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Der Lego-Tower auf Tel Avivs Rabin-Square, der weltweit höchste Turm seiner Art, bestätigt die Stabilität von genormten Strukturen.
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Der Lego-Tower auf Tel Avivs Rabin-Square, der weltweit höchste Turm seiner Art, bestätigt die Stabilität von genormten Strukturen.

Architektur

Auf wackeligem Terrain

  • vonRobert Kaltenbrunner
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Normen und Standards lösen sehr unterschiedliche, zum Teil heftige Reaktionen aus. Es ist hilfreich, sie in ihrer Widersprüchlichkeit zu begreifen.

Welche Regeln braucht eine Gesellschaft, wenn sie das öffentliche Interesse wahren, das Zusammenleben erleichtern oder vor Gefahren schützen will? Welche sind überbordend oder erfüllen vor allem Partikularinteressen? Was sagt das Vorschriftenwesen eines Landes über dessen Gesellschaftsbild aus? Was für eine Architektur entsteht, wenn sie „auf Nummer sicher“ geht? Das sind keineswegs kleinkrämerische Fragen, vielmehr grundlegende für die Gestaltung unserer Umwelt.

Freilich scheint eine Einkreisung des Themas sinnvoll. Wenn Wissenschaftler ihre Daten veröffentlichen, sind das typischerweise Durchschnittswerte. Aber uns Menschen interessieren Abweichungen ungleich mehr als der Durchschnitt. Hinzu kommt: Im gesellschaftspolitischen Sinne ist „Norm“ nicht mehr als eine fiktive Größe. Dies ist bedeutsam, weil wir dazu neigen, „Durchschnitt“ mit „die Norm“ zu übersetzen und dann mit „normal“ oder „ideal“. Infolgedessen wird das, was wir als normal oder ideal ansehen, immer außerhalb unserer Reichweite sein. Wir alle weichen von der Norm ab, von einem Wert, der letztlich ein künstliches, statistisches Konstrukt ist, welches nicht wirklich existiert.

Nun gelten allerdings in der Sphäre des Menschlichen andere Regeln als im technischen Bereich. Versuchen Sie einmal, einen Turm zu bauen, indem Sie unregelmäßig geformte Steine aufeinanderstapeln. Man nehme einigermaßen runde Steine von einem Flussufer. Ein zweijähriges Kind wird zwei Steine hoch bauen können; ein dreijähriges mit weiter entwickelter Hand-Augen-Koordination schafft drei. Es braucht Erfahrung, um bis zu acht Steinen zu kommen. Und nur mit enormer Geschicklichkeit und einer Menge von Trial-and-Error-Versuchen bringt man es auf mehr als zehn. Fingerfertigkeit, Geduld und Erfahrung stoßen irgendwann an Grenzen.

Machen Sie jetzt dasselbe Experiment mit Lego-Bausteinen. Sie können viel höher bauen – und wichtiger noch: Ihr dreijähriges Kind kann ebenso hoch bauen wie Sie. Warum? Dank Normierung. Die Stabilität resultiert aus der standardisierten Geometrie der Einzelteile. Der Vorteil, den die Geschicklichkeit verschafft, schrumpft gewaltig. Die Geometrie der Lego-Klötze korrigiert die Ungenauigkeiten der Hand. Aber strukturelle Stabilität ist bei weitem nicht der größte Bonus der Normierung. Der Gewinn, den die Zusammenarbeit unter Menschen daraus zieht, ist ungleich bedeutsamer.

In letzter Zeit allerdings hat Normierung einen schlechten Ruf bekommen: der Euro, normierter Schulstoff, standardisierte Prüfungen. Suboptimale Standards scheinen sehr zählebig zu sein. Normierung behindere Kreativität, so heißt es, und sie reduziere die Vielfalt. Doch möglicherweise ist das nur ein Klischee oder ein Vorurteil. Unterschätzen wir also systematisch die Kraft, die in der Normierung steckt?

Hierzu zwei Streiflichter: Berühmt ist die „Frankfurter Küche“, die Margarete Schütte-Lihotzky nach tayloristischem Vorbild entworfen hat, basierend auf Messungen aller erdenklichen Arbeitsvorgänge. Auf gerade einmal sechs Quadratmetern war alles so angeordnet, dass eine durchschnittlich große Frau sämtliche Küchenarbeiten mit einem Minimum an Zeit- und Kraftaufwand erledigen konnte, aber eben auch nur Küchenarbeiten und nur die durchschnittlich große Frau. Im Medium einer vermeintlich fortschrittlichen Programmatik, die Mühe und Last der Hausarbeit verringern wollte, wurde zugleich die Rolle der Frau als emsige Hausfrau festgeschrieben. Ein helfender Mann war in dieser Küche nicht vorgesehen, er hatte buchstäblich keinen Platz.

Der Architekt Ernst Neufert (1900 -1986) hat dieses und andere Beispiele dann systematisiert. Wie kaum ein Zweiter beförderte er die Normung in der deutschen Architektur. Seine „Bauentwurfslehre“, 1936 erstmalig erschienen und mittlerweile in mehr als siebzig Sprachen übersetzt, avancierte weltweit zum Standardwerk. Sie liest sich als Reduktion auf das Allerkonkreteste: den Platzbedarf des Menschen in verschiedensten Räumen, bei unterschiedlichster Nutzung.

Es mag ja sein, dass die Bemessungsgrundlagen standardisierter Grundrisse heute nicht mehr unserem gesellschaftlichen Selbstbild entsprechen. Aber effiziente Strukturen und qualifizierte Gebäude wünscht man sich noch immer. Was zeigt, dass die „heroische“ Geschichte der modernen Architektur nicht von normativen Aspekten zu trennen ist.

Weniger bekannt hingegen ist, dass unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg im Rahmen und mit Mitteln des Marshallplanes auf Beschluss der amerikanischen Militäradministration mehrere Siedlungen gebaut wurden, um den Zustrom von Flüchtlingen und Vertriebenen aufzufangen. Das Bonner Wohnungsbauministerium lobte dann 1951 einen Realisierungswettbewerb für Teams aus Architekten und Baufirmen aus. Dessen Ziel lag in der Einführung kooperativer Arbeitsprozesse, sowie dem Test neuer Bautechnologien.

Durchgeführt wurde er in 15 deutschen Städten (u.a. Aachen, Reutlingen, Stuttgart, Nürnberg). An diesen Standorten wurden baurechts- und normfreie Bauzonen geschaffen, um maximale Freiheit für die Entwicklung innovativer Arbeitsprozesse zu schaffen. Im Ergebnis wurden neue Technologien etabliert (u.a. Porenbeton, vorgefertigte Deckensysteme, Leichtbautechnologien). Zwar ist es im Ergebnis nicht gelungen, die Trennung von Planen und Bauen aufzuheben (u.a. aufgrund des Widerstandes der Architektenkammern). Insgesamt hatten die Wettbewerbsergebnisse aber großen Einfluss in der Formulierung des Wohnraumgesetzes von 1956. Wäre es nicht denkbar, diesen Wettbewerb in ähnlicher Form zu wiederholen, um innovative Ansätze im Praxistest (Living Labs) zu erforschen?

Jedenfalls greift es zu kurz, das normierte Bauen als Tod der Individualität darzustellen. Zwar gehört die Kritik an konfektionierten Wohnschachteln und monotonen Großstrukturen längst zum festen Bestandteil unserer kulturellen Wahrnehmung. Doch damit ist die Frage, welchen Platz die Standard-Architektur in einem gesellschaftlichen Umfeld hat, das nach Individualität und Personalisierung strebt, nicht beantwortet.

Löste einst die Abweichung von der Norm Aggressionen aus, so heute wohl eher die Verteidigung der Normalität. Lauthals beklagt wird die „Regelungswut“. Man lamentiert über eine Entwicklung, in der Eigenverantwortung von Warnhinweisen abgelöst wird, wo Spielplätze für Helikoptereltern designt und Geländer allerorts höher, Türen schwerer werden. Doch Regeln und Normen ernst zu nehmen, heißt ja nicht, die Mittelmäßigkeit zu preisen. Es heißt vielmehr, daran zu erinnern, dass das Niveau der Baukultur weniger eine Frage der Spitzen als des guten Durchschnitts ist.

Zudem stellt sich die Frage, ob nicht eine durchgängige digitale Prozesskette hier ganz neue Perspektiven skizziert. Im Gegensatz zu den Ansätzen des seriellen Bauens im 20. Jahrhundert bietet sich doch erstmals die Möglichkeit, industrielle Produktionsmethoden mit der stets individuellen Wechselwirkung von Gebäude, Ort und Nutzer in Einklang zu bringen. Die Frage, wie die Baubranche mit ihren spezifischen Anforderungen und Voraussetzungen auf diese Möglichkeiten reagiert, ist dabei jedoch ebenso entscheidend, wie die Auswirkungen auf die künftigen Gestaltungsprinzipien von Architektur. Wir bewegen uns beim Thema Normen und Standards auf einem widersprüchlichen und irgendwie ungesicherten Terrain. Aber es ist unbedingt geboten, die gesellschaftliche Herausforderung anzunehmen.

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