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Genozid in der Ukraine: Durch Hunger ermordet

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Von: Arno Widmann

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Ukraine, Anfang der 30er: „Sowjetische  Beamte konfiszieren Weizen auf einem Bauernhof“, schreiben die Agenturen zu  diesem Bild.
Ukraine, Anfang der 30er: „Sowjetische Beamte konfiszieren Weizen auf einem Bauernhof“, schreiben die Agenturen zu diesem Bild. © Imago

Systematische Versorgungsblockaden gegen die Zivilbevölkerung sind ein Genozid. In Kriegen wird dieses Mittel immer wieder eingesetzt, um Menschen in die Knie zu zwingen.

Vor neunzig Jahren wurden Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer systematisch ausgehungert. Stalins Politik raubte ihnen ihre Lebensgrundlagen. Widerstand wurde nieder- und erschlagen. Am Mittwoch um 18.05 Uhr hat der Bundestag mit seiner Beratung einer Vorlage von SPD, CDU/CSU, Bündnis 90/Die Grünen und FDP begonnen. Lange nachdem ich diesen Artikel schrieb. Ich kenne nur die Vorlage. Man mag einige Formulierungen darin kritisch sehen, aber ich bin begeistert. Ich kann mich nicht an einen Text erinnern, der so klar, so eindeutig politisch herbeigeführte Hungerkatastrophen verurteilt hätte.

Stalin betrieb systematisch Völkermord. Nicht nur in der Ukraine, sondern auch in Russland. In Kasachstan starben zwei Millionen Menschen. Die Kommunisten sahen nicht zu, wie die Leute verhungerten. Sie trieben sie in den Tod.

Die Ukrainer haben einen Namen für diesen Abschnitt ihrer Geschichte: Holodomor. „Holod“ ist das ukrainische Wort für Hunger und „moryty“ für morden. Für alle die, die sich noch nicht mit ukrainischer Geschichte beschäftigt haben oder Timothy Snyders epochales Buch „Bloodlands“ gelesen haben, für die meisten von uns also, ist es neu. Die Resolution stellt fest: „Der Holodomor fällt in eine Periode massivster, in ihrer Grausamkeit bis dahin unvorstellbarer Menschheitsverbrechen auf dem europäischen Kontinent.“

Sie setzt fort: „Zu diesen gehören der Holocaust an den europäischen Jüdinnen und Juden in seiner historischen Singularität, die Kriegsverbrechen der Wehrmacht und die planmäßige Ermordung von Millionen unschuldiger Zivilistinnen und Zivilisten im Rahmen des rassistischen deutschen Vernichtungskriegs im Osten, für die Deutschland die historische Verantwortung trägt.“

Ich denke an Gustav Heinemann, den besten Bundespräsidenten, den dieses Land je hatte. Der sagte gerne, dass jemand, der seinen Zeigefinger auf einen anderen richte, immer auch mit drei Fingern auf sich selbst hinweise. Ich freue mich, dass wenigstens diesmal das nicht in Vergessenheit geraten ist.

Kurz danach kommt ein Satz, über den ich so sehr stolpere, dass ich ihn doch zitieren möchte: „Der Deutsche Bundestag leitet aus Deutschlands eigener Vergangenheit eine besondere Verantwortung ab, innerhalb der internationalen Gemeinschaft Menschheitsverbrechen kenntlich zu machen und aufzuarbeiten.“ Das ist eine ganz und gar verkehrte Ableitung.

Menschheitsverbrechen gehen die Menschheit an und jeden einzelnen Menschen. Da gibt es keine „besondere Verantwortung“. Für niemanden.

Schon gar nicht für einen Staat. Und dann noch für einen, dessen Organe unfähig bis unwillig sind, zum Beispiel die NSU-Morde aufzuklären. Damit ich nicht missverstanden werde: Jeder von uns ist verantwortlich. Es ist höchst erfreulich, dass der Deutsche Bundestag sich verantwortlich fühlt, auf das Menschheitsverbrechen des „Holodomor“ hinzuweisen. Aber die Tatsache, dass Großeltern der heutigen Bürgerinnen und Bürger der BRD bei der Ermordung der Juden zusahen, oder gar dabei mithalfen, gibt den Enkelinnen und Enkeln keine Pluspunkte beim Recht auf moralische Empörung. Das ist eine völlig verquere Verkennung unserer Situation. Einzelne werden sich schämen und werden aus dieser Scham heraus womöglich eine besondere Wachsamkeit entwickeln. Einzelne können sich schämen. Ein Staat kann das nicht.

Ich werde den 30. November hoffentlich im Gedächtnis behalten. Denn ich fürchte, es wird nicht an Gelegenheiten fehlen, Politikerinnen und Politiker an ihre heutige Erklärung zu erinnern. Das systematische Aushungern ganzer Bevölkerungen ist Völkermord, ist ein Menschheitsverbrechen. Es ist keine Besonderheit des Krieges gegen die Ukraine. Es gibt keinen Krieg, der nicht auch einer gegen die Bevölkerung ist, zu dessen Zielen nicht auch die Vernichtung ihrer Lebensgrundlagen gehört. Die Vorstellung, Kriege könnten „gehegt“ werden, widerspricht dem, worauf ein Krieg zielt: die Vernichtung des Gegners. Vielleicht fingen die meisten Kriege anders an. Sie waren als Schnäppchenjagd geplant. Nachdem Putin sich die Krim geholt hatte und auf keinen Widerstand stieß, glaubte er auch, sich die ganze Ukraine holen zu können. Und wir wissen heute, dass Chamberlain Hitler erklärte, falls er sich das Sudetenland hole, werde Großbritannien, protestieren, mehr aber nicht. „Der Appetit kommt beim Essen.“

Der Krieg mag als Grenzkonflikt beginnen. Aber jeden Tag wächst er. Jeder Tote bringt neue Tote hervor. Die Vorstellung ein Krieg sei eine Sache der Militärs ist eine Erfindung des Imperialismus. Die Dualas sind niemals in Berlin einmarschiert. Berlin hat Kamerun erobert. So geht es zu in der Welt.

Als Nixon und Henry Kissinger in den Vietnamkrieg zogen, da weiteten sie ihn aus. Es war ihnen nicht genug, Vietnam zu zerstören, Kambodscha wurde ebenfalls angegriffen. Und Laos. Gleichzeitig aber – das wussten wir damals nicht, hätten es uns aber denken können – verhandelten sie.

Der Krieg wurde immer massiver, schon um die Position bei den Verhandlungen zu stärken. Die Vietnamesen in ihren Städten und Dörfern wussten nichts davon. Sie sahen nur, wie ihre Welt verbrannte. Keine einzige vietnamesische Bombe landete auf amerikanischem Terrain. Am Ende aber zog die Weltmacht sich zurück. Auch weil ihre Bürgerinnen und Bürger es satt hatten, zuzusehen, wie ihre Militärs, die damals noch ihre Brüder, Söhne und Väter waren, ferne Völker massakrierten.

Meine Hoffnung ist, dass es diemal schneller geht und dass bei den derzeit verdeckt geführten Verhandlungen dank der Beharrlichkeit der Ukraine und des Westens Putin in die Knie gezwungen wird.

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