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Gibt es ein Recht auf Vergessen? Der Bildungsbürger als Antisemit

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Von: Arno Widmann

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Das Holocaust-Mahnmal in Berlin.
Das Holocaust-Mahnmal in Berlin. © Ralf Maro/epd

Ausgerechnet ein Historiker, Wolfgang Reinhard, fordert ein Recht auf Vergessen. Doch ein Volk - auch das deutsche - muss an seine Untaten erinnert werden.

Es gehört sich nicht, was ich Ihnen vorschlage: Sehen Sie sich bitte einen Artikel in der FAZ vom 10. Januar dieses Jahres an. Er steht auf der Seite 7 („Die Gegenwart“) des Blattes. Er trägt den Titel: „Vergessen, verdrängen oder vergegenwärtigen?“ Die Unterzeilen beseitigen die Frage und das Fragezeichen und geben folgende Antwort: „Unser Bewusstsein ist seit einigen Jahrzehnten durch und durch von Erinnerungskultur geprägt. Inzwischen ist es allerdings angebracht, nach der Pflicht zum Erinnern auch an das Recht auf Vergessen zu erinnern, weil es zum Schaden unserer politischen Kultur vergessen wurde.“ Eine steile These vor allem aus dem Munde eines Historikers, dessen Metier es ja ist, Personen, Vorgänge Ereignisse dem Vergessen zu entreißen und hineinzustellen ins kulturelle Gedächtnis.

Der Autor des Artikels ist der 1937 geborene Wolfgang Reinhard, emeritierter Professor für Neuere Geschichte an der Universität Freiburg im Breisgau. Daran mag es liegen, dass ihm gar nicht auffällt, dass er, wo immer er über den Umgang der Deutschen mit ihrer Nazivergangenheit spricht, einzig und allein die Bürger der Bundesrepublik Deutschland im Auge hat. Im Jahre 2016 veröffentlichte Wolfgang Reinhard im Münchner Verlag C.H. Beck „Die Unterwerfung der Welt. Globalgeschichte der europäischen Expansion 1415–2015.“ Reinhard ist einer der bekanntesten Vertreter seines Faches. Sein Artikel gibt einen erschreckenden Einblick in die antisemitisch geprägte Wirrnis seiner Gedankenwelt.

Lesen Sie dazu unbedingt auch in der FAZ vom 14. Januar (auch online) den Leserbrief von Marc Grünbaum, der 1970 geborene Rechtsanwalt ist Mitglied des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main. Grünbaum schreibt, für Reinhard sei die von ihm so genannte „Holocaust-Kultur“ „machtbesetzt und tabugeschützt“, sie verfolge keine universellen Ziele, wie zum Beispiel die Erinnerung daran, was Menschen Menschen anzutun in der Lage seien, sondern werde als eine jüdische Frage betrachtet und als solche der Welt aufgezwungen.

Aber bitte lesen Sie selbst. Zunächst das jüngste Dokument eines akademischen Antisemitismus und dann die Entgegnung von Marc Grünbaum.

Ich möchte auf noch etwas hinweisen: Der Historiker Reinhard entfaltet den Gegensatz von jüdischem Erinnern und natürlichem Vergessen. Das ist der Kern seiner Argumentation. Es handelt sich um Rassismus. Reinhard, ein gebildeter Antisemit, zitiert Elie Wiesel: „Jude sein heißt sich zu erinnern“. Ein Historiker weiß natürlich, dass ohne Erinnerung keine Identität möglich ist. Das gilt nicht nur für den Einzelnen, sondern ebenso für Kollektive, für die Hoechst AG und für Eintracht Frankfurt. Natürlich auch für ganze Nationen. Auch „Deutscher sein heißt sich zu erinnern“. „Serbe sein heißt sich zu erinnern“. Um diese Erinnerung werden Kriege und Bürgerkriege geführt. Es geht immer darum, was erinnert und was vergessen wird. Und wie es geschieht.

Das Holocaust-Mahnmal in Berlin kann als eines der Schande gesehen werden. Björn Höcke und Wolfgang Reinhard sehen es so und finden es aberwitzig, dass Deutschland so etwas tut – als einzige Nation auf der Welt. Ich weiß nicht, ob das stimmt. Aber tatsächlich gibt es kein einziges großes Museum auf der Welt, das zum Beispiel an deren Unterwerfung durch den europäischen Kolonialismus erinnert. An ihn verherrlichenden Einrichtungen herrscht kein Mangel.

Aber es ist gut, die Nation nicht nur zu verherrlichen, sondern auch an ihre Untaten zu erinnern. Das Holocaust-Mahnmal steht nicht da, wie Reinhard schreibt, um uns unsere Schuld zu vergeben. Das wird niemals geschehen. Und das sollte es auch nicht. Das ist jedenfalls die Meinung derer, die das Holocaust-Mahnmal befürworten. Schon darum geht es gerade nicht um die Frage nach Vergebung oder Nicht-Vergebung, sondern um – darum heißt es Mahnmal – Erinnerung.

Reinhard aber setzt aufs Vergessen. Mit dem aber ist niemandem geholfen. Nicht einmal Reinhard. Der ist völlig besessen von seinem Wunsch nach Vergessen und seiner Unfähigkeit dazu. Sein Artikel ist der manisch-wahnhafte Versuch einer Darstellung, wie ihm das Vergessen-Können ausgetrieben wurde. Seiner Sehnsucht danach, alles zu vergessen, stellt sich seine Anstrengung in den Weg, die jüdische Weltverschwörung – ein Begriff, den er nicht gebraucht – zu beschreiben, die einsetzend mit dem verzögerten Welterfolg des Tagebuchs der Anne Frank, über den Frankfurter Auschwitz- und den Jerusalemer Eichmann-Prozess alles tut, um den nicht-jüdischen Teil der Menschheit daran zu hindern, von seiner großen Errungenschaft, nämlich des Rechts aufs Vergessen, Gebrauch zu machen.

Reinhard kann nicht vergessen. Naja, er kann sehr gut vergessen. So schreibt er, „15 Millionen Deutsche mussten Flucht oder Vertreibung erleben“. Nachdem sie vertrieben und gemordet hatten. Diesen Satz fügt er nicht hinzu. Statt dessen folgt: „Wer konnte zum Beispiel von einer vertriebenen und vergewaltigten Kriegerwitwe ernsthaft ein Schuldbekenntnis für die deutschen Verbrechen erwarten?“

Diese Frage lebt von dem Gegensatz der emotionalen Sprache des ersten und der bürokratischen Formulierung des zweiten Teils. „Ein Schuldbekenntnis für die deutschen Verbrechen“: das ist Polit-Talk. Niemand verlangt so etwas von irgendjemandem. Eichmann und die anderen wurden nicht verurteilt für „die deutschen Verbrechen“, sondern für ihre. Vielleicht wurde die Kriegerwitwe in ihrer Wohnung vergewaltigt und sah dabei auf die Vase, die sie aus der Wohnung ihrer jüdischen Nachbarn geholt hatte, als die abtransportiert worden waren. Auch das Verbrechen der Vergewaltigung ist nicht zu vergeben und nicht zu vergessen. Aber es löscht die anderen Verbrechen nicht aus.

Das Vergessen hilft niemandem. Schon gar nicht jenen, die nicht dabei waren, die also nichts zu vergessen haben. Beim Erinnern geht es vor allem um sie. Niemand weiß das besser als ein Historiker. Der Versuch Wolfgang Reinhards, das kulturelle Gedächtnis als den Ort der Erinnerung, das Alltagsgedächtnis hingegen als den des Vergessens strikt einander gegenüberzustellen, geht am Zusammenhang der beiden, an ihrer wechselseitigen Prägung völlig vorbei.

Das Alltagsgedächtnis erinnert nicht nur, was es erlebt, es erinnert auch, wovon es gehört, was es gelesen hat. Es ist auch ein hart umkämpfter Ort. Manches verschwindet über Jahrzehnte aus ihm und taucht plötzlich wieder auf. Wenn Wolfgang Reinhard sich beim Denken zuschauen könnte, er wüsste uns zu sagen, warum er, wenn er über Erinnern und Vergessen spricht, nicht über seine Arbeit reflektiert, sondern uns beizubringen versucht, die Juden seien schuld an seinem Unglück.

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