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George Steiner (1929-2020).

Nachruf

Zum Tod von George Steiner: Das Undenkbare denken

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George Steiner, ein Exponent der Suhrkamp-Kultur, ist im Alter von 90 Jahren gestorben.

George Steiner war einer der bedeutendsten Erzähler des zwanzigsten Jahrhunderts. Es gab einen Aufschrei unter Deutschlands Kritikern, als Steiner darauf hinwies, dass eine Geschichte zu erzählen oder sie zu analysieren nicht nur zwei völlig verschiedene Dinge seien, sondern dass ein Abgrund das eine vom anderen trenne.

Journalisten, die ab und zu auch einmal einen Roman schrieben, schrien auf. Sie fanden, ihre Essays seien keine mindere Kunst. Sie täuschten sich. Was wir so schreiben, man sieht es gut an diesem Nachruf, hat nichts zu tun mit dem, was an imaginativer Kraft, an souveräner Disposition, an Genauigkeit und an Risikolust in wirkliche Kunst eingeht.

Das einzige Argument gegen Steiners scharfe Trennlinie sind seine eigenen Texte. In dem „Durs Grünbein, dem Dichter & Cartesianer“ gewidmeten, „The Poetry of Thought“ betitelten Buch zeigt er, dass „Gedanken dichten“. So der deutsche Titel. Er schreibt freilich auch: Die meisten von uns „sind nicht in der Lage, den Trödel, den abgegriffenen Ramsch unserer geistigen Ströme in ‚Denken‘ zu verwandeln. Recht betrachtet – wann halten wir inne um dieser Betrachtung willen? – tritt erstrangiges Denken ebenso selten auf wie ein Sonett Shakespeares oder eine Fuge Bachs“.

Das ist ein elitärer Standpunkt. Aber es ist die Wahrheit. Sie tut weh. Scheiternd erfahren wir sie. In jeder Zeile Steiners ist die Spur dieses Scheiterns zu spüren. Gerade das aber macht seine Größe, die Einmaligkeit seiner Texte aus. So glanzvoll seine Sätze sein mögen, so frei seine Assoziationen und so weitgespannt die Bögen seiner Untersuchungen, nie hört man einen Triumph darin. Steiner besteigt jeden Berg, er zeigt uns von dort oben die Welten von Musik, Kunst und Literatur, von Mathematik und Denken, aber nie ist er Hillary. George Steiner ist Tensing Norgay, der Sherpa, der jeden Weg und jeden Steg kennt, der uns ein Leben lang hilft zu begreifen, was wir tun, wenn wir zu denken, zu schreiben, zu singen gar versuchen.

Sein erfolgreichstes Buch der letzten Jahre war „Warum Denken traurig macht“. Ein kleines Taschenbuch, das, soweit ich weiß, nicht nur in Deutschland ein philosophischer Bestseller war. Die einen lasen es, weil es sie in ihrer Neigung zur Melancholie bestätigte. Andere lasen es, weil sie sich in der Illusion wiegen konnten, ihre Übellaunigkeit käme vom Denken und wieder andere bestärkte es darin, lieber nicht zu denken. Ich glaube Steiner nicht, dass Denken traurig macht. Ich glaube, nur zu denken macht traurig. Das Machen hilft einem, für Augenblicke davon frei zu kommen.

Und das Scheitern? Es macht traurig. Aber denken wir drei Sekunden lang an Beckett: „Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern.“ Das ist es: Besser scheitern. Mehr werden wir nicht schaffen. Bei Steiner kann man das lernen. Die Freude über einen gelungenen Satz war ihm wahrscheinlich ebenso wenig fremd wie die über den Abschluss eines Buches. Er hätte sonst nicht so viel geschrieben. Aber selbst diesen großartigen, mehr als zweihundert Seiten umfassenden Roman „The Poetry of Thought – From Hellenism to Celan“ nannte er einen Essay, einen Versuch also.

Man kann das als Bescheidenheit betrachten. Ich sehe es mehr als Selbstschutz. Er musste Schritt für Schritt gehen. Von einem zum nächsten Autor, von einem Text zum nächsten, von einer Note zur nächsten, von einer Gleichung zur nächsten. Auch die umfangreichsten Arbeiten wurden Stück für Stück gemacht. Nur so konnte er jedes Detail herausarbeiten. Denn an der Treue zu ihm hing, das wusste Steiner, das Ganze.

George Steiner war ein großer Stichwortgeber. Von Anfang an. 1967 erschienen seine „Essays über Sprache, Literatur und Unmenschlichkeit“ unter dem Titel „Sprache und Schweigen“. Die ’68er lernten von ihm auch, wie beharrlich sprechend geschwiegen werden konnte. Sie lernten es meist nur gerade so viel, um es bei anderen zu entdecken. Es auf sich selbst anzuwenden, fiel ihnen nicht ein.

Sein erfolgreichstes Stichwort war das von der „Suhrkamp-Kultur“. Hier übte der traurige Denker sich in der Welt des Positiven. Die „Suhrkamp-Kultur“ erschien ihm als die Errungenschaft eines neuen, eines selbstkritischen Deutschland. Die deutschen Intellektuellen hörten das gerne und der Suhrkamp Verlag natürlich auch. Es war ja noch nicht einmal falsch. Es war eine Zeit, in der Bloch und Adorno Auflagen von fünfzigtausend Exemplaren und mehr erzielten.

Steiners Eltern, Wiener Juden, waren schon vor dem sich verstärkenden Antisemitismus nach Frankreich geflohen, wo George Steiner 1929 geboren wurde. Er wuchs mit Deutsch, Französisch und Englisch auf. Als er sechs Jahre alt war, brachte sein Vater ihm bei, Homers „Ilias“ auf Griechisch zu lesen. 1940, gerade noch rechtzeitig, floh die Familie nach New York. 1944 wurde George Steiner Amerikaner. In Chicago studierte er Literatur, Mathematik und Physik.

Das riesige Gesamtwerk Steiners aufzuzählen, ist sinnlos. Aber es sei noch ein Blick geworfen auf eine gern übersehene Seite dieses großen Kritikers. Er schrieb auch Erzählungen. Er wusste also sehr genau, wovon er sprach, als er so streng trennte zwischen Essay und fiktionalem Schreiben. „Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern.“ Das gilt auch für seine literarischen Arbeiten. Schon 1964 hatte er eine erste Sammlung von Erzählungen vorgelegt. Die nächste kam dann erst 1992.

1981 aber war sein literarisches Hauptwerk erschienen. Eine Novelle von etwa 120 Seiten: „The Portage to San Cristobal of A.H.“ Die Geschichte spielt dreißig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg. Amerikanische Soldaten befinden sich auf einem Geheimflug. Sie wissen nicht, wohin es geht. Während des Fluges erst stellen sie fest, dass sie alle Juden sind. Sie landen im Dschungel Amazoniens und stoßen dort auf Adolf Hitler. Sie verhören ihn. Die Erzählung endet mit einer Rede Adolf Hitlers. Der erklärt seinem jüdischen Vernehmer, der Staat Israel habe ihm seine Existenz zu verdanken. Er sei ein „Wohltäter der Juden“.

Man kann sich die Empörung vorstellen, mit der das Buch damals aufgenommen wurde. George Steiner hatte als Autor versucht zu tun, was der Kritiker von einem Autor verlangte: Das Undenkbare zu denken, das Unsagbare zu sagen. Ich weiß nicht, ob er erschrocken war über die Reaktion großer Teile der Öffentlichkeit. Ich weiß nur, dass er, als ich ihn Mitte der 80er Jahre bat, den Text in Deutschland veröffentlichen zu dürfen, als Fortsetzungsgeschichte in der taz, er entsetzt war. „Auf keinen Fall darf dieser Text in Deutschland erscheinen“, erklärte er. Mich verblüffte diese Antwort. Getrennte Öffentlichkeiten – das war nicht der George Steiner, den ich liebte. Die Vorstellung, dass bestimmte Gedanken nur in bestimmten Weltgegenden publiziert werden dürfen, erschien und erscheint mir aberwitzig.

„Gedanken dichten“ endet mit einer Betrachtung darüber, dass sich bald herausstellen wird, dass „selbst die bedeutendsten metaphysischen Mutmaßungen oder dichterischen Funde komplexe Formen der Molekularchemie sind. Dies ist keine Vision, in der ein altmodisches, oft techno-phobisches Bewusstsein wie das meine Trost findet ... Und doch könnte es ein gewaltiges Abenteuer werden. Und irgendwo wird ein rebellischer Sänger, ein Philosoph trunken vor Einsamkeit ‚Nein‘ sagen. Eine Silbe, erfüllt vom Versprechen der Schöpfung.“

Im Alter von 90 Jahren ist George Steiner nun im englischen Cambridge gestorben.

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