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Weil wir nicht klettern müssen, hat sich nicht die menschliche Hand weiterentwickelt, sondern die der Affen. Hier die Hand eines Drill-Babys.

Evolution

Augen, Hand und Klitoris

  • Arno Widmann
    vonArno Widmann
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Woher kamen sie? Seit wann gibt es sie? Zwei Filme in der ZDF-Mediathek zeigen uns die Geschichte unserer Organe.

Kaum jemand glaubt noch, dass der Mensch geschaffen wurde. Geschweige denn als ein Stück für sich, das nichts zu tun hat mit den Tieren, den anderen Tieren, wie wir inzwischen zu Recht sagen. Dass alles so hübsch zusammenwirkt in unserem Organismus, verdankt sich keinem Plan, sondern ist das Ergebnis des Feintunings der Evolution, die alles hinauswirft, das nicht funktioniert.

Wir Überlebenden betrachten uns gerne als Gipfel der Schöpfung. Schließlich stehen wir oben und blicken auf alle anderen zurück oder hinab. Das ist eine optische Täuschung, der wir schon erlagen, als wir die Erde als Mittelpunkt der Welt sahen. In einer weiteren Million Jahren wird sich womöglich herausgestellt haben, dass wir nur ein sehr kurzlebiger Nebenweg der Evolution waren. Das ist das eine. Das andere ist, dass wir gerne vergessen, dass der Homo sapiens nicht aus einem Guss ist, sondern aus den verschiedensten Teilen zusammengesetzt wurde, wie Bastler aus dem, was so in ihrem Schuppen herumliegt, machen, was sie gerade brauchen. Unser Gehirn zum Beispiel ist etwa eine Million Jahre alt. Das leuchtet uns sofort ein, denn etwa so alt ist auch unsere Spezies. Dass unsere Augen hingegen schon vor 450 Millionen Jahren entstanden sein sollen, lange bevor es Säugetiere gab, das nehmen wir denn doch eher verwundert zur Kenntnis.

In der ZDF-Mediathek gibt es derzeit die beiden großartigen Filme „Geheimnisse der Evolution: Leben im Wasser“, „Geheimnisse der Evolution: Leben an Land“ zu sehen. Produzent und Autor ist der Franzose Pierre-François Gaudry. In diesen Filmen zeigt er uns, was die Wissenschaft herausgefunden hat über die Entstehung unserer Organe. Wer die Wissenschaftsseiten seiner Tageszeitung aufmerksam liest und mit einem guten Gedächtnis begabt ist, wird nichts Neues erfahren. Aber für uns weniger perfekte Exemplare der vom Aussterben bedrohten Subspezies „Zeitungsleser“, bieten die Filme eindrückliche Antworten auf die Frage: Woher kommen wir?

Ich werde jetzt, Gaudry folgend, sehr kursorisch über Augen, Hand, Ohren, Klitoris, Steißbein und Gehirn schreiben. Dabei entfallen leider die Interviews mit den Wissenschaftlern und die Bilder, die sie bei ihrer Arbeit auf Felsen, in Flüssen und Laboren zeigen. Aber wenn ein paar Leser veranlasst würden, sich die Filme anzusehen, hätte dieser Artikel schon seinen Zweck erreicht.

Unsere Augen entstanden vor 450 Millionen Jahren. Besser gesagt: Schon vor 450 Millionen Jahren gab es einen Fisch, dessen Augen sich von den unseren nur wenig unterschieden. Dem waren Hunderte Millionen Jahre vorangegangen, bis aus Augenflecken und Lochaugen das Wirbeltierauge entstand. Gewebe vom Gehirn half bei der Herausbildung der Netzhaut. Die Evolution hat seitdem nicht aufgehört, immer neue Augen zu entwickeln. Aber wir sind fast stehen geblieben bei diesem sehr alten Typ.

Nehmen Sie dagegen den Fangschreckenkrebs. Er lebt im Wasser, versteckt sich zwischen Felsen, meist ein einsamer Räuber. Aber kein Lebewesen sieht so viele Farben wie er mit seinen Facetten-Stielaugen. Man fragt sich, wozu. Bei den Facettenaugen, die ja einen ganz anderen evolutionären Strang bilden, gibt es noch eine andere höchst seltsame Erscheinung: Bei der Glühwürmchengattung Lampyris zum Beispiel. haben die Weibchen pro Seite nur 300 Einzelaugen, die Männchen hingegen bis zu 2500.

Aber zurück zu unseren Augen. Sie belegen, dass die Nicht-Evolution zur Evolution dazu gehört. Alles verändert sich. Manches aber bleibt sich sehr, sehr lange gleich. Wir haben so viel gehört davon, wie wichtig es sei, sich anzupassen, wenn man überleben möchte, dass uns die Sturheit, mit der über Jahrmillionen festgehalten wird an Strukturen, durch die gewaltigsten Umweltveränderungen hindurch, doch sehr erklärungsbedürftig erscheint.

Und erst die Hand! Sie ist 350 Millionen Jahre alt. Wer ins Naturhistorische Museum geht, kann zum Beispiel an einem Walskelett sehen, dass unsere Vordergliedmaßen dieselbe Struktur haben. Aber die Unterschiede zu unserer Hand sind doch noch gewaltig. Der aus Spanien stammende Paläoanthropologe Sergio Almécija arbeitet in New York am American Museum of Natural History. Er erforscht die Vergangenheit von Menschen und Affen. Es ist nicht zu übersehen, dass die Hände sich seit der Zeit der gemeinsamen Vorfahren gewaltig auseinander entwickelt haben. Das liegt aber nicht an den Händen der Krönung der Schöpfung, also nicht an unseren. Die ähneln verblüffend den 20 Millionen Jahre alten unserer gemeinsamen Vorfahren. Weiter entwickelt, darauf weist Sergio Almécija hin, haben nicht wir uns, sondern die Affen. Das Leben in den Bäumen machte Anpassungen der Greiforgane erforderlich, auf die die Menschheit gut verzichten konnte. „Wir haben nie in den Bäumen gehangen“, sagt Almécija. Dafür war bei uns die relative Größe des Daumens wichtig. Sie ermöglicht den Präzisionsgriff. Dazu war allerdings an der Hand kaum eine Veränderung nötig. Innovation ist definitiv nicht alles. Auch davon scheint manchmal weniger mehr zu sein. So manche Mutation war ein schneller Weg in den Abgrund.

Wichtig war für die menschliche Entwicklung nicht so sehr die Evolution der Hand als vielmehr der aufrechte Gang. Vor allem aber die Verbindung von Hand und Hirn. Der Wissenschaftler führt das nicht näher aus, aber er vermutet, dass im Lauf der Entwicklung hin zum Menschen die beiden immer stärker interagierten. Der Präzisionsgriff, der ermöglichte, sehr genau das zu tun, was man wollte, hat womöglich mächtig auf die Entwicklung des menschlichen Wollens gewirkt. Das Gehirn des Homo sapiens – man sollte sich das auf der Zunge zergehen lassen – ist 20 Prozent kleiner als das des Neandertalers. Natürlich ist auch hier die Größe lange nicht so wichtig wie die Organisation. Aber zum Beispiel das für das Sprachvermögen zuständige Broca-Areal hatte auch der Neandertaler. Das menschliche Gehirn ist biologisch dem der anderen Primaten sehr ähnlich.

„Das Mittelohr des Säugetiers ist aus einer Weiterentwicklung des Kiefergelenks unserer reptilienähnlichen Vorfahren entstanden. Wir hören also mit Knochen, die unsere Vorfahren zum Kauen benutzt haben.“ Umbau und Umfunktionierung fanden vor etwa 250 Millionen Jahren statt, erklärt die aus Deutschland stammende, heute an der School of Biological Sciences an der University of Queensland, Australien, lehrende Vera Weisbecker auf ihrer Website. Bei Känguru-Embryonen kann man diesen Prozess heute noch in den ersten Wochen der Entwicklung beobachten.

Die in Slowenien geborene Mihaela Pavlicev hat eine Professur für Theoretical Evolutionary Biology am Department für Theoretische Biologie an der Universität Wien. 2016 trug sie zusammen mit Günter Wagner von der Yale University in einem Artikel die These vor, dass es in der Entwicklung der Säugetiere ursprünglich beim Geschlechtsakt zum Eisprung kam.

Die Klitoris befand sich damals noch ausschließlich im Genitaltrakt. Wurde sie vom eindringenden männlichen Glied berührt, kam es zum Orgasmus und mit ihm zum Eisprung. Vor 75 Millionen Jahren entwickelte sich der vom Geschlechtsverkehr unabhängige Hormonzyklus und die Klitoris wanderte nach außen. Ich habe nicht verstanden, ob das eine das andere bewirkte oder ob die beiden Prozesse in irgendeiner Weise miteinander verbunden waren oder auch nichts miteinander zu tun hatten. Darüber forschte Mihaela Pavlicev nicht. Sie wollte wissen, warum es den weiblichen Orgasmus gibt, der doch fortpflanzungstechnisch überflüssig ist. Hat sie recht, so war er einst notwendig und dient jetzt nur noch dem Vergnügen. Das „nur“ habe ich hingeschrieben. Es entstammt einer Weltsicht, die die Wichtigkeit des Vergnügens gering einschätzt. Dabei wissen wir aus der Kulturgeschichte, wie viel einst Notwendiges inzwischen zum reinen Vergnügen wurde: Brotbacken und Reiten, Speerwerfen und Bogenschießen.

Die Hormonkombinationen, die zum Beispiel beim Kaninchen, dessen Klitoris in der Vagina ist, den Eisprung auslösen, ähneln denen eines weiblichen Orgasmus bei den Menschen. Im vergangenen Jahr verabreichte die Wissenschaftlerin 14 Tage lang Häsinnen das Antidepressivum Fluoxetin, das bei Menschen den Orgasmus unterdrückt. Danach ließ sie die Häsinnen kopulieren. Die spannende Frage: Hatte das Fluoxetin Auswirkungen auf den Eisprung der Häsinnen? Es hatte: Die Ovulation der Probandinnen lag 30 Prozent unter der der Kontrollgruppe, die kein Fluoxetin verabreicht bekommen hatte. Klitoris und Orgasmus haben ihre ursprüngliche Funktion verloren. Sie haben eine neue gewonnen.

Der Zoologe Guillaume Lecointre ist Professor am Muséum national d’histoire naturelle in Paris, ein witziger Mann, der zehn Jahre lang eine Wissenschaftskolumne in der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ hatte. Er zeigt in seinem Museum auf die Spuren eines Organs, das uns im Laufe der Evolution verlorenging: den Schwanz. Unser Steißbein, der untere Abschnitt unserer Wirbelsäule, besteht aus vier halbbeweglichen Wirbeln. Die Knochen, die bei anderen Tieren einen Schwanz bilden, formen bei uns das Steißbein. Beim Sitzen bildet es einen Stützpunkt für die Beckenknochen. Es hilft das Gleichgewicht zu halten. Das Steißbein entstand vor etwa 25 Millionen Jahren. Bei menschlichen Embryonen kann man immer noch den Schwanzansatz erkennen. Aber der Mensch hatte nie einen Schwanz. Form und Funktion der Knochen haben sich radikal geändert. Aber sie sind noch da. Eine der zahllosen Spuren unserer vormenschlichen Vergangenheit. Wir kommen von sehr weit her, und kaum etwas an uns ist neu. Dennoch sind wir etwas ganz Neues, sind auch dabei, diese Erde zu etwas ganz Neuem zu machen. Es spricht wenig dafür, dass das gut gehen wird.

Andererseits, dass unser Auge 450 Millionen Jahre lang – niemand weiß wie viele – Katastrophen überstand, bringt doch ein gewaltiges Stück Hoffnung auf die Waage.

„Geheimnisse der Evolution: Leben im Wasser“ / „Geheimnisse der Evolution: Leben an Land“. Noch bis zum 19. August in der ZDF-Mediathek.

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