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„Ob ich wie einer ausseh, der die Pest hat?“ König Robert Guiskard (ca. 1015–1085), hier auf einem Bild aus dem 19. Jahrhundert.

Kranke Herrscher

Glaubhafte Führung

  • Claus Leggewie
    vonClaus Leggewie
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Beispielsweise Kleists „Robert Guiskard“: Zur Legitimität von Herrschaft in der Pandemie.

Nach Jair Bolsonaro und Boris Johnson erkrankte mit Donald Trump ein dritter Regierungschef, der die Pandemie heruntergespielt hat. Die Sorge um die Gesundheit der Regenten ist alt. Schon der erste Präsident George Washington wäre beinahe dahingerafft worden, Woodrow Wilson erkrankte 1919/20 während der Versailler Friedensverhandlungen an der Spanischen Grippe; seine Nachfolger Roosevelt und Kennedy laborierten während ihrer Amtszeit an schweren Leiden, ebenso die französischen Präsidenten Georges Pompidou und François Mitterrand.

Bei allen Routinen und institutionellen Sicherheiten sind Spekulationen über den Gesundheitszustand „bei Hofe“ in demokratischen Zeiten nie verstummt, die Kommuniqués der Leibärzte werden aufmerksam auf Zwischentöne abgeklopft. Denn die Regierungsunfähigkeit der Spitze oder gar das plötzliche Ableben vor der Kür eines Nachfolgers haben stets eine krisenhafte Passage zur Folge.

Einen solchen Übergang behandelt Heinrich von Kleists Fragment „Robert Guiskard, Herzog der Normänner“ von 1808, unter den klassischen Pest-Geschichten nur selten erwähnt – aber vom Schauspiel Frankfurt im Juni kurzfristig als szenische Lesung angeboten. Historischer Hintergrund ist der Tod des Königs Robert Guiskard im 11. Jahrhundert, der als terror mundi, als „Schrecken der Welt“ nach der Eroberung Italiens und der Zerstörung Roms die oströmische Kaiserwürde anstrebte. Guiskard (Deutsch: Schlaukopf) galt den Zeitgenossen als „verschlagener (...) als Cicero und Odysseus zusammen“.

Doch auf dem Weg nach Byzanz erkrankte er an Typhus oder Ruhr und verstarb. In der Überlieferung war es die Pest, die ihn hinwegraffte, und dieses Motiv bewegte den jungen, in einer tiefen Lebenskrise befindlichen Kleist zu einem Drama, von dem er 1808 nur ein Fragment in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift „Phöbus“ veröffentlichte. Es ist ein rätselhaftes, kaum aufgeführtes Stück, dessen Entwürfe der Dichter verbrannt hat.

Das Stück spielt an einem Ort „vor Byzanz“, wo das Heer, mit dem er die oströmische Herrschaft erobern will, der todbringenden Seuche ausgeliefert ist. Der Monarch ist selbst erkrankt und hält seine Ansteckung gegen umlaufende Gerüchte geheim („Vom Pesthauch angeweht! Ihr seid wohl toll, ihr! Ob ich wie einer ausseh, der die Pest hat?“). Als ihn sein Neffe Abelard durchschaut, rückt Guiskard die entstandene Irritation mit einer napoleonischen Geste gerade, um an seine Herrschaftsgeschäfte zurückzukehren: „Ich hab’s, ihr Leut’, euch schon so oft gesagt, Seit wann denn gilt mein Guiskardswort nicht mehr? Kein Leichtsinn ist’s, wenn ich Berührung nicht Der Kranken scheue, und kein Ohngefähr, Wenn’s ungestraft geschieht. Es hat damit Sein eigenes Bewenden – kurz, zum Schluss: Furcht meinetwegen spart!“ Bald darauf stirbt er, grotesk auf eine Kesselpauke gestützt, vor den Augen seines Volkes.

Die Philologen faszinierte an dem „radikalen Gedanken- und lyrisch-musikalischen Wortkunststück“ (Günter Blamberger) dieses radikal modernen Dichters vor allem das Fragmentarische. Das Stück konnte keinen rechten Schluss finden, weil es eine absurde Situation beschreibt, die anders als in klassischen Tragödien kein Vorher (Rückführung des Volkes nach Italien) und Nachher (die Führung nach Byzanz bzw. Jerusalem) zulässt. Nur angedeutet hat Kleist, wie Helena und Cäcilie, Guiskards Tochter und Gattin, Mitleid und Liebe gegen die Machtansprüche der Männer setzen wollen.

Wer tritt die Nachfolge an?

Politisch angeschaut, ist auch die Regelung der Nachfolge der interessante Kern. Über Guiskards Zustand zirkulieren so widersprüchliche Meldungen wie heute aus dem Walter Read Hospital. Abelard schwingt sich zum Sprecher des zweifelnden Volkes auf, setzt sein Charisma ein, um es hinter sich zu bringen, während Robert, Guiskards Sohn (historisch: Roger), seine dynastische Berechtigung als legitimer Erbfolger ins Feld führt, die durch die Skrupellosigkeit des Vaters und dessen Söldnermentalität schon ramponiert war. Abelard überzieht, indem er aus dem Herrscherzelt von der terminalen Erkrankung des schachmatt wirkenden Feldherren berichtet, ja fast schwadroniert; der Sohn hat seine Legitimation verwirkt, indem er dem Volk verspricht, es werde schon alles gut.

Das dynastische Prinzip brachte kürzlich auch Trump ins Spiel, indem er, nur scheinbar zum Spaß, Nachfolgechancen seiner Kinder und Schwiegerkinder ventilierte. Hinter jeder großen Gesundheitskrise, zeigt uns Kleist auf seine Art, steckt eine ausgewachsene Legitimationskrise.

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