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Eine bis heute verseuchte Fläche nahe Danang.
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Eine bis heute verseuchte Fläche nahe Danang.

Agent Orange

Gift auf Generationen

  • Arno Widmann
    vonArno Widmann
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Vor 50 Jahren hörten die USA auf, über Vietnam Agent Orange zu versprühen. Die Menschen leiden bis heute an schweren Erbschäden.

Am 7. Januar 1971 startet das letzte Mal ein Flugzeug der US-Luftwaffe, um den chemischen Kampfstoff „Agent Orange“ über vietnamesische Felder und Wälder zu versprühen. Schon im November 1961 hatte US-Präsident Kennedy die Operation „Ranch Hand“ ins Leben gerufen. Das war der Codename für den Einsatz unterschiedlichster Pflanzenvernichtungsmittel. Die Fässer hatten blaue oder orangefarbene Streifen. „Agent Orange“ war das mörderischste und das am meisten verwendete Mittel. Bereitgestellt wurden die Materialien von den einschlägigen Firmen Dow Chemical, Monsanto – beteiligt durch Mobay, eine gemeinsame Tochter mit der bundesrepublikanischen Bayer AG – und noch einer Handvoll weiterer. Dow Chemical lieferte den US-Streitkäften bis 1969 auch Napalm.

Die erste Lieferung der Pflanzenvernichtungsmittel erreichte Südvietnam am 9. Januar 1962. Bis zum 7. Januar 1971 hat die US-Airforce mit Hubschraubern und Flugzeugen, nach eigenen Angaben, 6542 Sprüheinsätze geflogen und dabei den Inhalt von mehr als 20 Millionen Giftfässern über Südvietnam versprüht. Mehr als 20 Prozent der Wälder Südvietnams wurden dabei mindestens einmal „entlaubt“. Zehn Millionen Hektar Agrarfläche wurden zerstört. Bis Ende 1965 waren die Aktionen geheim. Erst als im Kongress nachgefragt wurde, rang sich die Regierung zu der Erklärung durch, es handele sich keineswegs um chemische Kriegsführung, sondern man setze Pflanzenvernichtungsmittel ein, um die Ernten der südvietnamesischen Bauern zu vernichten. Die unterstützten damit den Vietcong, die vom kommunistischen Nordvietnam getragene Guerillabewegung.

Die Regierung von Vietnam geht davon aus, dass vier Millionen Vietnamesen dem mit Dioxinen belasteten Agent Orange ausgesetzt waren. Mit Schäden, die bis in die Gegenwart reichen. Die Gifte drangen in Boden und Grundwasser ein. Man geht davon aus, dass auch die ehemaligen US-Stützpunkte, auf denen die Giftfässer gelagert wurden, verseucht sind.

Nach langen Auseinandersetzungen haben ein Teil der US-Soldaten, die aufgrund des Kontaktes mit dem Dioxin schwere Schäden erfuhren, Entschädigungen erhalten. Das begann aber erst in den 90er Jahren. Die vietnamesischen Opfer haben bisher keinen Cent bekommen. Allerdings hatten die Regierungen von George W. Bush und Barack Obama der Republik Vietnam an die 100 Millionen Dollar für ein ökologisches Reinigungsprogramm zur Verfügung gestellt.

Wie lächerlich wenig das ist, erkennt man, wenn man sich vor Augen hält, dass 2016 die Kosten allein für die Reinigung eines acht Meilen langen Abschnitts des mit Dioxin verseuchten Passaic-Flusses in New Jersey mit 1,4 Milliarden Dollar veranschlagt wurden.

Wer sich genauer informieren möchte – auch über das, was mit den Millionen übrig gebliebener Agent-Orange-Fässer geschah, der lese die Beiträge über Agent Orange in der deutschen und der englischen Wikipedia. Letztere legt Wert auf die Feststellung, der südvietnamesische Präsident Ngo Dinh Diem habe Mitte 1961 die USA darum gebeten, mit Pflanzenvernichtungsmitteln die Guerrilla zu bekämpfen. Dort erfährt man auch, dass solche Flüge schon im August mit amerikanischer Hilfe durchgeführt wurden.

Donald Trump hat zu einer völligen Fehleinschätzung der Rolle der Intelligenz in der Politik geführt. Seine Verachtung von Wissenschaft und Rationalität hat den Glauben genährt, man müsse ihnen nur folgen und man befände sich auf dem richtigen Weg. Der Vietnamkrieg belegt das Gegenteil. Es hat in der Geschichte der USA wahrscheinlich niemals eine intelligentere Regierung gegeben als die John F. Kennedys. Das hat sie nicht daran gehindert, den Krieg Jahr für Jahr auszuweiten und zu intensivieren.

Als Robert McNamara, Verteidigungsminister der USA von 1961 bis 1968, erkannte, dass genau so der Krieg nicht zu gewinnen war, dass ein toter Vietcong nicht die Anzahl der Guerillakämpfer reduzierte, sondern viele neue Vietcongs produzierte, schlug er einen Wechsel der Vietnampolitik der USA vor. Präsident Johnson erklärte ihn für verrückt und machte den ehemaligen Präsidenten des Ford-Konzerns zum Chef der Weltbank. McNamara (1916–2009) stellte später in seinem Buch „Vietnam – Das Trauma einer Weltmacht“ fest: „Wir haben uns schrecklich geirrt – amerikanische Sprühaktionen haben zu keiner Zeit zu irgendeiner tatsächlichen und dauerhaften Sicherheit Südvietnams geführt.“ Der ganze Vietnamkrieg sei „ein furchtbarer Irrtum“ gewesen.

Er war ein Verbrechen. Ein mit hoher Intelligenz und viel Fachwissen vorbereitetes und durchgeführtes Verbrechen. Zentraler Bestandteil war die Leugnung, dass es sich um den Einsatz chemischer Waffen handelte. Den US-Soldaten, die mit den dioxinverseuchten Fässern hantierten, wurde erklärt, ihnen könne nichts passieren, es sei alles unter Kontrolle. Von Robert McNamara ist auch ein Satz überliefert, in dem die fatale Mentalität dieser Generation intelligenter Macher auf den Begriff gebracht wird: „Ich würde eher eine falsche Entscheidung treffen als gar keine.“ Genau an dieser Haltung wird die Welt zugrunde gehen.

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