aufbringen können. Es wird zu erheblichen Einschnitten im Bereich der Stipendien- und Fortbildungsprogramme kommen. Und wir müssen für den Rest des Jahres 2022 bis zu 9000 Veranstaltungen, Residenzen, Workshops und andere Formate des Kulturaustauschs absagen.

Ein schlagendes Argument müsste doch sein, dass gerade angesichts der globalen Krisen die Arbeit des Goethe-Instituts von herausragender außenpolitischer Bedeutung ist. Sehen Sie die Chance, dass es noch Korrekturen an den Etatkürzungen gibt?

In der Tat: Deutschland ist wie wenige andere Länder politisch, ökonomisch und kulturell in globale Zusammenhänge eingebettet und muss auch im Eigeninteresse internationale Verantwortung übernehmen. Dass die auswärtige Kultur- und Bildungspolitik hierfür zentral ist, ist auch im Koalitionsvertrag der Regierungsparteien klar verankert. Der Koalitionsvertrag hatte ja eine Stärkung der Mittler, insbesondere des Goethe-Instituts, des Deutschen Akademischen Austauschdiensts (DAAD), der Alexander-von-Humboldt-Stiftung und weiterer Organisationen versprochen. Angesichts stark wachsender Etats für Sicherheit und Verteidigung wäre es ein falsches Signal, gleichzeitig bei der internationalen kulturellen und akademischen Zusammenarbeit zu kürzen. Insofern hoffe ich, dass zumindest für den Haushalt 2023 noch wesentlich nachgebessert wird und wir eine bedarfsgerechte Finanzierung erhalten, um unseren kulturpolitischen Auftrag erfüllen zu können.

Interview: Harry Nutt

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