Stuttgart am Tag nach den Ausschreitungen. 
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Stuttgart am Tag nach den Ausschreitungen. 

Gewalt in Stuttgart

Wenn die Triebkontrolle Pause hat

  • Harry Nutt
    vonHarry Nutt
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Nach der Gewalt in Stuttgart wird wieder nach Gründen gesucht, woher diese Wut kommt. Überlegungen zu aktuellen Gewaltphänomenen.

In den Pkw-Baureihen jüngeren Datums gehört die Selbstverriegelung inzwischen zur Standardausstattung. Während sich die stolzen Führer schicker Cabrios des Sommers in demonstrativer Offenheit zeigen, setzen die meisten anderen ihren Weg als Eingeschlossene fort. Sicherheit fährt vor im öffentlichen Raum.

Das Unbehagen über die automatische Verschlusssache verfliegt schnell, wenn man erst einmal in eine Konfliktsituation wie die folgenden geraten ist. In einer engen Wohnstraße mit vielen parkenden Autos gehört wechselseitige Rücksichtnahme zum Weiterkommen. Die Anspannung steigt jedoch regelmäßig, wenn ein Fahrzeug des öffentlichen Nahverkehrs sich seinen Weg zu bahnen sucht. Der Bus ist auf die Achtsamkeit entgegenkommender Fahrzeuge angewiesen. Unterbleibt sie, kann es zu schwer wieder aufzulösenden Knäueln kommen. Dabei fiel kürzlich ein kräftig donnerndes A-Wort, dessen Urheber sein Fahrzeug verlassen hatte, um auf den vor ihm wartenden Fahrer zuzustürmen. Hektisch suchte der derart Bedrohte nach seinem Verriegelungsknopf, den er dann gerade noch rechtzeitig fand. Irgendwann ging es dann weiter, das Geschehen jedoch machte deutlich, wie sehr die technische Vorrichtung der Selbstverriegelung im Dienste individueller Selbstverteidigung steht.

Es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass es in solchen Momenten der Anbahnung tatsächlich zu Gewaltausbrüchen kommt, vielmehr betrachte ich die wüsten Beschimpfungen sowie die körperliche Erregtheit, in der sie vollzogen werden, als eine Art Einschüchterungsgewalt. Männer, die drohen, setzen ihre überschüssigen Kräfte nicht zwangsläufig frei, doch sie legen gesteigerten Wert darauf, dass man sie ihnen unbedingt zutraut.

Im Alltag ereignet sich derlei recht häufig, und ich habe es lange auch als Antwort auf die Gebote der Zurückhaltung und Contenance verstanden. Abstand halten am Informationsschalter, Klopfen an der Tür, solche Dinge. Wer höflich fragt, kommt in der Regel schneller zum Ziel als einer, der ungehalten zum Ausdruck bringt, dass er auch anders kann. Aber manchmal haben das Zivilisierungsgebot und die Fähigkeit zur Triebkontrolle eben Pause, insbesondere dann, wenn Erwartungen enttäuscht worden sind. Gewaltphänomene, und sei es auch nur in Form von Drohungen, strukturieren die soziale Kommunikation nachhaltig, und sie waren zu keinem Zeitpunkt aus dem öffentlichen Raum verbannt.

Seit einiger Zeit aber scheinen sie besonders leicht entflammbar zu sein, und wie bei den Gewaltexzessen am vergangenen Wochenende in Stuttgart ist später kaum noch zu klären, wie es dazu kommen konnte. Vielleicht ist die Partygesellschaft einfach nicht mehr bereit, sich noch an Ausgangssperren und Kontaktregelungen zu halten. Ist Stuttgart also ein Kulminationszentrum einer wachsenden Ungeduld gegen staatliche Überregulierung? Das in die Bildgeschichte des Protests eingegangene Foto des Mannes, der bei einer Demonstration gegen Stuttgart 21 ein Auge verloren hat, verweist jedenfalls darauf, dass die Vorstellung von einer gediegenen schwäbischen Bürgerlichkeit schon länger eine trügerische war.

In dem Schema, das Jan Philipp Reemtsma in seiner Studie „Vertrauen und Gewalt“ (Hamburger Edition, 2008) skizziert hat, unterscheidet er grob drei Arten von Gewalt in modernen Gesellschaften. Das eingangs geschilderte Beispiel entspräche, sobald es von der Drohung zur Tat überspränge, einem Akt lozierender Gewalt. Der andere Körper soll beiseitegeschoben werden, weil er sich der Erreichung eines Zwecks, in diesem Fall der zügigen Weiterfahrt, in den Weg gestellt hat. Der Bedrohte ist gar nicht gemeint, er stört bloß. Reemtsma spricht ferner von raptiver Gewalt, in der es dem Akteur, insbesondere in den Fällen sexueller Gewalt, darum geht, sich des anderen Körpers zu bemächtigen. In der autotelischen Gewalt, so Reemtsma, gehe es schließlich darum, den Körper des anderen zu beschädigen oder diesen zu zerstören. Hierzu gehören die Exzesse motivationsloser Gewalt, die die Verbindungen zu einer wie auch immer gearteten instrumentellen Vernunft gekappt zu haben scheint oder eine Pseudorationalität errichtet, etwa in den Varianten religiös motivierter terroristischer Gewalt.

Natürlich ereignen sich selbst die Akte einer vergleichsweise einfach gearteten lozierenden Gewalt innerhalb eines Geflechts komplexer sozialer und psychologischer Dispositionen. Oft entspringt die Suche nach Erklärungen dem verzweifelten Bemühen, wenigstens nachträglich einen guten Grund für das Geschehene zu finden. Vielleicht sucht der Mann, der schnell weiter will, ja gerade im Straßenverkehr nach einem Erfolgserlebnis, das ihm anderswo verwehrt bleibt.

In Stuttgart wäre demnach viel zusammengekommen. Junge Menschen, die sich nicht akzeptiert fühlen, eine weltweite Stimmung gegen die Anmaßungen staatlicher Gewalt und die Launen einer lauen Nacht. „Summer is here“, sangen die Rolling Stones, „and the time is right for fighting in the street.“ Um wie vieles komplexer und widersprüchlicher sind die Vorkommnisse rassistisch motivierter Gewalt, die in der durch ein nicht enden wollendes Video festgehaltenen Tötung des Afroamerikaners George Floyd in Minneapolis (Minnesota) nun eine starke symbolische Aufladung erfahren haben. Minneapolis ist nicht überall, aber viele glauben, ihr Minneapolis zu kennen. Dort hat sich eine fatale Szenerie der Angst abgespielt, deren Schrecken noch dadurch gesteigert wurde, dass es niemanden gab, der jener sich wie in Zeitlupe vollziehenden mörderischen Konsequenz hätte Einhalt gebieten können.

Die Polizisten, die George Floyd festgesetzt haben, agierten nicht wie Beamte, die um die Wiederherstellung der staatlichen Ordnung rangen. Vielmehr handelten sie im Selbstverständnis eines polizeilichen Notstands. Jeder Passant erscheint demnach als Verdächtiger. Die amerikanische Literatur und das Kino sind voll von Szenen plötzlich eskalierender Gewalt, die sich aus wechselnden Unterstellungen speist. Jeder Polizist ein potenzieller Rassist und jeder Verkehrsteilnehmer ein möglicher Desperado, der plötzlich zur Waffe greift. Jede Zuckung ist in solch einer Situation imstande, das Fiasko auszulösen.

Aus dieser Konstellation vermag kein Heil für eine gelingende Alltagskultur hervorzugehen, in der das staatliche Gewaltmonopol zuletzt immer häufiger attackiert und zumindest vorübergehend ausgesetzt wurde. Angreifer verfügen über ein feines Gespür für die Schwäche ihrer Gegner, und der Staat bietet derzeit erstaunlich viele offene Flanken für die Gelegenheit, zumindest versuchsweise hineinzustechen. Aus einer Laune heraus richtet sich, nicht nur in Stuttgart, die Aggression plötzlich gegen Repräsentanten der Ordnungsmacht, die leider nicht nur in satirischen Texten, wie zuletzt in einer wenig unterhaltsamen Kolumne in der „taz“, infrage gestellt wird.

Immer häufiger scheinen die Konflikte dabei identitätspolitisch aufgeladen zu sein. Wer angreift, wirft seine vollständige Existenz in den Ring. Auf geradezu sinnbildliche Weise wurde das in Stuttgart in Gestalt eines jungen Mannes deutlich, der einen Polizisten mit voller Wucht ansprang. Ein Überschuss an physischer Energie gegen einen, der muss. Die schöne Illusion einer modernen, sich in zahlreiche Funktionssysteme diversifizierenden Gesellschaft ist dahin, deren Vorzug doch gerade darin bestand, nicht in jeder Situation seine vollständige Identität aus Religion, Berufsstand und Herkunft zu Markte tragen zu müssen. Wer ein Ticket löst, darf zuschauen, und beim Jubel wird nicht danach gefragt, welch legitime Bindung er zum Verein seines Herzens hegt. Die Freiheit, sich seine Zugehörigkeit wählen zu dürfen, wird dabei nicht nur von den anderen bestritten, sondern auch von den Politiken der Zugehörigkeit, die eine vermeintliche Heimstatt verheißen.

Die Annahme einer identitätspolitischen Neutralität, also eine Gleichgültigkeit im besten Sinne, war allerdings immer schon naiv, wie Menschen mit Migrationshintergrund überzeugend darlegen, wenn sie von ihren oft demütigenden Erfahrungen aus unzähligen Kontrollsituationen berichten, über die gleichaltrige Autochthone nicht verfügen. Gesellschaftliche Egalität ist ein hehres Ziel, doch soziale Deklassierung hat viele Gesichter, und nicht selten hinterlässt sie tiefe Verletzungen in Körper und Seele. Es spricht sehr viel dafür, dass die Verständigung über derlei Verletzungen in neue Erzählungen überführt werden muss.

Und doch sollte es ein erstrebenswertes gesellschaftspolitisches Ziel sein, nicht in jede identitätspolitische Falle hineinzutappen. Die Diskussion über die Hinterlassenschaften einer gewaltsamen kolonialistischen Vergangenheit ist für eine aufgeklärte Gesellschaft unerlässlich, aber nicht jedes Denkmal sollte fallen, schon gar nicht aus einer Gemengelage schwer zu steuernder Affekte heraus, die oft nur neue Nahrung für vorhandene, weitere Gewalt schürende Ressentiments sind. Vielleicht hat die mitunter im Straßenverkehr aufkeimende Gewalt mit alledem gar nichts oder nur wenig zu tun. Sie zeigt aber auch, dass es keine vollständige Kontrolle über Emotionen gibt und soziologische Erklärungen vor der Komplexität der sozialen Wirklichkeit versagen. Manchmal ist es besser, den Knopf im Auto runterzudrücken. Ein anderes Mal kann es helfen, die Tür zu öffnen, um das Gespräch zu suchen.

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