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Porträt von Philosoph Michel Foucault (1926 – 1984).
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Porträt von Philosoph Michel Foucault (1926 – 1984).

Michel Foucault

Geständnisse des Fleisches

  • Harry Nutt
    vonHarry Nutt
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Eine kritische Neulektüre des Werks des 1984 gestorbenen Michel Foucault ist nötig, nachdem Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs diskutiert werden.

Als vor knapp zwei Jahren posthum der vierte Band von „Sexualität und Wahrheit“ des 1984 gestorbenen französischen Philosophen Michel Foucault unter dem Titel „Die Geständnisse des Fleisches“ erschien, geizten die Kritiker nicht mit Begeisterungsbekundungen. Auch die Sexualität hat ihre Geschichte, hieß es in der „Neuen Zürcher Zeitung“, „und keiner hat sie besser geschrieben als Michel Foucault. Endlich ist sein Werk vollständig zugänglich“. Und die Tageszeitung „Die Welt“ fabulierte: „Wie vielleicht nur Montaigne oder Pascal vor ihm, ist Foucault ein Lebenslehrer, womöglich der herausragende Lebenslehrer des 20. und des 21. Jahrhunderts.“ Für die „Süddeutsche Zeitung“ war die Wiederbegegnung mit dem Autor ein besonderes Déjà-vu. „Eine ganze Generation liegt zwischen dem Tod Foucaults und unserer Gegenwart. ... (Hier) kehrt er zurück, als habe er den Raum nur für ein paar Minuten verlassen ...“

Nun aber weht eine Diskussion aus Frankreich herüber, die es schwer machen könnte, ohne weiteres an das geistige Universum Michel Foucaults anzuknüpfen. In einem kürzlich erschienenen Buch des französischen Essayisten und Unternehmers Guy Sorman erhebt dieser schwere Vorwürfe gegen Foucault während seines Aufenthaltes in Tunesien in den späten 60er Jahren. Darin heißt es, dass sich Foucault „kleine Jungs in Tunesien kaufte, unter dem Vorwand, dass sie Recht auf einen Orgasmus hätten. Er verabredete sich mit ihnen auf dem Friedhof in Sidi Bou Said, im Mondlicht, und vergewaltigte sie auf den Gräbern.“

Bestärkt wird der Vorwurf der Kinderprostitution und des sexuellen Missbrauchs von der Journalistin Chantal Charpentier, die Foucault in Begleitung eines Freundes zu Ostern 1969 in dessen Wohnung in Tunesien aufgesucht hatte. Der Wochenzeitung „Die Zeit“ gegenüber berichtete Charpentier von einer Begegnung im Dorf, wo eine Gruppe acht-, neunjähriger Jungen hinter ihm herlief und „Michel!“ rief. Er habe sich gelegentlich umgedreht und den Kindern Geldstücke vor die Füße geworfen. „Er führte sich wie ein scheußlicher Kolonialist auf, und ich möchte mir nicht vorstellen, wie er sexuell mit den Jungen des Dorfes umging“, sagt Charpentier. Beweise aber, dass er sie missbrauchte, habe sie nicht.

Charpentiers Erinnerung und Sormans drastische Darstellung aber reichen aus, den philosophischen Meisterdenker einer Theorie der Macht zum Gegenstand einer Auseinandersetzung zu machen, die nicht nur im französischen Kulturleben Erschütterungen auslöst. 37 Jahre nach Foucaults Tod hat dessen Werk in vielen gesellschaftspolitischen Bereichen wenig an Aktualität eingebüßt. Er gehört noch immer zu den weltweit meistzitierten Autoren, und Sätze, in denen Begriffe wie Machtregime, Gouvernementalität und Dispositiv auftauchen, verraten, dass Foucaults Theoreme tief in die Alltagskultur insbesondere der aktuellen sozialen Bewegungen eingedrungen sind. Ohne Übertreibung wird man feststellen dürfen, dass sich die gegenwärtigen Debatten über Rassismus, Kolonialismus, Genderpolitik, Cancel Culture etc. mit ihren unterschiedlichen Annahmen über Unterdrückung, Ablehnung und Paternalismus direkt oder indirekt aus dem üppigen Werk Michel Foucaults speisen.

Was das spätestens seit der 68er-Revolte allgemein geltende Bedürfnis der Befreiung der Sexualität angeht, war Foucault allerdings eher skeptischer Natur. „Mit der Schaffung dieses imaginären Elementes Sex“, schreibt er in seinem unvollendet gebliebenen Spätwerk „Sexualität und Wahrheit“, „hat das Sexualitätsdispositiv eines seiner wesentlichen inneren Funktionsprinzipien zustande gebracht: das Begehren nach Sex: ihn zu haben, zu ihm Zugang zu haben, ihn zu entdecken, ihn zu befreien, ihn diskursiv zu artikulieren, seine Wahrheit zu formulieren. Das Sexualitätsdispositiv hat ,den Sex‘ als begehrenswert konstituiert. (…) Dieser Begehrens-Wert macht uns glauben, dass wir die Rechte unseres Sexes gegen alle Macht behaupten, während er uns in Wirklichkeit an das Sexualitätsdispositiv kettet.“ Als Experte der Macht schöpfte Foucault aus einer prall gefüllten Fundgrube des Wissens, nicht selten aber auch der Überraschungen. Diese Fülle an Einfällen und die Versenkung in historische Randgebiete machen bis heute seine akademische Attraktivität aus. Gerade aus den Nebenpfaden und Abzweigungen bezog Foucault seine unerschöpflich scheinende intellektuelle Energie.

In Fragen der Sexualität wurde er selbst dann noch zurate gezogen, als sich der gesellschaftliche Blick in den 90er Jahren verstärkt auf das Phänomen des sexuellen Missbrauchs gerichtet hatte und die libertäre Grundhaltung vorangegangener Jahrzehnte infrage stellte. So meinte etwa die Soziologin Frigga Haug in einem Aufsatz für das „Forum Kritische Psychologie“ „Nützliche Lehren von Michel Foucault für die Debatte um sexuellen Missbrauch“ ziehen zu können.

Man könne Foucaults Ausführungen zu Sexualität nur begreifen, schreibt Haug, „wenn man seiner Auffassung von der Positivität der Macht folge. „Darunter versteht er, dass Macht nicht durch Verbot und Strafe, durch Gesetz und Regel regiert, sondern sich als ein Netz, gehalten durch Zustimmung, befestigt. In dieser Weise ersetzt er den aus der 68er-Bewegung und zuvor von Wilhelm Reich vertretenen Gedanken, Sexualität werde unterdrückt und damit Herrschaft gefestigt, durch die Auffassung, die Konstruktion des Bereiches Sexualität enthalte Herrschaft – so etwa die Unterscheidung von normal und pervers, hysterisch und unschuldig etc. –. Daher sei nicht Sexualität zu befreien, sondern der Körper.“

Das Zitat zeigt, dass Foucaults Ausführungen über die historische Knabenliebe als hilfreiches Theorieangebot aufgefasst wurden, als es bereits ganz explizit um Formen des sexuellen Missbrauchs ging, die von der öffentlichen Wahrnehmung lange Zeit ausgeblendet worden waren.

Foucault verstand seine Arbeiten ausdrücklich auch politisch. So unterschrieb er 1977 einen offenen Brief, in dem dazu aufgefordert wurde, den Straftatbestand Pädophilie abzuschaffen, und in einem Interview vertrat er die Position, dass Kinder sehr gut selbst einzuschätzen imstande seien, ob sie einvernehmlichen Sex wollen oder nicht. In „Sexualität und Wahrheit“ hatte er die Unterscheidung von kindlicher und erwachsener Sexualität als ein weiteres Machtdispositiv beschrieben. „So weiß man natürlich, dass die Kinder keinen Sex haben: und hat damit einen Grund, ihnen den Sex zu untersagen und ihnen die Rede davon zu verbieten, einen Grund, die Augen zu schließen und die Ohren zu verstopfen, wo immer sie dennoch etwas davon zur Schau stellen sollten, einen Grund, ein allgemeines und lastendes Schweigen durchzusetzen.“

All dies sind natürlich keine Indizien, die ihn als Täter eines praktizierten sexuellen Missbrauchs überführen könnten. Eher wird man nun durch den Fall Foucault wieder darauf verwiesen, dass die hiesigen Diskussionen über die libertären sexualitätspolitischen Haltungen der Partei Die Grünen, durch die vor einigen Jahren nicht zuletzt die Politiker Volker Beck und Daniel Cohn-Bendit mit unliebsamen früheren Äußerungen konfrontiert wurden, ebenfalls Phänomene eines Zeitgeists waren, dem ein wie auch immer aufgefasstes Verständnis von Freiheit wichtiger zu sein schien als die Schutzbedürftigkeit einzelner. Nicht vergessen werden sollte in diesem Zusammenhang allerdings, dass Schutz selbst längst zu einem übermächtigen Motiv gesellschaftlicher Repräsentation und Politik geworden ist. Eine sexualpolitische Debatte ist nie losgelöst von den strukturellen Verhältnissen zu betrachten, in denen sie geführt wird.

Wenn man es nicht einfach hinnehmen will, dass mit Foucault ein weiteres Denkmal der jüngeren europäischen Geistesgeschichte vom Sockel gestoßen wird, dann wird man sein opulentes Werk einer kritischen Neulektüre unterziehen müssen, die spannender zu werden verspricht als kriminalistisch-entlarvende Streifzüge durch die französische Kulturelite.

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